Zum Hauptinhalt springen

Haarige Revolution beim Bundesheer?

4 Min
Wallendes Haar gilt beim Bundesheer als Zeichen mangelnder Unterordnung.
© Illustration: WZ / Paul Kremsleithner

Lange Haare sind jetzt auch für männliche Soldaten erlaubt. Eine modische Zeitenwende ist in Österreichs Kasernen bis dato aber ausgeblieben. Dennoch, es gibt sie auch hierzulande: die zotteligen Gesellen in Heeresuniform.


    • Seit Mai 2026 dürfen männliche Soldaten beim Österreichischen Bundesheer offiziell lange Haare tragen, etwa als Zopf oder Dutt.
    • Trotz neuer Regelung sind in Kasernen weiterhin kaum männliche Soldaten mit langen Haaren zu sehen, Anpassungsdruck bleibt hoch.
    • Bei der Miliz wurden lange Haare und Bärte schon immer toleriert, während Individualität im Grundwehrdienst kaum möglich ist.
    • Seit Ende Mai 2026 sind lange Haare beim Bundesheer für Männer erlaubt.
    • Die Regelung gilt: Haare als Zopf oder Dutt ("Manbun") zulässig.
    • In Kasernen wurden bisher keine männlichen Soldaten mit langen Haaren gesichtet.
    • Bei der Miliz wurden lange Haare und Bärte schon immer toleriert.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Lange Haare bei Soldaten? Eindeutig ein Zeichen für Befehlsverweigerung, Widerstand, Unbotmäßigkeit, Renitenz, Meuterei oder sittlichen Verfall. Etwa im Vietnamkrieg, als sich US-GIs wilde Afros wachsen ließen, so dass der Helm kaum noch auf den Kopf passte. Oder andere das glatte lange Haar nach hinten kämmten und mit einem Tuch bändigten. Wo an der Front Drogen konsumiert wurden und Widerstandszeitungen erschienen, die den Krieg gegen den Vietcong offen kritisierten. Die Moral war teilweise so schlecht, dass kampfunwillige US-Soldaten ihre eigenen Offiziere mit Handgranaten aus dem Weg räumten.

Wuchernde Bärte und wildes, ungebändigtes Haar waren andernorts Zeichen für eine sich mit tödlicher Gewissheit anbahnende Niederlage. Im Zweiten Weltkrieg etwa, in Stalingrad 1942/43, wo die eingeschlossenen deutschen Soldaten völlig ungepflegt, verfilzt und demoralisiert in die sowjetische Kriegsgefangenschaft wankten, von der sie nicht mehr zurückkehrten.

„Innere Ordnung“ in Gefahr

Lange Haare haben beim Militär ein schlechtes Image, auch beim Österreichischen Bundesheer. Dort war die Frisuren-Frage immer so geregelt, dass die Haare kurz sein mussten, nicht den Kragen des Uniformhemdes berühren und nicht in Stirn hängen durften. Doch ein renitenter Vorarlberger Oberstleutnant brachte das Heer im April 2026 in große Verlegenheit. Der hochrangige Offizier trug das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und wurde deshalb zu einer Disziplinarstrafe verdonnert, die er nicht akzeptierte.

Die Sache landete schließlich vor dem Verwaltungs- dann vor dem Verfassungsgerichtshof, der den Gleichheitsgrundsatz verletzt sah. Immerhin dürfen weibliche Soldaten sehr wohl lange Haare haben. Das Bundesheer argumentierte nachdrücklich, dass die Einheitlichkeit, „die innere Ordnung“ und die „Disziplin“ bei erlaubten Zotten in Gefahr wären. Die Rede war auch davon, dass man sich bei Paraden mit internationaler Beteiligung bis auf die Knochen blamieren würde. Allein: Es half nichts. Seit Ende Mai gilt: Bahn frei für lange Haare beim Bundesheer auch für Männer, zulässig als geflochtener Zopf oder am Hinterkopf als Dutt, auch „Manbun“ genannt, geknotet.

„Kein einziger langhaariger Soldat zu sehen“

Bahn frei für lange Haare? Laufen beim Bundesheer jetzt zahllosen Soldaten wie japanische Samurai herum? Die WZ hat sich umgehört und kann Entwarnung geben: Er habe die Änderung des Haar-Erlasses live miterlebt, sei danach in vielen niederösterreichischen Kasernen gewesen, auch auf dem Truppenübungsplatz in Allentsteig, dabei aber „keinem einzigen männlichen Soldaten mit langen Haaren“ begegnet, sagt Leon, sein voller Name ist der Redaktion bekannt. Auch die frisch eingerückten Rekruten tragen ihr Haar brav kurz. Ein Unteroffizier habe im Mai die neue Vorschrift per Aushang kundgetan, sagt Leon, das war es auch schon. Der Rest war Schweigen.

Das Bundesheer selbst reagiert auf Anfragen hörbar genervt und verweist die Angelegenheit in das Reich der absoluten Nebensächlichkeiten. Er habe bis vor kurz nicht einmal gewusst, was ein Herrendutt sei, so Oberst Gerhard Oberreiter, Pressesprecher des Fliegerhorsts Hörsching in Oberösterreich, gegenüber der WZ. Er selber, sagt Oberreiter, trage das Haar zwar kurz, könne sich aber vorstellen, es später lang sprießen zu lassen.

Derzeit ist bei jungen Männern tief in die Stirn gekämmtes Haar groß in Mode.

Eine mögliche Erklärung für die nachweislich inexistente Langhaarigkeit bei männlichen Bundesheerlern liefert Lukas, 21 Jahre alt, der im April 2025 abgerüstet hat. Er schildert allen, die den Wehrdienst nicht geleistet haben, wie beim Bundesheer unerwünschtes Verhalten sanktioniert wird: „Du bekommst eine Zeitvorgabe zur Ausführung eines Befehls, die völlig unrealistisch ist. Dann folgt automatisch die Bestrafung. Völlig ohne Grund. Es muss niemand etwas falsch gemacht haben oder sich widersetzt haben. Dann heißt es: ,Das Ganze nochmal.‘ Oder eben Straf-Liegestütz.“ Wozu das? „Die Ausbilder wollen damit zeigen: Wir haben hier das Sagen, wir sitzen auf dem längeren Ast.“ Den Ausdruck „Schleifer“ für grundlose Schikane durch einen Vorgesetzten beim Heer kennt Lukas nicht. Aber er weiß aus eigener Erfahrung: „An Widerrede oder Widerstand denkst du in der Situation nicht, du fügst dich einfach.“

Nur nicht auffallen

Derzeit ist bei jungen Männern tief in die Stirn gekämmtes Haar groß in Mode, auch wenn es nicht unbedingt Ausdruck von widerständiger Gesinnung ist. „Der Wachtmeister ist zu mir gekommen und hat gesagt, dass ich am Wochenende zum Frisör gehen soll, weil die Haare in die Stirn gehangen sind“, erzählt Lukas. „Das war kein Problem, das habe ich gemacht.“

Was in Österreich ein gestandener Oberwachtmeister oder gar Vizeleutnant ist, der akzeptiert keine langhaarigen Jung-Rekruten. Das ist klar. Das weiß jeder. So sind die Spielregeln. „Wennst dir dein Leben schwer machen willst beim Heer, gehst am ersten Tag mit langen Haaren hin“, schreibt einer, der schon vor einigen Jahren dort war, auf der Internet-Plattform Reddit.

Seit der Heeres-Haaresreform im Mai sind zahlreiche neue Rekrut:innen zur Grundausbildung in die Kasernen eingerückt. Nur nicht auffallen, lautet hier die Devise, weder negativ noch positiv. Das bestätigen auch Leon und Lukas. Im ersten Fall wird die gesamte Einheit für den angeblichen Fehler eines einzelnen bestraft. Im zweiten Fall werden die Leistungsanforderungen für alle erhöht, was dem Urheber Ärger von Seiten der Kolleg:innen einbringt.

Kämpfer mit Rauschebart

Also gibt es keine zotteligen Gesellen beim österreichischen Bundesheer? Die WZ hat gesucht und wurde fündig. Hauptmann Lukas Kasalo vom Milizverband liefert den entscheidenden Hinweis. „Lange Haare bei Männern wurden bei der Miliz schon immer toleriert“, sagt er. „Auch früher, vor der neuen Vorschrift. Da wurde darüber hinweggesehen. Das war schon immer ein Milizprivileg. Selbst wenn die Milizsoldaten einen Rauschebart getragen haben, so einen richtig langen, war das egal.“ Zur Erklärung: Milizsoldaten, das sind in Österreich die, die einem ganz normalen Zivilberuf nachgehen und in gewissen Abständen für zweiwöchige Übungen in die Kaserne einrücken.

Buchautor und Filmregisseur Jakob Pretterhofer ist schließlich überhaupt der Meinung, dass Uniformierung, Vereinheitlichung, Ausschaltung der Individualität durch militärisches Haare-Abschneiden nicht herstellbar sei: Es sei interessant, dass durch diese Maßnahmen gerade die Unterschiede stärker zutage treten würden, sagt er im Gespräch mit der WZ. Er erinnere sich an seinen Grundwehrdienst vor einigen Jahren: Da sei durch Uniform und genormte Frisur „stärker aufgefallen, dass einer buschige Augenbrauen hat“. Und: Leute mit Kontaktlinsen hätten eher schlicht gestylte Krankenkassen-Brillen aufgesetzt bekommen. „Die sind enorm herausgestochen“.

Was Österreichs Politik beschäftigt, liest du jede Woche im Newsletter

Ein Kopf auf gelbem Hintergrund

Einfach Politik.

Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.

Jeden Donnerstag

Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Gesprächspartner

  • Hauptmann Lukas Kasalo
  • Oberst Gerhard Oberreiter
  • Rekrut Leon, er hat vor einigen Tagen seinen Grundwehrdienst beendet
  • Lukas, Ex-Rekrut seit April 2025
  • Buchautor Jakob Pretterbener

Quellen

Daten und Fakten

  • Vietnamkrieg: US-Soldaten kämpften von 1964 bis 1973 im Vietnam, offiziell, um die Ausbreitung des Kommunismus in Asien zu verhindern. Es starben dabei 58.220 Amerikaner. Der Krieg endete mit einer Niederlage der USA.
  • Einrückungstermine: Grundwehrdiener:innen rücken generell am Anfang jedes Monats, vorzugsweise an Montagen, ein.
  • Die neue Haar-Anweisung des Bundesheeres vom Mai 2026: „Alle Soldatinnen und Soldaten haben zur Uniform des Bundesheeres ihr Haar so zu tragen, dass das Gesichtsfeld nicht eingeschränkt ist. Sollten dafür Hilfsmittel notwendig sein, müssen diese sowohl von der Form, als auch von der Farbe dezent gehalten sein." Mit Ausnahme von Kopfbedeckungen darf loses Haar die Uniform- und Ausrüstungsteile nicht berühren. „In derartigen Fällen ist dieses zu befestigen und zusätzlich bei entsprechender Haarlänge ein Dutt auf dem Hinterkopf oder zusammengebunden bzw. geflochten zu tragen.“ Vollbärte sind beim Heer erlaubt, müssen aber gepflegt und gestutzt sein.
  • Die Dienstgrade beim Bundesheer lauten: Rekrut, Gefreiter, Korporal, Zugsführer, Wachtmeister, Oberwachtmeister, Stabswachtmeister, Oberstabswachtmeister, Offiziersstellvertreter, Vizeleutnant, Fähnrich, Leutnant, Oberleutnant, Hauptmann, Major, Oberstleutnant, Oberst, Brigadier, Generalmajor, Generalleutnant, General. Eine weibliche Form wie etwa „Wachtmeisterin“ gib es nicht.

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte