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Geschichten, die die amerikanische Arbeitswelt schreibt

4 Min
WZ-Redakteur Michael Schmölzer blickt alle zwei Wochen zurück und zeigt auf, warum Historisches auch heute relevant ist.
© Illustration: WZ, Bildquellen: Wiki Commons.

In den US-Büros und Werkhallen wird mit harten Bandagen gekämpft. Heute wie vor 90 Jahren gilt dort das Recht des Stärkeren. Transportarbeiter:innen können ein Lied davon singen.


In der US-amerikanische Arbeitswelt geht es aus österreichischer Sicht ziemlich brutal zu: Arbeitslosengeld? Gibt es schon, aber selten. Wer von einer Firma angeheuert wird, weiß, dass er eher früher als später wieder gekündigt wird. Bist du gefeuert, hast du im Schnitt 10 oder 15 Minuten Zeit, deinen Arbeitsplatz zu räumen. Dann stehst du mit einem Karton in der Hand vor dem Betriebsausgang. Du solltest jetzt vorsichtig heimfahren, denn versichert bist du ab der Sekunde deiner Entlassung nicht mehr (so du es je warst). Behältst du deinen Job, ist das Arbeitstempo unvergleichlich höher als in Österreich und du hast selbstverständlich auch am Wochenende zur Verfügung zu stehen. Die Hierarchien sind steil, wer Vorgesetzten widerspricht, hat ganz schnell schlechte Karten.

18,5-Stunden-Schichten – einfach so

Wie sieht das in der Praxis aus? In dem lesenswerten Buch „Lines of Work. Stories of Work and Resistance“, beschreibt Juan Conatz seinen Arbeitsalltag. Er arbeitet in Iowa City als Gabelstaplerfahrer und muss Lkw auch händisch beladen. Zuerst, berichtet er, habe die Firma angefangen 10 bis 15 Überstunden pro Woche zu verlangen. Widerstand zwecklos. Dann drängte ihn das Management zu 18,5-Stunden-Schichten. Die Vorarbeiter:innen wurden unter Druck gesetzt, dafür zu sorgen, dass das Arbeitstempo erhöht wird. Angehörige der untersten Management-Ebene mussten ebenfalls bis zu 90 Stunden in der Woche arbeiten. Conatz schreibt von einer Reihe an Unfällen und dem typischen „Fabrikhinken“ der älteren Arbeiter:innen, eine spezifisch steife Art der Fortbewegung, die man vom Staplerfahren und dem jahrelangen Stehen auf kalten Betonböden bekommt.

Als Conatz an eine Stelle versetzt wird, wo die Arbeitsbelastung noch höher ist und er noch weniger freie Tage bekommt, explodiert er. Er erleidet gegenüber dem Versandleiter einen „Schreikrampf“, schreibt er, stößt „verschiedene Beleidigungen in Richtung seiner Mutter“ (der des Versandleiters, Anm.) aus und schmeißt den Job hin.

Staplerfahrer Conatz erlebt am eigenen Leib eine „story of work“, wie sie in den USA millionenfach erzählt werden könnte. Und die der Gewerkschafter Jimmy Hoffa, der im Jahr 1931, mitten in der Weltwirtschaftskrise, für die Firma Kroger Grocery Lkw beladen musste, ganz ähnlich erzählt hat. Die Firmen nutzten damals beinhart den Umstand aus, dass Millionen US-Amerikaner:innen arbeitslos waren. Die, die einen Job hatten, mussten sich alles gefallen lassen und als ungelernte Arbeiter mit 36 Cent pro Stunde zufriedengeben – damit konnte man als alleinstehender Mann gerade überleben. Standen die Arbeiter in Bereitschaft herum, weil kein Lkw zu beladen oder abzuladen war, bekamen sie nichts bezahlt. Den Lkw-Fahrern ging es nicht besser, sie waren teilweise so erschöpft, dass sie über dem Lenkrad einschliefen und verunfallten.

Seltene Sternstunden der US-Arbeiter:innenbewegung

Hoffa leistete Widerstand und wurde durch den so genannten „Erdbeerstreik“ berühmt. Als kistenweise Erdbeeren zu entladen waren, rief er dazu auf, die Arbeit sofort niederzulegen. Das Kroger-Management musste befürchten, dass die gesamte Ware verdirbt und stimmte einer beträchtlichen Lohnerhöhung und Arbeitszeit-Limitierungen zu. Hoffa war damals 18 Jahre jung und stieg in Folge rasch zum mächtigen und gefürchteten Gewerkschaftsboss auf. 1964 gelang es ihm, einen landesweit gültigen Kollektivvertrag für Transportarbeiter, das „National Master Freight Agreement“, abzuschließen – für US-Verhältnisse völlig unüblich.

Kollektive Gehaltsverhandlungen haben in den USA ein völlig anderes Gesicht als in Österreich. „Union Busting“ war hier in der Zwischenkriegszeit auf Unternehmerseite angesagt. Es wurden zunächst Schlägertrupps organisiert, um Streiks zu brechen. Später übernahmen spezialisierte Anwaltskanzleien mit Klagsfluten diese Aufgabe. Hoffa hielt mit seinen Leuten dagegen und verbündete sich mit gewalttätigen Bandenmitgliedern der Mafia. Das Resultat war, dass die US-Gewerkschaftsbewegung phasenweise stark war, ihre Macht aber, anders als in Österreich, nie dauerhaft etablieren konnte. Heute liegt die amerikanische Arbeiter:innenbewegung am Boden, der gewerkschaftliche Organisationsgrad beträgt in der Privatwirtschaft unter 9 Prozent.

Ende auf Mafia-Art

Jimmy Hoffa wurden die engen Verbindungen zum organisierten Verbrechen zum Verhängnis. Am 30. Juli 1975 verschwand er nach einem Restaurantbesuch in Detroit spurlos. Seine Leiche konnte bis heute nicht gefunden werden, der Verdacht liegt nahe, dass er, einst einer der zehn mächtigsten Männer der USA, einer Mafia-Fehde zum Opfer gefallen ist. Es gibt Gerüchte, wonach er, in „cement boots“ steckend, am Grund des Detroit River ruht. Wahrscheinlicher ist, dass seine Leiche irgendwo in ein Betonfundament eingearbeitet wurde.

Ein aus österreichischen Augen besehen ziemlich brutales Ende für einen verdienten Gewerkschaftsmann. Aber ein Sinnbild für die USA und den kriegerischen Umgang, der in der dortigen Arbeitswelt herrscht.


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Infos und Quellen

Daten&Fakten

  • In den USA umfassen die größten Einzelgewerkschaften den öffentlichen Dienst und Lehrer:innen, dann Transport- und andere Dienstleistungen. Im privaten Sektor liegt der Organisationsgrad unter 9 Prozent. 85 Prozent aller Beschäftigten in den USA arbeiten ohne Tarifvertrag.
  • Industriestandorte wurden in den letzten Jahrzehnten oft in gewerkschaftsfreie Regionen verlagert. Damit sind die Gewerkschaften politisch in der Defensive. In der US-Parteienlandschaft gibt es keine starke Sozialdemokratie, die Forderungen der Arbeiter:innenbewegung durchsetzen würde.
  • Zuletzt streikten in den USA die Starbucks-Beschäftigten und Beschäftigte des Flugzeugherstellers Boeing.

Quellen

  • Youtube: Die US-amerikanische Arbeitswelt
  • Mark Richter, Levke Asyr, Ada Amhang, Scott Nikolas Nappalos (Hg.) „Lines of Work. Stories of Work and Resistance”, Blackcatpress, 2013. Das Buch gibt es unter dem Titel „Spuren der Arbeit“, Verlag Die Buchmacherei, auch in deutscher Übersetzung.
  • Jimmy Hoffa. The controversial Life and Disappearance of the Godfather of the Teamsters, Charles River Editors

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