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Nach dem Grazer Amoklauf: Ein Überlebender erzählt

8 Min
Sam Askari hat den Amoklauf am BORG Dreierschützengasse überlebt.
© Illustration: WZ, Bildquelle: edition a Verlag

Sam Askari überlebte den Amoklauf am Grazer BORG Dreierschützengasse. Neun Monate später erzählt der 16-Jährige, wie er mit Rap, Hoffnung und großen Träumen zurück ins Leben findet.


Dieser Artikel behandelt Gewalt und Tod. Der Inhalt kann belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte lies nur weiter, wenn du dich emotional sicher fühlst. Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.

„Vielleicht werde ich jetzt sterben“, denkt Sam Askari. Er ist 16 Jahre alt, liegt neben seinem Tisch im Klassenzimmer, die Arme auf dem Boden überkreuzt, die Stirn auf den Armen abgelegt. Er hört die Schritte des Mannes mit der Pistole. Wie „ein Monster aus einem Computerspiel“, wird Sam Askari den Amokläufer später beschreiben. Schwarze Handschuhe, schwarze Stiefel, schwarze Brille. Es ist der 10. Juni 2025, in Graz.

Sam denkt daran, dass er als Rapper noch so viel vorhat. An Songs, Bühnen, an ein Leben voller Musik. Er denkt, dass er zu jung ist, um jetzt zu sterben. Dass seine Eltern nicht wegen ihm traurig sein sollen. Am Vortag war er noch mit ihnen in München gewesen, in der Pause hat er seinen Freund:innen stolz die Fotos vom Ausflug gezeigt. Sam denkt an Gott – an den er eigentlich nie so wirklich denkt, aber jetzt schon. Und er denkt an die angebissene Wurstsemmel in seinem Rucksack: „Warum habe ich sie nicht aufgegessen?“ Nur einen Bissen mehr hätte er gerne gehabt. Dann denkt er, dass Sterben vielleicht so ist wie Einschlafen. Also dreht er den Kopf zur Seite, seine übliche Schlafposition. Dann plötzlich „das grelle, schmerzhafte Weiß“.

Ein Traum im Koma

Die Kugel trifft Sam Askari in den Kiefer. Weil er seitlich liegt, verfehlt sie seinen Schädel. Sam bleibt bei Bewusstsein. „Ich wollte wach bleiben“, erinnert er sich. Er habe daran gedacht, dass er seinen Namen sagen muss, damit die Leute wissen, wer er ist. Damit sie ihn nicht für tot halten. Und er wollte wach bleiben, um anderen vielleicht noch helfen zu können. „Aber ich habe es leider nicht geschafft, jemandem zu helfen, weil ich selber eigentlich Hilfe brauchte“, sagt Sam heute, neun Monate nach dem Amoklauf am BORG Dreierschützengasse. Dort ermordete ein 21-jähriger ehemaliger Schüler zehn Menschen, bevor er sich selbst das Leben nahm. Das jüngste Opfer war 14 Jahre alt. Elf weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Einer von ihnen ist Sam Askari.

Zwei Tage lang lag er im Koma. In dieser Zeit träumte er. Vom Schachspielen. „Ich habe von Garri Kasparow geträumt, einem der besten Schachspieler auf der ganzen Welt. Und ich habe gegen ihn gewonnen.“ Sam lacht, wenn er das erzählt. Für ihn hat der Traum eine Bedeutung: „Ich glaube, das heißt: Dass ich noch viel besser sein kann und noch viel mehr draufhabe, als ich jetzt denke.“

Neun Monate später

Sam Askari hat den Amoklauf am BORG Dreierschützengasse überlebt. An diesem Montag neun Monate danach schlendert er durch die Grazer Innenstadt, mit den schwarzen Kopfhörern auf den Ohren. Daraus tönt oft sein Lieblingssong: „The Real Slim Shady“ von Eminem. Wegen seines Lieblingsrappers hatte sich der 16-Jährige sogar die Haare blond gefärbt, heute sind noch die hellen Spitzen sichtbar. Sam Askari hat beschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er will seine Geschichte erzählen, Mut machen. „Ich will versuchen, ein gutes Vorbild für andere in meinem Alter zu sein.“ Das hat er auch in einem Buch niedergeschrieben, das gerade erschienen ist.

Seine Geschichte, das ist nicht nur der Amoklauf, betont Sam. 2023 ist er mit seinen Eltern aus dem Iran nach Graz gekommen. Seinem Vater war eine Stelle als Ingenieur angeboten worden. Als Teenager fiel ihm der Umzug in ein neues Land nicht leicht. Es brauchte ein bisschen, bis er Anschluss fand. Seine Musik half ihm dabei. Aus dem Iran hat Sam seine Songtexte mitgenommen. Zuerst waren es Gedichte auf Persisch, inspiriert von jenen, die ihm seine Großmutter gezeigt hatte. „Als ich selbst angefangen habe, Poesie zu schreiben, hat mich meine Großmutter unterstützt und gesagt, dass ich das gut mache.“ Sein Lieblingsgedicht auf Persisch übersetzt er so: Woher bin ich gekommen? Wieso bin ich gekommen? Und wohin werde ich gehen?

Der Rapper

Aus den Gedichten wurden Songtexte, aus den Texten wurden erste eigene Songs. Bald war Sam – Künstlername Samiko – in der Schule als „der Rapper“ bekannt. In ihm wächst ein Traum: Richtig groß werden. Er denkt an seinen Lieblingsrapper: „Eminem hat mit nichts angefangen. Er hatte kein Geld, kein gutes Zuhause. Wenn er von nichts dorthin gekommen ist, wo er jetzt ist, ja, dann schaffe ich das auch.“

Kurz nachdem er aus dem Koma aufwacht, begann Sam noch im Krankenhaus, an einem neuen Song zu schreiben. Mehrmals wurde er operiert. Er musste neu lernen, zu essen und zu sprechen. Trotzdem stand er schon einen Monat und 15 Tage nach dem Amoklauf im Aufnahmestudio. „Ich konnte meinen Mund nur eineinhalb Zentimeter weit öffnen“, erzählt er. Aber er wollte den Song aufnehmen, den er im Krankenhaus geschrieben hatte. „Ich habe mir gesagt: Jetzt ist die Zeit dafür. Ich werde in ein paar Monaten nicht mehr das gleiche Gefühl haben, das ich jetzt habe. Ich habe recht gehabt. Man hört heraus, dass ich viel gekämpft habe und dass ich noch viel kämpfen will für meine Zukunft.“

Gerade arbeitet Sam an einem Musikvideo. Spätestens im Juli soll der Song erscheinen. Sein Leben besteht derzeit aus einigen Auftritten auf der Bühne, aus Schule, die „eben Schule“ ist – Sam habe manchmal Schwierigkeiten mit den Noten – und außerdem trainiert er viel im Fitnessstudio.

„Manchmal denke ich viel zu viel“

Über manches will Sam Askari nicht sprechen. Zum Beispiel darüber, dass neun seiner Mitschüler:innen und seine Englischlehrerin tot sind. „Manchmal denke ich viel zu viel, mein Kopf ist voll. Ich denke mir, das war einfach etwas, was nicht passieren sollte und ich war mittendrin.“ Die Gräber seiner Freund:innen hat er noch nicht besucht. „Ich bin noch nicht bereit dafür.“ Aber eines Tages werde er hingehen. Vielleicht mit anderen gemeinsam.

Für den Amokläufer hat Sam nur wenige Worte: „Egal wie wütend ich wäre – ich würde niemals entscheiden, ob ein anderer Mensch leben darf oder nicht.“ Und er sagt: „Dieser Tag hat mich verändert, aber nicht zum Schlechteren. Das ist ein Sieg, den ich diesem Mörder nicht gewähren möchte.“

Wenn vieles falsch läuft

Während Sam noch im Krankenhaus liegt, ist der Medienrummel in vollem Gange – inklusive unsensibler Berichterstattung, unwahrer Nachrichten und gefährlicher Behauptungen. Vieles sei „da falsch gelaufen“, sagt Sam. In manchen Artikeln wird fälschlicherweise geschrieben, seine Familie sei aus dem Iran geflüchtet und halte sich illegal in Österreich auf. „Das war ein Schock.“ Auch Fotos von Betroffenen seien veröffentlicht worden, ohne dass sie zugestimmt hätten. „Die Medien sollten echt aufpassen.“ Der Amoklauf sei keine Sensation, kein Witz. Sam wünscht sich, dass der 10. Juni niemals vergessen wird. Vonseiten der Politik und der Gesellschaft fordert er: „Man sollte alles dafür tun, dass das nicht mehr passiert.“

Der 16-Jährige ist seit dem Amoklauf in psychologischer Betreuung. „Ich finde, jeder Mensch sollte Therapie machen, das hilft sehr viel.“ Wenn Sam spricht, fährt er sich manchmal übers Gesicht. Über die kleine Narbe rechts neben seiner Nase – dort, wo die Kugel ausgetreten ist. Noch heute kann er die rechte Hälfte seines Gesichts weniger bewegen als die linke. „Ich kann es nicht ändern“, sagt er. „Ich bin einfach dankbar. Es ist etwas Schlimmes passiert. Aber jetzt bin ich hier, am Leben.“

Die Musik helfe ihm am meisten beim Verarbeiten. „Wenn ich rappe, kann ich alle meine Gedanken und auch meine Aggressionen rauslassen. Wenn ich auftrete und auf der Bühne bin, dann hören mir die Leute zu.“ Das fühle sich gut an. „Und wenn sie dann auch einen guten Vibe bekommen und mittanzen ... Das will ich bis ans Ende meines Lebens machen.“ Anders als vielleicht andere in seinem Alter weiß er genau was er will. Ein erfolgreicher Rapper werden, sich selbst „challengen“ und als Mensch immer besser werden.

In seinen Songtexten rappt Sam Askari von Frieden, von Gott, vom Kämpfen. In seinem neuen Song heißt es etwa:

Just want peace

Nelson Mandela

It’s time to feel

like Nikola Tesla

Cuz 3 6 9

In my life

helped me out of fights

That’s why I’m alive


Und:


Dreams so loud, they need a caption

No time left, we all in my passion

I got shot, yeah.

But the pain made me a legend


Die Wurstsemmel und die Hoffnung

Sams große Hoffnung ist, dass alle Menschen verstehen, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Geld oder Macht. „Manchmal ist alles, was wir brauchen, Liebe zu zeigen und Freundschaft zu halten“. Für seine Heimat Iran hofft er, dass das Land „endlich mehr Freiheit bekommt“.

Die angebissene Wurstsemmel aus seinem Rucksack am Tag des Amoklaufs hat Sam Askari nicht vergessen. „Ich esse jede Wurstsemmel jetzt immer gleich auf.“ Für ihn ist sie eine Erinnerung daran, wie schnell sich alles ändern kann. „Wenn du etwas machen willst, dann fang heute damit an. Was mir wirklich klar geworden ist: Es gibt vielleicht keinen nächsten Tag. Ich warte nicht mehr, ich mache.“

Falls du Sorgen oder Ängste hast, hier ein paar Kontakte:

Rat auf Draht: Tel.: 147.

Telefonseelsorge: Tel.: 142 (Notruf), täglich 0–24 Uhr

Telefon-, E-Mail- und Chat-Beratung für Menschen in schwierigen Lebenssituationen oder Krisenzeiten.

Online unter www.telefonseelsorge.at.

Frauenhelpline: Tel.: 0800 222 555

Die Frauenhelpline gegen Gewalt bietet rund um die Uhr Informationen, Hilfestellungen, Entlastung und Stärkung.

Männernotruf: Tel.: 0800 246 247

Der Männernotruf bietet Männern in Krisen- und Gewaltsituationen österreichweit rund um die Uhr eine erste Ansprechstelle.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

Sam Askari (16), Überlebender des Amoklaufs am BORG Dreierschützengasse in Graz

Daten und Fakten

  • Am Dienstag, dem 10. Juni 2025, gab es in Graz einen Amoklauf am BORG in der Dreierschützengasse mit elf Toten und elf Verletzten. Ein 21-jähriger ehemaliger Schüler, tötete mit legal besessenen Schusswaffen neun Jugendliche, eine Lehrerin und dann sich selbst. Der Amoklauf gilt als beispiellos für Österreich. Als Folge wurde das Waffengesetz verschärft. Im Zuge der Berichterstattung gab es heftige Diskussionen, wie Medien mit Tragödien wie diesen umgehen.
  • Sam Askari kam 2023 gemeinsam mit seinen Eltern aus dem Iran nach Österreich, nachdem sein Vater hier eine Stelle als Ingenieur angenommen hatte. Die Familie wohnt nur wenige Gehminuten vom BORG Dreierschützengasse in Graz entfernt. Am 10. Juni 2025 wurde Sam bei einem Amoklauf von einem Täter in den Kopf geschossen und lag anschließend zwei Tage im Koma. Sam, der davon träumt, Musiker zu werden, verarbeitet seine Erlebnisse unter anderem in seinen Songs und in einem neuen Buch namens „Graz, 10. Juni 2025“ (edition a).

Quellen

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