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Trotz des historischen WM-Erfolgs wird nun Ralf Rangnicks Spielweise in Zweifel gezogen. Zum Teil zu Recht. Doch eine Fundamentalkritik, wie hinter den Kulissen oft zu hören, ist fehl am Platz.
In Österreichs Fußballszene wird gerade heftig debattiert. Es geht um Ralf Rangnick, der Heldenstatus im Land genießt, weil er dem rot-weiß-roten Kick einen Aufschwung beschert hat. Mit einer Spielweise, die dabei half, sich der Weltspitze anzunähern. Das Nationalteam besiegte seit 2022 Deutschland, Italien, die Niederlande, gewann bei der EM 2024 die Vorrunde vor Frankreich, fuhr erstmals seit 28 Jahren zur WM und erreichte dort erstmals seit 44 Jahren die nächste Runde. Doch ebenso fällt auf, dass der Höhepunkt des Höhenflugs überschritten scheint. Kaum jemand zeigte sich zuletzt noch von Österreich überrascht. Rangnicks Rambazamba-Spielstil, der vor zwei Jahren jedem Team zugesetzt hatte, greift nicht mehr so wie das einmal war.
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Deshalb wird im Land – trotz des historischen WM-Erfolgs – Rangnicks Erfolgskonzept hinterfragt. Tatsächlich gibt es gute Gründe für die Kritik. Wer aber derzeit mit Altstars, Trainern und TV-Experten spricht, taucht in eine Fundamentalkritik ein, die – oft interessengetrieben – zu falschen Schlüssen führt.
Rangnick habe in den letzten „15 Jahren ein irreführendes Chaos und Pressing-System bei uns implementiert, das uns ins Nirwana geführt hat!!“, schreibt mir der Trainer Dritan Baholli, der etwa für Rapid Wien tätig war. Damit vertritt der Mann keine Einzelmeinung. Immer öfter hört man hinter den Kulissen der Branche eine Erzählung, die Rangnick nicht als Erfolgsbringer sieht, sondern als Totengräber des heimischen Kicks.
Der Trainer Baholli hat Recht, wenn er betont, dass Rangnicks Spielweise den österreichischen Fußball in den letzten Jahren grundlegend verändert hat. Wo er irrt: Sie hat nicht ins Nirwana geführt. Im Gegenteil.
Österreich war im Niemandsland – vor Rangnick
Bevor Rangnick 2012 Red Bull Salzburg als Sportchef übernahm, war Österreichs Fußball auf Klub- und Nationalteamebene im Nirgendwo. Anfang des Jahrtausends hatte das Land kaum Spieler in Weltligen, keine Erfolge und stürzte in allen Rankings ab. Das Nationalteam rangierte in der Weltrangliste um Platz 100, auch die Ligaklubs hatten den Anschluss an die Moderne verpasst. Der österreichische Fußball, er stand für nichts. Das einzige Konzept, das zu erkennen war: Heimische Ex-Fußballstars ergatterten aufgrund ihrer Spielerverdienste reihenweise hohe Trainerämter, ließen sich fürstlich versorgen, aber brachten den Ösi-Kick nicht wirklich voran.
Erst als Rangnick 2012 in Salzburg übernahm und sein Pressing-Modell implementierte (also einen Stil, der die Gegner überfallsartig attackiert) ging es aufwärts. Die Folge: Der Klub stieß in Europas Elite vor, erreichte 2017 das Europa League Halbfinale und 2021 als erster Austro-Klub das Champions League-Achtelfinale. Deutsche, Italiener, Spanier wurden besiegt. Einige kopierten das Modell – etwa der LASK, der mit einem ähnlichen Stil in Europa auftrumpfte. Die Folge: 2011, also vor Rangnicks Amtsantritt, lag die heimische Bundesliga in der UEFA-Fünfjahreswertung auf Platz 19. 2021 aber bereits auf Platz 8, gleich hinter den großen Fußballnationen.
Rangnick richtete den Fußball im Land neu aus, angefangen von der Nachwuchsausbildung. Dabei wurde alles seinem Spielstil untergeordnet. In Salzburg mussten Buben nun vor allem schnell und kampfstark sein, um den Rambazamba-Kick ausführen zu können. Viele aktuelle Nationalteamstars entspringen diesem Zugang: Konrad Laimer vom FC Bayern, Xaver Schlager, der gerade in die Premier League wechselt oder Nicolas Seiwald von RB Leipzig. Burschen mit Pferdelungen, die wie Duracell-Hasen laufen, aber am Ball keine Messis sind.
Verschlafener ÖFB
Der Salzburger Erfolg verbesserte auch das Nationalteam, weil er zuhauf moderne Pressing-Spieler bescherte. Der ÖFB aber wusste die einmalige Chance lange nicht zu nutzen – und vergeudete die besten Jahre dieser Generation mit einem wenig passenden Trainer, der mit jungen, hungrigen Burschen bloß bieder verteidigen wollte, anstatt sie, den Anlagen entsprechend, von der Leine zu lassen. In der Qualifikation für die WM 2022 wurde Österreich hinter Dänemark, Schottland und Israel blamabel Vierter. Doch in der Branche gab es kein großes Murren. Man sei halt nicht besser, hieß es vielfach. Es gab keine Erwartungen. Und keine Erfolge.
Rangnick bewies mit seinem Amtsantritt 2022 als Österreichs Teamchef, dass es anders geht. Er konnte hier Kicker trainieren, die er selbst geschaffen hat und die nun in Kombination mit seinem Spielstil zu einem Pressing-Monster wurden. Österreich spielte so aufregend wie noch nie. Und Rangnick zeigte dem bis dahin lange planlosen ÖFB was möglich ist. Bei der EM 2024 etwa wurde die Vorrunde vor Frankreich und den Niederlanden gewonnen. Internationale Experten schwärmten vom österreichischen Rambazamba-Fußball.
Doch jede Innovation verliert irgendwann an Kraft. Rangnick kam etwas spät ins Amt, um mit seinem Pressing und dieser Truppe eine längere Epoche zu prägen. Denn die Hochzeit seines Stils liegt schon ein paar Jahre zurück – und nun kämpft Rangnick mit einer zunehmend decodierten Spielweise und einem alternden Team. Alaba ist 34, Arnautovic 37, Gregoritsch und Sabitzer sind 32, auch viele Mittelfeld- und Abwehrspieler wie Laimer gehen auf die Dreißig zu. Bei der WM war Österreich eines der älteren Teams. Das Problem: Aus dem Nachwuchs rücken keine jungen Topstars nach, die es aber für das kraftraubende Spiel des Deutschen bräuchte.
Antikicker wegen Rangnick?
In der heimischen Fußballbranche wird die Nachwuchsflaute gerne Rangnick in die Schuhe geschoben. Seit dieser hier seinen Konzeptfußball implementiert hat, würden Buben im Nachwuchs in Schablonen gepresst, weshalb echte Straßenkicker auf der Strecke blieben, wird immer wieder erzählt. Die Folge: Talente würden zwar lauf- und kampfstark herangezüchtet, aber nicht mehr zu dribbelstarken Superkickern ausgebildet. Die nachkommende Generation habe „leider zehn Jahre gegen den Ball gearbeitet (Pressing trainiert, Anm.), weil uns das gut gemacht hat“, sagt der einstige ÖFB-Star und TV-Experte Andreas Herzog. „Aber das wird jetzt zum Problem, wo wir Spieler in der Offensive bräuchten, die gut in Eins-gegen-Eins-Duellen sind.“
In der Branche kursiert derzeit eine Erzählung von Rangnick, als einem, der Österreichs Kick nachhaltig schadet, wegen eines Spiels, das die Buben durch den Fokus auf Laufen und Kämpfen zu Antikickern verkommen lässt.
Aber diese Erzählung wäre nur dann nachvollziehbar, wenn Österreich vor Rangnick ein Land der Ballzauberer gewesen wäre. So wie Weltmeister Spanien. Oder Brasilien. Also eine Fußballweltmacht, die sich seit Jahrzehnten über fußballerische Brillanz und Superkicker definiert hätte. Doch in Österreich herrschte vor Rangnick nur Stillstand. Und grauenhafte Planlosigkeit. Dribbelkünstler waren im Land auch damals die Ausnahme. Hier dominierten meist brave Arbeiter, keine zaubernden Brasilianer. Rangnicks Fußballidee schien perfekt für ein kleines Fußballland, das in der Regel als Außenseiter auftritt. So konnte Österreich, das in den letzten 70 Jahren nie am Puls der Zeit gewesen war, unerwartet mit Weltnationen mithalten.
Rangnicks Vorgänger Franco Foda erklärte vor wenigen Jahren noch ungeniert Polen (wegen Superstar Robert Lewandowski) zum klaren Favoriten. Auch Israel sah er auf Augenhöhe – und verlor dann 2:5. Rangnick hat sich mit seiner Performance die Latte hochgelegt. Vor dem WM-Sechzehntelfinale gegen nunmehrigen Weltmeister Spanien erklärten mehrere TV-Experten ohne mit der Wimper zu zucken, dass für Österreich tatsächlich eine 50:50-Chance bestehe.
Berechtigte Kritik
Viele derartige Einschätzungen schienen auch von Gehässigkeit getragen. Den Deutschen Rangnick sahen bei seinem Amtsantritt viele in der heimischen Szene als Angriff auf ihre Autorität. Ein Fußballguru, der nur darauf wartet, allen zu zeigen, wie schlecht sie die Sache nicht bislang gemacht haben. „Er glaubt, dass er den Fußball erfunden hat“, murrte etwa Hans Krankl. Und Peter Pacult schimpfte anfangs, dass ihm bei Rangnicks Spielstil „das Kotzen“ käme. Auch deshalb sehen viele gerade den perfekten Zeitpunkt, um ihre Fundamentalkritik hinter vorgehaltener Hand unter die Leute zu bringen – getragen von persönlichen Befindlichkeiten.
Man kann Rangnick vorwerfen, dass er nicht kritisch genug mit dem Stottern seiner Spielweise umgeht – und er sich trügerisch in Zufriedenheit wiegt, bloß gegen WM-Finalisten verloren zu haben. In der Branche liegt man richtig, wenn geunkt wird, dass der Fokus im Nachwuchs mehr auf Straßenkicker-Attribute gelenkt werden muss und die ÖFB-Spielweise eine Weiterentwicklung nötig hat. Rangnick wird in den nächsten Monaten gefordert sein, zu beweisen, dass er mehr erarbeiten kann als ein Pressing, das kaum jemanden noch überrascht. Auf andere Bereiche hat ein Teamchef dagegen kaum Einfluss. Die Talente-Ausbildung wird von den Klubs und vom ÖFB gesteuert, die nicht zum ersten Mal zu spät auf verschlafene Entwicklungen reagieren. Rangnick dagegen versucht die Versäumnisse auszubügeln. Zuletzt hat er die zwei internationalen Top-Talente Paul Wanner und Carney Chukwuemeka, zusammen über 40 Millionen Euro wert, für Österreich an Land gezogen.
Sensationen als Standard
Dennoch stagniere das Nationalteam seit der starken EM 2024, lautet der Vorwurf. Es stimmt, dass Rangnicks Truppe seit damals das einst gefürchtete Pressing – wegen alternder Spieler, einer decodierten Spielweise, etc. – kaum noch auf den Platz bringt. Das Problem: Die Erwartungshaltung ist geblieben. Nun wird von Österreich und Rangnick mehr verlangt, als möglich ist. Sensationen werden als Standard gefordert. Das WM-Aus gegen den amtierenden Europameister Spanien wurde tatsächlich zum Vorwurf umgedeutet. Gegen ein Spanien, dass am Sonntag gegen Argentinien Weltmeister wurde.
Würde noch der Maßstab der Vor-Rangnick-Ära gelten, würden die Erfolge wohl enthusiastisch beklatscht: Von den 23 Partien seit der EM 2024 wurden nur fünf verloren. Es gab ein 5:1 gegen Norwegen, ein 5:1 gegen Ghana. Man spielte erstmals seit 28 Jahren bei einer WM, stieg erstmals seit 44 Jahren in die K.O.-Runde auf. Ein Fußballland „ins Nirwana“ zu führen, stellt man sich dann doch irgendwie anders vor.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Österreich hat unter Teamchef Ralf Rangnick an der EM 2024 teilgenommen und dort die Vorrunde vor Frankreich und den Niederlanden gewonnen. Nun folgte die erste WM-Teilnahme seit 1998 und der erste Vorrunden-Aufstieg seit 1982.
- Der historische WM-Erfolg wird im Land wegen durchwachsener Leistungen kontrovers diskutiert. Auch Rangnicks zunehmend ausrechenbare Spielweise steht dabei in der Kritik. Bei der WM erreichte Österreich einen 3:1-Sieg gegen Jordanien, ein 3:3-Remis gegen Algerien und unterlag den Finalisten Argentinien (0:2) und Spanien (0:3).
- Kritik heimischer Altstars:
- Andreas Herzog: „Zu Beginn der Amtszeit von Rangnick haben wir Spiele gewonnen und er hat noch die Mannschaft kritisiert. In den letzten Spielen sind wir wieder in einer Phase drin, wo wir sagen, es ist eh alles okay. Nein, Argentinien war klar besser als wir, Spanien war klar besser als wir.“
- Für Toni Polster erfüllte sich der allgemeine öffentliche Glaube an eine „superstarke Mannschaft“ nicht. „Wir hätten uns sicherlich alle ein bisserl mehr erhofft.“
- „Das Minimalziel mit dem Erreichen der K.o.-Phase haben wir erreicht“, erklärte Herbert Prohaska. „Sicherlich kann diese Mannschaft besser spielen, als sie es gezeigt hat.“
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