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Geile Nägel oder Patriarchat stürzen?

4 Min
Über Alltagshürden und Schönheitsnormen.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner. Bildquelle: Adobe Stock

Ich wollte nur geile, lange Nägel. Das war energiefressender als gedacht. Fast so, als gäbe es ein System dahinter, das Schönheitsnormen, die vor allem Frauen betreffen, erstaunlich oft mit Zeit, Geld, Aufwand und Hürden im Alltag verbindet.


Ich habe eine komplizierte Beziehung zu meinen Fingernägeln. Ich feile sie, lackiere sie, der Lack blättert ab, ich kratze ihn runter, feile die Nägel und trage sie dann doch wieder kurz. Ein Drei-Wochen-Zyklus, der sich zuverlässig wiederholt.
„Nicht sehr ladylike”, kommt da mal ungeniert aus den Mündern auf Familienfeiern.

Und dann war es so weit.

Ich wollte Krallen. Krallen, wie ich sie ständig auf Instagram sehe. Krallen, in Komplementärfarben zu meinem Matcha. Krallen, die auf Fotos richtig gut kommen. Krallen, die mir mittlerweile als die Norm verkauft werden.

Also habe ich mir Kunstnägel aufgeklebt.

Grundsätzlich gilt: lange Nägel top notch", singt ja bekanntlich schon Rap-Ikone Ikkimel.

Jede Bewegung fühlte sich an, als würde ich sie gerade neu lernen. Tippen. Die Bankomatkarte aus dem Automaten ziehen. Durch meine Haare fahren. Münzen aufheben. Abwasch erledigen. Eine Senftube öffnen, wenn ich einfach nur meine wohlverdiente vegane Bosna essen will.

Ich habe mich dabei erwischt, wie ich meine Hände anders bewege, vorsichtiger greife und ständig aufpasse, nichts abzubrechen. Jede Kleinigkeit braucht einen zusätzlichen Gedanken, jede Bewegung dauert ein bisschen länger. Es ist erstaunlich, wie viel Energie in etwas fließt, das dann im Endeffekt doch einfach nur pretty ist. Und ja, ich klinge gerade wie ein Boomer.

Aber kann es Zufall sein, dass so viele weibliche Schönheitsideale ausgerechnet diejenigen sind, die den Alltag komplizierter machen?

Lange Nägel können ein feministisches Statement sein. Ihre heutige Form hat ihre Wurzeln in der Black Community und der queeren Ballroom-Kultur, wo lange Nägel Ausdruck von Identität, Kreativität und Sichtbarkeit waren, lange bevor sie zum Mainstream wurden. Sich die Nägel auffällig zu machen, kann deshalb genauso Selbstermächtigung sein wie Mode, Make-up oder hohe Schuhe. Nicht alles, was feminin gelesen wird, ist automatisch patriarchal.

Genau deshalb bin ich bei dem Thema so zwiegespalten.

Was einmal Ausdruck von Identität war, ist längst ein Trend geworden, an dem der Beauty-Markt verdient. Selbst Nägel werden kommerzialisiert.

„Ja mein Gott, Schönheit muss halt leiden”

Erstaunlich viele Schönheitsideale, die Frauen auferlegt werden, verlangen ihnen ab, sich permanent mit sich selbst zu beschäftigen. Erst haarlos, dann makellos gebräunt, dann glass skin, big booty, heroin chic. Kaum hat man einen Standard erfüllt, wartet schon der nächste.

Und das kostet. Nicht nur Geld, sondern auch permanente Aufmerksamkeit.

Wenn viel Energie für Schönheitsideale draufgeht, dann bleibt weniger Zeit für andere Dinge, für Hobbys, für Politik, für gesellschaftliche Fragen.

„Dann mach's halt nicht."

Man könnte jetzt sagen: „Dann mach's halt nicht."
Klar. Genial. Danke für den Tipp, Markus.

Natürlich zwingt mich niemand dazu. Rational ist mir das bewusst.

Aber wie freiwillig ist eine Entscheidung, wenn wir von klein auf lernen, dass Weiblichkeit vor allem bedeutet, möglichst schön zu sein? Das meiste rauszuholen, das Potenzial voll auszuschöpfen?

Wir wachsen mit Serien, Musikvideos und Werbung auf, von Tiktok und Instagram fange ich gar nicht erst an. Überall wird uns gezeigt, wie ein weiblicher Körper auszusehen hat, und diese Ideale sind schnelllebig.

Mich erstaunt deshalb, wie selbstverständlich wir akzeptieren, dass Frauen einen beträchtlichen Teil ihres Lebens damit verbringen, ihren Körper zu optimieren und dafür Alltagshürden in Kauf nehmen müssen.

Dieser Text ist kein Angriff auf Menschen mit langen, geilen Nägeln. Im Gegenteil. Ich bewundere alle, die diese Krallen nonchalant tragen.

Vielleicht ist der größte Flex deshalb gar nicht, mit zehn Zentimeter langen Nägeln eine Kreditkarte vom Boden aufzuheben. (Wobei das mindestens der zweitgrößte Flex ist. Wie macht ihr das bitte?)

Sondern zu hinterfragen, warum wir Schönheit so oft mit Optimierung, Aufwand und Einschränkung verbinden. Und warum davon noch immer überwiegend Frauen betroffen sind.


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