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Immer weniger Schulreisen: Warum das ein Problem ist

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Eine Schulklasse starrt auf eine Tafel die im Stile der ÖBB ausgefallene Schulreisen anzeigt.
Corona ist längst vorbei. Dennoch werden viele Gründe genannt, warum Schüler:innen auf Reisen oder Ausflüge immer öfter verzichten müssen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Immer weniger Schüler:innen haben die Möglichkeit, an außerschulischen Aktivitäten wie Schulreisen teilzunehmen. Das liegt nicht nur an den hohen Kosten. 


Lara war in ihrer Schullaufbahn ein einziges Mal auf Klassenreise: drei Tage in Kärnten. Alle anderen Aktivitäten wurden gestrichen und nie nachgeholt. Sie hatte keine berufspraktischen Tage, keine Kennenlerntage, keine Projektwoche oder Schullandwoche. Sie ist jetzt in einer berufsbildenden höheren Schule, wo kaum Ausflüge unternommen werden – und die nächste Klassenfahrt steht schon wieder auf der Kippe. 

Wie Lara geht es vielen. Schulreisen nehmen ab. Und das nach drei schwierigen Corona-Jahren, in denen Heranwachsende ohnehin weitgehend isoliert lebten. Klassenreisen stärken die physische und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Darüber sind sich Expert:innen einig. Das Sozialverhalten entwickelt sich weiter, neue Freundschaften werden geknüpft, der Klassenverband und positive Emotionen gefördert.

Eine neue europaweite Studie zeigt: Die Psyche unserer Schüler:innen leidet unter den Erfahrungen der Corona-Pandemie. 29 Prozent der Mädchen und 17 Prozent der Burschen machen sich Sorgen um ihre Zukunft. 29 Prozent der Mädchen und neun Prozent der Burschen haben Angst und 66 Prozent der Mädchen und 43 Prozent der Burschen haben sich in den vergangenen zwölf Monaten meistens oder ständig einsam gefühlt. 

Alarmierende Zahlen. Die Schule könnte gegensteuern – mit gemeinschaftsfördernden Aktivitäten. Tut sie nicht. Warum?

Marius Hladik ist Österreichs Bundesschulsprecher. Aus eigener Erfahrung berichtet der 18-Jährige, dass Schulreisen, Ausflüge oder Exkursionen „in Vergessenheit geraten sind“. „Früher war es üblich, mit den Schüler:innen in Museen zu gehen. Das kostet nicht viel, aber auch das ist keine Selbstverständlichkeit mehr“, so Hladik. Durch Corona habe man sich daran gewöhnt, entweder in der Schule oder zuhause zu sitzen – vor dem Handy oder vor dem Computer. „Es ist Zeit, wieder zur Normalität zurückzukehren, so wie es einmal war“, sagt er. In der neuen Normalität bleibt man daheim. 

Durch Corona hat man sich daran gewöhnt, in der Schule oder zuhause zu sitzen.Marius Hladik, Bundeschulsprecher

In der neuen Normalität werden keine Daten erhoben. Zahlen zu den Schulreisen gibt es nicht. Die Erhebung ist – laut dem Bundesministerium für Bildung – dem Wunsch nach Bürokratie-Abbau zum Opfer gefallen. Doch der Tenor unter den Befragten ist klar: Schulreisen werden weniger, sind zu teuer, zu riskant, nicht umweltfreundlich oder ein zu hoher bürokratischer Aufwand. 

Schulreisen sind in Österreich gesetzlich nicht verpflichtend. Es gibt aber Empfehlungen seitens der Gesetzgebung, wie viele Stunden pro Schulstufe in Anspruch genommen werden können. Schulen entscheiden autonom, welche Unternehmungen stattfinden und welche nicht. Die Entscheidung wird im Schulgemeinschaftsausschuss der jeweiligen Schule von Eltern-, Lehrer- und Schülervertreter:innen beschlossen. Der Direktor/die Direktorin hat ein Vetorecht. Der Ausschuss tagt zweimal im Semester. Sind sich Eltern, Lehrer:innen und Schüler:innen einig, steht der Reise nichts mehr im Weg. 

Doch immer öfter bremsen die Schulen. Reisen müssen günstig und klimafreundlich sein. Das macht die Planung kompliziert. Die Bürokratie ist ausufernd. 

Die „Teuerungswelle“ ist für Wolfgang Bodei, Bundessprecher der Berufsbildenden Höheren Schulen, der Hauptgrund für die Reise-Flaute. „Hat ein Skikurs früher 350 Euro gekostet, sind das heute rund 500 Euro.” Dadurch sei der Anteil der Teilnehmenden zurückgegangen. Und für eine Klassenreise müssen mindestens 70 Prozent der Schüler:innen mitfahren, damit sie zustande kommt. 

Die finanzielle Herausforderung ist auch für Isabella Zins, Bundessprecherin der Gymnasien in Österreich, ein Thema. „Wir sind in der Zwickmühle“, sagt sie zur WZ. „Einerseits wollen wir den Schüler:innen Reisen ermöglichen, andererseits soll kein finanzieller Druck auf die Eltern aufgebaut werden.“ Bei vielen sei die Hemmschwelle hoch, zuzugeben, dass sie sich keine Reise für ihr Kind leisten können. 

Um die Teuerung für Eltern abzufedern, gibt es Förderungen. „Es müsste mehr Förderprogramme geben und vor allem eine Informationsstelle, von der jeder weiß“, fordert Bodei. Das Bundesministerium unterstützt mehrtägige Schulveranstaltungen im Rahmen der Schülerbeihilfe. Darüber hinaus gibt es themenspezifische Fördertöpfe für Schulveranstaltungen und Unterstützungstöpfe der einzelnen Bundesländer. Laut Ministerium wurden heuer 7.898 Förderanträge gestellt und bewilligt. Seit 2019 haben sich diese Anträge fast verdoppelt. 

Der Aufwand ist dramatisch gestiegen. Es bedarf ambitionierter Kolleg:innen.Wolfgang Bodei, Sprecher der BMHS

Auch Elternvereine an Schulen haben oft das Problem, die Waage zwischen dem Nicht-unter-Druck-Setzen der Eltern und dem Bedürfnis nach Reisen zu halten. Wird der Elternvereinsbeitrag nicht eingezahlt, hat der Verein kaum Mittel für bedürftige Familien. 

Nicht nur das fehlende Geld, auch die Bürokratie verhindert Klassenreisen. „Der Aufwand ist dramatisch gestiegen. Es bedarf ambitionierter Kolleg:innen“, sagt Bodei. Ideen, die Bürokratie zu minimieren, bespricht er derzeit mit dem Bildungsministerium. Es gehe etwa um einfachere Abrechnungsmethoden.

Die Gründe, warum an Schulen immer weniger unternommen wird, sind vielfältig. An manchen Schulen wird das Konzept der Reise grundsätzlich in Frage gestellt. Für den Direktor einer berufsbildenden Schule in Wien sind Fern- und Flugreisen in Zeiten des Klimawandels anachronistisch – und Zugreisen schlichtweg zu teuer. Das ist verständlich. Hilft den Schüler:innen aber nicht.