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„Ich habe einen Gottkomplex“: Ein Samenspender erzählt

6 Min
Der Samen als Geschenk, das etwas schafft und möglich macht.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Viktor hat drei Kinder als Ehemann und drei weitere als Samenspender – seine Frau weiß davon nichts.


    • Viktor (Name geändert) ist verheiratet, hat drei eigene Kinder und drei weitere als Samenspender, seine Frau weiß nichts davon.
    • Er spendet seit zehn Jahren privat Samen, bevorzugt "natürliche Methode", rechtliche Unsicherheiten bestehen weiterhin.
    • Hauptmotiv für Samenspende ist laut Studie von Magdalena Flatscher-Thöni die Weitergabe der eigenen Gene.
    • Die private Samenspende ist in Österreich erst seit 2023 gesetzlich geregelt.
    • Die Eizellenspende ist in Österreich seit 2015 erlaubt.
    • In Österreich ist eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung nur in einer Ehe, in einer eingetragenen Partnerschaft oder in einer Lebensgemeinschaft zulässig.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Dieses Gefühl, zu ermöglichen, dass die Frau schwanger wird – das ist ein gutes Gefühl“, sagt Viktor*. Er ist Samenspender, und ich habe ihn über eine deutsche Online-Spermabörse kontaktiert. Nun sitze ich ihm im Kaffeehaus gegenüber. Und warum genau ist das ein gutes Gefühl, frage ich ihn? „Ich habe einen Gottkomplex“, meint Viktor nach kurzem Nachdenken, während er seine schwarzen Locken aus dem Gesicht streicht. „Ich bin derjenige, der etwas ermöglicht, etwas schöpft und in die Welt setzt – der etwas Gutes tut.“

Seine Frau weiß davon nichts. Viktor ist verheiratet und hat drei Kinder im Teenageralter. Drei weitere hat er als Samenspender. Diese biologischen Kinder, wie er sie nennt, sind jünger und gehen erst in den Kindergarten beziehungsweise in die Volksschule. Nur eines von diesen, den Ältesten, habe er schon einmal getroffen, erzählt er: „Er war damals sechs und wollte mich unbedingt kennenlernen.“ Gefühlt habe er bei dem Treffen nichts. „Ich habe hier keine Vaterrolle, und es war ein bisschen unangenehm für alle – also für die Mama, den Buben und für mich.“ Letztendlich sei der Sechsjährige aber beruhigt gewesen, nicht nur ein Bild von seinem biologischen Vater zu kennen.

Verantwortung ohne Vaterrolle

Denn grundsätzlich möchte Viktor schon mit den Müttern in Kontakt bleiben, regelmäßige Updates und Fotos bekommen, und auch in Notfällen zur Verfügung stehen. „Das sehe ich als meine Verantwortung.“ Obwohl er die Vaterschaft nie offiziell anerkennt, sei es freilich immer möglich, dass eine der Mütter einen Gentest durchführen lässt und ihn auf Unterhalt klagt. Deshalb schreibe er mit den Frauen der Börse immer länger, bevor es zum ersten Treffen kommt, sagt Viktor und tippt auf eines seiner beiden Handys, die auf dem Kaffeehaustisch liegen.

Angst, dass seine Frau einmal etwas merkt, habe er nicht: Durch seinen Job als Manager einer großen Firma sei er oft auf Reisen und könne das gut verbinden. Auch die Gefahr, dass seine drei Töchter seine biologischen Kinder daten, sehe er derzeit nicht: Letztere sind ebenfalls zwei Töchter und nur ein Bub.

Gentests und Spermiogramm

Seit 20 Jahren ist Viktor verheiratet. Seit zehn Jahren ist er als Samenspender aktiv. Insgesamt circa 30 Frauen habe er in dieser Zeit getroffen und sei dafür in andere Bundesländer Österreichs, nach Deutschland, in die Schweiz, nach Frankreich und Italien gefahren. Immer mit Gesundheitszeugnissen zum Beispiel über einen negativen HIV-Test, Gentests und einem Spermiogramm im Gepäck. Einige Interessierte habe er aber abgelehnt, „wenn die ersten Gespräche gezeigt haben, dass die Chemie einfach nicht passt“.

Dass eine Frau schwanger wird, sei ein Prozess von etwa sechs Monaten. Zu einem lesbischen Paar sei er jeden Monat für zwei aufeinanderfolgende Tage viele Kilometer weit gefahren, um den Zeitpunkt des Eisprungs zu erwischen, bis dieses den Kontakt plötzlich abgebrochen hat. „Sowas ist ärgerlich“, meint Viktor und rührt verdrossen in seinem Kaffee. Denn sein Sperma sei gratis, nur für die Reisekosten nehme er Geld, sagt er.


Ich mach’, was ich machen muss, danke und auf Wiedersehen.
Samenspender Viktor zur Bechermethode

Becher oder „nach Absprache“?

Doch wie läuft das Spenden nun genau ab, möchte ich wissen? Die Frauen, die einen Spender suchen, schreiben in ihren Spermabörse-Annoncen fast ausschließlich „Bechermethode“ – bei Viktor steht in dieser Rubrik: „nach Absprache“. Lieber sei ihm, „ganz ehrlich gesagt, die natürliche Methode“, sagt er. „Die Natur hat das nicht umsonst so gemacht – die Luft tut den Spermien auch nicht so gut. Und wenn die Frau das Ganze genießt, hilft ihr das natürlich auch dabei, schwanger zu werden.“ Ein schlechtes Gewissen seiner Ehefrau gegenüber habe er nicht. „Bei den Treffen über die Spermabörse haben wir ein gewisses Ziel, und nur darum geht es. Ich habe keine Hintergedanken dabei.“

Häufiger sei es ohnehin die Bechermethode, die die Frauen präferierten. Dafür gehe er mit ihnen ins Hotel oder zu ihnen nachhause: ins Badezimmer: „Ich mach’, was ich machen muss, der Becher kommt von der Frau, ich geb’ ihn ihr wieder zurück, danke und auf Wiedersehen.“

Ans erste Mal erinnere sich Viktor noch gut. Er habe es gemacht, weil er nach der Geburt der drei Töchter recherchiert habe, wie seine Frau und er mithilfe künstlicher Befruchtung einen Buben bekommen könnten. Die Möglichkeiten waren aber alle zu unsicher und vor allem „viel zu teuer“, sagt er heute. Das Thema Samenspende habe ihn aber weiter beschäftigt und neugierig gemacht. Er habe realisiert, dass der Bedarf – abseits der Kliniken – groß sei.

Rechtlich unsicher

Bei seiner ersten Spende per Becher im Hotel habe er Angst gehabt. Angst, dass die Frau es gar nicht ernst meint. Angst, etwas Illegales zu tun. Tatsächlich ist die private Samenspende erst seit 2024 gesetzlich geregelt und weiterhin mit erheblichen rechtlichen Unsicherheiten verbunden. Allen voran: Der private Spender gilt als Vater und kann zu Unterhaltszahlungen verpflichtet werden.

Aber wer sucht jetzt eigentlich auf den Börsen nach einem Spender? Es sind vor allem alleinstehende Frauen, weil für sie die künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF) in Österreich verboten ist. Lesbischen Paaren steht die Möglichkeit der IVF seit einer Gesetzesänderung 2015 zwar offen, aber auch sie annoncieren oft auf den Börsen – und wählen damit den günstigeren Weg.

Was die Samenspender betrifft, so gäbe es eine klare Grenze, würden sie ihren Samen für eine IVF an der Klinik zur Verfügung stellen: Sie dürfen in Österreich nur für maximal drei verschiedene Paare spenden, um das Risiko genetischer Verwandtschaft zu minimieren. Diese Anzahl hat Viktor bereits überschritten. Aktuell spende er zwar weiterhin, sagt er, sicher sei aber auch: „Ich möchte keine Fußballmannschaft.“

Meine Gene braucht die Welt

Mehr als eine halbe Mannschaft hat er bereits geschafft – beziehungsweise geschaffen, wenn wir es von seinen Beweggründen her betrachten. Für die meisten Männer sind diese allerdings weniger göttlich: „Das wichtigste Motiv für eine Samenspende ist klar die Weitergabe der eigenen Gene“, sagt Magdalena Flatscher-Thöni zur WZ, die mit einem interdisziplinären Forschungsteam eine Studie zur Spermien-Spendebereitschaft in Österreich durchgeführt hat. Auch die Stärkung des Selbstwertgefühls nannten die Teilnehmer als Antrieb für eine Samenspende – erst danach kommen altruistische Gründe, also uneigennütziges Handeln, das anderen helfen soll. „Rund 40 Prozent der befragten Männer gaben an, sie wären gleich morgen bereit, Samenzellen zu spenden“, ergänzt Flatscher-Thöni.

Ich denke zurück an Viktor und die Online-Spermabörse-Annoncen und komme zu dem Schluss: Das kommt gut hin. „Wann ist dein nächster Eisprung? Ich komme zu dir“, schreibt zum Beispiel ein Spender. Ein anderer: „Ich habe schon mehrere Spendenkinder in verschiedenen Ländern und bin räumlich und zeitlich nicht gebunden.“ Und Viktor: „Wir können uns für so früh wie möglich etwas ausmachen.“ Auch nach unserem Treffen muss er schnell weiter. Er habe noch einen Termin in der Nähe, sagt er, wenn er schon einmal da sei. Er müsse Gutes tun.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • *Viktor (Name geändert) ist 47 Jahre alt und Samenspender. Er ist Manager einer großen Firma und seit 20 Jahren verheiratet. Er hat drei Töchter mit seiner Ehefrau sowie zwei Töchter und einen Sohn mit unterschiedlichen Frauen, die er über eine deutsche Online-Spermabörse kontaktiert hatte.
  • Magdalena Flatscher-Thöni arbeitet und forscht im Bereich des Fortpflanzungsmedizinrechts am Institut für Public Health, Versorgungsforschung und Health Technology Assessment der Umit Tirol – Private Universität für Gesundheitswissenschaften und -technologie.

Daten und Fakten

  • Samen oder Eizellen dritter Personen dürfen für medizinisch unterstützte Fortpflanzungen in höchstens drei Ehen, eingetragenen Partnerschaften oder Lebensgemeinschaften verwendet werden. (Fortpflanzungsmedizingesetz § 14)
  • Die Eizellenspende ist in Österreich seit 2015 erlaubt. Die Spenderin von Eizellen beziehungsweise der Spender von Samenzellen muss mindestens 18 Jahre alt sein. Vor dem Erreichen dieser Altersgrenze dürfen weder Eizellen noch Samen, die für dritte Personen verwendet werden sollen, entnommen werden. Eizellen, die für eine dritte Person verwendet werden sollen, dürfen nur vor dem 30. Geburtstag entnommen werden. (oesterreich.gv.at)
  • In Österreich ist eine medizinisch unterstützte Fortpflanzung nur in einer Ehe, in einer eingetragenen Partnerschaft oder in einer Lebensgemeinschaft zulässig. Dem mit dem Samen oder den Eizellen einer dritten Person gezeugten Kind ist auf dessen Verlangen nach Vollendung des 14. Lebensjahres Einsicht in die Aufzeichnungen zu gewähren und daraus Auskunft zu erteilen. Zum Wohl des Kindes ist in medizinisch begründeten Ausnahmefällen der Person, die mit der gesetzlichen Vertretung für die Pflege und Erziehung betraut ist, Einsicht und Auskunft zu erteilen. (Fortpflanzungsmedizingesetz)
  • In Österreich ist immer die Frau die Mutter, die das Kind geboren hat. (Allgemeines bürgerliches Gesetzbuch § 143)
  • Die Kosten einer Samenspende für eine In-vitro-Fertilisation (IVF) an einer Klinik variieren je nach Land und Spermienqualität. Während in Spanien Spendersamen zwischen 500 Euro und 1.500 Euro kosten, ist der Kauf einer Spende aus Nordzypern schon ab 200 Euro möglich. Dagegen kosten die Spermien in Deutschland zwischen 2.000 und 3.000 Euro. Gegebenenfalls kommen zu den Kosten der Samenspende noch die Kosten einer Insemination, IVF- oder ICSI-Behandlung hinzu, die ebenfalls variieren können. Der Preis für die Sameneinheit ist je nach Samenbank und Spenderkategorie unterschiedlich. (Europäisches Verbraucherzentrum Deutschland)
  • Durch den IVF-Fonds besteht in Österreich für Paare die Möglichkeit zur finanziellen Unterstützung bei Kinderwunsch. Der Fonds übernimmt bis zu 70 Prozent der Kosten – die restlichen 30 Prozent müssen die Betroffenen selbst zahlen, können diese Ausgaben aber steuerlich absetzen. Voraussetzungen für die Förderung sind unter anderem: Die Frau muss unter 40 Jahre alt sein und der Mann unter 50, beide müssen krankenversichert sein und in einer gemeinsamen Partnerschaft leben.

Quellen

Das Thema in der WZ

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