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Homophobie-Skandal: Gelingt Rapid Wien die Resozialisierung?

8 Min
Das Rapid Logo in den LGBTQ+ Farben eingefärbt.
Wer den Mund zu voll nimmt, muss auch für die Konsequenzen geradestehen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: SK Rapid Wien, Adobe Stock

Rapid-Angestellte lösten mit schwulenfeindlichen Gesängen einen Skandal aus – auch der CEO entgleiste. Der Klub gelobt Besserung, wähnt sich aber zugleich als Opfer. Kann ein Kulturwandel gelingen? Eine Spurensuche.


Der Rapid-Präsident wirkt angespannt. Etwas blass, nervöser Blick, er nestelt an seiner Brille, am Sakko, schnell noch ein Schluck Wasser. Zwölf Kameras stehen im Presseraum des Allianz-Stadions. Sogar die ZIB 2 berichtet. Alexander Wrabetz, einst ORF-Chef und nun Rapid-Präsident, betont, dass das alles gerade „eine besondere Herausforderung“ sei. Erst habe man einen „historischen Sieg errungen“, diesen „gebührend gefeiert“ – doch dann ging „etwas Gravierendes schief“. Am Tag nach dem 3:0 gegen den Erzrivalen Austria Wien tauchten mehrere Videos auf, die auch der WZ zugespielt wurden. Darauf zu sehen: grün-weiße Führungskräfte, wie sie in ein Megafon brüllen. CEO Steffen Hofmann trauert dabei süffisant der Chance nach, „die Oaschlöcher so richtig abzuschießen“. In einem anderen Clip singen Starkicker und Co-Trainer: „Wir sind keine oaschwoamen Veilchen“. Sprich: Wir sind keine schwulen Austrianer. Der Derbysieg ist kein Thema mehr. Sogar die Bild berichtet. Sponsoren machen Druck, die Bundesliga ebenso – Sportminister Werner Kogler poltert: „Mir reichts!“

Rapid Wien, 125 Jahre alt, Rekordmeister, Fanmagnet, eine Fußballgröße – nun gilt man als schwulenfeindlich. Aus dem Fan-Block kommen seit jeher derbe Gesänge. Und nun auch noch von Spielern und Spitzenfunktionären. Die Klub-Bosse erkennen den Ernst der Lage, bitten um Entschuldigung, geloben Besserung, wollen in eine Vorbild-Rolle schlüpfen. Doch gleichzeitig wähnt man sich als Opfer. Kann so ein Kulturwandel gelingen?

„Schwuler FAK vs. „Rapid verrecke“

Kurz erklärt: Bei Rapid geht es seit jeher rustikal zu. Es gibt Platzstürme und Fanfehden. Böllerwürfe und Raketenduelle. 2022 kaperten Fans den VIP-Klub und drängten die Klubbosse zum Rücktritt. Schmähgesänge? Sie kosten hier bloß ein müdes Lächeln. Es gibt Videos, auf denen Spieler und Trainer „Favoriten ist der größte Huansbezirk“ trällern. Dazu wird fröhlich geklatscht, als besinge Hansi Hinterseer eine heile Welt. Nun ja: Sportplätze sind keine Yogarunden. Gefragt sind Muskeln, keine Memmen. Schon Kinder lernen schnell die wichtigsten Vokabeln. Ein schwacher Pass: schwul. Ein lascher Zweikampf: schwul. „Schwuler FAK“, tönen Rapid-Fans. „Rapid verrecke“, schreien Austrianer.

Klubs reden sich gern raus: Die Übeltäter könne man im Fanblock schwer ausforschen, heißt es. Nun aber tragen sie prominente Gesichter. Kapitän Guido Burgstaller ist Teamspieler, Marco Grüll ein aufstrebender Star, CEO Hofmann wird als Fußballgott verehrt. Wie sollen sich Fans mäßigen, wenn es selbst die Stars nicht tun? Hofmann käme eigentlich eine Vorbildrolle zu.

Ein Foto von Steffen Hoffmann während eines Spiels im Allianz Stadion.
Steffen Hofmann sollte ein positives Vorbild sein – da muss er wohl noch dazulernen.
© Fotocredit: Florian Schroetter / EXPA / picturedesk.com

Er, der beste Rapid-Spieler der letzten Jahrzehnte, gilt als Idol und Vertrauensmann des Hardcore-Anhangs. Doch im Klub herrscht ein besonderes Machtgefüge. Erst durch die Fan-Revolte gegen die eigenen Bosse im Jahr 2022 stieg Hofmann vom Assistenten zum gut bezahlten CEO auf. Von Gnaden des Anhangs. Mit dem „Oaschlöcher“-Sager, so heißt es, wollte er jenen, die ihn nach oben hievten, gefallen. Und beschädigte Rapid.

Seine „unpassenden“ Worte seien „nicht für die Öffentlichkeit bestimmt“ gewesen, räumte er ein. Und Präsident Wrabetz sprach von einer internen Feier. Das klang, als wäre die Veröffentlichung das Problem – nicht die Tat. Auch in Fankreisen kursierte schnell die Frage: Wer hat da gefilmt? Hofmann rief bei der Austria an, bat um Entschuldigung. Wrabetz sprach von interner Aufarbeitung – verhängte aber keine Geldstrafen oder Sanktionen. Sportminister Kogler war das alles zu wenig, er kritisierte die „Sonntagsreden“ und rief Rapid-Sponsoren in die Pflicht. Die machten prompt Druck. Der Auto-Sponsor MVC Motors kündigte die Partnerschaft. Hauptsponsor Wien Energie (im Eigentum der Stadt Wien, die sich als „Regenbogenhauptstadt“ verkauft) forderte „konkrete Maßnahmen“.

Rapid in der Opferrolle

„Unsere großen Sponsoren haben sehr, sehr intensiv gefragt, was wir zu tun gedenken“, verriet Wrabetz. Der Klub berief flugs eine Pressekonferenz ein, um „einen Maßnahmenkatalog“ vorzustellen. Doch dann verschob sich der Fokus. Die Bundesliga hatte Rapid am Vorabend empfindliche Strafen aufgebrummt: Funktionssperren für CEO und Co-Trainer, Spielsperren für die Kicker. Rapid fühlte sich benachteiligt, witterte ein Symbolurteil. Wrabetz beklagte nun die harte Strafe, kündigte einen Protest an – und betonte: Die Spieler hätten zwar „einen homophoben Gesang mitgemacht, aber keine homophobe Einstellung“. Auch in der Fanszene, „der besten in ganz Österreich“, gebe es „keine homophoben Aktivitäten“. Dazu rügte er den Sportminister. Dieser solle dafür sorgen, „dass Geld in den Sport kommt“ anstatt Sponsoren aufzuhussen. Nach einem klärenden Gespräch habe dieser immerhin „nichts mehr gesagt, ich hoffe, es bleibt dabei“.

Eine Frau muss helfen

Eine Frau versucht, dem Männerverein aus der Patsche zu helfen: Rapid-Vizepräsidentin Edeltraud Hanappi-Egger, Ex-WU-Rektorin und nun Professorin für Gender und Diversität in Organisationen. Sie hätte den rustikalen Klub gern längst sensibilisiert. Doch der hatte stets andere Sorgen: kein Erfolg, kein Geld, Zores an allen Ecken. Nun durfte sie endlich ran. Und präsentierte einen 10-Punkte-Plan. Die Übeltäter müssen verpflichtend (und aus eigener Tasche bezahlt) an Sensibilisierungsschulungen teilnehmen. Der Posten eines Diversitätsbeauftragten soll geschaffen, Arbeitsverträge verschärft, im Nachwuchs angesetzt und liberale Faninitiativen prämiert werden. Dazu ist eine Studie zum Umgang mit Homophobie im Fußball geplant. Rapidler sollen „zu Botschaftern gegen Homophobie, Sexismus und Diskriminierung“ werden, heißt es.

„Diesen linksversifften Kurs können sie sich einmargarieren“

Kann das Maßnahmen-Bündel einen Kulturwandel einleiten? Als sich Kapitän Burgstaller zuletzt auf der Stadion-Videowall entschuldigte, kamen Pfiffe aus dem Block West. Auf der Tribüne nebenan wurde aber auch eine Regenbogenfahne gehisst. Es gibt Fans, die nicht mehr ins Stadion gehen, wegen des Schwulen-Singsang. Aber auch welche, die sich am geplanten Regenbogen-Kurs stören. Einer erzählt der WZ, dass er nach 30 Jahren sein Abo im Block West zurückgelegt habe – ebenso wie viele seiner Freunde. „Diesen linksversifften Kurs können sie sich einmargarieren“, erklärt er. „Ich schaue mir das nicht mehr an. Auf dem Fußballplatz will ich Emotionen. Aber jetzt sagen NGOs dem Klub, was zu tun ist.“ Insider bezweifeln, dass führende Fangruppen umdenken. Sie befürchten gar eine „Jetzt-erst-recht“-Mentalität. Immerhin: Auf einem Flugblatt des Fanklubs „Tornados“ heißt es: Der Block West könne sich „allmählich die Frage stellen, wie zeitgemäß homophobe Lieder noch sind“. Aktuell sei man damit „eine der letzten zurückgebliebenen Kurven, die sich damit lächerlich macht“.

Neue „Dialogformate“ mit der Fanszene

Rapid setzt seit jeher auf Gespräche mit der Fanszene. Nun wolle man „neue Dialogformate“ entwickeln, heißt es auf WZ-Nachfrage. Das Ziel: Bewusstsein schaffen – aber niemanden strafen. Das sei auch gar nicht möglich, heißt es. Wer wo welche Lieder singe? Schwer zu eruieren. „Von heute auf morgen wird sich das nicht ändern“, erklärt der Klub gegenüber der WZ. „Man kann nur schauen, dass es leiser wird und irgendwann gar nicht mehr vorkommt.“ Warum selbst die ausgeforschten Rapid-Angestellten vom Klub nicht sanktioniert wurden? Wrabetz sprach erst von „keinen weiteren Maßnahmen“. Nun heißt es auf WZ-Nachfrage, dass Sanktionen durchaus noch möglich seien. Die Spieler könnten eine Geldstrafe erhalten. CEO Hofmann hingegen nicht – ihm sei ein derbes Schimpfwort entglitten, aber nichts Schwulenfeindliches.

Bösewicht Rangnick und die Sau im Dorf

Wer sich dieser Tage bei Rapid umhört, bemerkt einen alten Reflex: die Opferrolle. Böse sind: die Medien, der Sportminister, die Bundesliga. Und: Teamchef Ralf Rangnick. Dieser hat die singenden Rapid-Kicker nicht ins Nationalteam berufen und öffentlich gerügt. „Das ist etwas, das ich in einer Mannschaft, wo ich Trainer bin, nicht tolerieren werde“, erklärte der Deutsche. Er erwarte nicht bloß „Lippenbekenntnisse“. Sondern: „Dass sich die Jungs mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen, und verstehen, was es für Menschen bedeutet, wenn sie auf so eine Art und Weise öffentlich beleidigt und diskriminiert werden.“ Einerseits wurden die Worte gefeiert, im Rapid-Umfeld aber kritisiert: Rangnick befeuere einen „Hängt-sie-höher“-Reflex, heißt es. „Irgendwann ist auch mal gut“, beklagte Rapid-Trainer Robert Klauß. „Die Sau wurde nun genug durchs Dorf getrieben.“

Die Probleme werden nicht weniger

Wo man bei Rapid recht hat: Es gibt eine Empörungskultur, die über alles drüberbraust – ohne Differenzierung. Aber: Rapids Opferrolle hat ebenso System. Die WZ hätte gern mit Präsident Wrabetz und CEO Hofmann über das alles gesprochen. Der Klub aber verweist darauf, dass alles gesagt sei. Die Botschaft: Kulturwandel einläuten – und zum Vorbild für Fußball-Österreich werden. Man wolle nun auch die Klub-Führungskräfte schulen. Und: Der hauseigene Ethik-Rat soll Sanktionen für Mitarbeiter ertüfteln, die sich trotz allem nicht benehmen können. Die federführende Vizepräsidentin Hanappi-Egger kann den Prozess aber nur aus der Ferne begleiten – sie weilt beruflich ein Jahr in Griechenland. Die Männer sind auf sich gestellt. Und die Probleme werden nicht weniger.

Beim Derby waren Rapid-Fans über den Platz spaziert – um sich für einen Feuerwerkskörper aus dem Austria-Sektor mit einer Rakete zu revanchieren. CEO Hofmann wollte sie aufhalten, scheiterte aber und erklärte später, dass ihn die Provokation aus dem Austria-Lager zu seinem „Oaschlöcher“-Sager getrieben hätte. Rapid (das auf Bewährung wandelte) erhielt nun auch für die Pyro-Tat eine saftige Strafe: Punkteabzug. Bei der Liga trudelte, laut WZ-Infos, eine dreistellige Zahl an Beschwerde- und Hassmails ein. Dazu tauchte jüngst ein Steckbrief im Wildwest-Stil auf, der die Mitglieder des Bundesliga-Strafsenats zeigt. Die Botschaft: „Totengräber des Volkssports. Wegen des Komplotts gegen den SK Rapid werden folgende Personen gesucht“. Am Abend erklärte CEO Hofmann via Sky: „Jeder Rapid-Fan weiß jetzt, was geht – und was nicht mehr geht.“ Kurz darauf tönte es aus dem Block: „Scheiß Bundesliga.“ „Rangnick, du Oaschloch.“ Auf Transparenten stand: „Bundesliga und ÖFB. Steckts eich eichere Doppelmoral in Oasch“. Und für Journalisten wurde gefordert: „Hausverbot jetzt!“ Ein wenig wirkt es so: fluchende Väter, fluchende Kinder. Hofmanns schulterzuckender Ansatz: „Dann müssen wir halt wieder Gespräche führen, sensibilisieren und als gute Beispiele vorangehen.“