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Gefangen im Krieg: Zivilist:innen in Gaza

8 Min
Ein Foto von Ibrahim und seinen Kindern.
In einer verzweifelten Lage: Der Palästinenser Ibrahem Isbitah und seine Familie.
© Fotocredit: privat

Wie alle Palästinenser:innen ist Ibrahem Isbitah seit Oktober im Gazastreifen auf der Flucht. Jetzt bangt er in Rafah um das Leben seiner Familie.


Als die israelische Armee am 13. Oktober ihre Bodenoffensive ankündigte, war für Ibrahem Isbitah klar, dass er mit seiner Familie aus Gaza Stadt hinaus musste. „Wir verließen unsere Wohnung und fuhren nach Süden“, sagt der 34-Jährige im WhatsApp-Gespräch mit der WZ. Als der Kampf um Gaza Stadt zwei Wochen später begann, waren Isbitah, seine Frau und die drei Kinder bereits in Nuseirat.

Nuseirat liegt etwa zehn Kilometer südlich von Gaza Stadt. In dem Flüchtlingslager mit angrenzender Siedlung kamen Isbitah und seine Familie im Haus eines Freundes unter. Doch für zahlreiche seiner Verwandten und Bekannten gab es keinen Ort, wohin sie hätten fliehen können. „Sie blieben daher in Gaza Stadt“, sagt Isbitah. Die meisten rechneten gar nicht mit dem Ausmaß der Verwüstung, das mit Beginn der Offensive über sie hereinbrach: „Hätten sie gewusst, was ihnen bevorsteht, wären sie geflohen.“

Der Krieg gegen die Hamas begann wenige Tage nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel, bei dem die Terrororganisation rund 1.200 Menschen tötete und 240 weitere als Geiseln nahm. Der Auftakt war ein Bombardement durch die israelische Luftwaffe, die mehr als 10.000 Ziele im dichtbesiedelten Gazastreifen angriff.

Wegen der Treibstoffknappheit im Gazastreifen sind die Benzinpreise explodiert. Die etwa zwanzigminütige Fahrt von ihrem Wohnviertel in Gaza nach Süden kostete den Familienvater 300 US-Dollar. Die Flucht bedeutete für Isbitahs Familie, dass sie alles zurückzulassen und bei Null beginnen musste: „In Nuseirat kauften wir uns ein neues Bett und all die anderen Dinge, um einen Haushalt führen zu können.“ Doch der Krieg verfolgte die Familie. Die Panzer und Truppentransporter der israelischen Armee rollten immer weiter nach Süden und trieben die Hamas vor sich her - und die Zivilist:innen. Die Luftschläge wurden auf immer neue Gebiete ausgeweitet.

Flucht über schlammige Straßen

Anfang Dezember rief die israelische Armee die Palästinenser:innen über ihre Smartphones dazu auf, Nuseirat zu verlassen. Über im Internet gepostete Karten erfuhren sie, in welche Gebiete des 360 km² kleinen Gazastreifens sie sich zu bewegen hatten, um dem bevorstehenden Beschuss zu entgehen.

Also zogen die Isbitahs über die vom Regen schlammigen Straßen weiter nach Deir al-Balah, ein Flüchtlingscamp am Meer. „Laut israelischer Armee war das sicheres Gebiet“, sagt Isbitah. Doch nach einigen Wochen wurde auch dieses Camp beschossen. Zum dritten Mal flohen sie und wieder verloren sie alles, was sie an Hausrat besaßen. Für seine Kinder ist die Lage doppelt schlimm. Sie haben nicht nur ihre Zuhause verloren, einer ihrer Schulfreunde starb im israelischen Bombenhagel, erzählt Isbitah: „Sie sind traurig und fühlen sich entsetzlich.“

Das Schicksal von Isbitahs Familie ist in Gaza zum Alltag von Hunderttausenden geworden. Wie die UNO Anfang Jänner verkündete, sind 1,9 Millionen Menschen auf der Flucht, was etwa 85 Prozent der Gesamtbevölkerung des Gazastreifens entspricht.

Leute inspizieren die Schäden in den Trümmern einer Moschee nach einem israelischen Bombenangriff in Rafah im südlichen Gazastreifen.
Kinder in einer zerstörten Moschee in Rafah nach einem israelischen Angriff.
© Fotocredit: MOHAMMED ABED / AFP / picturedesk.com

Im Jänner erreichte Isbitah mit seiner Familie Rafah, wo er seine Familie in einem Zelt untergebracht hat. In der Grenzstadt lebten ursprünglich 300.000 Menschen. Durch den massiven Zustrom von Flüchtlingen sind es laut UNO mittlerweile 1,3 Millionen Menschen. Von Rafah aus geht es nicht mehr weiter. Im Westen ist der Grenzübergang nach Ägypten geschlossen, im restlichen Gazastreifen ist Krieg.
„In Rafah fehlt es an allem“, sagt Isbitah. Die Notunterkünfte seien überfüllt, die Menschen schlafen in Zelten aus Holz und Plastik entlang der Straße. „Selbst wenn du Geld für eine gute Unterkunft hast, nützt es dir nichts, weil es schon lange keine freien Hotelzimmer und Apartments mehr gibt.“

"Wir sitzen hier fest"

Das alles wecke bei den Menschen Erinnerungen an die Katastrophe von 1948, sagt Isbitah. Damals wurden im Zuge der Gründung Israels und dem von arabischen Nachbarstaaten begonnenen Krieg hunderttausende Palästinenser:innen aus ihren Wohngebieten vertrieben.

Seit Tagen ist Rafah unter Beschuss der israelischen Luftwaffe. „Wir haben gehört, dass (Israels Premier Benjamin, Anm.) Netanjahu von einem Bodenangriff auf die Stadt spricht“, sagt Isbitah. „Aber bis heute hat uns niemand gesagt, wohin wir dann gehen sollen.“ Ägypten habe eindeutig klar gemacht, keine Palästinenser:innen aufnehmen zu wollen und seine Grenze mit einer neuen Mauer und Stacheldraht verstärkt. „Wir sitzen hier fest“, sagt Isbitha. Ein Angriff der israelischen Armee auf die überfüllte Stadt würde tausende Tote fordern, ist er überzeugt.

Die von der israelischen Regierung Anfang Oktober angeordnete verschärfte Blockade des Gazastreifen hat nicht nur zu einer Knappheit von Strom und Benzin geführt, sondern auch die Preise für Lebensmittel in die Höhe getrieben. Laut einem Report der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) vom Jänner 2024 ist etwa ein Drittel des Ackerlandes durch den Krieg verwüstet, zwanzig Prozent der für die Bewässerung wichtigen Brunnen unbrauchbar und ein Großteil der landwirtschaftlichen Infrastruktur zerstört. Die Preise für Mehl und Reis sind um 50 Prozent gestiegen, jene für Obst haben sich verdreifacht.

„Ein Kilogramm Äpfel kostet zwischen sieben oder acht Dollar“, sagt Isbitah. Das können sich nur die wenigsten leisten. Auch, weil die Leute kein Geld von der Bank abheben können. „Es gibt kein Bargeld.“ Isbitah und seine Frau vermeiden es daher, mit ihren Kindern auf den Markt zu gehen. „Sie sehen dann Dinge, die sie haben wollen, die wir ihnen aber nicht kaufen können.“

Alle von Hunger bedroht

Dass die Menschen überhaupt noch regelmäßig Lebensmittel erhalten, sei der Hilfsorganisation UNRWA zu verdanken, so Isbitah: „Egal ob arm oder reich, alle stellen sie sich bei der Nahrungsverteilung an, weil sie sonst hungern müssten.“ Doch im Jänner 2024 tauchten Hinweise auf, wonach UNRWA-Mitarbeiter:innen aktiv am Angriff auf Israel beteiligt gewesen seien sollen. Als Reaktion darauf setzten zahlreiche Staaten ihre Zahlungen an die Hilfsorganisation aus, darunter auch Österreich. Gefragt, was ein Ende der Arbeit von UNRWA in Gaza bedeuten würde, antwortet Isbitah: „Eine Hungersnot“.

Die Hamas hat die Bevölkerung in einen Krieg getrieben, den Israel mit aller Härte führt. Zivilist:innen wie Isbitah stecken in diesem Krieg fest, wie zwischen Hammer und Amboss. „Wir sind von beiden Seiten frustriert und wollen nur, dass der Krieg endet“, sagt Isbitah.

Doch ein Ende scheint nicht in Sicht. Seit Tagen spricht die israelische Regierung von einem Angriff auf die Stadt Rafah, die als letzte Bastion der Hamas in Gaza gilt. Die USA haben klar gemacht, dass vor einer Bodenoffensive ein konkreter Plan zum Schutz der Zivilist:innen ausgearbeitet werden müsse. Ägypten wiederum befürchtet, dass ein Angriff auf Rafah hunderttausende Flüchtlinge über die Grenze auf die Sinaihalbinsel treiben könnte und droht, in diesem Fall das Friedensabkommen mit Israel von 1979 aufzukündigen.

Isbitah weiß, dass seine Familie bei all diesen Überlegungen nur Teil einer Menschenmasse ist, die, militärischen Notwendigkeiten folgend, hin und her verschoben wird: „Wir sind in diesem Krieg gefangen.“