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Frauen sind die besseren Menschen

4 Min
Ein Foto der Autorin Nunu Kaller.
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Warum es für sinnvollen Klimaschutz ein neues Männerbild braucht.


Es ist egal, welche der Studien man sich ansieht, die sich mit der Frage beschäftigen, ob Frauen oder Männer nachhaltiger leben: Die Antwort lautet immer „Frauen“. Frauen recyceln mehr, Frauen setzen stärker auf nachhaltige Mobilität, Frauen essen eher regionale und saisonale Bio-Produkte, und, und, und. Eine statistische Untersuchung aus Deutschland besagt, dass mit knapp 64 Prozent Frauen deutlich stärker einen auf Gesundheit und Nachhaltigkeit ausgelegten Lebensstil führen – bei den Männern sind es 36 Prozent. Frauen tätigen nicht nur in Europa, sondern global den Großteil der Alltagskonsumhandlungen, und dabei achten bereits viele auf Nachhaltigkeit, egal ob Klopapier, Putzmittel oder Seife. Sie kaufen häufig nicht nur für sich, sondern für die Familie, für Partner:innen, für Kinder. Damit ist auch logisch, dass ein großer Teil der nachhaltigen Produktpalette explizit an Frauen vermarktet wird.

Weil wir derzeit für alles immer schnell neu erfundene Begriffe parat haben, gibt es auch für dieses Phänomen einen: den Eco Gender Gap. In manchen Studien ist er stärker, in anderen nur leicht sichtbar, aber er ist immer vorhanden: Frauen wählen eher einen nachhaltigen Lebensstil als Männer. Nicht immer, weil sie können, manchmal schlicht und einfach, weil sie nicht ANDERS können. Bestes Beispiel: Frauen haben statistisch weniger oft Autos und sind damit eher auf öffentliche Mobilität angewiesen, die praktischerweise auch gleich klimafreundlicher ist.

Dickes Steak, dickes Auto

Achtung, ich werfe jetzt gleich mit Klischees um mich – doch diese sind durch Untersuchungen untermauert: Männern geht’s um Fleisch und Autos. In Studien zu Vegetarismus hat man es bereits vor Jahren rausgefunden: Fleisch gilt als männlich. Urinstinkt. Höhle. Vegetarismus als „verweiblicht“. Ein echter Mann muss nicht auf ökologische Landwirtschaft achten, ein echter Mann braucht Proteine für die Muskeln und sonst nix und geh bitte, ist doch wurscht, ob die Tomate im Burger bio ist oder nicht. Ein anderes Stereotyp liegt bei der Mobilität – es ist nicht nur eine Einkommensfrage, ob man sich ein Auto leistet, es hängt auch viel mit dem Zur-Schaut-stellen der eigenen Männlichkeit zusammen. Als „echter Mann“ will man bitte im dicken SUV oder im schnittigen Sportwagen gesehen werden und nicht im klapprigen Twingo. Auch hier, bevor jetzt wieder irgendwer #notallmen ruft und von seinem alten Dreiergolf schwärmt, der immer noch fährt und den er mit eigenen Händen repariert: Super! Ich mag dich! Kannst mein Auto auch mal anschauen? Aber sorry, genauso wenig wie du für die Mehrheit der Männer stehst, steh ich mit meinem kinderlosen Einpersonenhaushalt für die Mehrheit der Frauen.

Besonders charmant finde ich die Studie, wonach 70 Prozent der Männer überzeugt seien, ihr Auto würde ihren Sexappeal steigern. Erstens: Warum untersucht man sowas? Und zweitens: Für mich persönlich sind ja die männlichsten Männer die, denen genau diese Klischees völlig schnurz sind. Doch sie halten sich dennoch hartnäckig. Alles überzogen? Die Zahlen sagen anderes. Männer essen etwa doppelt so viel Fleisch wie Frauen, und zwei Drittel aller Autos in der EU werden von Männern gekauft.

Die Welt braucht Klimahelden

Aber gehen wir zurück zum Vorurteil, Vegetarismus sei „weiblich“. In meinen Ohren klingt’s völlig absurd, doch unisono sagen mehrere Forschende: Männer sind jetzt nicht weniger empathisch oder altruistisch – sie fürchten sich davor, als nicht „hoart“ genug angesehen zu werden. Die Werbung bildet das auch wunderbar ab: Immer wieder geht es bei an Männer gerichteten Werbungen um Heldenerzählungen. Der starke Held in der Deo-Werbung, das muskulöse Jeans-Model, ja, auch der Cola-Light-Mann, der die Cola-Kiste locker auf den Schultern trägt, als ob es ein Wattebausch wäre. Die „Klimahelden“, die verstecken sich dann in TV-Sendungen, die weniger gesehen werden. Der Haken ist halt nur, die Welt braucht keine weiteren Cola-Light-Männer, die Welt braucht sehr viel mehr Klimahelden.

Und noch etwas fällt auf (und jetzt komm ich mit einem weiblichen Klischee daher, doch auch das ist statistisch bestätigt): Immer mehr junge Frauen sind die Gesichter des Umweltaktivismus. Egal, ob sie Greta Thunberg oder Lena Schilling heißen – Frauen packen an und … kümmern sich. Und da wiederum kommt der nächste Haken angeflogen: Bei Frauen liegt immer noch der größte Anteil der Care-Arbeit. Und was ist Umweltaktivismus anderes als Care-Arbeit für den Planeten? Und jetzt, jetzt hab ich sie wirklich, die Kurve zum Weltfrauentag und der heute sicherlich (berechtigt) häufig geäußerten Kritik der Ungleichverteilung der Care-Arbeit. Dieser Kritik kann man sich aus Umweltsicht nur anschließen: Care-Arbeit für den Planeten sollte nicht hauptsächlich nur von Frauen geschultert werden. Sondern auch von vielen männlichen Klimahelden. Pfeifts doch bitte endlich auf euer Männlichkeitsgehabe;, wenn uns allen der Planet unterm A… wegbrennt, hupfts ihr mit eurem Sportwagen auch nicht mehr allzu weit.

PS: Und um hier die Frauen nicht als die Alleinheiligen darzustellen – sowohl auf Shein als auch auf Temu, den beiden Kommerzgiganten der Umweltzerstörung, kaufen – gemessen an den angebotenen Produkten – wohl mehrheitlich Frauen. Ganz so schwarz-weiß ist es also nie.


Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.