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Südlich der Donau schneidet die FPÖ in Oberösterreich weit besser ab als nördlich. Eine Studie zeigt, dass das hauptsächlich mit der Flucht ehemaliger Nazis nach 1945 zu tun hat.
Grenzen, die es längst nicht mehr gibt, beeinflussen das Verhalten der Menschen bis zum heutigen Tag. Das gilt für die Politik und das gilt für Oberösterreich, wo es im August 1945 zu einer einzigartigen Situation kam: Die Gebiete nördlich der Donau wurden überraschend zur sowjetischen Besatzungszone, die südlich des Stroms blieben von den Amerikanern okkupiert. Folge war eine panikartige Flucht von Ex-NSDAP-Mitgliedern und NS-Funktionären über die Donau in den Süden. Das deshalb, weil klar war, dass die Russen Ex-Nazis viel rigoroser bestrafen würden als die US-Amerikaner. Die Belasteten hatten Verschleppung nach Sibirien oder im Extremfall ihre Hinrichtung zu befürchten.
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Flüchtlinge mit Hakenkreuz in der Tasche
In der Studie „Migrating Extremists“ des deutschen Ifo Instituts für Wirtschaftsforschung haben die Uniprofessoren Christian Ochsner und Felix Rösel nachgewiesen, dass die damalige Migrationsbewegung von Ex-Nazis der Grund dafür ist, dass die FPÖ heute in der ehemaligen US-Zone einen viel größeren Zulauf hat als in der ehemals sowjetischen Zone. Die Studie datiert aus dem Jahr 2016, hat aber bis dato nicht viel Aufmerksamkeit erhalten. Die Befunde zeigen verankerte Strukturen auf und gelten unverändert für die unmittelbare Gegenwart, wie Felix Rösel im Mai 2026 gegenüber der WZ betont. Dort, wo Ex-Nazis zugewandert sind, wählen demnach in etwa 1,3 bis 2,5 mal so viele Menschen die FPÖ.
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Oberösterreich eignet sich als Forschungsfeld deshalb ideal, weil das Bundesland vor 1945 historisch, kulturell, politisch und wirtschaftlich eine einheitliche Region war. Ab Beginn der Besatzungszeit, die von 1945 bis 1955 dauerte, nicht mehr, denn da gab es im Süden durch die Fluchtbewegung plötzlich fast dreimal so viele NS-Überzeugungstäter, also „Belastete“ als in der Sowjetzone.
Für Rösler und Ochsner ist klar, dass die ausgewanderten Ex-Nazis dafür gesorgt haben, dass ihre rechten politischen Einstellungen in der amerikanischen Zone Verbreitung fanden. Das vor allem über politische Stammtische und Ortsgruppen, die ideale Versammlungsorte waren. Und ganz offensichtlich haben viele Nazi-Flüchtlinge innerfamiliär ihre Gesinnung weitervererbt. Die lokalen Parteistrukturen wirkten dabei auch als eine Art „Zeitkapsel", in der extrem rechte Ideologien überleben konnten, auch wenn in der FPÖ in den 1970ern und 1980ern zwischenzeitlich liberalere Strömungen tonangebend waren.
Das „Reichstelefonbuch 1942“ gibt Auskunft
Um das zu belegen haben die Studienautoren das „Reichstelefonbuch“ des Jahres 1942 mit den Namen von 17.000 Kandidaten zum Gemeinderat in Oberösterreich verglichen. Das Ergebnis: FPÖ-Gemeinderatskandidaten in der ehemaligen US-Besatzungszone tragen gehäuft Familiennamen, die früher vor allem nördlich der Donau üblich waren. Ein Zusammenhang zwischen zugewanderten Ex-Nazis und heutiger FPÖ-Affinität ist mit Sicherheit gegeben.
Die zahlreichen historischen Konnexe zwischen Nationalsozialismus und FPÖ wird von Parteiveteranen nicht bestritten. Ex-FPÖ-Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager etwa meinte, „die Verbindung zwischen drittem Lager und dem Nationalsozialismus“ sei „Tatsache“. „Weder der frühere VdU (Vorgängerorganisation der FPÖ, Anm.) noch die heutige FPÖ sind Parteien, die vom Himmel gefallen sind.“ Allerdings fanden sich auch in Parteien wie der SPÖ und ÖVP ehemalige Nazis.
Der verstorbene einstige FPÖ-Parteichef Jörg Haider hingegen dementierte einen übertrieben engen Konnex zwischen Freiheitlichen und Nationalsozialismus. Und das auf seine Weise: „Die FPÖ ist keine Nachfolgeorganisation der NSDAP“, so Haider 1985 bei einer Pressekonferenz, „denn wäre sie es, hätte sie die absolute Mehrheit“.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
- Felix Rösel, Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Braunschweig
Quellen
- Studie ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München Studie „Migrating Extremists“
- Ergebnis Nationalratswahlen 2024, Oberösterreich
- Hans-Henning Scharsach, „Haiders Kampf“, Orac-Verlag 1992
Daten und Fakten
- Nach dem Zweiten Weltkrieg war Österreich in vier Besatzungszonen aufgeteilt: Die Sowjets besetzten Niederösterreich, das Burgenland, Teile von Oberösterreich, die USA Salzburg und Teile Oberösterreichs, die Briten die Steiermark und Kärnten und die Franzosen Vorarlberg und Tirol.
- In Oberösterreich kamen laut ifo-Studie 1947 auf 1.000 Einwohner in der Sowjetzone 56,7 registrierte Nationalsozialisten, von denen 9,4 als „Überzeugungstäter“ („Belastete“) eingestuft wurden. In der US-Zone waren es hingegen 86,6 Ex-Nazis und 26,4 „Belastete“ pro 1.000 Einwohner.
- Als Drittes Lager werden in Österreich die nationalen politischen Kräfte bezeichnet, die sich nach 1945 im Widerspruch zu SPÖ und ÖVP sahen. Zunächst entstand der VdU (Verband der Unabhängigen) als deutschnationale/nationalliberale Sammelpartei, die von 1949 bis 1955/56 bestand. Er fungierte als Vertretung für ehemalige Nationalsozialisten, Heimkehrer und Unzufriedene und war der Vorläufer der FPÖ. 1956 wurde dann die FPÖ gegründet, die Partei hat dieser Tage ihr 70-jähriges Bestandsjubiläum gefeiert.
- FPÖ-Parteichef Herbert Kickl hat den ersten FPÖ-Parteichef Anton Reinthaller zuletzt als „lupenreinen Demokraten" bezeichnet, der seine Strafe verbüßt habe und darauf hingewiesen, dass es auch in der SPÖ und der ÖVP nach 1945 zahlreiche Ex-Nazis gegeben habe.
- Die nächste Landtagswahl in Oberösterreich findet spätestens im Herbst 2027 statt. Umfragen legen nahe, dass die FPÖ dazugewinnen dürfte. Derzeit wird Oberösterreich von einer schwarz-blauen Koalition aus ÖVP und FPÖ regiert.
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