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Immer weniger Jobs: Was Arbeitsmarktdaten verraten

4 Min
Gerade in der Industrie werden Stellen abgebaut.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Die österreichische Wirtschaft schrumpft. In der Industrie werden immer weniger Jobs ausgeschrieben. Doch gleichzeitig entstehen neue Stellen im Sozialbereich. Daten aus dem Stellenmarkt zeigen, welche Berufe aktuell gefragt sind.


Vom österreichischen Arbeitsmarkt gibt es aktuell wenig Erfreuliches zu berichten. Das sagte auch Johannes Kopf, Chef des Arbeitsmarktservices (AMS), Anfang Oktober dieses Jahres gegenüber der APA. Denn im Vormonat waren über 375.000 Personen beim AMS als arbeitslos oder in Schulungen gemeldet. Damit ist die Arbeitslosenquote momentan so hoch wie seit acht Jahren nicht mehr – einzige Ausnahme ist das Coronajahr 2020.

Gleichzeitig schrumpft Österreichs Wirtschaft seit nun drei Jahren in Folge, was wiederum bedeutet, dass es insgesamt weniger Arbeitsstellen gibt. Das zeigen auch die Daten des Arbeitsmarktinformationssystems (AMIS). Zwar sind prozentuell betrachtet aktuell mehr Stellen ausgeschrieben als noch 2018, jedoch sinkt die Zahl seit 2022 kontinuierlich – wenn auch nicht in allen Branchen.

Gregor Bitschnau vom AMS berichtet gegenüber der WZ, dass der Rückgang der offenen Stellen ein eindeutiges Zeichen der Rezession ist. „Die Unternehmen stehen uns weniger offen. Sie können keine neuen Leute einstellen, es geht ihnen schlechter als noch im Vorjahr“, sagt Bitschnau.

Wo Stellen abgebaut werden – und wo neue entstehen

Die Daten zeigen auch die enormen Unterschiede in den jeweiligen Branchen. Besonders die Anzahl an Jobs in der Industrie schrumpfte in den letzten eineinhalb bis zwei Jahren – eine für das Wirtschaftswachstum besonders wichtige Branche.

„Es gibt aktuell Personalabbau durch Fluktuation. Firmen gehen pleite und niemand wird mehr gebraucht“, sagt Bitschnau. Auch das Handelsgewerbe leidet derzeit unter der wirtschaftlichen Entwicklung. Was jedoch positiv ist: Am Stellenmarkt werden immer mehr Berufe im gesundheitlichen Sektor sowie im Lehrbereich ausgeschrieben – die beiden Branchen sind gefragt.

Ebenfalls auffällig ist der sprunghafte Anstieg an offenen Stellen im Jahr 2022, also im Zeitraum kurz nach Corona. Für Bitschnau ist dieser auf die Explosion des Wirtschaftswachstums nach der Krise zurückzuführen: „Die Aufträge sind in die Höhe geschossen. Die Unternehmen haben wieder aufgesperrt. Die Tourismusbetriebe haben wieder geöffnet, die Friseure haben wieder Leute behandelt. Das hat sich durch alle Branchen durchgezogen.“

Mit dem Wirtschaftswachstum habe laut Bitschnau niemand gerechnet. Jedoch hielt dieses auch nicht lange an: Die Inflation, aber auch weitere externe Faktoren wie der Einmarsch Russlands in die Ukraine schwächte die österreichische Wirtschaft nachhaltig. Das damalige Wirtschaftswachstum von 5 Prozent wandelte sich schnell in eine Regression.

Gefragt: Lehrer:innen

Die Daten des Stellenmarktes zeigen ebenfalls den aktuellen Lehrer:innenmangel. Im Mai dieses Jahres waren mehr als achtmal so viele Stellen für Lehrer:innen ausgeschrieben als im Mai 2018.

Auch Gesundheitsberufe und Sozialarbeiter:innen werden eifrig gesucht. Ein vom AMS veröffentlichter Bericht bestätigt dies: Das Gesundheits- und Sozialwesen wies 2024 einen Beschäftigungsanstieg von 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf. Im Juli dieses Jahres stieg dieser um weitere 4,4 Prozent.

AMS-Vorstandsvorsitzender Johannes Kopf betonte im Bericht: „Wie der gesamte Arbeitsmarkt steht auch das Gesundheits- und Sozialwesen vor massiven Herausforderungen. Reformen sind daher unumgänglich. Neue Ausbildungswege, zusätzliche Studienplätze und insbesondere das Pflegestipendium sollen den dringend benötigten Nachwuchs sichern. Niederschwellige Zugänge und bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen sind der Schlüssel, um ausreichend Fachkräfte für die Zukunft zu gewinnen.“

Wie sich der offene Stellenmarkt über die Jahre für alle Berufe verändert hat, zeigt die folgende Grafik.

Bildung gegen Arbeitslosigkeit

Die anfangs erwähnte Arbeitslosenquote war auch Ausgangspunkt zweier Spezialuntersuchung: Die beiden vom AMS in Auftrag gegebenen Untersuchungen befassten sich mit den Arbeitsmarktdaten im Kontext von Bildungsabschlüssen sowie mit der Beschäftigung von Akademiker:innen.

Die Ergebnisse: Die Arbeitslosenzahlen von Akademiker:innen waren Anfang 2025 so hoch wie noch nie – mit Ausnahme des Coronajahres 2020. Knapp 32.000 Akademiker:innen waren arbeitslos gemeldet. Doch Johannes Kopf gibt Entwarnung. Denn die überdurchschnittlich steigende Arbeitslosigkeit ist nur eine logische Begleiterscheinung der steigenden Akademisierung.

Betrachtet man deshalb die Arbeitslosenquote nach Bildungsabschluss zeigt sich, dass diese bei Personen mit einem Universität- oder Fachhochschulabschluss bei nur 3 Prozent liegt.

Bei Personen mit einem Pflichtschulabschluss jedoch liegt die Arbeitslosenquote bei überdurchschnittlichen 21,3 Prozent – dreimal so viel wie über die Gesamtbevölkerung verteilt. Anders ausgedrückt: je höher die Bildung, desto geringer das Risiko der Arbeitslosigkeit.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Gregor Bitschnau, Arbeitsmarktservice Österreich (AMS)
  • Adila Šahbegović, Referatsleitung Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, Sektion IX – Arbeitsmarkt

Daten und Fakten

  • In Österreich sind laut AMS aktuell 375.000 Personen als arbeitslos oder in Schulungen gemeldet.
  • Die Daten des Stellenmarkts stammen aus dem Arbeitsmarktinformationssystem (AMIS) und wurden nach Bestand sortiert.
  • Laut AMS misst die Kennzahl Bestand die dem AMS gemeldeten offenen Stellen zu einem Stichtag (bzw. als Durchschnitt mehrerer Stichtage pro Monat). Dabei bilden die beim AMS gemeldeten offenen Stellen nur einen Teil aller offenen Vakanzen ab.
  • Die Daten wurden nach Monaten und Berufsgruppe sowie nach einzelnen Berufen gefiltert und mit der Statistiksoftware „R“ ausgewertet.
  • Dabei wurde der erste Wert, also der Monat Jänner 2018, jeweils indexiert und mit 0 festgelegt. Anhand dieses Wertes wurde für jeden darauffolgenden Monat eine abweichende Quote errechnet, welche positiv oder negativ sein kann – je nach Zuwachs oder Abnahme am Stellenmarkt.
  • Zu beachten ist, dass dem AMS nicht alle offenen Stellen gemeldet werden und dass sich der Anteil der beim AMS gemeldeten offenen Stellen an allen offenen Stellen nach Branchen und Berufen unterscheiden kann.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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