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Phallische Ablenkungsmanöver

8 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ.

Diese Woche machten gleich zwei Penisse Schlagzeilen. Von beiden hätte ich lieber nichts gehört.


Gertraud Klemm betitelte ihr letztes Buch „Abschied vom Phallozän“ , dieser Abschied aber gestaltet sich wie es scheint durchaus langwieriger und holpriger als erhofft. Denn 2025 war insgesamt fürwahr nicht arm an Schwänzen mit zu viel Macht, man könnte anstatt von der Verabschiedung des Phallozäns zu sprechen, fast schon schlechte Wortwitze mit „Dicktatur“ machen, die in ihrer peinlichen Misslungenheit wiederum auch gut zu 2025 passen würden.

Tatsächlich nämlich machten diese Woche gleich zwei Schwänze Schlagzeilen, und von beiden hätte ich lieber nie etwas gehört (weder von den Schlagzeilen, noch von den Schwänzen).

Schwanz Nummer eins

Schwanz Nummer eins ist jener Adolf Hitlers. Ja, duhast richtig gehört, auch wenn du vermutlich lieber gar nichts gehört hättest. Anstatt ordentliche Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur zu betreiben, beschäftigten sich Medien in den Täterländern Deutschland und Österreich in der letzten Woche mit der Größe des Geschlechtsteiles des nationalsozialistischen Diktators.

„Hatte Adolf Hitler einen Mikropenis? Womöglich.“, lautete die drängende Frage des Spiegel-Magazins auf Instagram. Nicht nur womöglich, sondern offensichtlich sehr klein ist das historische Bewusstsein und die Pietät jener Medien, die es für eine gute Idee halten, in der Berichterstattung über den Massenmörder und Architekten des nationalsozialistischen Vernichtungsprojekts Adolf Hitler auf seinen gänzlich irrelevanten Penis zu fokussieren.

Den 6 Millionen Jüdinnen und Juden, die er und seine nationalsozialistische Mörderbande auf dem Gewissen hat, den Roma und Sinti, den Homosexuellen, allen Verfolgten, Ermordeten, Inhaftierten und Gefolterten sowie ihren Angehörigen und Nachfahren wird es wohl relativ egal sein, ob er, während er sie terrorisierte, verfolgte und ermordete, einen großen, kleinen oder mittelgroßen Penis hatte.

Hitlers DNA

Grund für die Schlagzeilen über Hitlers Penis ist eine neue Doku-Serie von Channel 4 mit dem Namen „Hitler’s DNA-Blueprint of a dictator“. In ihr wird behauptet, man habe anhand eingetrockneter Blutreste Hitlers DNA analysieren können und ihm auf diesem Wege das „Kallmann Syndrom“ diagnostiziert, ein seltener Gendefekt, der mit einem niedrigen oder stark fluktuierenden Testosteron-Spiegel einhergeht und dazu führen kann, dass die Pubertät nie oder verzögert einsetzt und Genitalien nicht vollständig oder deformiert ausgebildet werden. Einer von zehn Männern, die am Kallmann-Syndrom leiden, haben einen Mikropenis.

Außerdem wird in der Doku nahegelegt, Adolf Hitler hätte ADHS gehabt, autistische Züge und eine genetische Veranlagung für Schizophrenie und bipolare Depressionen. Dieser zwanghafte Versuch, Adolf Hitler mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen zu diagnostizieren und damit seinen antisemitischen Vernichtungswahn, seinen Faschismus, nationalsozialistischen Völkermord und Terror irgendwie zu „erklären“, ist besonders verstörend. Vor allem vor dem historischen Hintergrund der nationalsozialistischen Eugenik, die als pseudowissenschaftliche, faschistische Erbgesundheitslehre Menschen mit genetisch bedingten oder psychischen Erkrankungen und Behinderungen als „unwertes Leben“ abwertete und in Folge verfolgte, zwangssterilisierte und in Euthanasie-Programmen ermordete und für die Hitler als Führerfigur steht.

Die Wichtigkeit von Penissen

In den Headlines über die Doku landete allerdings primär die Mär vom Hitlerschen Mikropenis – und das ist inmitten eines patriarchal und misogyn geprägten soziokulturellen Gefüges kein Zufall. Es ist ein ebenso infantiler wie androzentrischer (in dem Fall sogar phallozentrischer im Wortsinn) Impuls, zu glauben, man würde dem nationalsozialistischen Diktator irgendwie eins auswischen, indem man ihm nachsagt, er hätte einen kleinen Schwanz gehabt. Das klappt als versuchte Beleidigung nur in einer Welt, die erstens Penisse sehr wichtig findet, die zweitens die Größe von Penissen sehr wichtig findet, die drittens Männlichkeit und das Erreichen von Männlichkeitsidealen sehr wichtig findet und die viertens Penisgrößen an Männlichkeitsideale knüpft. Im genannten historischen Kontext ist das aus genannten Gründen besonders geschmacklos, in jedem Kontext aber offenbart es, welchen Grundüberzeugungen über Männlichkeit und Macht die Schreibenden folgen.

Wer glaubt, es sei geistreich oder witzig, Männer über die mangelnde Größe ihres Genitals abzuwerten, glaubt notwendigerweise implizit auch, dass ein großer Penis (oder überhaupt ein Penis) Menschen aufwertet. Wer über Mikropenis-Schmähs versucht, die Männlichkeit historischer Massenmörder anzugreifen, glaubt notwendigerweise auch, dass Männlichkeit etwas Gutes und Erstrebenswertes sei. Und womöglich glaubt er sogar auch noch, dass mit mehr Männlichkeit weniger Massenmord verübt worden wäre – das wäre die falscheste aller Annahmen, wie jeder Blick auf Gewaltstatistiken zeigt.

Schwanz Nummer zwei

Nummer zwei der medial breit diskutierten Schwänze taucht in den Epstein Files auf. Dort nämlich findet sich neben zahlreichen Namen mächtiger Männer, die entweder – mutmaßlich – Täter oder – mutmaßlich - Mitwissende waren und sind, eine Nachricht von Mark Epstein an seinen Bruder Jeffrey: „Frag ihn, ob Putin die Fotos von Trumps Blowjob an Bubba hat.“ lautet sie. Und in den sozialen Medien wird in Folge der Veröffentlichung gemutmaßt, dass mit „Bubba“ Ex-Präsident Bill Clinton gemeint sein könnte, der, genauso wie der aktuelle Präsident Trump, prominent und wiederholt in den Epstein-Files auftaucht.

Anstatt über die zahlreichen Opfer Epsteins und seiner Komplizen zu sprechen, über jene Frauen, die jahrelanger systematischer sexueller und sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, die schwer traumatisiert sind, denen teilweise bis heute nicht geglaubt wird; anstatt darüber zu sprechen, was sich Männer in Machtpositionen erlauben können, wie sie sich gegenseitig schützen und decken und trotzdem in ihren Machtpositionen bleiben, weil sich niemand interessiert für die Opfer ihrer Gewalt und was sie ihnen angetan haben; anstatt über all das zu sprechen, was eigentlich Sache wäre, beschäftigen wir uns nun also mit der Frage, ob Trump mit Clinton Oralsex hatte, als wäre das auch nur irgendwie von Relevanz.

Aber: Die versammelte Riege amerikanischer Expräsidenten könnte sich wöchentlich zum Gruppensex treffen, es wäre völlig irrelevant. Sehr relevant hingegen ist männliche Gewalt. Sehr relevant ist ein System, das Täter schützt und Opfer mindestens im Stich lässt und im schlimmsten Fall bestraft. Von alledem wird der Diskurs verschoben: hin zu einer Beschäftigung mit irgendwelchen einvernehmlichen Blowjobs zwischen erwachsenen Männern.

Homofeindliche Häme

All das folgt außerdem einem altbekannten Muster, einem Muster, das oftmals von Mitte-Links gegenüber rechten Männern zur Anwendung kommt: die Insinuierung nämlich, dass rechte Männer, die man kritisieren möchte, irgendwie schwul wären, vielleicht oder zumindest ein bisschen, damit einhergehend Häme über dieses vielleicht irgendwie ein bisschen Schwul-Sein. Der Hohn auf Social Media über den mutmaßlichen Trumpschen Blowjob funktioniert nämlich nur auf Basis unreflektierter Homofeindlichkeit (hier konkret: Schwulenfeindlichkeit); auf Basis der Idee nämlich, dass es Männer abwertet, Sex mit anderen Männern zu haben und auf Basis der Idee, dass Schwul-Sein irgendwie lustig oder peinlich sei. Falls das an der Stelle expliziert werden muss: Es ist weder peinlich noch lustig, schwulen Sex zu haben. Schwuler Sex setzt Männer nicht herab. Was Männer herabsetzt, ist, wenn sie Minderjährige vergewaltigen, wenn sie überhaupt andere Menschen vergewaltigen. Trump über die Route von Homofeindlichkeit abwerten zu wollen, verletzt also die Falschen: alle schwulen Männer nämlich, auch jene, die um in Epstein-Files auftauchende Schwänze den größten Bogen ihres Lebens machen würden.

Gemeinsame Nenner

Beide Geschichten vom Schwanz (die über Adolf Hitler und die über Trump) haben in ihrer Unterschiedlichkeit einen gemeinsamen Nenner, weswegen sie hier auch kombiniert besprochen werden. In beiden offenbart sich derselbe infantil-patriarchale Instinkt: Anstatt über die Gewalt zu sprechen, die eigentlich besprochen werden sollte, wird versucht, die Gewaltausübenden zu desavouieren – aber nicht etwa, indem benannt wird, was sie getan haben, oder im Falle der Männer in den Epstein-Files, mutmaßlich getan haben, sondern, indem versucht wird, ihre Männlichkeit anzugreifen. Im Falle Hitlers mit einem „hehe kleiner Penis“ und im Falle Trumps mit „hehe schwul“.

Denn: Rechten Männern zu unterstellen, sie seien vielleicht doch nicht ganz hetero, um sie lächerlich zu machen, klappt als versuchte Beleidigung nur in einer Welt, die erstens Heterosexualität sehr wichtig findet, die zweitens männliche Heterosexualität sehr wichtig findet, die drittens Männlichkeit und das Erreichen von Männlichkeitsidealen sehr wichtig findet und die viertens Heterosexualität an Männlichkeitsideale knüpft.

In beiden Fällen ist das Verächtlichmachen – in einem Fall über die angebliche Penisgröße und im anderen über die angebliche Homosexualität – ein Versuch, die Männlichkeit des Diktators (in dem einen Fall) und Noch-Möchtegern-Diktators (im anderen Fall) zu verletzen. Ganz so, als wäre es eine Beleidigung, unmännlich zu sein. Ganz so, als wäre Männlichkeit etwas Erstrebenswertes. Das ist sie nicht. Wenn die Welt etwas nicht mehr braucht, dann ist es Männlichkeit. Wenn die Welt etwas braucht, dann ist es weniger Männlichkeit. Ein Ende des Phallozäns gewissermaßen.
Geschichten vom Schwanz wurden schon mehr als genug erzählt, es ist Zeit, neue zu schreiben.

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

Zur Autorin

Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

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