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Frauen in der Öffentlichkeit

6 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

Die österreichische Schauspielerin Verena Altenberger war vor Kurzem in der Sendung „Frühstück bei mir“ zu Gast. Die mediale Berichterstattung danach war ein Musterbeispiel für Sexismus.


In der legendären Sonntagsvormittagsradiosendung auf Ö3 sprach Verena Altenberger über MeToo, über die Krebserkrankung und den Tod ihrer Mutter, über die Beziehung zu ihrer Schwester, (die auch Schauspielerin ist), über den Schönheitsdruck, mit dem Frauen im Filmbusiness konfrontiert sind, über ihr humanitäres Engagement, über beruflichen Erfolg und was er bedeutet. Darüber, dass sie heuer gleich sieben Filmpremieren hatte, über Frauensolidarität, darüber, sich als Frau einen Platz zu erkämpfen, an einem Tisch, der immer schon für andere gebaut wurde.

Und darüber, dass sie nicht öffentlich über ihr Liebesleben sprechen möchte.

Die österreichische Medienlandschaft

Die österreichischen Medien wollten aber ziemlich genau darüber sprechen. Und über nichts anderes. Niemanden interessiert es, was eine Frau denkt, was sie fühlt, was sie zu sagen hat, was sie leistet oder was ihr wichtig ist. Oder was sie nicht sagen möchte, weil es niemanden etwas angeht. Einzig interessant ist, ob sie einen Mann hat, und wenn ja, welchen.

Selbst die sogenannte „Qualitätspresse“ ereiferte sich augenscheinlich, die Boulevardmedien in Sachen Sexismus noch zu übertreffen. Zeitungstitel lauteten nach dem Gespräch etwa:

„Beziehung mit Christian Kern? Verena Altenberger lässt alles offen“ (Die Presse) oder „Verena Altenberger über angebliche Beziehung mit Christian Kern“ (Kurier) oder „‚Bin sehr glücklich‘ – Mit Christian Kern zusammen? Klartext von Altenberger“ (Heute) oder „Frühstück bei mir – Altenberger im Ö3: ‚Ich bin nicht sexsüchtig, aber…‘“ (ebenfalls Heute). Der ORF selbst hielt es für eine gute Idee, den Post auf seinem Insta-Kanal mit „Verena Altenberger ist glücklich – aber mit wem?“ zu betiteln.

Ein Lehrstück über Sexismus

Es ist ein Lehrstück darüber, wie sexistisch die sich selbst vermutlich sehr progressiv wähnende mediale Öffentlichkeit mit Frauen umgeht. Denn ja, der ständige Rückverweis auf die Sphäre des Privaten ist Sexismus in Reinform.

In kapitalistisch-patriarchalen Verhältnissen wird Frauen traditionell die private Sphäre zugewiesen. Dort sollen sie bleiben – und dort auch idealerweise gratis arbeiten, für Männer. Wenn sie es wagen, die Privatheit zu verlassen und eine öffentliche Rolle anzustreben – als Schauspielerinnen oder Politikerinnen, als Meinungsbildnerinnen oder Expertinnen oder Autorinnen oder Musikerinnen oder Intellektuelle –, dann müssen sie stetig daran erinnert werden, dass sie sich in der Öffentlichkeit am falschen Ort befinden. An einem Ort nämlich, der eigentlich Männern gehört, an den Männer gehören und den sie eigentlich nicht teilen möchten.

Wie es privat so läuft

Es gibt eine Reihe von Strategien, mit denen versucht wird, Frauen von diesem öffentlichen Ort und aus ihrer öffentlichen Rolle wieder herauszujagen. Eine solche ist Gewalt, heute oft in ihrer digitalen Form – Shitstorms, Hasskommentare, Beleidigungen, Bedrohungen, Beschimpfungen und verbale sexualisierte Gewalt.

Eine andere Strategie ist die stetige Erinnerung, in Form von Interviewfragen oder in Form von Framings in Headlines nach diesen Interviews, dass sie sich als Frauen außerhalb der ihnen zugewiesenen Grenzen befinden und dass sie außerhalb ihrer privaten Rolle nichts zu suchen haben. Und so werden Frauen, auch dann, wenn sie öffentliche Rollen innehaben, ständig gefragt, wie es denn privat so läuft, ob sie einen Mann an ihrer Seite haben und wie sie das mit den Kindern so machen, ob sie zu- oder abgenommen haben und wie ihre Skin-Care-Routine aussieht. Anstatt sich also dafür zu interessieren, welche Kunst Frauen machen, welche Filme sie drehen (dafür hätte das Interview viel Anlass gegeben), welche Politik sie machen und dafür, was sie denken und tun.

Privatleben Das beharrliche Interesse am Liebesleben

Frauen müssen eifrigst daran erinnert werden, dass das, was sie denken und tun, keinen Wert hat – sie werden immer wieder auf das Private, auf die Rolle, die sie eigentlich einnehmen sollten, zurückverwiesen. Mit „Privatleben“ ist übrigens oft genau eine Sache gemeint: Hat sie einen Mann oder nicht? Und wenn ja, welchen?

Das wird im „Frühstück-bei-mir“-Interview besonders auffällig, denn tatsächlich spricht Verena Altenberger ja über allerhand Privates: über ihre Mutter etwa, über Trauer und Verlust, über ihre Familie und wie sie gemeinsam Weihnachten feiern. Das reicht aber offensichtlich nicht. Frauen werden selten als eigenständige Subjekte wahrgenommen, sondern stets in Bezug zu Männern gesetzt. Egal ob sie wollen oder nicht, werden sie in Bezug auf Männer gedacht. Auch dann, wenn sie dieser Bezug selbst nicht interessiert. Auch dann, wenn sie explizit sagen, und das wiederholt (wie Verena Altenberger das bei „Frühstück bei mir“ getan hat), dass dieser Bezug für niemanden von Interesse zu sein hat.

„Verena Altenberger spricht bei ‚Frühstück bei mir‘ nicht nur über ihren Beruf und aktuelle Rollen, sondern auch über ihr Liebesleben.“ schreibt die Heute indes und verschweigt dabei, dass das Einzige, was sie im Interview über ihr Liebesleben sagt, das ist, dass sie nichts dazu sagen will.

Das lassen wir der Frau aber natürlich nicht durchgehen. Wenn eine Frau sich nicht freiwillig auszieht, muss man ihr die Kleider schon gewaltsam runterreißen, immerhin wollen wir hier was zu sehen kriegen!

Mit wem?

Verena Altenberger betonte im Gespräch, das sie privat glücklich sei und nicht mehr dazu sagen wolle. Die Frage „Glücklich – mit wem?“, die nach der Sendung medial gestellt wurde, offenbart auch noch weitere Grundannahmen. Einerseits nämlich, dass privates Lebensglück einer Frau notgedrungen bedeutet, dass in diesem Leben ein männlicher Partner sein muss. Andererseits, dass in diesem Leben eine romantische Beziehung sein muss. Dass Frauen mit Schwestern oder Freundinnen oder mit ihren Hunden oder Katzen oder mit ihren Familien glücklich sind, ist offenbar undenkbar. (Allerdings statistisch sogar wahrscheinlicher, als dass eine Beziehung mit einem Mann für eine Frau für Glück sorgen würde. Frauen sind nämlich in romantischen Beziehungen mit Männern statistisch unglücklicher als ohne romantische Beziehungen mit Männern. ) Dass das private Glück gar nicht so sehr ein mit beinhaltet, sondern Frauen mit sich selbst glücklich sind, offenbar auch.

Vielleicht sollten wir den unwürdigen Umgang der medialen Öffentlichkeit mit künstlerisch tätigen Frauen zum Anlass nehmen und im Jahr 2026 nur mehr Filme von Frauen schauen, nur mehr Bücher von Frauen lesen und nur mehr Musik von Frauen hören. Bis wir alle gelernt haben, Frauen auch wirklich zuzuhören.

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

Zur Autorin

Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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