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In russischer Gefangenschaft – und überlebt

10 Min
Ein Foto einer militärisch gekleideten Frau in Handschellen.
Die Mehrheit der kriegsgefangenen Ukrainer:innen wird gefoltert.
© Fotocredit: TACrafts / iStock via Getty Images Plus

Tausende Ukrainer:innen sind in russischer Kriegsgefangenschaft. Die Entkommenen berichten von Folter und Misshandlungen. Aber auch ihre Angehörigen durchleben ein Martyrium.


Es war ein langes Warten. Fast zwei Jahre liegen zwischen dem Tag, an dem Alina Panina in Mariupol von ihrem Mann Muzika getrennt wurde, und dem Tag, an dem sie einander wieder in die Arme nehmen konnten. Zwei Jahre ohne Lebenszeichen, zwei Jahre, in denen die Hoffnung auf ein Wiedersehen täglich schwand. Beide hatten in Mariupol gekämpft, beide waren in russische Gefangenschaft geraten. Am 12. April 2022 hatten sie zum letzten Mal miteinander telefoniert – bereits ein paar Tage zuvor waren sie im Verlauf der Kämpfe voneinander getrennt worden. Alina kam schließlich im Oktober 2022 im Zug eines Gefangenenaustausches frei, Anfang Jänner 2024 wurde auch Muzika ausgetauscht. Alina und Muzika haben die russische Kriegsgefangenschaft überlebt.

Ein Martyrium, dessen Ausmaß sich oft nur in knappen Erzählungen offenbart, in einem leeren Blick, in abgemagerten Gesichtern, in Tränen beim Anblick eines Apfels. Es ist ein Martyrium, das Abertausende ukrainische Frauen und Männer kennen. In vielen Fällen gibt es während der Gefangenschaft keinen Kontakt zu den Angehörigen, in vielen Fällen auch nicht zum Roten Kreuz. Alina erzählt, dass ihr ein Dokument zum Ausfüllen vorgelegt worden sei, dass sie vom Roten Kreuz als Gefangene registriert worden sei. Besuch vom Roten Kreuz habe sie nie erhalten.

Drohungen und Scheinexekutionen

Alina kennt den Alltag in den russischen Gefangenenlagern: „Verhöre, Befragungen durch Maskierte, Drohungen, miserable Verpflegung, Schlafen in Schichten, weil es zu wenig Betten gab in den Zellen, Scheinexekutionen“, erzählt sie. Ein halbes Jahr war sie in russischer Gefangenschaft: „Ich hatte Glück.“

Wie viele Gefangene es auf beiden Seiten gibt, darüber gibt es keine offiziellen Zahlen. Sie sind ein gut gehütetes Geheimnis, handelt es sich doch um den „Austauschfonds“. So wird die Summe der Gefangenen im Militärjargon genannt – und da will man sich nicht in die Karten blicken lassen. Die Zahl der russischen Soldaten, die in ukrainischer Gefangenschaft sind, dürfte aber laut Hilfsorganisationen mittlerweile so groß sein, dass die Errichtung neuer Unterkünfte überlegt wird.

Gefangene verschwinden nahezu spurlos

Das Thema ist rechtlich sensibel. Der Umgang mit Kriegsgefangenen unterliegt strengen Regeln. Ihnen muss etwa der Kontakt zu Angehörigen erlaubt werden. Physische Bestrafungen oder Folter sind nach internationalem Recht strikt untersagt. Eine Registrierung der Gefangenen sowie die Überwachung der Bedingungen in Gefangenenlagern durch das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) ist vorgesehen. Und: Es ist untersagt, Gefangene strafrechtlich zu belangen, außer sie waren in Kriegsverbrechen involviert. Genau das passiert aber in zunehmendem Maß auf russischer Seite. Diese Gefangenen verschwinden dann in Russlands Straflagersystem – nahezu spurlos.

Die Wachinstanz, das ICRC, kommentiert die Lage so: „Die Tatsache, dass wir keinen vollständigen, regelmäßigen und ungehinderten Zugang zu allen Kriegsgefangenen haben (…), ist inakzeptabel“, heißt es in einer Stellungnahme. Und tatsächlich: Nur wenige ausgetauschte Ukrainer:innen berichten, registriert worden zu sein. Wer nicht nachweislich gefallen oder als Gefangener registriert ist, gilt amtlich als vermisst.

Ein Foto von Alina Panina, eine Überlebende der russischen Kriegsefangenschaft.
„Ich habe Glück gehabt“, sagt Alina Panina, die in russischer Gefangenschaft war.
© Fotocredit: Schocher

Der Koordinationsstab ist die zuständige Behörde auf ukrainischer Seite. Er wickelt Gefangenenaustausche ab, erarbeitet Listen, kümmert sich um die Erstversorgung ausgetauschter Menschen und ist Anlaufstelle für Angehörige gefangener oder vermisster Armeeangehöriger. Die Schlange vor dem Servicecenter des Stabes in Kiew ist jeden Tag sehr lang, die Angehörigen warten auf Nachrichten der vermissten Soldat:innen. Einige der Angehörigen haben Anrufe aus Russland erhalten, mit der Aufforderung, Geld für eine Freilassung zu überweisen – ein mittlerweile bekannter Geschäftstrick: Das Geld kommt zwar bei den Empfänger:innen an, nie aber die Gefangenen bei ihren Familien. Immerhin sind diese Anrufe ein Indiz dafür, dass diese Soldat:innen noch am Leben sind, aber nicht als Kriegsgefangene registriert wurden.

Enorme psychische Schädigungen

Julia Yevstratova und Dmytro Jantalets sind Psycholog:innen. Sie arbeiten im Auftrag des Koordinationsstabs mit heimgekehrten Gefangenen. Mindestens eine psychotherapeutische Sitzung ist nach dem Ende der Gefangenschaft vorgeschrieben. Wenn jemand mehr brauche, dann sei das jederzeit möglich, heißt es. Sehr oft sind es mehr. Das Ziel ist Hilfe zur Selbsthilfe. Die Klient:innen müssten lernen, Warnsignale zu erkennen und sich selbst zu helfen.

Die Arbeit mit Gefangenen habe viele Ebenen, berichten die beiden Therapeut:innen. Das fange bei dem Umstand an, dass diese Menschen über keinerlei aktuelles Wissen über den Stand des Krieges verfügten. Über Monate sei ihnen eingetrichtert worden, dass es keine Ukraine mehr gebe. Und es reiche bis zu schwerwiegenden psychischen Folgen.

Dmytro Jantalets vergleicht die Psyche eines/einer Kriegsgefangenen mit einer gespannten Gitarrensaite: Sobald die Spannung nachlasse – also der Austausch stattfinde – brauche es nicht viel, um diese Saite in starke Schwingungen zu versetzen. Schon kleine Ereignisse könnten zu großen emotionalen Reaktionen führen.

Diese Menschen brauchen Zeit, um zu verstehen, dass sie frei sind.
Julia Yevstratova, Psychologin

„Diese Menschen brauchen Zeit, um zu verstehen, dass sie frei sind“, sagt Julia Yevstratova. Sie sind Monate oder auch mehr als ein Jahr von allen Nachrichten abgeschnitten gewesen, sie haben den Bezug zur Gegenwart und zur Gesellschaft verloren, waren ständigen Drohungen und völliger Ungewissheit ausgesetzt. Sie haben oft Grundregeln verlernt, müssen soziale Gepflogenheiten zum Teil neu erlernen, müssen aber vor allem akzeptieren lernen, dass sich ihr soziales Umfeld durch Krieg und Flucht verändert oder weiterentwickelt hat.

Dazu kommen sehr oft schwerwiegende physische Folgen, Unterernährung, unbehandelte Verletzungen.

Was psychische und physische Folgen angeht, so sagt Alina Panina: „Ich hatte Glück.“

Ewiges Hoffen, ewige Zweifel

In Alinas Fall war der Weg zurück in die Realität ihrer Heimatstadt in der Westukraine der kürzestmögliche: Debriefing in Kiew, drei Wochen in einem Spital für medizinische Untersuchungen und Rehab in der Westukraine, Rückkehr in den Job. Heute arbeitet sie mit ihrem Hund wieder im Schichtdienst an einem Posten an der Grenze zu Polen und kontrolliert ein- und ausreisende Autos. Sie hat engen Kontakt zu ihrer Schwiegermutter Nella gehalten. Aber viel mehr als seelischer Beistand zu sein, ist in einer solchen Situation nicht möglich. Während dieser Zeit stellte sie sich immer wieder eine Frage: Ab welchem Zeitpunkt macht es keinen Sinn mehr, Hoffnungen am Leben zu erhalten? Denn niemand wusste, ob Muzika noch lebt. Zwar stand er auf einer Liste des Koordinationsstabes, aber Kontakt gab es keinen – nur vage Berichte ausgetauschter Soldat:innen, laut denen er am Leben war, die mysteriösen Anrufe von einer kasachischen Nummer, und ein Brief, der aber nicht in seiner Handschrift verfasst war.

Familien und Angehörige durchlaufen einen unterschiedlichen emotionalen Prozess, wenn jemand gestorben ist, vermisst wird oder in Gefangenschaft ist, sagt Dmytro Jantalets. Mit einem Todesfall könne man abschließen. Im Fall einer vermissten, gefangenen oder in der Gefangenschaft verschwundenen Person aber ist da das ewige Hoffen, der ewige Zweifel, die Ungewissheit, die über dem gesamten Leben der Angehörigen hingen, so der Therapeut.

Gefühls-Slalom

Nella, Alinas Schwiegermutter, schildert die Behördenwege als emotionalen Slalom zwischen Institutionen wie dem ICRC oder den zuständigen staatlichen Stellen – auf der verzweifelten Suche nach Nachrichten über ihren Sohn. Doch niemand konnte ihr Auskunft geben. Es war eine emotionale Talfahrt ohne Höhen – viel eher ein emotionaler Sturzflug, mitten hinein in Wut auf die Teenager, die sich abends betrinken und Musik hören, Wut über den Alltag und die Menschen, die im Café der Stadt Topfenkuchen essen und frisch gepressten Orangensaft trinken. Diese Geschichte, diese Situationen finden sich in jeder ukrainischen Stadt, in jedem Dorf. Geschichten von Soldat:innen, die an der Front plötzlich „verschwunden“ seien – keine Bestätigung des Todes, keine Bestätigung einer Gefangennahme, aber auch keinerlei Lebenszeichen.

Die echte Arbeit, der echte Kampf im täglichen Leben fängt nach der Heimkehr an – wenn es denn eine Heimkehr gibt.

„Da wird dann viel geweint“

Nach dem Martyrium der russischen Kriegsgefangenschaft müssen die Familien oft erst verstehen lernen, dass ihre heimgekehrten Angehörigen nicht mehr dieselben seien, sagt Dmytro Jantalets: „Familien würden ihre Lieben gern so sehen, wie sie einmal waren. Nur, das sind sie nicht mehr.“ Angehörige müssen erst lernen, dass Nervenzusammenbrüche nichts mit ihnen zu tun haben, sondern mit dem Stress, dem diese Menschen über Monate ausgesetzt waren. Sie müssen verstehen, dass diese Menschen mit all der Liebe, Zuneigung und Freude, mit der sie oft überschüttet werden nach ihrer Heimkehr, erst umzugehen lernen müssen. Und auch mit dem Heldenstatus.

Aber immerhin habe sich an der Haltung der Militärs gegenüber Psychotherapie in den vergangenen zehn Jahren gewandelt sagen sowohl Julia Yevstratova wie Dmytro Jantalets. Schließlich hat der Krieg mit Russland für die Ukraine schon 2014 begonnen. Abertausende Männer und Frauen haben schon vor dem Februar 2022 gewusst, wie Krieg aus unmittelbarer Nähe aussieht. Und die Ukraine hat seither Erfahrungen gesammelt. Sie kann mit Verlust oder Trauma umgehen. Angenommen werde die Hilfe heute, „weil sehr viele die Resultate gesehen haben“, sagt Dmytro Jantalets. Und sehr oft hätten abgebrüht erscheinende Soldat:innen daher auch kein Problem mehr, sich gegenüber Therapeut:innen zu öffnen. „Da wird sehr viel geweint, da fließen sehr viele Tränen“, sagt Julia Yevstratova.