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Geöffnetes Pulverfass

8 Min
Hinter der jüngsten Eskalation zwischen Afghanistan und Pakistan steht ein strukturelles Problem, das seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 ungelöst ist.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Während gegenwärtig die Welt auf den Iran und den Nahen Osten blickt, brach wenige Tage zuvor ein Krieg zwischen Afghanistan und Pakistan aus. Dabei gibt es auch wichtige Zusammenhänge, denn die beiden Konflikte sind wohl miteinander verknüpft.


    • Seit Ende Februar 2026 eskaliert der militärische Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan mit gegenseitigen Angriffen und Gefechten entlang der Grenze.
    • Auslöser sind Angriffe auf mutmaßliche Stellungen der Tehrik-i-Taliban Pakistan und ISKP, wobei zivile Opfer bestätigt wurden.
    • Die ungelöste Durand-Linie und gegenseitige Vorwürfe über Terrorunterstützung verschärfen das strukturelle Misstrauen zwischen beiden Ländern.
    • Seit 27. Februar 2026: Luftangriffe pakistanischer Jets auf Kabul, Kandahar, Paktia
    • Mindestens 13 Zivilist:innen bei Angriffen am 22. Februar 2026 getötet (UN)
    • Taliban und Pakistan liefern sich Gefechte entlang der Durand-Linie
    • Grenzkonflikt besteht seit 1893, Durand-Linie von Briten gezogen
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Auch nach dem heutigen Fastenbrechen waren Gefechte zu hören. Die pakistanischen Jets kreisen immer wieder um uns“, erklärt Mohammad Fazel* aus Kabul am Telefon. Ähnliche Berichte hört man auch aus anderen Landesteilen Afghanistans. Vor allem in den Grenzprovinzen entlang der sogenannten Durand-Linie, der offiziellen Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan, haben die Gefechte in den letzten Tagen und Nächten zugenommen. Ja – seit mehr als einer Woche herrscht de facto Krieg zwischen den beiden Ländern." „Es war laut. Raketen schlugen in der Nähe unseres Hauses im Westen Kabuls ein“, erzählt Abdul Rauf, Ende zwanzig. Trotz der lauten Geräusche am Himmel wurde Rauf nicht aus dem Schlaf aufgerissen. Wie die meisten Bewohner:innen der afghanischen Hauptstadt war auch er zum Zeitpunkt der Angriffe wach, denn es herrscht Ramadan – der islamische Fastenmonat.

Der Angriff, von dem Rauf sprich, ereignete sich in den frühen Morgenstunden des 27. Februar 2026. Pakistanische Kampfjets griffen Ziele in Kabul, Kandahar und der Provinz Paktia an. Nahe des Dar-ul-Aman-Palasts in Westkabul waren Explosionen zu hören. Zahlreiche Anwohner:innen berichteten von Druckwellen und überfliegenden Maschinen. „Alle wussten sofort, dass der Krieg wieder da war“, sagt Marouf Khan, der in der Gegend lebt. Das pakistanische Verteidigungsministerium erklärte kurz darauf, es habe militärische Einrichtungen der Taliban attackiert, und sprach von einer notwendigen Reaktion auf vorausgegangene Gefechte.

Verteidigungsminister Khawaja Asif erklärte öffentlich, die „Geduld“ seines Landes sei erschöpft. Das Taliban-Regime in Kabul bestätigte die Angriffe und sprach von einer Verletzung der Souveränität. Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahed meldete Gefechte an mehreren Frontabschnitten. Unabhängige Opferzahlen lagen zunächst nicht vor. „Uns geht es gut. Zivilisten wurden nicht getroffen“, berichtet ein lokaler Journalist aus Kandahar, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Die jüngsten Angriffe folgten auf eine schnelle und gefährliche Eskalationsspirale. Am Tag zuvor, dem 26. Februar, hatten Taliban-Einheiten entlang der Grenze mehrere Militärposten ins Visier genommen. Nach Angaben der Taliban habe es sich um eine Vergeltungsoperation gehandelt. Man habe auf pakistanische Angriffe reagiert, mehrere Außenposten beschossen und zumindest zeitweise unter Kontrolle gebracht. In den sozialen Medien kursierten Fotos und Videos verbrannter Fahrzeuge und verschleppter, pakistanischer Soldaten. Pakistan sprach von Angriffen auf seine Grenztruppen und kündigte eine großangelegte militärische Antwort an. In Islamabad wurde eine neue Operation ausgerufen, die die eigenen Streitkräfte zur „Wiederherstellung der Abschreckung“ ermächtigen sollte.

Lange Vorgeschichte

Der Auslöser dieser Entwicklung lag jedoch vier Tage zuvor. In der Nacht zum 22. Februar 2026 hatten pakistanische Flugzeuge Ziele in der ostafghanischen Provinz Nangarhar bombardiert, weitere Einschläge wurden aus Paktika gemeldet. Islamabad erklärte, es habe Stellungen der Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), auch bekannt als pakistanische Taliban, sowie des afghanischen IS-Ablegers ISKP getroffen. Beide Gruppen werden für eine Reihe tödlicher Anschläge in Pakistan verantwortlich gemacht, darunter ein Selbstmordattentat mit Dutzenden Toten auf eine schiitische Moschee Anfang Februar in Islamabad. Nach Darstellung der pakistanischen Führung operieren diese Milizen von afghanischem Boden aus und werden von Kabul nicht ausreichend bekämpft.

Die Taliban widersprachen dieser Darstellung und berichteten stattdessen von zivilen Opfern. Auch die UN-Mission in Afghanistan bestätigte später, dass bei den Luftangriffen vom 22. Februar mindestens 13 Zivilist:innen getötet und mehrere weitere verletzt worden seien, darunter Frauen und Kinder. Lokale Vertreter und Journalisten in Nangarhar nannten höhere Zahlen. Bilder aus den betroffenen Distrikten zeigten zerstörte Wohnhäuser und verängstigte Familien. Kabul sprach von einer klaren Verletzung des Völkerrechts und kündigte Konsequenzen an. Damit war der Grundstein für die Eskalation gelegt. Hinzu kommt, dass auch die Taliban, die als Erzfeind des ISKP gelten und diesen bereits vor ihrer Machtübernahme heftig bekämpften, Pakistan vorwerfen, IS-Terroristen zu beherbergen.

Doch hinter all den jüngsten Eskalation steht ein strukturelles Problem, das seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 ungelöst ist. Pakistan fordert von Kabul, gegen die TTP vorzugehen, deren Kämpfer nach pakistanischer Darstellung Rückzugsräume in Ostafghanistan nutzen. Die Taliban bestreiten eine systematische Unterstützung, haben die TTP jedoch auch nicht entwaffnet oder ausgeliefert. Ideologische Nähe, historische Verbindungen und begrenzte staatliche Kontrolle erschweren ein entschiedenes Vorgehen. Immerhin handelt es sich bei beiden Gruppierungen um Brüder im Geiste. Als die Taliban vor 25 Jahren von den NATO-Truppen unter US-Führung und ihren damaligen afghanischen Verbündeten entmachtet und vertrieben wurden, war es die TTP, die vielen von ihnen in den pakistanischen Stammesgebieten entlang der Grenze Unterschlupf gewährte.

Und wenn wir schon bei der afghanisch-pakistanischen Grenze, der Durand-Linie, sind: Auch ihre Ziehung ist ein Problem – sie besteht seit über 130 Jahren. 1893 wurde die Linie von der Britischen Krone gezogen, nachdem man in Kabul mit Emir Abdur-Rahman Khan einen Verbündeten an die Macht installiert hatte. Im Gegenzug für die Unterstützung stimmte der Emir einer Grenzziehung zu, die sein Reich von Britisch-Indien trennen sollte. Benannt wurde die Grenze nach dem Diplomaten, der für den damaligen Deal verantwortlich war: Sir Mortimer Durand. Ein halbes Jahrhundert später zerfiel Britisch-Indien und zwei neue Staaten entstanden: Indien und Pakistan. Doch die Durand-Linie war weiterhin da und verlief durch die paschtunischen Stammesgebiete, die Pakistan nun für sich beanspruchte, obwohl sie einst zu Afghanistan gehörten.

Damit war ein neuer Konflikt geboren, der sich bis heute fortsetzt. Denn stets wirkte Pakistan dem afghanischen, allen voran paschtunischen Nationalismus der Machthaber in Kabul entgegen. Jeder, der in den letzten fünfzig Jahren in Kabul regierte, wollte die Durand-Linie nicht akzeptieren: Von Monarchisten bis hin zu Kommunisten und Islamisten. Auch Hamed Karzai und Ashraf Ghani, die zwei letzten offiziellen Präsidenten Afghanistans, die mithilfe der westlichen Staatengemeinschaft an der Macht gehalten wurden, spielten immer wieder mit nationalistischer Rhetorik und verdeutlichten, die Grenze nicht wirklich anerkennen zu wollen. Selbiges gilt auch für die mehrheitlich paschtunischen Taliban, obwohl es sich bei ihnen in erster Linie um militante Islamisten handelt.

„Ein Kampf zwischen Vater und Sohn“

Dabei befindet sich Pakistan seit der Rückkehr der Taliban in Afghanistan in einem paradoxen Dilemma. Die extremistischen Machthaber in Kabul, die zuvor zwanzig Jahre lang die NATO und ihre afghanischen Verbündeten bekämpften, wurden nämlich ausgerechnet von pakistanischen Strukturen lange unterstützt. Eine wichtige Rolle spielten vor allem Elemente innerhalb des pakistanischen Geheimdienstes ISI, der den Taliban nicht nur logistisch unter die Arme griff, sondern ihnen auch Unterschlupf gewährte. Dasselbe war im Übrigen auch bei allen anderen Gruppierungen, die eine afghanische Zentralregierung in Kabul bekämpften, der Fall. Um den afghanischen Nationalismus im Keim einzubremsen, half man jeden, der auf der Gegenseite stand, darunter auch Extremisten jeglicher Couleur.

Die jüngsten Ereignisse zeigen, wie schnell derartige Dynamiken außer Kontrolle geraten können. Die Taliban haben sich für Pakistan nämlich als zweischneidiges Schwert entpuppt, obwohl man noch im Sommer 2021 auf sie gesetzt hatte und viele Beobachter:innen mit der Machtübernahme der Extremisten eine Verstärkung des pakistanischen Einflusses in Kabul befürchteten. Gemutmaßt wird auch, dass der Zeitpunkt der pakistanischen Operationen kein Zufall gewesen sei. Noch vor wenigen Wochen verkündete Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahed, dass die Taliban im Falle eines amerikanisch-israelischen Angriffs auf der Seite Teherans stehen und das Ayatollah-Regime unterstützen würden. Die aktuellen Entwicklungen dürften somit auch im Interesse Washingtons liegen, das Pakistan zuvor wohl grünes Licht gab.

Nun läuft der Krieg im Schatten der Weltöffentlichkeit weiter. Einwohner aus den Regionen Kunar, Khost und Kabul berichteten der WZ von weiteren Kampfhandlungen, die in den letzten Tagen stattfanden. Am Samstag griffen pakistanische Kampfjets auch den größten Militärstützpunkt des Landes in Bagram nördlich von Kabul an.

Für die Zivilbevölkerung bedeutet diese Eskalation vor allem Unsicherheit. Entlang der Grenze berichten Bewohner:innen von Artilleriebeschuss, in den betroffenen Provinzen werden Familien aus Angst vor weiteren Angriffen in sicherere Gebiete gebracht. In Kabul und Kandahar erinnern die nächtlichen Explosionen viele an vergangene Kriegsjahre. Den afghanischen Humor scheint das Geschehen nicht zu untergraben. „Es scheint, als würden sich nun Vater und Sohn bekämpfen“, heißt es unter anderem in den sozialen Medien zynisch. Ob es sich um eine begrenzte Phase wechselseitiger Abschreckung handelt oder um den Beginn eines länger andauernden militärischen Konflikts, bleibt weiterhin offen.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Afghanische Taliban (Islamisches Emirat Afghanistan): Die afghanischen Taliban regieren Afghanistan seit August 2021. Ihr erstes Regime in den 1990er-Jahren wurde ausschließlich von Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie dem Nachbarstaat Pakistan anerkannt. Nach dem Beginn der Afghanistan-Invasion der NATO-/ISAF-Truppen im Oktober 2001 wurden die Taliban gestürzt. Viele von ihnen flüchteten aufgrund ihrer bestehenden Beziehungen nach Pakistan, wo sie Unterschlupf fanden, obwohl die pakistanische Regierung offiziell den „War on Terror“ der USA und der NATO unterstützte und dafür vor allem von Washington mit Milliarden von Hilfsgeldern subventioniert wurde. Das heute bestehende zweite Taliban-Regime in Kabul wurde bis dato nur von Russland diplomatisch anerkannt. Allerdings pflegen im Vergleich zu den 1990er-Jahren deutlich mehr Staaten diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu den militanten Islamisten, darunter etwa Iran, China, Usbekistan, Pakistan, die Türkei, die Golfstaaten, aber auch Pakistan, mit dem nun der Konflikt eskaliert.
  • Die TTP: Die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) ist eine militante islamistische Organisation in Pakistan. Sie entstand in den 2000er-Jahren nach Beginn des „War on Terror“ in Afghanistan als Zusammenschluss verschiedener pakistanischer Taliban-Gruppen in den Stammesgebieten entlang der afghanischen Grenze. Ideologisch steht sie den afghanischen Taliban nahe, operiert jedoch eigenständig und richtet sich vor allem gegen den pakistanischen Staat. Ziel der TTP ist die Durchsetzung eines Gottesstaates ihrer Vorstellung. Die TTP beging in den letzten zwanzig Jahren zahlreiche blutige Anschläge, die oftmals Zivilist:innen sowie die Angehörigen von Minderheiten töteten. Außerdem pflegte sie stets enge Beziehungen zu unterschiedlichen Terrorgruppen in der Region. Kenner:innen der Taliban zufolge gewährte die TTP vielen afghanischen Taliban in den Kriegsjahren Unterschlupf, weshalb das heutige Taliban-Regime in deren „Blutschuld“ stehen würde.
  • Durand-Linie: Die Durand-Linie ist die 1893 festgelegte Grenzlinie zwischen Afghanistan und dem damaligen Britisch-Indien (heute Pakistan). Sie wurde zwischen dem britischen Kolonialbeamten Sir Mortimer Durand und dem afghanischen Emir Abdur Rahman Khan vereinbart. Die rund 2.600 Kilometer lange Grenze teilt paschtunische Stammesgebiete und ist bis heute politisch umstritten, da Afghanistan sie nie dauerhaft als internationale Staatsgrenze anerkannt hat.
  • Entstehung Pakistans: Pakistan entstand 1947 im Zuge der Teilung Britisch-Indiens. Hintergrund war der politische Konflikt zwischen dem „Indian National Congress“ und der „All-India Muslim League“ über die zukünftige Staatsform nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft. Unter der Führung von Muhammad Ali Jinnah setzte sich die „Muslim League“ für einen eigenen Staat für Muslime ein. Am 14. August 1947 wurde Pakistan als unabhängiger Staat gegründet, begleitet von massiver Gewalt und einer der größten Fluchtbewegungen des 20. Jahrhunderts. Betroffen hiervon waren auch die Stammesgebiete entlang der afghanischen Grenze, die allesamt von Pakistan übernommen wurden.
  • Mudschaheddin-Gruppierungen: Während der sowjetischen Besatzung Afghanistans (1979–1989) unterstützte Pakistan aktiv verschiedene afghanische Mudschaheddin-Gruppierungen im Kampf gegen die Rote Armee und die kommunistische Regierung in Kabul. Die Unterstützung lief vor allem über den pakistanischen Geheimdienst ISI, der Waffen, Ausbildung und Logistik koordinierte. Finanziert und politisch flankiert wurde dies maßgeblich von den USA und Saudi-Arabien. Pakistan verfolgte dabei eigene strategische Ziele, insbesondere Einfluss in Afghanistan zu sichern und eine ihm wohlgesonnene Regierung in Kabul zu fördern. Historisch gesehen gelten Teile der Mudschaheddin zu den Vorläufern der Taliban.
  • Propagandakrieg: Sowohl das pakistanische Militär als auch die Taliban setzen im Zuge des aktuellen Konflikts auf viel Propaganda. Dies geschieht auf nahezu allen medialen Kanälen, die zur Verfügung stehen, allen voran in den sozialen Medien wie TikTok und X. Meist werden einzelnen Operationen aufgeblasen und verzerrt dargestellt, um sich als Übermacht präsentieren zu können. Die Taliban haben hierbei auch die Unterstützung Indiens, dem Hauptfeind Pakistans. In den letzten Monaten fand eine Annäherung statt.

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