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Reporter Arndt Peltner hat in Texas ein Institut besucht, an dem Verwesungsprozesse erforscht werden: Es war eine Visite der makabren Art.
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Triggerwarnung: In diesem Text geht es um das Sterben und den Tod – falls du auf diese Themen sensibel reagierst, lies bitte nicht weiter oder wende dich an eine vertraute Person.
An der Old Ranch Road, einer Ausfallstraße im texanischen San Marcos, steht ein beigefarbenes Flachgebäude, das beim Vorbeifahren so gar nicht auffällt. Davor ein Schild mit der Aufschrift „Forensic Anthropology Center“, gleich nebenan ein Bestattungsinstitut. „Das ist reiner Zufall“, lacht Danny Wescott, als ich ihn auf das an das Forschungszentrum angrenzende „Thomas Funeral Home“ anspreche.
Danny Wescott ist der Direktor des forensisch-anthropologischen Instituts an der Texas State University in San Marcos, der größten Einrichtung dieser Art in den USA. In der Umgangssprache sind diese Institute als „Body Farms“ bekannt. Doch den Begriff mag Danny Wescott so gar nicht. Er spricht lieber vom „Taphonomie Center“. Die Taphonomie ist die wissenschaftliche Untersuchung dessen, was mit den Überresten eines Organismus vom Zeitpunkt seines Todes bis zu seiner Entdeckung geschieht. Sie hilft Wissenschaftler:innen dabei, vergangene Lebensräume, Todesursachen und den zeitlichen Verlauf der Zersetzung zu rekonstruieren. Einfach gesagt, hier an diesem Institut wird erforscht, wie Leichen verwesen.
Acht solcher Einrichtungen gibt es im ganzen Land, in den verschiedensten Regionen, die all die klimatischen Bedingungen in den Vereinigten Staaten abdecken. Vom tropischen Klima in Südflorida, den Höhenlagen in Colorado und den über viele Monate von Schnee bedeckten Gegenden der Upper Peninsula in Nord-Michigan. Etwas auch nur annähernd Ähnliches gibt es in Europa nicht.
Das Forensic Anthropology Center in Texas gibt es seit 2008, seit 2018 sei man in diesem Gebäude, erzählt Wescott. Wir stehen im Eingangsbereich des Instituts. „Das hier war früher eigentlich ein Teppichgeschäft. Hier war der Ausstellungsraum, dahinter befand sich der Bereich für die Verkäufer, und das Lager nutzen wir heute als unser Labor“. Ein paar Skelette stehen herum, in Glasvitrinen liegen Knochen und „Badges“, Abzeichen Dutzender Polizeieinheiten aus dem gesamten Bundesstaat Texas und darüber hinaus.
700 menschliche Überreste
Danny Wescott führt mich in den hinteren Teil des Gebäudes, öffnet mit einer Chipkarte eine elektronisch gesicherte Tür und wir treten ein in einen großen, hell erleuchteten Raum, der als Lagerraum und gleichermaßen als Labor des Instituts dient. Regale voller Kartons, Metalltische in der Mitte, am Rand Arbeitsplätze mit Mikroskopen. „Jeder dieser Kartons hier enthält die Skelettreste einer Person, die ihren Körper gespendet hat, der dann draußen auf der Ranch verwest ist. Seit 2008 haben das fast 1000 Menschen getan. Hier befinden sich also mehr als 700 menschliche Überreste.“
Nach langen Vorgesprächen unterzeichnen Spender:innen ihre Absichtserklärung, nach dem Ableben den eigenen Körper der Wissenschaft zu überlassen. Wescott ist es wichtig, dass auch die Angehörigen einwilligen, denn im Todesfall müssen sie das Institut benachrichtigen. Dann fahren Studierende zum Haus der verstorbenen Person, um den Leichnam abzuholen.
Eine junge Frau steht an einem der Tische. Ganz vorsichtig nimmt sie einen Knochen nach dem anderen aus einem der Kartons. „Letzte Woche haben wir diesen Fall erhalten von draußen und gerade erstelle ich Bestandsaufzeichnungen, nehme Maße vor und führe Untersuchungen durch, um ein biologisches Profil zu erstellen. Daraus entsteht dann ein Bericht, der an die Strafverfolgungsbehörde zurückgeschickt wird“, meint die 27-jährige Doktorandin Bianca. Auch das macht man hier am Institut: Auftragsarbeiten für Ermittlungsbehörden. Bianca stammt aus Brasilien und kam nach San Marcos, um hier forensische Anthropologie zu studieren. Eigentlich wollte sie Ärztin werden, „aber dann stieß ich auf die forensische Anthropologie und sah, wie diese Arbeit auch in der humanitären Hilfe umgesetzt wird, insbesondere bei der Identifizierung vermisster Personen in Südamerika. Ich komme ja aus Brasilien, und da dachte ich mir: Das ist etwas, was ich machen möchte, weil ich so Familien einen Abschluss ermöglichen kann.“
Danny Wescott führt mich in sein kleines Büro, darin stapelweise Papiere, ein Skelett in der Ecke, verschiedenste Knochen auf den Regalen. Lange Zeit habe genau dieser forensisch-anthropologische Blick in der Rechtsmedizin gefehlt, meint er. Zwar gab es immer mal wieder einen Professor, der sich an einem „Cold Case“ versuchte, aber in der Regel lief das alles im Bereich des FBI. Bis immer mehr Gerichtsmediziner:innen darauf Wert legten und Forensiker:innen einstellten. „Unsere Aufgabe hier besteht nun darin, Studierenden genau all das beizubringen und ihnen entsprechende Möglichkeiten zu bieten.“ Auch Strafverfolgungs- und Ermittlungsbehörden würden hier geschult.” „Lass uns rausfahren, dann zeige ich Dir die Ranch.“
Nur zehn Minuten vom Institut an der Old Ranch Road entfernt liegt die Freeman Ranch, eine knapp 1700 Hektar große Farm, die von der Freeman Familie an die Universität gestiftet wurde. Allerdings mit der Auflage, dass das Land nicht verkauft werden dürfe und dort weiterhin Landwirtschaft betrieben werden müsse. Ein idealer Ort für die Agrarwissenschaften an der Texas State University. Und ein paar weitere Abteilungen der Uni, wie das forensische Institut, das rund 14 Hektar verwaltet.
Genau vermessen
Danny Wescott hält zuerst an einem Flachbau mit wenigen Parkplätzen davor. Durch einen Versammlungssaal gehen wir in den hinteren Bereich, der erneut mit einer Chipkarte geöffnet werden muss. „Das hier ist also unser Aufnahmebereich. Wenn wir eine Leiche erhalten, bringen wir sie hierher, wiegen und messen sie. Den Taillenumfang, die Körpergröße und Ähnliches. Außerdem entnehmen wir Blutproben für die DNA-Analyse sowie Haar- und Fingernagelproben. Wir entfernen alle medizinischen Gegenstände, die sie zu diesem Zeitpunkt tragen, machen einige Standardfotos. Dann werden sie entweder sofort weitergebracht, also nach draußen, oder wir können sie hier in einem Kühlraum zwischenlagern.“
Etliche Studierende sitzen in den angrenzenden Räumen, fotografieren Knochen, reinigen diese oder kleben auf jeden einzelnen die jeweilige Spendernummer, die für das Archiv des forensisch-anthropologischen Instituts benötigt wird.
Mit dem Pick-up von Danny Wescott geht es weiter. Offenes Land, vorbei an Sträuchern, Bäumen, ein paar Rehe schauen dem vorbeifahrenden Auto nach. Vor einem Doppelzaun mit Tor parken wir. Wescott öffnet das erste Tor, dann das zweite, das krachend ins Schloss fällt. Er überlegt kurz und fragt dann: „Willst Du gleich einen Leichnam sehen?“, um dann hinzuzufügen, dass er das Ganze hier draußen normalerweise langsam aufbaut. Anscheinend mache ich den Eindruck, dass mich tote Körper nicht so leicht umhauen.
Pechschwarze Haut
Etwa 30 Meter vom Tor entfernt sieht man zwei flache Eisenkäfige am Boden. „Bei dieser Leiche sieht man, dass sie schon eine ganze Weile hier liegt. Sie besteht nur noch aus Skelett und Haut.“ Die Haut ist pechschwarz. Ein sehr starker Sonnenbrand, beschreibt es Wescott. Um die Leiche herum ein schwarzer Ring, auf dem keine Vegetation wächst. „Das entsteht im Grunde dadurch, dass die inneren Organe durch Bakterien verflüssigt werden und dann austreten.“
Unter dem anderen Käfig eine Frau. Die langen Haare hängen vom Kopf. „Der Verwesungsprozess bei diesem Körper läuft noch. Man sieht, dass die Haut langsam ledrig wird, aber sie sieht immer noch feucht aus.“
Danny Wescott geht weiter, querfeldein, zwischen hohen Sträuchern und Bäumen hindurch. Eine kleine Lichtung, weitere flache Käfige vor uns, die über die Leichname gelegt werden, um sie vor Vögeln und anderen Tieren zu schützen. Manchmal wird aber genau das erforscht – die Leichen liegen dann ungeschützt im Freien, dem Wetter und den Aasfressern ausgesetzt.
Wir stehen vor zehn Leichnamen, ihr Verwesungsprozess ganz unterschiedlich. Bei einigen erkennt man noch Kopf- und Körperbehaarung, Gesichtszüge, Besonderheiten auf der Haut, wie Tätowierungen. Andere sind zu einem Haufen Knochen zerfallen. Wescott berichtet davon, dass sie hier gerade auch Tests für die israelische Beerdigungskommission durchführen. Man teste hier, wie man den Verwesungsprozess beschleunigen könne, in dem man zum Beispiel das Düngemittel EM-1 hinzufügt. „Das ist eine Leiche, die wir vor zwölf Monaten hierher gelegt haben. Sie ist noch in ziemlich gutem Zustand. Die inneren Organe sind zwar verwest, aber die Haut ist stark mumifiziert. Bei dieser hier haben wir EM-1 injiziert – ein schönes, sauberes Skelett. Die Methode war also offensichtlich erfolgreich.“
Wescott geht weiter, vorbei an Käfigen, aus denen hohe Gräser wachsen, erst beim zweiten Blick erkennt man menschliche Überreste dazwischen. Zu jeder Zeit liegen hier draußen rund 80 Leichname. Teils offen, teils mit Käfigen geschützt oder begraben. Er zeigt auf eine Fläche. „Das ist unser Massengrab-Projekt. Dort sind gerade erst fünf Leichen beigesetzt worden. Irgendwann im nächsten Jahr wird dort eine Ausgrabung stattfinden.“ Studierende sollen dabei genau das lernen: behutsam, gezielt und wissenschaftlich fundiert vorzugehen. In der Zwischenzeit wird auch mit Drohnen beobachtet, wie man solch ein Massengrab aus der Luft erkennen kann, welche Anzeichen es etwa im Wachstum von Pflanzen gibt, um auf die begrabenen Toten im Erdreich schließen zu können.
Ausbildungsort für Polizisten, Rettungskräfte, Feuerwehr
Nicht nur Studierende werden hier ganz direkt und konkret ausgebildet. Auch Polizeieinheiten und Ermittler:innen, Rettungskräfte und Feuerwehren werden auf dieser „Body Farm“ geschult. So werden Leichen in kleine, möblierte Holzhütten und Autos gesetzt und in Brand gesteckt, um dann zu erforschen, was mit den Körpern passiert und was man bei der Bergung der Leichname beachten muss. Auch bietet das forensische Institut Trainingseinheiten für Kadaverhunde an, die hier im Freien mit menschlichen Überresten oder an ganzen, im Unterholz versteckten Körpern ihre Supernasen schulen.
Am Ende dieses Rundgangs bleibt eine Frage. Wird er seinen Köper der Wissenschaft spenden? „Ja“, meint Wescott sofort. „Im Moment habe ich meinen Körper der University of Tennessee gespendet, dort habe ich meinen Doktortitel erworben.“ Warum nicht diesem Institut? „Wenn ich jetzt sterben würde, wären es meine Studenten, die mich von daheim abholen, mich hier draußen ablegen und meinen Körper überwachen müssten. Mir würde das nichts ausmachen, aber ich denke, ihnen gegenüber wäre das wahrscheinlich nicht fair.“
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Gesprächspartner:innen waren der Direktor des Instituts, Danny Wescott, der mich zu dem Besuch eingeladen hatte; außerdem die Doktorandin Bianca und ein paar Studierende am Intake-Center für die Leichname auf der Freeman Ranch.
Quellen
- Lokalaugenschein am „Forensic Anthropology Center“ der University of Texas in San Marcos.
Daten und Fakten
- Insgesamt acht derartige Forschungseinrichtungen gibt es in den USA, die westlichste liegt in Colorado, das Institut in San Marcos ist die größte ihrer Art.
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