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Hätte der Tod von Lea H. vermieden werden können?

9 Min
Eine Silhouette einer Frau auf rotem Hintergrund.
Lea soll nicht vergessen werden. Sie steht stellvertretend für Kinder und Jugendliche, die auf psychologische und/oder psychiatrische Hilfe angewiesen sind.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Pexels

Lea hat eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sie begeht Suizid im Wiener AKH. Hätte ihr Tod verhindert werden können? Hat das System versagt?


Hinweis: In diesem Artikel geht es um Suizid und psychische Erkrankungen. Falls du auf diese Themen sensibel reagierst, lies diesen Beitrag vielleicht mit einer vertrauten Person, mit der du auch unterbrechen kannst, um dich mit ihr über das Gelesene zu unterhalten.

„Als Gott die Englein zählte und sah, dass eines fehlte, da sah er dich und wählte“ steht auf der Parte; im Hintergrund ein strahlendes Mädchen mit verschränkten Beinen im Schneidersitz und gemusterter Sport-Kleidung. Lea H. ist 17 Jahre alt, als sie Suizid begeht. Am frühen Morgen des 26. Oktober 2020 steht sie auf einem Zwischendach des Wiener AKH und nimmt sich das Leben.

Hätte ihr früher Tod verhindert werden können? Leas Krankengeschichte liest sich wie ein Lauf durch Psychiatrien, Spitäler und Wohngemeinschaften. Lea musste von einer Stelle zur nächsten. Über Jahre fand das Mädchen keinen Platz, der ihr helfen konnte. Doch beginnen wir von vorn.

Lea war ein Kind wie viele, nur ihre Intelligenz und Liebesbedürftigkeit waren außergewöhnlich. Im Alter von fünf Jahren wurde ihre Mutter schwer krank. „Vielleicht war das mit ein Grund für ihren späteren Krankheitsverlauf“, sagt Thomas H. Leas Vater sitzt in einem Wiener Kaffeehaus. Er spricht leise. Sein Blick schweift in die Ferne. „Lea sprach schon in ihrer frühen Kindheit davon, sich das Leben zu nehmen”, sagt H. Er wirkt gefasst. Doch es fällt ihm schwer, über seine Tochter zu reden. Er tut es trotzdem. Ihr Tod soll nicht sinnlos gewesen sein. Ihre Geschichte soll etwas bewirken. Denn für H. ist klar: Das träge System trägt eine Mitverantwortung am Tod seiner Tochter.

Leas Suizidgedanken wurden heftiger

Als Lea zehn Jahre alt war, ließen sich die Eltern scheiden. Der Kontakt von Lea zu ihrem Vater riss ab, zu zerrüttet war das Verhältnis zwischen Vater und Mutter. Nur vereinzelt kam es zu Kontakten. Nach einem gemeinsamen Wochenende mit dem Vater wollte Lea in die Hinterbrühl gebracht werden, sagt der Vater. Es gehe ihr schlecht. In Hinterbrühl in Niederösterreich ist ein sozialpädagogisches Betreuungszentrum. Die Eltern helfen ihrer Tochter, dort einen stationären Platz zu bekommen. Die Mediziner:innen in Hinterbrühl erkennen schnell – Lea ist suizidgefährdet. Es ist die erste Station in einer langen Kette von Institutionen, die Lea helfen sollen. „Dorthin habe ich sie gebracht und aufgrund dessen hat sich dann das Jugendamt eingeschaltet.” Das Jugendamt übernahm die Obsorge seiner Tochter. „Das Schlimme war, dass wir die Erziehung komplett an das Jugendamt abgeben mussten“, sagt H. Leas Suizidgedanken wurden heftiger. Sie kommt in ein Krisenzentrum der Stadt. „Dort ging es ihr wirklich besser.“ Doch konnte sie nicht bleiben. Der Aufenthalt in diesen Zentren ist nur vorübergehend, bis ein anderer Platz für die Kinder und Jugendlichen gefunden wird. Lea musste in eine WG der MA 11 (Kinder- und Jugendhilfe), verwaltet von Sozialpädagog:innen.

Immer neue Suche nach der Ursache

Lea wurde in Folge in verschiedenen WGs untergebracht und in akuten psychischen Krisen immer in unterschiedliche Wiener Spitäler gebracht – entweder in die Klink Hietzing/Rosenhügel oder ins AKH. Denn der Behandlungsort war abhängig vom Meldezettel. Und der Wohnort von Lea wechselte in dieser Zeit oft. Sie wurde oftmals verlegt. „Und dann ging alles von vorn los: die Gespräche, die Ursachenforschung, neue Medikamente. Immer andere Ärzte - das war gar nicht gut.“ Sie war zwei Tage im Spital und wurde dann wieder in die WG entlassen. Viel zu kurz, meint der Vater. Aber die Plätze in stationären psychiatrischen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche sind rar. Wie sich Lea dabei fühlte? „Sie bekam starke Medikamente, sodass ich denke, dass sie alles wie benommen wahrnahm.“

Damit Lea immer ins AKH gebracht werden konnte, wo sie sich am besten betreut fühlte, so erzählt H., wendete er in Abstimmung mit dem Jugendamt und der WG-Leitung einen Trick an: „Ich meldete Lea bei meinen Eltern an. Sie war manchmal dort, manchmal in der WG. Sie hatte nichts Fixes.“ Rechtens war das nicht. Er schüttelt den Kopf, als könne er es selbst nicht glauben.

Wir haben versucht, weiterzuvermitteln und sie einer Behandlung zuzuführen.
Ewald Lochner

Lea wurde in sozialpädagogischen Einrichtungen betreut. Ein sozialtherapeutischer Platz mit einer intensiveren Betreuung wurde aufgrund ihrer Suizidgefahr angestrebt. Auf diesen wartete sie rund zwei Jahre. Weshalb dauerte das so lang? Das weiß der Vater nicht.

„Ich kenne den Fall“, sagt Ewald Lochner, kaufmännischer Leiter der Psychosozialen Dienste in Wien (PSD) und Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien, auf Anfrage der WZ. Auch die Pressestelle des Gesundheitsstadtrats Peter Hacker verwies als Antwort zu einer Stellungnahme in dieser Causa auf Lochner. „Der Vater hat sich auch an mich gewandt, mit dem Ersuchen um Hilfe. Die haben wir ihm auch gegeben, indem wir ,the best place‘ gesucht haben, wo man andocken könnte. Wir haben versucht, weiterzuvermitteln und sie einer Behandlung zuzuführen“, erinnert sich Lochner.

Schwer zu behandelnde Persönlichkeitsstörung

Lea litt auch an Drogen- und Alkoholsucht aufgrund des ständigen Wechsels des Betreuungsplatzes und der Beeinflussung der dadurch erlebten Kontakte, ist der Vater überzeugt. Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) lautete die Diagnose. „Das Mädchen hatte eine erhebliche BPS entwickelt, die mit Sicherheit in dem Alter und dieser Ausprägung schwer zu behandeln ist“, sagt Lochner. Typisch für BPS sind Impulsivität, instabile zwischenmenschliche Beziehungen, rasche Stimmungswechsel mit Wutausbrüchen und ein schwankendes Selbstbild bei einer instabilen und häufig veränderten Selbstwahrnehmung. Das führte dazu, dass Gemütszustände binnen Sekunden wechselten. Das Mädchen geriet in Rage. Lea war dann nicht mehr zu halten, schlug um sich. Immer wieder mussten die Betreuer:innen in den WGs Polizei und Rettung rufen. „Die Patientin hat sich selbst verletzt“, sagt Lochner. „Es gab unterschiedliche Andockstellen in der Psychiatrie, weil es gerade bei einer Borderline-Störung vorkommt, dass die Betroffenen sehr schnell die Behandlungssettings wechseln, weil sie unzufrieden sind.“ Das sei Teil des Krankheitsbilds.

Zu spät am richtigen Platz?

Eine enorm belastende Situation für das Mädchen, aber auch für die Betreuer:innen: H. hörte davon, dass einigen der Fall seiner Tochter sehr nah ging.

Verschlimmerte sich Leas Zustand, weil es nicht schnell genug einen Platz in einer sozialtherapeutischen WG gab? Vielleicht – vielleicht auch nicht. H. kann und will die Frage nicht beantworten. Sie hätte jedenfalls eine bessere Chance gehabt, glaubt er. „Es hat zig Versuche gegeben, das Mädchen doch dauerhaft stationär unterzubringen, doch sie war leider nicht sehr behandlungskooperativ. Das gehört zu dieser Störung dazu“, sagt der PSD-Leiter Lochner. H. erkannte die Tragweite der Erkrankung erst viel später: „Eine der schwersten Borderliner:innen“, soll der behandelnde Psychiater gesagt haben. Eine Erklärung für die Hinterbliebenen? Wohl kaum.

Im August 2020 war es endlich so weit: Über Beziehungen intervenierte H. schließlich erfolgreich. Lea bekam den für sie so wichtigen Platz. Zu spät? Ja, sagt der Vater. Warum es so lang gedauert hat? Zu wenig Personal, zu wenige Einrichtungen, vermutet er und blickt in sein Kaffeehäferl. H. zuckt kaum merklich mit den Schultern.

Das macht nichts ungeschehen, dennoch sind zumindest rasch Konsequenzen gefolgt.
Paul Plener

Leas Zustand verschlechterte sich weiter. Im Oktober wird sie stationär im AKH aufgenommen. Am 25. Oktober hat sie Ausgang, trifft sich mit Freund:innen. Lea kommt an diesem Abend in einem guten Gemütszustand zurück. Sie soll gut drauf gewesen sein, erfährt der Vater später. Am Tag darauf steht sie morgens auf und suizidiert sich.

H. erfuhr nach einer polizeilichen Ermittlung, dass sie die Fluchtwege benutzt hatte. Denn natürlich kam die Frage auf, wie es denn überhaupt möglich für sie war, trotz Obhut im Spital auf eines der Zwischendächer zu gelangen.

Man habe rasch reagiert und neue Sicherungsmaßnahmen ergriffen, schreibt Paul Plener, der Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Wiener AKH, per E-Mail auf Anfrage der WZ. „Das macht nichts ungeschehen, dennoch sind hier zumindest rasch Konsequenzen gefolgt, die man andernorts seit Jahrzehnten vergeblich sucht.“

Was hätte geholfen?

„Wenn man die Frage stellt, was geholfen hätte, dann wäre das möglicherweise eine frühere Intervention gewesen. Diese hätte schon bei der Scheidung der Eltern passieren müssen. Hier müssen wir ansetzen“, sagt Lochner selbstkritisch. Die Nahtstelle zwischen MA 11 und der Kinder- und Jugendpsychiatrie müsse enger sein, Kommunikation schneller passieren. „Aber niemand trägt hier Schuld, denn beide Systeme kämpfen mit ihren Ressourcen und durch das multiple krisenhafte Geschehen ist der Bedarf viel höher geworden. Das heißt aber nicht, dass, wenn die Intervention früher passiert wäre, dann wäre es nicht zu einem Suizid gekommen. Das kann man nicht sagen. Aber, wenn man eine Lehre daraus ziehen möchte, dann ist es diese.“

Heute, erzählt H. mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln, lebe er als Patchworkfamilie mit vier Kindern ein ruhigeres Leben. Doch in der Nacht wacht er noch immer auf. Wie damals, als fast jede Nacht das Telefon klingelte, weil Lea von der Polizei aufgegriffen wurde, oder das Krankenhaus einen Vorfall meldete. H. atmet tief durch.

Starker Anstieg in Pandemie

Lea steht stellvertretend für die Kinder und Jugendlichen, die auf psychologische und/oder psychiatrische Hilfe angewiesen sind. Die Zahl der Betroffenen stieg während der Pandemie sprunghaft an, nicht jedoch die Zahl der vorhandenen Betten in psychiatrischen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche. Bei der Nachfrage unter den Sozialpädagog:innen (Namen der Redaktion bekannt) ist der Betreuungsschlüssel weiterhin „ausbaufähig“ und sie kritisieren die träge Bürokratie.

Lea soll nicht vergessen werden. Lea liebte Yoga und war oft mit ihrer Matte unterwegs. Lea war auch einmal eine gute Schülerin. Sie bastelte sehr gern. „Ich vermisse dich so sehr und unsere Zeit in der WG. Ich hab‘ dich lieb und du wirst immer in Gedanken bei mir sein“, schreibt eine WG-Freundin im digitalen Kondolenzbuch.


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