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Als Samweis G. aus unruhigen Träumen erwachte

8 Min
Wenn Franz K. den "Herrn der Ringe" fortgesetzt hätte...
© Illustration: WZ, Bildquelle: Midjourney

Interview mit dem abwesenden Schriftsteller Franz K. über seine ungeschriebene Fortsetzung des „Herrn der Ringe“. Vermutungen anhand von Brief- und Tagebuchstellen.


WZ

Herzlichen Dank, Herr Franz K., dass Sie sich zu einem Gespräch mit der WZ bereit erklärt haben, und obendrein exklusiv. Sie geben sonst nie Interviews…

Franz K.

Schriftsteller reden Gestank. Wenn ich etwas sage, verliert es sofort und endgültig die Wichtigkeit, wenn ich es aufschreibe, verliert es auch immer, gewinnt aber manchmal eine neue. Das Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in uns.

WZ

Dann kommen wir gleich zum Schreiben: Mit dem Satz „Eines Morgens erwachte Samweis G. aus unruhigen Träumen und beschloss, ohne vorherige Planung in den Alten Westen zu gehen“ beginnt einer der bedeutendsten Romane der Weltliteratur, nämlich das siebente Buch des „Herrn der Ringe“ mit dem Titel „Der einsame Gefährte“. Was bedeutet der Titel?

Franz K.

Einer von diesen Vielen war er. Nun ist die Gruppe aufgelöst oder wenigstens er hat sie verlassen und bringt sich allein durchs Leben.

WZ

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, J. R. R. Tolkiens Trilogie weiterzuführen?

Franz K.

Man schaut aus dem Fenster, zieht den Sessel vom Bett und setzt sich zum Kaffee… Ich bin ungesellig bis zum Verrücktsein, nicht nur für mich, sondern für alle, die ich liebe. Verkehr mit Menschen verführt zur Selbstbeobachtung. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.

WZ

Dieses siebente Buch weicht nicht nur von seinen Vorgängern beträchtlich ab, sondern ebenso von Ihren eigenen bisherigen Werken. Wie kommt das?

Franz K.

Die ungeheure Welt, die ich im Kopf habe. Aber wie mich befreien und sie befreien, ohne zu zerreißen. Und tausendmal lieber zerreißen, als sie in mir zurückhalten oder begraben. Dazu bin ich ja hier, das ist mir ganz klar.

WZ

In diesem Buch „Der einsame Gefährte“ beginnen Sie, genau genommen, Samweis‘ Reise zu erzählen, zu der es aber nicht kommt. Wenn ich richtig gelesen habe, dann will Samweis zwar aufbrechen, doch es stellen sich ihm immer neue Hindernisse in den Weg, die er zwar scheinbar überwindet, die ihn dabei allerdings immer weiter von seinem Vorhaben abbringen. Ich finde das, ich gestehe es offen, ausgesprochen witzig…

Franz K.

Auch verstehe ich Spaß, aber alles kann mir auch Drohung sein.

WZ

Darauf wollte ich hinaus: Der Witz hat, denkt man sich in Samweis hinein, durchaus etwas Böses. Samweis muss höchst frustriert sein…

Franz K.

Zum letzten Mal Psychologie!

WZ

Verzeihen Sie, aber ich lese es so, egal, wie Sie es gemeint oder geschrieben haben. Kann es nicht sein, dass die Leserin oder der Leser eine Autorin oder einen Autor auf einer anderen Ebene versteht als der, die sie oder er meint?

Franz K.

Ich glaube nicht, dass es Leute gibt, deren innere Lage ähnlich der meinen ist, immerhin kann ich mir solche Menschen vorstellen, aber dass um ihren Kopf so wie um meinen immerfort der heimliche Rabe fliegt, das kann ich mir nicht einmal vorstellen.

WZ

Ich will zurückkommen zu „Der einsame Gefährte“. In einer Szene versucht Samweis auf dem Amt für Hobbitwanderungen einen Passierschein für das Boot der neun Segel zu bekommen, das als einziges in den Alten Westen fährt. Als ihn die Beamtin fragt, wer er sei, bekommt er auf jeden Versuch, sich zu erklären, die Antwort, er müsse seine Auskunft vervollständigen. Woran scheitert Samweis?

Franz K.

Er läuft den Tatsachen nach wie ein Anfänger im Schlittschuhlaufen, der überdies übt, wo es verboten ist. Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört, Halt zu sein. Sich kennt er, den andern glaubt er, dieser Widerspruch zersägt ihm alles.

WZ

Ich verstehe: Samweis muss zur Erkenntnis finden, dass er sein Ich aufgeben muss, um die Reise antreten zu können. Da er das nicht versteht, kommt er bei den Reisevorbereitungen nicht weiter. Verstehe ich richtig? – Während in den von Tolkien geschriebenen Büchern die Aufgaben sozusagen von außen an die Gefährten herangetragen werden, und Gandalf die Gefährten quasi unterrichtet, wie alles zu bewältigen ist, ist es nun eine innere Aufgabe, der sich Samweis stellen müsste, die er jedoch nicht erkennt. Er müsste sein eigener Lehrer und Schüler in einer Person sein.

Franz K.

(nickt:) Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.

WZ

Das erinnert mich entfernt an pseudo-tiefsinnige Literatur. Ist das als eine Parodie auf Paulo Coelho zu verstehen?

Franz K.

(sehr verärgert:) In Kabarettstimmung bin ich allerdings nicht, war es aber auch niemals.

WZ

Mir ist aufgefallen, dass die meisten, sagen wir: unsympathischen Gestalten Ihres Romans schlechte Zähne haben. Ich denke beispielsweise an den abtrünnigen Elbenkrieger Randibrog, der, ich zitiere, „nach einem faulenden Backenzahn stinkt“ und Samweis auf einen Irrweg schicken will, oder an den betrügerischen Numenorer Barinur mit den schwarzen Zähnen, der Samweis seinen Reiseproviant, das Lembas, abschwatzt.

Franz K.

Mir ist die Krankheit der Zähne eines der widerlichsten Gebrechen, von denen ich nur bei den liebsten Menschen und selbst dort nur zur Not absehen kann. Und wenn auch die Vernachlässigung der Zähne nicht gerade durch schlechte Pflege erfolgt ist, so ist sie, nicht anders als bei mir, durch Fleischessen erfolgt. Man sitzt bei Tisch, lacht und spricht (ich habe für mich wenigstens die Rechtfertigung, dass ich nicht lache und spreche), und inzwischen entstehen aus winzigen Fleischfasern zwischen den Zähnen Fäulnis- und Gärungskeime in nicht kleineren Mengen als aus einer toten Ratte, die zwischen Steine geklemmt ist.

WZ

Dann habe ich also richtig verstanden, dass die Personen mit den schlechten Zähnen in übertragenem Sinn an Samweis nagen.

Franz K.

Ich stelle mir die Hyäne vor, wie sie eine Karawane verlorene Sardellenbüchsen findet, den kleinen Blechsarg aufstampft und die Leichen herausfrisst.

WZ

Doch im Handumdrehen steht Randibrog auf Samweis‘ Seite, zumindest in seinem Ringen um den Passierschein.

Franz K.

Das Böse ist manchmal in der Hand wie ein Werkzeug; erkannt oder unerkannt, lässt es sich, wenn man den Willen hat, ohne Widerspruch zur Seite legen.

WZ

Apropos das Böse: Sie schildern die Gesellschaft der Hobbits durchaus differenziert. Man sucht mit einer geradezu gnadenlosen Intensität das Glück, versucht sich sogar ziemlich unbeholfen in ohnedies wirkungsloser Magie... Was wollen Sie den Leser:innen damit sagen?

Franz K.

Das Gute ist in gewissem Sinne trostlos. Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.

WZ

Als roter Faden ziehen sich durch den Roman Szenen seltsamer Boten aus dem Volk der Ostlinge…

Franz K.

(nickt:) Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach der Art der Kinder wollten alle Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides.

WZ

Des Diensteides gegenüber einem abwesenden König, den ich wohl als höhere, aber unsichtbare Macht verstehen muss. Könnte ich ihn als Gott bezeichnen?

Franz K.

(lacht:) Was ist fröhlicher als der Glaube an einen Hausgott!

WZ

Weshalb will Samweis eigentlich in den Alten Westen reisen? Im Prinzip verweigern Sie dem Leser jede Begründung…

Franz K.

Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern.

WZ

Darf ich eine Frage zu Ihrem Lebensmittelpunkt stellen: Sie sind in Prag aufgewachsen, haben in Wien gelebt – und nun vernimmt man gerüchteweise, Sie würden nach Berlin umziehen.

Franz K.

Berlin ist eine so viel bessere Stadt als Wien, dieses absterbende Riesendorf. Mein letzter Rat in dieser Sache bleibt immer: weg von Wien. Die Tage in Wien möchte ich aus meinem Leben am liebsten ausreißen und zwar von der Wurzel aus.

WZ

Abschließend möchte ich nochmals auf den Roman zurückkommen. Sie verwenden eine Sprache, die sich doch deutlich unterscheidet von der deutschsprachigen Erzähltradition, wie sie, sagen wir, mit Johann Wolfgang von Goethe beginnt.

Franz K.

Goethe hält durch die Macht seiner Werke die Entwicklung der deutschen Sprache wahrscheinlich zurück. Wenn sich auch die Prosa in der Zwischenzeit öfters von ihm entfernt, so ist sie doch schließlich, wie gerade gegenwärtig mit verstärkter Sehnsucht, zu ihm zurückgekehrt und hat sich selbst alte, bei Goethe vorfindliche, sonst aber mit ihm nicht zusammenhängende Wendungen angeeignet, um sich an dem vervollständigten Anblick ihrer grenzenlosen Abhängigkeit zu erfreuen.

WZ

Ich habe Ihren Roman mit großer Begeisterung gelesen, und zwar bis zur Seite 234, auf der es heißt: „Samweis fühlte sich erhoben und es drängte ihn, gemäß seiner Art, unweigerlich…“ Damit endet der zweite Absatz und auch der Roman. Ist das Fragmentarische eines Ihrer Konzepte?

Franz K.

Nichts bringe ich fertig, weil ich keine Zeit habe und es in mir so drängt.

WZ

Darf ich abschließend anmerken, sehr geehrter Herr K., dass mir Ihre Antworten auf meine interpretatorischen Bemühungen sehr ungefähr scheinen, so, als würde sich zwischen meiner Frage und Ihrer Antwort ein Spalt auftun, in den man unversehens hineinzufallen droht?

Franz K.

Kennen Sie das Wort „kafkaesk“?


Infos und Quellen

Genese

Was bedeutet eigentlich „kafkaesk“? Als WZ-Redakteur Edwin Baumgartner in der Wochensitzung einen Artikel zu diesem Thema vorstellte, stieß er auf fragende Blicke. „Tu‘ so, als hätte Kafka den ,Herrn der Ringe‘ fortgesetzt“, war einer der Vorschläge. Edwin Baumgartner griff ihn begeistert auf und schlug ein Interview mit dem Schriftsteller Franz K. über diesen selbstverständlich unvollendeten Roman vor.

Interviewpartner

  • Franz K., Schriftsteller, geboren in Prag, unsterblich; Verfasser von Kurzgeschichten und fragmentarischen Romanen.

Daten und Fakten

  • Die Antworten des (natürlich fiktiven) Interviews sind zusammengestellt aus Sätzen aus den Tagebüchern, Briefen und den Aphorismen von Franz Kafka (wobei Grammatik und Rechtschreibung stillschweigend den heutigen Regeln angepasst wurden). Lediglich die letzte Antwort ist eine freie Erfindung.

  • J(ohn) R(onald) R(euel) Tolkien (1892-1973) war ein britischer Schriftsteller und Philologe. Sein Roman „Der Herr der Ringe“, 1954/55 auf Englisch, 1969/70 auf Deutsch erschienen, genießt Kultstatus. Es ist eines der erfolgreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts und gilt als wegweisend für die Fantasy-Literatur. Es umfasst die Bände „Die Gefährten“, „Die zwei Türme“ und „Die Rückkehr des Königs“, von denen jeder in zwei Bücher geteilt ist. Das dem Schriftsteller Franz K. zugeschriebene Buch „Der einsame Gefährte“ ist eine Erfindung.

  • Samweis Gamdschie ist eine der Hauptgestalten in J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Samweis, zumeist Sam genannt, gehört dem Volk der Hobbits an. Am Ende von Tolkiens Romantrilogie fährt Samweis in den Alten Westen. Darauf scheint sich der Roman „Der einsame Gefährte“ von Franz K. zu beziehen.

  • Hobbits, Elben und Numenorer sind Völkerschaften in J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“.

  • Lembas ist das von J. R. R. Tolkien beschriebene Elbenbrot.

  • Paulo Coelho, 1947 in Rio de Janeiro geboren, ist ein brasilianischer Bestsellerautor. Sein „Handbuch des Kriegers des Lichts“ ist eine Sammlung mystizistischer gleichnishafter Geschichten und Sinnsprüche. Sein größter Erfolg war der Roman „Der Alchimist“ (1996).

  • Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag als Sohn deutschsprachiger jüdischer Eltern geboren. Er hielt sich mehrfach in Wien und Umgebung auf, etwa in den Jahren 1913 und 1920. 1924 kam er zur – letzten Endes erfolglosen – Behandlung seiner Tuberkulose nach Kierling bei Klosterneuburg, wo er am 3. Juni 1924 starb. Wien war für Kafka offenbar vom ersten Moment an eine unangenehme Erfahrung: 1913 musste Kafka, der in seinem Brotberuf Versicherungsjurist war, als Delegierter der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt am Zweiten Internationalen Kongress für Rettungswesen und Unfallverhütung teilnehmen, den er als sinnlose Zeitverschwendung empfand. Der Wien-Aufenthalt 1920 war von Gesundheitsproblemen und Liebeswirren überschattet: Kafka war bereits unheilbar an Tuberkulose erkrankt. Seine Verlobte, die Pragerin Julie Wohryzek, hatte ihn dazu bringen wollen, sich nach seiner Kur in Meran mit ihr in München zu treffen und von dort nach Prag weiterzufahren. Kafka aber fuhr über Wien, um hier mit der verheirateten Milena Jelenská zusammenzutreffen. Mit ihr verbrachte er vier Tage. Zurück in Prag löste er die Verlobung mit Julie Wohryzek.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien