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In der ersten Reihe – und jetzt?

5 Min
2 illustrierte Frauen in einer kämpferischen Pose.
Solmaz Khorsand hat als erste Frau den Leitartikel für die Wiener Zeitung geschrieben − nach sieben Jahren ist es Zeit für eine Bilanz.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Unsere Autorin Solmaz Khorsand hat als erste Frau den Leitartikel für die Wiener Zeitung geschrieben. Nach sieben Jahren zieht sie Bilanz und hofft, dass die Zukunft mehr bringt als nur das Abhaken von ein paar Checkboxen für das eigene Gewissen.


314 Jahre. So lang hat es gedauert, bis eine Frau den ersten Leitartikel in der Wiener Zeitung geschrieben hat. Das war vor sieben Jahren und ich war diese erste Frau. Dieser erste Leitartikel sollte ein Startschuss sein. Für einen Journalismus, der mehr kann als die ewig Gleichen aus den ewig gleichen Blickwinkeln alles kommentieren, einordnen und analysieren zu lassen. Mit Bildern, die mehr zeigen als eine Welt, in der nur ein Bruchteil der Menschheit abgebildet ist – und der Rest zu oft als schwächelnde, bemitleidenswerte oder bedrohliche Karikatur ihrer selbst dargestellt wird. Ein gerechterer Journalismus. Das war die Intention. Eine Woche lang eine feministische Revolte, ein „Femstorm“, so auch der damalige Hashtag.

Die Geschichte eines Kampfes

In den Jahren darauf wurde ich manchmal auf diesen ersten Leitartikel angesprochen. Oft mit einem Subtext, der suggerierte, wie reaktionär eine Zeitung sein muss, die erst zu diesem Zeitpunkt Frauen Leitartikel schreiben ließ. So als ob der Rest des Landes voller progressiver Blätter wäre, die Tag um Tag nach Exzellenz mit einem 360-Grad-Blick streben und Diversität wahrhaftig leben, schreiben und atmen. Man wollte die Geschichte eines Kampfes hören, weil sich das in unserer Zeit nun einmal am besten erzählen und vielleicht auch verstehen lässt. Allzu gern in Schwarz-Weiß, mit klaren Rollen, geschlechtergerecht verteilt – hier die unterdrückten Journalistinnen, dort die unterdrückenden Journalisten.

Von Chefs und Chefinnen

Und zugegeben: Natürlich hat es gebraucht, bis so eine Initiative möglich war, es war kein Kinderspiel und nicht alle haben sie befürwortet, sie gar verspottet, aber es haben auch genug mitgemacht – Männer wie Frauen. Und es gab einen Chefredakteur, der es zugelassen hat. Nicht selbstverständlich, wie mir Kolleginnen später aus anderen Redaktionen mitteilten, die ähnliches probieren wollten – und mit ihrem Anliegen gescheitert sind. Bei Chefinnen.

Derselbe Chef, der eine feministische Initiative begrüßte, musste im selben Jahr seinen Posten räumen, weil er einer freien Mitarbeiterin auf Facebook sexuelle Avancen gemacht hatte im Austausch für einen potenziellen Job. Dafür wurde er von einem Branchenkollegen aus dem Boulevard schadenfroh an den Pranger gestellt. Derselbe Kollege, von dem alle etwas wussten und niemand etwas sagte, bis es dann doch einige Journalistinnen taten, musste sich selbst wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz vor Gericht verantworten.

Auch das ist Teil der Bilanz der vergangenen sieben Jahre.

Mehr als Symbolpolitik

Was hat sich sonst getan? Haben sich die Reihen der ewig Gleichen aufgelöst? Sich der Blick erweitert? Kommen wir den 360 Grad näher?

In vielen Redaktionen stehen Frauen mittlerweile als Chefinnen an der Spitze. Ob in der Wiener Zeitung, im Profil, der APA, der Furche oder dem Datum. Es hat sich einiges an dieser Front getan. An der ersten Reihe. Und das ist gut so. Es abzutun als reine Symbolik wäre unfair. Ihre Sichtbarkeit ist essenziell, auch um ihre Einhorn-Existenz langsam in eine „So what? “-Normalität zu überführen. Es Alltag werden zu lassen.

Seht her, wir haben sie, die eine Frau!

Und trotzdem ist die Frage berechtigt: Haben sich die Reihen der ewig Gleichen aufgelöst – oder nur erweitert? Zu oft ist es lediglich Zweiteres. Um das Rüstzeug für Veränderung zu haben, braucht es einen Kompass, der auf diese Veränderung ausgerichtet ist. Es reicht nicht, die Benachteiligung einer Gruppe durch die Rekrutierung einzelner – und insgeheim ihrer Schubladisierung als Repräsentant:innen dieser Gruppe – mit einem Kreuz auf einer wohlmeinenden Checkbox abzuhaken und damit signalisieren zu wollen: Jetzt ist alles anders. Seht her, wir haben sie, die eine Frau, den einen Migranten, die eine nicht-binäre Person. Wir tragen ihnen sogar sprachlich in unseren Texten Rechnung. Minimaler Aufwand, maximale Wirkung. Die einen klopfen sich dafür auf die Schulter, die anderen werden nur zynisch, weil sie diese Maßnahmen als das enttarnen, was sie zu oft sind: das Kuratieren der Auslage, die je nach Zeitgeist nur die Kulisse wechselt. Eine vermeintliche Veränderung, ohne Substanz, ohne intellektuellen Unterbau, ohne wahre Revolte im Kopf.

Was ist der Kompass?

Also ist die Frage viel eher: Was ist der Kompass und der eigene Anspruch an die Arbeit? Sollen kluge, aber auch unbequeme Köpfe mehr als nur repräsentiert sein, sondern auch Entscheidungsgewalt und Spielraum haben? Oder holen wir sie uns als Redaktion nur nach Bedarf als Gastauftritte ins Haus, um am Ende des Jahres für ein Gruppenbild die herzerwärmende Benetton-Familie hinzukriegen? Wollen wir einen 360-Grad-Blick, der sich in der Themenauswahl, der Expertise und der Ästhetik widerspiegelt und das Publikum überrascht, es sogar gelegentlich herausfordert, oder passen wir uns permanent an vermeintliche Bedürfnisse an, um nicht zu überfordern?

Von Feigheit und Faulheit

Man darf von Medienvertreter:innen diesen Kompass verlangen. Irgendeinen Kompass. Sich auf einer apolitischen Position in einer vermeintlich wertneutralen Welt zurückziehen zu wollen, hat nichts mit Objektivität zu tun, sondern mit Feigheit und Faulheit. Es ist nicht zu viel verlangt von Menschen, die das Privileg haben, für das Denken und Nachdenken bezahlt zu werden, es auch zu tun. Und mehr hinzukriegen als ein herzerwärmendes Gruppenfoto.