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Gutes Aussehen um (fast) jeden Preis

2 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ, Quelle: Adobe Stock

Vom Hungern für die Linie bis hin zur Operation: Wenn es um Schönheitsideale geht, gehen wir Menschen irrationale Risiken ein.


Wer abnehmen will, muss weniger essen. So einfach, so schwierig. Ein internationales Forschungsteam hat kürzlich untersucht, warum insbesondere in reichen Ländern immer mehr Menschen übergewichtig sind. Essen wir zu viel vom Falschen oder machen wir bloß zu wenig Sport? Die Conclusio: Bewegung allein lässt die Kilos nicht purzeln, sondern schlanker macht in erster Linie bewusste Ernährung - und das heißt weniger Kalorien.

Doch eiserne Disziplin bereitet ebenso wenig Freude wie Verzicht. Warum also nicht eine Abkürzung nehmen? Soziale Netzwerke bieten eine Palette von Wurmlöchern ins Universum der perfekten Figur, in dem es keine Mühe, sondern ein Lebensgefühl ist, dass nichts so gut schmeckt wie dünn sein sich anfühlt. „Virale Tees“, „Bio-Darmreinigungen“, „Diätkartoffeln“ oder Protein-Wundershakes werden kritiklos angepriesen. Wie Zaubermittel sollen sie aus dem ungeliebten Kalorienverzicht eine Sommerbrise machen. Hunger? Alles nur eine Frage der Einstellung.

Unter dem mittlerweile verbotenen Hashtag SkinnyTok gab es eine Zeit lang so etwas wie Lichtnahrung zu kaufen. Mit dem „richtigen Mindset“ lasse sich ein knurrender Magen spielend bändigen - oder mit Kaugummi, hieß es. Wer das alles aber nicht zusammenbringt, kann sich eine „Abnehmspritze“ von Ärztin oder Arzt verschreiben lassen und dieses Medikament, das an sich gegen Adipositas und Diabetes Typ 2 entwickelt wurde, entgegen ihrer eigentlichen Zulassung zur Gewichtsabnahme nutzen. Einmal die Woche in den Bauch injiziert senkt es den Appetit, verlangsamt die Verdauung und zügelt das Essverhalten - solange man es nimmt. Danach bewegt sich das Jojo wieder nach oben.

Experiment am eigenen Körper

So weit, so erwartbar. Das Bemerkenswerte daran ist die Bereitschaft zum Experiment am eigenen Körper. Denn die vier Medikamente, die derzeit unter dem Namen „Abnehmspritze“ in Österreich auf dem Markt sind (siehe Infos und Quellen), wurden zwar an tausenden Personen mit den Vorerkrankungen Adipositas oder Diabetes Typ 2 getestet und erwiesen sich bei ihnen als gesundheitsfördernd. Doch gesunde Normalgewichtige, die bloß wieder besser in ihre Kleidung passen wollen, waren nicht Gegenstand der klinischen Studien. Sie testen das Medikament daher nun quasi freihändig an sich selbst, obwohl sie in der Regel einen anderen Stoffwechsel haben, und nehmen als Nebenwirkungen Übelkeit, Völlegefühle, Erbrechen, Verstopfungen, Durchfall, Depression oder Kopfschmerzen in Kauf. Gefährlich können solche Experimente auch für ohnehin schlanke Menschen sein, die das zweifelhafte Schönheitsideal verfolgen, extradünn sein zu wollen.

Unsere Risikobereitschaft für ein vermeintlich besseres Aussehen geht aber noch weiter. Hautkrebs kommt zumeist bei Menschen vor, die die ihren Wunsch nach Bräune übertreiben. Fleckige Gesichter können das Ergebnis von Cremes sein, die bleich machen sollen. Und eine ganze TV-Sendeleiste nach dem Motto „verpfuscht“ macht Quoten, indem die Opfer schlechter Schönheits-OPs korrekturoperiert werden. Selbst erfahrene Chirurg:innen warnen explizit vor den Risiken, die Eingriffe dieser Art mit sich bringen können, und das nicht erst seit gestern. Wer also Anbieter:innen aus dem Internet sucht, um sich neue Lippen oder Nasen, kurvige Hinterteile oder Bauchdeckenstraffungen machen zu lassen, ohne die Fachqualifikationen zu überprüfen, kann Leib und Leben riskieren.

Homo sapiens bedeutet „der denkende Mensch“. Doch nicht in allen Bereichen des Lebens ist etwas von unserer Rationalität zu bemerken. Für ein angeblich attraktives, jugendliches Aussehen nehmen wir sogar Substanzen ein, die bisher nur an Mäusen getestet wurden, wie etwa US-Gesundheitsminister Robert Kennedy, der das männliche Hormon Testosteron gegen Anzeichen des Älterwerdens propagiert. Ein solcher Mangel an Vorsicht und vor allem Kritikfähigkeit steht im Kontrast zu Haltungen gegenüber neuen Impfungen, von denen Skeptiker:innen auch nach klinischen Studien mit zigtausend Probanden behaupten, sie seien „nicht gut genug getestet“. Homo sapiens? Eher wäre hier Skepsis angebracht.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Martin Clodi, Internist, Österreichische Diabetes Gesellschaft, Vorstand der Internen Abteilung des allgemein öffentlichen Spitals der Barmherzigen Brüder in Linz.

Daten und Fakten

  • Spritzen zum Abnehmen beeinflussen den Blutzuckerspiegel und regulieren so das Hungergefühl. Entsprechende Präparate sind in Österreich unter den Handelsnamen Mounjaro (Wirkstoff Tirzepatid), Wegovy (Wirkstoff Semaglutid) und Saxenda (Wirkstoff Liraglutid) zugelassen. Das bekannte Ozempic (Wirkstoff Semaglutid) ist nur zur Behandlung von Diabetes zugelassen. Die Wirkung beruht auf einem natürlichen Sättigungshormon, das ein verstärktes und länger anhaltendes Sättigungsgefühl auslöst, und einer verzögerten Magenentleerung. Dadurch nehmen Betroffene automatisch weniger Kalorien zu sich. Die „Abnehmspritze” ist in Österreich, Deutschland und der Schweiz verschreibungspflichtig und nur gegen Rezept in der Apotheke erhältlich. Die Kosten von mehreren Hundert Euro im Monat werden von der Krankenkasse nicht übernommen. Nur wenn ein medizinischer Grund vorliegt, kann um eine chefärztliche Bewilligung angesucht werden.
  • Kürzlich hat Tiktok #SkinnyTok verboten. Unter diesem Hashtag tauschten sich junge Frauen aus, die kaum aßen und viel Sport betrieben. Wer #SkinnyTok nun aufruft, gelangt auf eine Seite mit Hilfsangeboten zu Essstörungen. Tiktok dürfte mit dem Verbot auf externen Druck vor allem vonseiten europäischet Politiker:innen reagiert haben, wonach die Plattform vor allem an User:innen ausgespielt worden sei, die anfällig für Magersucht-glorifizierende Inhalte waren.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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