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Gary Lux: Wenn der ESC niemals wirklich endet

5 Min
Mit sechs ESC-Auftritten in den 1980ern und -90ern ist Gary Lux zur österreichischen ESC-Legende geworden und hat aus dieser Zeit viel über Musik und Miteinander gelernt.
© Illustration: WZ. Bildquelle: APA Images.

Der ESC ist vorbei, die Bühne abgebaut. Gary Lux bleibt dennoch im Fieber: Österreichs Rekord-Teilnehmer spricht über „Emotionslotto“, junge Künstler und warum der Contest mehr ist als eine Show.


    • Gary Lux sieht den Eurovision Song Contest als emotionales, politisch beeinflusstes Ereignis, das Künstler stark prägt.
    • Authentizität und handwerkliches Können sind laut Gary Lux entscheidend für den Erfolg junger Musiker.
    • Gary Lux wünscht sich für den ESC mehr mediale Präsenz der Siegertitel und den Erhalt kultureller Vielfalt.
    • Gary Lux ist Österreichs Rekord-Teilnehmer beim ESC.
    • 1983 nahm er erstmals mit der Gruppe Westend am ESC teil.
    • 1985 erreichte er mit "Kinder dieser Welt" Platz 8 in Göteborg.
    • 1987 landete er wegen der Waldheim-Affäre auf Platz 20.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Der Eurovision Song Contest ist für dieses Jahr Geschichte, die Outfits sind verstaut und die Bühne in der Stadthalle ist schon wieder abgebaut. Doch während die Welt zum Alltag zurückkehrt, bleibt einer für immer im ESC-Fieber: Gary Lux. Er ist nicht nur Österreichs Rekord-Teilnehmer, sondern ein Musiker, der den Vibe des Contests seit Jahrzehnten in seiner DNA trägt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum der ESC mehr ist als nur eine Show, was er unter „Emotionslotto“ versteht und was junge Künstler heute von ihm lernen können.

WZ | Friedrich Boecker
Gary, du warst am Freitag erst wieder in Wien in einem ESC-Fan-Bus unterwegs. Wie hast du die Stimmung erlebt? Sind die Eurovision-Fans so treu, wie man sagt?
Gary Lux
Ich habe ehrlich gesagt nicht mit dieser Euphorie gerechnet! Das war ein Doppeldecker-Bus und oben herrschte eine solche Freude und Ausgelassenheit – und das nicht nur bei den Jungen. Die Fans haben diese „Verrücktheit“, die der Song Contest immer schon hatte, total ausgelebt. Ich bin wirklich stolz auf Wien, weil die Stadt dieses Event auf einer ganz hochwertigen, professionellen Ebene abfeiert. Allein die Technik in der Stadthalle und die Lichteffekte waren eine unglaubliche Visitenkarte für Österreich. Alles war sehr friedlich und entspannt, obwohl man gespürt hat, dass alles genau beobachtet wird. Ich habe gehört, dass sogar internationale Sicherheitskräfte wie das FBI oder der Mossad kooperiert haben – diese Professionalität bei so einer Riesenveranstaltung ist wirklich beeindruckend.
WZ | Friedrich Boecker
Die EBU betont oft, der ESC sei unpolitisch. Kann so ein Event unpolitisch sein?
Gary Lux
Eigentlich fast nicht, weil die Menschen ja durch die täglichen Nachrichten mitbekommen, was auf der Welt abgeht. Wenn ein Land als Aggressor wahrgenommen wird, sinken die Sympathiewerte sofort, was man spätestens beim Voting merkt. Ich habe das 1987 selbst erlebt, als wir die Waldheim-Affäre hatten. Österreich galt plötzlich als „unwählbar“ und ich landete auf dem 20. Platz, obwohl die Qualität des Liedes eigentlich höher war. Umgekehrt war der Sieg der Ukraine vor einigen Jahren ein klares politisches Statement. Man ist als Künstler immer ein Stück weit Nutznießer oder Opfer des Tagesgeschehens.
Ein Portrait des Sängers Gary Lux.
Heute produziert Gary Lux auch englische Musik und arbeitet an einem Musical.
© Bildquelle: Catchlight by Martin Hauser
WZ | Friedrich Boecker
Du bist für viele „die Stimme“ des österreichischen ESC. Wie begann dein Weg? Dein Vater wollte ursprünglich, dass du etwas „Gescheites“ lernst.
Gary Lux
Mein Vater wollte nicht, dass ich Musiker werde. Sein Deal war: Wenn ich die Matura als Ingenieur für Nachrichtentechnik mache, sponsert er mir ein Jahr Musik. Das war eine trockene Zeit für mich, weil ich absolut kein Bastler war. Aber danach ging es los: Bei einem Vorsingen für eine Band habe ich auf einem Stutzflügel den dritten Satz der Mondscheinsonate konzertreif runtergespielt. Einer der Prüfer hat die Band für Peter Cornelius zusammengestellt und mich direkt gefragt, ob ich mit auf Tour will. Später stieg ich bei der Band von Falco ein und habe bei seinem ersten Album „Einzelhaft“ im Studio die Chöre gesungen. Aus diesem Studio-Chor entstand dann die Gruppe Westend, mit der ich 1983 zum ersten Mal zum ESC gefahren bin. Wir mussten dafür sogar extra tanzen lernen – wir waren ja Musiker und keine Tänzer.
WZ | Friedrich Boecker
Dein größter Erfolg war „Kinder dieser Welt“. Was bedeutet dir dieser Song heute?
Gary Lux
Das war 1985 in Göteborg. Als ich nach dem achten Platz zurückkam, war der Flughafen in Schwechat voll mit Menschen und Transparenten. Das Lied wurde sogar in England veröffentlicht und war ein echtes Karrieretrampolin. Das Schöne ist, dass der Song heute ein Evergreen ist und immer noch im Radio läuft. Die Message hat leider nicht an Aktualität verloren, weil die Welt anscheinend nicht gescheiter geworden ist. Ich bin sehr dankbar dafür, denn so etwas kann man nicht planen, das muss einfach passieren.
Man weiß nie, ob der Funke beim Publikum wirklich überspringt.
Gary Lux
WZ | Friedrich Boecker
Gab es Momente hinter den Kulissen, die du nie vergisst?
Gary Lux
Eine extrem lustige Situation war 1985 in Schweden. Kurz bevor ich auf die Bühne gegangen bin, kam jemand von der österreichischen Delegation zu mir. Ich dachte, er wünscht mir Glück, aber er sagte nur: „Gary, alles nur nicht Erster!“. Ein Sieg wäre für ein kleines Land finanziell kaum zu stemmen gewesen. Aber es gibt auch die andere Seite: 1984 bei Anita sind Tränen geflossen, weil das Lied international einfach nicht ankam. Wir verkaufen Emotionen, und am Ende ist es ein bisschen wie „Emotionslotto“: Man weiß nie, ob der Funke beim Publikum wirklich überspringt.
WZ | Friedrich Boecker
Was rätst du jungen Künstlerinnen und Künstlern, die heute durchstarten wollen?
Gary Lux
Erstens: Man muss sein Handwerk beherrschen. Das ist wie im Sport – man muss fit sein und seine Technik trainieren. Aber noch wichtiger ist die Authentizität. Ein Lied ist eine Geschichte, die erzählt wird, nicht nur eine Melodie, die man „runtersingt“. Starke Interpreten machen einen Song zu ihrem eigenen. Im Studio versuchen viele, „besonders gut“ zu klingen, und verlieren dabei die Wahrheit in ihrer Stimme. Traut euch, mit echtem Gefühl zu singen.
WZ | Friedrich Boecker
Was wünschst du dir für die Zukunft des ESC?
Gary Lux
Ich würde mir wünschen, dass der ESC noch mehr im Tagesgeschehen ankommt. Wenn man dort gewinnt, sollte der Song europaweit in den Medien und Köpfen bleiben. Und ganz wichtig: Die Vielfalt muss bleiben. Ich möchte verschiedene Kulturen, Sprachen und Rhythmen spüren. Das ist es, was uns völkerverbindend zusammenbringt.

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Infos und Quellen

Daten und Fakten

Gary Lux wurde 1959 als Gerhard Lux in Kingston, Kanada, geboren und kam bereits als Kind nach Österreich. Trotz einer Ausbildung in Elektrotechnik und Nachrichtentechnik galt seine wahre Leidenschaft der Musik: Er studierte 14 Jahre lang klassisches Klavier. In seiner Karriere stand er insgesamt sechs Mal für Österreich auf der ESC-Bühne. Dreimal trat er als Lead-Sänger an: 1983 mit Westend („Hurricane“, Platz 9), 1985 solo mit „Kinder dieser Welt“ (Platz 8) und 1987 mit „Nur noch Gefühl“ (Platz 20). Zudem unterstützte er Anita (1984), Tony Wegas (1993) und Stella Jones (1995) im Background.

Lux ist jedoch weit mehr als ein ESC-Urgestein. Er arbeitete in Los Angeles mit Weltstars wie John Travolta und Chick Corea zusammen und tourte mit Austropop-Größen wie Wolfgang Ambros, Rainhard Fendrich und Georg Danzer. Als Komponist und Produzent engagierte er sich stark für Charity-Projekte, schuf Hymnen für „Licht ins Dunkel“ und produzierte Alben gegen Kindesmissbrauch, um gesellschaftliches Bewusstsein zu schaffen. Für sein künstlerisches Lebenswerk und sein soziales Engagement wurde er vielfach geehrt, unter anderem mit dem Goldenen Ehrenzeichen des Landes Niederösterreich (2022). Im Mai 2026 erhält er das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich.

Quellen

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