Zum Hauptinhalt springen

Technischer Fortschritt - gesellschaftlicher Rückschritt

5 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

Jede technische Errungenschaft wird von Männern verwendet, um Frauen Gewalt anzutun – so auch KI.


Buchdruck

Im 15. Jahrhundert wurde der Buchdruck erfunden. Das führte zu einer nie dagewesenen kulturellen Revolution: zu Demokratisierung von Wissen und Bildung, zu breitflächiger Alphabetisierung in Europa, zu Popularisierung von Kunst und Kultur. Der Buchdruck legte den Grundstein für Massenmedien wie wir sie heute kennen. Dieser Teil der Geschichte ist allgemein bekannt.

Ein seltener erzählter Teil ist allerdings der folgende: Die Entwicklung des Druckwesens sorgte dafür, dass die Hexenverfolgung in Europa so richtig Fahrt aufnahm. Plötzlich nämlich konnten misogyne Schriften wie der berühmt-berüchtigte „Hexenhammer“ vervielfacht und einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Plötzlich konnten Agitatoren mit hetzerischen Flugblättern, in denen Frauen der Hexerei bezichtigt wurden, durch Dörfer ziehen und die Bevölkerung in ihrem misogynen Vernichtungswahn aufstacheln und mobilisieren. Die sogenannte „Hexenverfolgung“ – die eigentlich als misogyner Gynozid bezeichnet werden sollte, da es Hexen nie gab, verfolgt wurden Frauen – wäre in dem Ausmaß ohne die Entwicklung des Buchdruckes nie möglich gewesen.

Internet

Im 20. Jahrhundert wurde das Internet entwickelt. Auch das führte zu einer nie dagewesenen kulturellen Revolution: Mit ihm konnten plötzlich Menschen auf der ganzen Welt in Echtzeit miteinander in Kontakt treten – über E-Mails, Videotelefonie und Chats. Es brachte für alle jene mit Internetzugang einen beinahe unbegrenzten und ständigen – und sehr niedrigpreisigen bis kostenlosen – Zugriff auf Informationen, Desinformation, Nachrichten und Entertainment. Das Internet revolutionierte ausnahmslos alle Bereiche unseres Lebens. Und: Es brachte, wie auch schon der Buchdruck, eine neue Arena, in der Frauen mit neuen Techniken Gewalt angetan werden konnte.

Hass im Netz trifft Frauen in viel höherem Ausmaß: Doxing, sexuelle Belästigung online, bildbasierte Gewalt (wie beispielsweise sogenannte „Rache-Pornografie“), Mobbing oder Stalking – die Möglichkeiten, Frauen im Netz und über das Netz Gewalt anzutun, sind schier endlos. Mit misogynen Rufmordkampagnen, Verleumdungen und Shitstorms werden Frauen auch heute verfolgt und misogyn terrorisiert. Und wie der Buchdruck wird auch die neue Technologie Internet in großem Ausmaß dazu verwendet, misogyne Ideologien zu verbreiten.

Künstliche Intelligenz

Im 21. Jahrhundert folgt nun die dritte große Revolution mit der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz. Und neben der Ressourcenintensivität tut sich, wenig überraschend, ein weiteres Problem auf: KI wird, wie alle technischen Errungenschaften davor auch, als Waffe gegen Frauen verwendet. Wobei die Passivkonstruktion hier beinahe verharmlosend wirkt, denn es ist nicht eine apersonale Technologie, sondern es sind ganz konkrete Männer, die KI ganz konkret und aktiv als Waffe gegen Frauen verwenden. Das aktuelle Beispiel hierfür ist Grok, die KI von X (vormals Twitter).

Grok kann für allerlei Dinge verwendet werden: Es kann Fragen verschiedenster Art beantworten (wie auch andere textbasierte KI-Programme wie Chat-GPT, und wie bei jenen ist die hohe Fehleranfälligkeit inkludiert), es kann Tweets näher erklären, aber es kann nun auch Fotos und Bilder editieren. Das führt zu (abgesehen von der Umweltschädlichkeit von KI) scheinbar harmlosen Spielereien wie dem Austauschen von Haarfarben oder dem Dazu-Editieren von Celebrities zum eigenen Selfie.

Grok wird allerdings darüber hinaus auch noch für bildbasierte sexualisierte Gewalt gegen Frauen verwendet – und das aktuell massenhaft. So weisen User das KI-Modell an, berühmte Frauen – Politikerinnen, Journalistinnen, Schauspielerinnen – auszuziehen und in sexuell konnotierten Posen darzustellen. Männer befehlen Grok, Bilder von Frauen so zu verändern, dass man blaue Flecken, Spermaspuren oder Zigarettenverbrennungen auf ihren nackten Körpern sieht. Sogar sexualisierte Bilder der 37-jährigen Renée Nicole Good, die vor einigen Tagen von ICE ermordet wurde, kursierten nach ihrem Tod auf Grok.

Grok ist also zu einer Deepfake-Maschine geworden, die von Männern aktiv genutzt wird, um Frauen digital Gewalt anzutun. Sie stacheln sich dabei auch gegenseitig an – überbieten einander mit noch misogyneren und noch gewaltvolleren Prompts, teilen ihre Freude an der Erniedrigung ihrer Opfer und bonden über ihrer Misogynie und ihrer sadistischen Lust an der Erniedrigung von Frauen.

Gewalt gegen Minderjährige

Recherchen der gemeinnützigen Organisation AI Forensics hatten zum Ergebnis, dass ganze 53 Prozent der durch Grok generierten Bilder mittlerweile Menschen in wenig Kleidung oder Unterwäsche zeigen. Über 80 Prozent der Prompts stammen von Männern. 81 Prozent aller Menschen, die von diesen Männern digital „ausgezogen“ werden, sind Frauen. Darüber hinaus sind 94 Prozent der weiblichen Opfer keine Celebrities, sondern Privatpersonen. Grok wird aktuell auch zum Werkzeug, um Missbrauchsdarstellungen Minderjähriger anzufertigen: 2 Prozent der Grok-generierten Bilder zeigen Mädchen unter 18 Jahren. Es gibt sogar Fälle, in denen Mädchen, die dem Anschein nach jünger als 5 Jahre alt waren, sexualisiert dargestellt wurden.

Technische Errungenschaften

Woran erkennt man, dass man im Patriarchat lebt? Unter anderem daran, dass jede technische Errungenschaft, jeder Meilenstein der Menschheitsgeschichte, der eigentlich zum Wohle der Allgemeinheit – zu der Frauen schließlich dazugehören – genutzt werden könnte, dazu, oder zumindest auch dazu, genutzt wird, Frauen Gewalt anzutun. Egal welche Innovation die Welt revolutioniert, einer Sache können wir uns sicher sein: Sie wird von Männern verwendet, um Frauen und Mädchen zu erniedrigen, zu verfolgen, zu objektifizieren, zu sexualisieren und sexuell auszubeuten.

Hey @Grok remove the misogyny.

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Zur Autorin

Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

Quellen


Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte