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Zipfl, Mimi, Penis, Vulva: Alles besser als „da unten”

10 Min
Eure Kinder brauchen Namen für ihre Genitalien!
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Was keinen Namen hat, existiert nicht: Die sexuelle Früherziehung bei Kindern ist wichtig fürs Selbstbewusstsein und für die Prävention von Missbrauch.


Babys haben kleine Hände, kleine Füße. Sie haben kleine Popos und kleine Nasen. Was sie aber auch haben, sind kleine Penisse und kleine Vulven. Der Unterschied: Den Genitalbereich benennen Eltern nicht gern. Beim Baby nicht. Beim Kleinkind nicht. Und später auch lieber nicht. Er wird nicht in den Kinderliedern thematisiert. Er ist häufig nur Hihi und schlimmstenfalls tabu. Aber die Wortlosigkeit der Eltern entlässt ihr Kind in Sachen Sexualität schutzlos in die Welt.

Aufklärung beginnt im Idealfall schon ab der Geburt. Da sind sich die Expertinnen für Sexualpädagogik, Gabriele Rothuber und Julia Groinig, einig. Am Wickeltisch erklärt man dem Baby, was gerade passiert. Wo es eingecremt wird. „Da sollte es anfangen, dass darüber gesprochen wird“, sagt Groinig. „Es ist wichtig, dass das Kind mitkriegt: Das ist ein normaler Körperteil wie jeder andere. Der gehört zum Körper und ist es wert, benannt zu werden.“

Was keinen Namen hat, existiert nicht

Davon ist man in den Kinderzimmern heutzutage noch immer weit entfernt. Lieder wie der populäre „Körperteil-Blues“ singen zwar „von Kopf bis Fuß“: Aber nach Hals, Brust, Bauch kommt elegant ein Bogen über „Wackeln mit der Hüfte“. Nachher ist man schon wieder am Bein und Fuß angelangt. Uff, erledigt. Kurve gekriegt, nochmal gutgegangen. Es ist „jugendfrei“ geblieben.

Andere Lieder thematisieren immerhin den Popo – allerdings mit viel „Hihi“. Der in manchen Kinderzimmern auch stellvertretend für alles genannt wird, was in der Windel landet. Aus welchem Loch aber der Urin fließt, darüber herrscht Schweigen. Bloß keine Übersexualisierung. Und so wissen Kleinkinder, wo die Zehen sind, wo der Nabel, und wo die Nase. Aber das, was sie zwischen den Beinen haben – dafür gibt es meist keinen Namen. Was keinen Namen hat, existiert aber nicht. Eltern tabuisieren das oft, weil sie es selbst so erlebt haben. Und Kinder halten Papa und Mama unbewusst den Spiegel vor: Ellbogen ja, Vulva nein. Aufschieben, solang man kann. Das ist aber in mehreren Hinsichten ein Fehler.

„Kleinen Kindern ist das ja überhaupt noch nicht peinlich. Das sagen wir Eltern auch, dass man sich leichter tut, wenn man es schon mit kleinen Kindern bespricht“, sagt Gabriele Rothuber von der Fachstelle Selbstbewusst. „Babys ist es egal, wie wir zu einem Ding sagen: Stuhl, Sessel, Zipfl, Penis.“ Von Beginn an könnten und sollten die korrekten Begriffe verwendet werden. „Wir sagen ja auch nicht, das ist die ‚Patsch-Patsch‘, sondern wir sagen ‚Hand‘.“ Rothuber stellt aber klar: Alle Kosenamen sind erlaubt. Außerdem können Kosenamen und korrekte Begriffe nebeneinander verwendet werden. Hauptsache, es gibt irgendwas, und nicht nur „da unten“. Es braucht Worte, um wissen zu können, wer was mit einem Körperteil machen darf und was nicht. Es braucht Worte, um sagen zu können: „Jemand hat mich am Penis angegriffen.“ Es könne sein, dass sich das Kind bei Übergriffen zusätzlich schämt, wenn es nur kindliche Worte wie Mimi für das Genital kennt, die ein:e Pädagog:in oder Polizist:in vielleicht nicht versteht.

Eine Prinzessin macht sowas nicht

Die Entwicklungspsychologie sagt: Wir wachsen als sexuelle Wesen auf. Lustgefühle entstehen durch den Mund, dann den ganzen Körper, durch das Gehaltenwerden und Getragenwerden. „Das Gefühl, geliebt zu werden, angenommen zu sein. Was bei uns Erwachsenen auch wesentlich ist, und sich vom reinen Begehren unterscheidet“, sagt Groinig. Ab zirka zwei Jahren kommt auch das Spiel mit den Ausscheidungen, Zurückhalten und Loslassen, dazu.

Lustgefühle abseits von „Eiscreme, sofort“ passen nicht in das Bild, das wir von Kindern haben. Und was in der Gesellschaft der Erwachsenen noch nicht aufgearbeitet ist, wird in die Kindererziehung mitgebracht: nämlich das Gefälle zwischen männlicher und weiblicher Sexualität. Während die kindliche Entdeckung des Penis oft mit einem Grinsen der Erwachsenen begleitet wird – „ein Bub halt“, „der fängt ja früh an“ –, wird die Entdeckung der Vulva mit Betreten bis hin zum Entsetzen quittiert. „Was macht sie denn da?“, ruft dann der Jungvater und versteht die Welt nicht mehr, weil sich sein Augenstern heute nicht nur für die Puppen interessiert. Zumindest nicht nur für deren Haare.

„Die weibliche Sexualität wurde jahrhundertelang tabuisiert und die Geschlechterverhältnisse sind auch heute noch patriarchal geprägt. Von ihrer biologischen Ausstattung her haben Mädchen und Frauen genauso viel Lustempfinden, entwickeln Begehren und sind sexuell aktiv.“ Bei Erwachsenen herrscht aber Angst, da etwas zu wecken. Weil man Mädchen besonders schützen will. Aber: „Es ist ein Schutz, wenn sich ein Kind gut kennt. Wenn es weiß, was sich gut anfühlt und was nicht. Und das geht eben auch übers Greifen.“ Da darf es dann nicht heißen: igitt und pfui. „Es ist wichtig, dass Kinder lernen: Sie sind überall okay“, urteilt Groinig. „Vor allem Mädchen lernen leider sehr früh, über ihren Körper und ihr Aussehen bei anderen anzukommen und zu gefallen.“ Schutz bedeutet aber auch, ein Kind im Selbstwert zu stärken.

„Sobald sie des gezielten Greifens mächtig sind, greifen sie an sich dorthin, wo es fein ist“, sagt auch Rothuber. Es mache einen absoluten Unterschied, ob ich als Mutter sage: „Mhm, ist angenehm, oder Iiiieh, ist das eklig, tu die Hände da weg. Da vermittle ich schon ein anderes Körperbild“, erklärt Rothuber. Dass der Morgenkreis im Kindergarten dafür allerdings nicht der passende Rahmen ist, können Kinder lernen, meint die Expertin.

Meine Vulva, deine Vulva, Mamas Vulva, unsere Vulven

Wie sehr die Gesellschaft insbesondere in der weiblichen Sexualerziehung hinterherhinkt, sieht Rothuber regelmäßig bei den Elternabenden in Kleinkinder-Gruppen. Das Wort Vulva kommt aus dem lateinischen, gleichbedeutend mit „Hülle“. Gemeint ist die Gesamtheit der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane, sagt der Duden. Wenn nun bei Workshops das Wort „Vulva“ verwendet wird, dann schauen die meisten Eltern und sagen: „Was? Noch nie gehört. Heißt das nicht anders?“, erzählt Rothuber. Es gäbe aber immer mehr Kindergärten, die in dieser Hinsicht Bildungsarbeit leisten wollen. Und sagen: Das ist das Wort, auf das wir uns geeinigt haben. Da hilft es manchmal, das Wort ganz oft im eigenen Sprachschatz zu verwenden. „Die gute Nachricht ist: Man kann das lernen.“ Jede Person hat ihren eigenen Aufklärungsrucksack mit, sagt Rothuber. Und der wäre bei den meisten aus der eigenen Kindheit nicht so prall gefüllt.

Eltern ist es immer zu früh

Rothuber, deren Fachstelle viele Workshops anbietet, weiß auch nach 18 Jahren im Bereich Aufklärungsarbeit: „Es ist für Eltern immer zu früh. Es hat sich hier nicht merklich etwas geändert. Egal, ob man in der Volksschule oder im Kindergarten mit Begrifflichkeiten beginnt“, erzählt Rothuber. Für Eltern werden Kinder erst zu sexuellen Wesen, wenn sie in der Pubertät sind. „Als hätte man es selbst nicht durchgemacht.“

Klar ist: Die meisten Kinder sind schneller interessiert, als es den Eltern lieb ist – aber nicht nur denen. „Es gibt leider auch beim Fachpersonal große Verunsicherung: Was ist kindliche sexuelle Neugier und wo beginnt ein sexueller Übergriff unter Kindern? Ein normales Anschauen oder Herzeigen kann auch kippen. Wenn es etwa grob wird, oder ein dominantes Kind dabei ist“, erzählt Rothuber.

Wer jetzt einen Knoten im Magen verspürt, und sich denkt, es wird sich schon wer anderer drum kümmern, den will Rothuber wachrütteln: „Kinder kommen unheimlich früh mit Pornografie in Kontakt. Das ist die Aufklärungsquelle Nummer eins. Das klammern junge Eltern aus und schieben es zur Seite.“ Rothuber habe schon ein paar Kindergärten erlebt, in denen Pornografie ein Thema war – aufgrund von älteren Geschwistern.

Es gibt auch Eltern, die in den Workshops sagen: „Also meine Kinder interessiert das ja noch überhaupt nicht.” Denen sagen die Expert:innen von Rothhubers Fachstelle: Im Sinn der Prävention von sexualisierter Gewalt sei es wichtig, dass sie bald Basisinformationen bekommen. Sie könnten und sollten aufgeklärt sein, wie Sex funktioniert, wie Babys entstehen. „Und zwar bevor sie in die Schule eintreten“, sagt Rothuber. Sexualerziehung sei der wichtigste Baustein in der Prävention sexueller Gewalt. Es braucht Information und Sprachfähigkeit.

Wie bleibe ich Ansprechperson?

In Deutschland hat eine große Studie für gesundheitliche Aufklärung gezeigt, dass sich gut aufgeklärte Kinder mit dem ersten Mal Sex viel mehr Zeit lassen. „Weil sie dem Gruppendruck nicht so unterliegen und weil sie ungefähr wissen, was sie erwartet“, sagt Rothuber. Und weil aufgeklärte Kinder, die wissen, was Sex ist, wissen, wo Sex hingehört: zu älteren Jugendlichen und Erwachsenen. „Dann kann mir der Opa, der Onkel oder die große Cousine nicht so schnell einreden, dass das alle so machen.“ Wieso Opas, Onkels und Cousinen? Weil die meisten Missbrauchsfälle aus dem unmittelbaren Umfeld kommen. Übergriffe durch Unbekannte machen nicht einmal fünf Prozent aus. Die Hauptzielgruppe bei Missbrauch sind die 8- bis 12-Jährigen, die zweite Zielgruppe die unter 8-Jährigen.

Rothuber erzählt, ihr Team habe in ihren Aufklärungsworkshops immer wieder Kinder, die sich in Missbrauchs-Dynamiken befinden, gehabt. Wenn man denen erzählt, was ältere Jugendliche und Erwachsene machen, wenn sie sich liebhaben und das wollen, falle bei Kindern oftmals der Groschen: „Was, der Opa darf meinen Penis nicht in den Mund nehmen?“ Woher sollen sie auch wissen, was erlaubt ist und was nicht?

Was für die Sexualerziehung ebenfalls immens wichtig ist: Als Bezugsperson müssen immer Mama und Papa Ansprechperson sein. Sie müssen Fragen beantworten können: Wo kommen die Babys her? Wo raus? Wie rein? Was ist Sex? „Kinder checken ab: Kann ich mit der Person reden?“, sagt Rothuber.

Wenn sie dann vertröstet werden mit: „ Schatzi, du bist noch viel zu klein, frag mich in fünf Jahren”, garantiert Rothuber zwei Dinge: Sie werden nie wieder fragen. Und die Eltern suggerieren auch: Ich kann mit dir nicht über die lustigen Seiten von Sexualität reden. Und wenn es um einen Missbrauch geht, kannst du schon gar nicht zu mir kommen.

„Körper und Körperfunktionen sollten wie jedes andere Thema behandelt werden. Wie wenn man mit Kindern über Dinosaurier oder Ritter redet. So kann man schon mit Babys über den Körper reden.“ Es ist nicht für die Kinder peinlich. Es ist nur für die Eltern schwierig. „Aber ich darf als Elternteil auch sagen: Gute Frage. Ich sag es dir morgen, weil ich mich heute noch informieren muss.“ Eine Sache habe sich in den letzten Jahren zusätzlich verändert: Die Verantwortung für den Kinderschutz liege jetzt bei den Erwachsenen, erzählt Rothuber. Prävention war früher: Die Kinder müssen Nein sagen lernen. Die Kinder müssen am besten Selbstverteidigung lernen, ins Boxtraining gehen. „Das war gut gemeint. Aber wenn ich mich in einer Missbrauchs-Dynamik befinde, und es ist eine Person, die ich liebhabe, dann kann ich 100-mal Nein sagen. Das funktioniert so nicht.“

Deshalb ist es wichtig, dass das pädagogische und erwachsene Umfeld Symptome im Fall von Übergriffen deuten kann, etwa wenn das Kind eine Verhaltensänderung an den Tag legt. Und sich Hilfe beim Kinderschutzzentrum holen.

Rothuber erinnert auch: Wenn ein Kind etwas erzählt, unbedingt Glauben schenken und externe Hilfe holen. Kinder erfinden Übergriffe nicht. Trotzdem wissen die Expert:innen aus Erfahrung: Kinder brauchen fünf bis sieben Anläufe, bis ihnen von einer erwachsenen Person geglaubt wird. Weil wir sowas nicht wahrhaben wollen. Und die Spirale der Sprachlosigkeit weiterführen. Was nicht benannt wird, existiert auch hier nicht.


Infos und Quellen

Genese

WZ-Redakteurin Konstanze Walther hat in ihrem Umfeld viel Hihi und Oh Gott beim Umgang mit Genitalien der Kleinkinder erlebt. Um den Königsweg zu finden, hat sie Expertinnen befragt.

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