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In der Popkultur-Kritik gibt es heutzutage keine Verrisse mehr, finden manche. Ist es wirklich Usus geworden, Popstars den Hintern zu küssen, oder ist das alles Teil einer snobistischen Erzählung, die Pop-Fans nichts zutraut?
Ist Popkritik tot? Diese Frage stellte das Magazin der Freitag kürzlich in einem Text, der für kontroverse Reaktionen sorgte. Man dürfe heutzutage keine Verrisse mehr schreiben, weil beleidigte Fan-Gefühle und der allgemein verbreitete „Poptimismus“ dazu führen würden, dass Kritik an Taylor Swift & Co. Hass gegenüber den Verfasser:innen zur Folge hätte. Erstmal vorweg: Ja, das passiert und ist ohne Zweifel völlig daneben und problematisch. Das soll aber in dieser Kolumne nicht das Thema sein. Ich würde gerne auf den Vorwurf blicken, dass „Poptimismus“ schlecht für die Popkulturkritik ist.
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Poptimist:innen als blinde Mainstream-Schäfchen
Seit den 2010ern habe sich an der Art und Weise, wie Mainstream besprochen wird, etwas geändert, so der Freitag: Während Taylor Swift, Harry Styles oder Sabrina Carpenter früher gar nicht besprochen – oder wenn, dann verrissen – wurden, würden sie heute überwiegend positiv beurteilt, heißt es da. Superstars wie die oben genannten abzulehnen, werde von den Poptimist:innen direkt als „snobistisch“ abgetan.
Die Kritik am Poptimismus beschränkt sich nicht nur auf diesen einen Freitag-Text. Als Popkulturjournalistin, die Mainstream nicht automatisch ablehnt, und nicht von Verriss zu Verriss lebt, bin ich mit diesem Mindset immer wieder konfrontiert. Ältere Journalist:innen (wobei, eher Journalisten), Facebook-Kommentarspalten-Boomer und andere Foren-Poster sind sich sicher, dass die „jungen Frauen“ alles blind feiern und im Popkulturjournalismus ohnehin nur noch ein Superstar- und somit Millionär:innen-Hintern nach dem anderen geküsst wird.
Erstmal: Soweit ich mich erinnern kann, wurde Taylor Swifts Album „The Life of a Showgirl“ nicht besonders positiv besprochen, genauso wie ihr aktuelles politisches Schweigen, das täglich lauter zu werden scheint. Harry Styles’ jüngste Single ist zwar gerade unausweichlich präsent, aber erntete auch gemischte Reaktionen. Und Sabrina Carpenters Albumcover zu „Man’s Best Friend“ wurde mehr als nur kritisiert – es wurde für den Niedergang des modernen Feminismus verantwortlich gemacht. All das sind berechtigte Takes, die man aber auch äußern kann, ohne Pop als Ganzes zu Trash zu erklären.
Rockismus vs. Poptimismus
Um den Kern dieser Debatte zu verstehen, braucht es vielleicht eine kurze Erklärung, was unter „Poptimismus“ überhaupt zu verstehen ist: Erstmal gab es da den „Rockismus“, der die Einstellung beschreibt, dass Rockmusik automatisch authentisch, echt und handgemacht, also besser ist. Das impliziert, dass Pop oberflächliche Konserven-Musik ohne Message ist, ein „Guilty Pleasure“ eben. Diese Sicht der Dinge bestimmte den Musik-Diskurs lange – und führte zur Entstehung des „Poptimismus“, der sich als Gegenbewegung dazu definiert.
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Anstoß war also, mit der Vorverurteilung von Pop aufzuräumen – und nicht zum verlängerten PR-Arm von Popstars zu werden. Diese Verwechslung besteht bis heute in den Köpfen vieler, aber: Nur weil ich mit Wertschätzung über die Kunst von einem Popstar wie Zara Larsson spreche, kann ich ihr nächstes Album trotzdem kritisieren, wenn angebracht. Traut uns Poptimist:innen das doch ruhig mal zu.
Pop ist mehr als „Mädchenkram“
Auch eine wichtige Rolle in dieser Debatte spielt die Tatsache, dass Popmusik oft (natürlich nicht immer) von Frauen für Frauen, Mädchen und queere Menschen gemacht wird. Im Gegensatz dazu ist Kulturkritik oft vom Male Gaze geprägt und wertet genau deshalb diese Inhalte so gerne als „Mädchenkram“ ab.
Dass sich die Art, wie Popkultur besprochen wird, ändert, ist aus mehreren Gründen gut: Weil sie Fans ernst nimmt und Mädchen in ihren Kinderzimmern das Gefühl gibt, dass sie keine „hysterischen Girlies“ sind, sondern ernstzunehmende Musikbegeisterte, deren Interessen es verdient haben, mit Respekt behandelt zu werden.
Und weil sie Menschen, die keine alten, weißen Hetero-Männer sind, ermutigt, sich in diesem Bereich auszudrücken, TikToks mit Pop-Analysen zu posten oder Popkultur-Journalist:innen zu werden. Dass diese alte Schule erbost ist, wenn sie merkt, dass ihr Modus Operandi nicht mehr angesagt ist, ist klar. Und das ist auch gut so.
Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.
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