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Gastarbeiter: Gekommen und geblieben

8 Min
Gastarbeiter:innen lebten oft in Substandardwohnungen mit alten oder gebrauchten Möbeln. Das Geld wurde gespart, um sich etwas in der Türkei aufbauen zu können.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images, Wiki Commons

Vor 60 Jahren wurde das Anwerbeabkommen zwischen Österreich und der Türkei unterzeichnet. Eine Geschichte von Arbeiter:innen, die zu Menschen wurden.


Vorarlberg kannte Ali Gedik nur aus Bildern. Sein gleichnamiger Onkel war 1972 von der Türkei nach Österreich gegangen, um hier zu arbeiten. „Und immer wieder schickte er uns Fotos. „Ich dachte mir damals, wow, ist dort alles wirklich so grün? Bei uns sah es schließlich nicht so aus“, erinnert sich der mittlerweile 62-Jährige zurück. Er wuchs in der mehrheitlich von Kurd:innen bewohnten Gemeinde Pazarcık in der Provinz Kahramanmaraş im Süden der Türkei auf. Dass er selbst mal in Vorarlberg leben und arbeiten würde, ahnte er damals noch nicht. Doch als sein Onkel im Sommer 1976 in der Heimat zu Besuch war, entschied sich die Familie, dass einer der Neffen mit ihm nach Österreich gehen sollte. „Damals war es normal, dass die, die bereits dort waren, jemanden mitnahmen. Und mich hat es getroffen“, erzählt Gedik. Er war zu dem Zeitpunkt 15 Jahre alt.

Ab den 1970ern war es gang und gäbe, dass Menschen, vor allem junge Männer, die Türkei verließen, um in einem anderen Land zu arbeiten. Auf Türkisch werden sie bis heute noch unter dem abwertend konnotierten Begriff „Almancı” (dt. „Deutschländer“) zusammengefasst, da Deutschland zunächst für viele das Zielland war. In Österreich wurde dieser Weg durch das sogenannte Anwerbeabkommen geebnet, welches mit der Türkei am 15. Mai 1964 abgeschlossen worden war. „Schon zuvor wurden solche Abkommen abgeschlossen, wie zum Beispiel mit Spanien. Aber da kamen eben nicht so viele Menschen her wie aus der Türkei. Oder aus dem ehemaligen Jugoslawien, wo das Abkommen 1968 unterzeichnet wurde“, erklärt der Migrationshistoriker Dirk Rupnow.

Österreich erlebte zu der Zeit ein Wirtschaftswunder, Arbeitskräfte wurden händeringend gesucht. Mit Menschen aus dem Ausland wollte man sich aushelfen − aber nur eine begrenzte Zeit. Die „Gastarbeiter“ sollten ihre Dienstleistung zur Verfügung stellen, und dann wieder gehen. Das war zumindest der Plan.

„Anfangs waren beide Seiten nicht an einem längeren Aufenthalt interessiert“, sagt der Soziologe Kenan Güngör. Mit der Zeit sollte sich das aber noch ändern. Heute leben schätzungsweise 300.000 türkischstämmige Menschen in Österreich.

Ein Bett für 400 Schilling

In Vorarlberg angekommen, war der 15-jährige Ali Gedik zunächst frustriert. „Es hieß, es ist leichter, eine Arbeitsbewilligung für mich zu bekommen, wenn ich vorher in der Schule war. Also meldete mich mein Onkel in Hard in einer Schule an. Vier Monate war ich dort, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Ich wollte unbedingt schon arbeiten. Dafür war ich doch hergekommen“, erzählt Gedik.

Mit seinem ersten Job in einer Kunststofffabrik ging für ihn im Juli 1977 ein Traum in Erfüllung. „Ich hatte eine Arbeit, verdiente Geld, konnte meine Familie in der Heimat unterstützen. Damals dachte ich, besser geht es nicht“, erzählt Gedik. Es war dennoch kein leichter Alltag. Er arbeitete untertags am Fließband, abends ging er in sein Wohnheim. Mit fünf weiteren Gastarbeitern teilte er sich dort ein Zimmer. „Das bestand nur aus Stockbetten und Kästen, in die man seine Sachen hineingeben konnte. Man mietete sich auch nur das Bett. Ich zahlte damals um die 400 Schilling (heute knapp 30 Euro) dafür“, erinnert sich Gedik. Am Wochenende fuhr er zum Bregenzer Hauptbahnhof, um die türkische Tageszeitung Hürriyet zu kaufen – der Kiosk am Hauptbahnhof war der einzige Ort, an dem sie weit und breit erhältlich war. Für Gedik war dies der einzige Weg, mitzubekommen, was in der Türkei passiert. „Und natürlich machte ich auch Rassismuserfahrungen. Es kam nicht nur einmal vor, dass ich in Lokalen nicht bedient oder hinausgeschmissen wurde, weil ich eben der Ausländer war“, erinnert sich Gedik.

Gedik begann sich in den darauffolgenden Jahren, vor allem auch ausgelöst durch den Militärputsch im Jahr 1980 in der Türkei, politisch zu engagieren. „In den ersten Jahren fokussierten wir uns sehr auf die Entwicklungen in der Türkei, organisierten Demonstrationen. Hier konnten wir etwas tun, ohne Angst vor Verfolgungen oder Verhaftungen zu haben. Irgendwann rückte der Fokus aber auch auf die Probleme hier in Österreich. Die meisten von uns waren schließlich Fabrikarbeiter, die unter wirklich schlechten Bedingungen arbeiteten und, wenn überhaupt, in Substandardwohnungen lebten“, so Gedik.

16 Jahre schuftete Gedik in Fabriken, ehe er 1993 zusammen mit seiner Frau, die er 1982 geheiratet hatte, sowie der gemeinsamen Tochter nach Wien zog und begann, als Sozialarbeiter zu arbeiten.

Es fand eine Zuwanderung ohne Zuwanderungs- und Integrationspolitik statt.
Kenan Güngör, Soziologe

Onkel Dolmetsch

Knapp zwei Jahrzehnte nach Gedik, nämlich 1989, kam der 14-jährige Adem Hüyük in Österreich an. Nach dem Tod seines Vaters holte ihn seine Schwester, die bereits in Österreich lebte, von Izmir ins niederösterreichische Wimpassing zu sich. Da er noch schulpflichtig war, besuchte er ein Jahr eine polytechnische Schule. „Wir waren sieben Burschen aus der Türkei, die in die letzte Reihe gesetzt wurden. Ich habe in diesem Jahr kaum Deutsch gelernt”, bedauert er aus heutiger Sicht. Vom gut Deutsch sprechen war die Mehrheit damals noch immer weit entfernt. „Es gab zum Beispiel den sogenannten dolmaç amca, einen Mann, der vieles für die anderen Gastarbeiter geregelt und organisiert hat“, erzählt Hüyük. Amca bedeutet Onkel auf Türkisch und dolmac dürfte sich vom Wort „Dolmetschen“ ableiten. „Onkel Dolmetsch“ also. „Die Bedeutung wurde mir auch erst später bewusst“, so Hüyük. Nach der Schule begann er eine Lehre, arbeitete anschließend als Installateur.

„Deutsch zu lernen war in dieser Zeit weniger wichtig. Viele lebten sowieso unter sich und der Plan war, irgendwann wieder in die Türkei zurückzugehen”, erklärt Güngör. Politische Maßnahmen habe es ebenfalls nicht gegeben, fügt der Soziologe hinzu. „Es fand in dieser Zeit eine Zuwanderung ohne Zuwanderungs- und Integrationspolitik statt.”

Hüyüks Umfeld habe damals hauptsächlich aus der türkischstämmigen Community bestanden. „Wir wohnten alle in kleinen Wohnungen, mit alten oder gebrauchten Möbeln. Wir gaben so wenig Geld wie möglich aus, und versuchten, so viel wie möglich in der Türkei aufzubauen. Ich hatte das Gefühl, wir leben nicht in der Gegenwart, sondern für die Zukunft, also unsere Pension in der Türkei", so Hüyük. Das wichtigste soziale Ereignis seien damals Hochzeiten gewesen. „Da kamen Menschen zusammen, die man in der Türkei nicht zusammen gesehen hätte. Sunniten, Aleviten, Kurden, Türken”, so Hüyük. Konflikte und Spannungen habe es dennoch gegeben.

„Man galt als Verräter“

„Als ich Mitte der 1990er mein Visum verlängern wollte, wurde ich gefragt, wieso ich nicht die österreichische Staatsbürgerschaft beantrage. Die Voraussetzungen hätte ich erfüllt. Mir kam diese Frage damals aber so absurd vor“, erinnert sich Hüyük zurück. Grund dafür war vor allem der Druck, der damals in der Community herrschte. Auf die Menschen, die das machten, wurde herabgeblickt. „Man galt als Verräter“, erklärt er sein Zögern. Mit der Zeit habe sich diese Einstellung aber geändert. „Viele, die sowas zu mir sagten, haben dann ein paar Jahre später selbst die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen“, so Hüyük.

Die österreichische Staatsbürgerschaft hat er bis heute nicht. Aber: „Für mich ist auch ohne Staatsbürgerschaft Österreich meine Heimat“, sagt er. Den Gedanken, wieder in der Türkei zu leben, habe er schon lang nicht mehr. „Mit 19 habe ich das versucht. Ich habe es neun Monate ausgehalten. Was man nicht bedenkt, ist, dass sich die Türkei auch verändert, und das Land, das man in seiner Erinnerung hat, irgendwann nicht mehr existiert“, begründet Hüyük, wieso er, wie viele andere auch, dann doch hiergeblieben ist. Und von österreichischer Seite, sei das „Gastarbeiterprinzip“ sowieso nie machbar gewesen, fügt er hinzu und zitiert Max Frisch. „Wir riefen Arbeiter, und es kamen Menschen.“

Gedik nahm die Staatsbürgerschaft 1990 an − notgedrungen. Aufgrund der politischen Verfolgung seines Bruders landete auch er auf türkischen Terrorlisten. Er beantragte daher subsidiären Schutz und später die Staatsbürgerschaft. Auch wenn er manchmal Sehnsucht nach der Türkei habe, sehe er schon lang Österreich, wo er einen Großteil seines Lebens verbracht habe, als seine Heimat an. Seit kurzem ist Gedik in Pension. „Ich habe 47 Jahre gearbeitet. Ich denke, das reicht“, sagt er mit einem Lächeln.


Infos und Quellen

Genese

Als Tochter türkischer Eltern, die in den 1990ern nach Österreich kamen, begleiten Naz Küçüktekin die Geschichten der Gastarbeiter:innen schon ihr ganzes Leben. Das 60-jährige Jubiläum des Abkommens, welches den Beginn vieler dieser Geschichten bedeutete, nahm die Autorin als Anlass, einen Blick zurück und damit auch nach vorn zu werfen.

Gesprächspartner:innen

  • Kenan Güngör, Soziologe, Gründer des Beratungs- und Forschungsbüros Think Difference und Mitglied des Expertenrats der Bundesregierung für Integration

  • Dirk Rupnow, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck

  • Ali Gedik, pensionierter Sozialarbeiter, kam in 1970ern als Gastarbeiter nach Vorarlberg

  • Adem Hüyük, gelernter Installateur, Betreiber der Austro-türkischen Nachrichtenseite „dervirgül“, kam Ende der 1980er nach Niederösterreich

Daten und Fakten

  • Der wirtschaftliche Aufschwung Mitte der 1950er-Jahre in Westeuropa hatte die Nachfrage nach Arbeitskräften steigen lassen. Um diesem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken, wurden Arbeitskräfte aus anderen Ländern angeworben. Den Grundstein für die späteren Anwerbeabkommen legte das Raab-Olah-Abkommen, auf das sich Gewerkschaftsbund und Wirtschaftskammer Ende 1961 einigten. Das ermöglichte vereinfachte Verfahren zur Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer:innen.

  • Die Kontingentvereinbarungen mussten allerdings mittels Anwerbeabkommen mit einzelnen Staaten vereinbart werden. Mit Spanien wurde eines 1962 unterzeichnet, das jedoch weitgehend folgenlos blieb. 1964 folgte das Anwerbeabkommen mit der Türkei und 1968 mit dem ehemaligen Jugoslawien.

  • Das Ziel der Abkommen war es, ausländische Arbeitskräfte für einen gewissen Zeitraum anzuwerben, woraus sich der Begriff „Gastarbeiter“ ableitete. Die Idee basierte auf dem „Rotationsprinzip“. Die Gastarbeiter − zunächst meist Männer − sollten möglichst bald in ihre Heimatländer zurückkehren. Das Rotationsprinzip scheiterte jedoch: Einerseits holten immer mehr Gastarbeiter ihre Familien nach und kehrten nicht mehr zurück. Andererseits war es auch für Arbeitgeber:innen ineffizient, jedes Jahr neue Arbeitskräfte einzuschulen.

  • Heutzutage ist die türkischstämmige, nach der deutschen und rumänischen, die drittgrößte migrantische Community in Österreich. Laut Statistik Austria lebten mit Anfang 2024 124.086 türkische Staatsbürger:innen in Österreich. Addiert mit der Anzahl der österreichischen Staatsbürger:innen mit einem türkischen Migrationshintergrund, wird die Größe der türkischstämmigen Community auf bis zu 300.000 Menschen geschätzt.

Quellen

Das Thema in anderen Medien