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Jede Dritte

5 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

In den letzten Tagen machten zwei Headlines die Runde: 1. Jede dritte Frau in Österreich ist ohne das Einkommen anderer armutsgefährdet. 2. Jede dritte Frau in der EU ist Opfer von Gewalt. Beide Faktoren stehen in unmittelbaren Zusammenhang.


    • Jede dritte Frau in Österreich ist finanziell von ihrem männlichen Partner abhängig und gilt offiziell als abgesichert.
    • In der EU ist jede dritte Frau von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen, Dunkelziffer vermutlich höher.
    • Ökonomische Abhängigkeit erhöht das Risiko für Gewalt und erschwert Frauen die Trennung aus gewalttätigen Beziehungen.
    • Jede dritte Frau in Österreich ist finanziell vom Partner abhängig.
    • Gender Pay Gap 2024 in Österreich: 17,6 %.
    • In der EU sind 30,7 % der Frauen über 15 von Gewalt betroffen.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Eine von der Caritas beauftragte Studie wurde anlässlich des Weltfrauentages medial diskutiert. Sie kam zu dem Ergebnis, dass jede dritte Frau vom Einkommen anderer in gemeinsamen Haushalten abhängig ist. Die Studienautor:innen machten es sich zur Aufgabe, „versteckte Armutsrisiken“ und ihre strukturellen Ursachen aufzuzeigen. In Österreich gelten Personen als „finanziell abgesichert“, die in Haushalten leben, in denen alle in diesem Haushalt lebenden Personen insgesamt über ausreichend Einkommen verfügen. Und zwar unabhängig davon, über wie viel Einkommen und/oder Vermögen die Einzelnen innerhalb dieses Haushalts verfügen.

Da Frauen in Österreich den Großteil an unbezahlter Fürsorgearbeit und Haushaltsarbeit übernehmen, oder in anderen Worten: Da sie den Anteil unbezahlter Fürsorgearbeit und Haushaltsarbeit der Männer in gemeinsamen Haushalten miterledigen, weil Männer diese nicht erledigen, haben sie oftmals weniger Zeit für Erwerbsarbeit und üben diese nur Teilzeit statt Vollzeit aus. Zudem werden Frauen immer noch signifikant schlechter bezahlt als Männer. 2024 betrug der Gender Pay Gap in Österreich 17,6 Prozent – damit liegt Österreich im traurigen EU-Spitzenfeld.

Es ist also wenig überraschend, dass Frauen in heterosexuellen Paarhaushalten in aller Regel über signifikant weniger Einkommen und Vermögen – und damit über signifikant weniger Ressourcen und Freiheiten – verfügen als ihre männlichen Partner. Frauen sind somit in Österreich oft finanziell von ihren Ehemännern und Partnern abhängig. Diese Abhängigkeit wurde bislang statistisch nicht erfasst, da jene Frauen aufgrund des Einkommens ihrer Partner offiziell als „finanziell abgesichert“ galten. Nun stellte die Caritas fest: Das gilt für jede dritte Frau, die nicht allein lebt.

Gewalterfahrungen

Anfang März machte aber noch eine weitere Studie die Runde: Die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) und das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) stellten fest, dass in der Europäischen Union jede dritte Frau über 15 Jahren – genau genommen 30,7 Prozent – körperlicher oder sexueller Gewalt ausgesetzt ist. Zwischen September 2020 und März 2024 wurden 114.000 Interviews mit Frauen durchgeführt. Dabei wurde folgendes Paradoxon sichtbar: In jenen Ländern, in denen Gleichstellung bereits weit fortgeschritten war – in nordischen Ländern etwa – berichteten wesentlich mehr Frauen von Gewalt als in Ländern, in denen ein großes Gefälle zwischen den Geschlechtern herrscht. So gaben in Finnland 57,1 Prozent der Frauen an, Erfahrungen mit Gewalt gemacht zu haben, während dieser Anteil in Bulgarien nur 11,9 Prozent betrug. Bei sexueller Gewalt war die Diskrepanz noch auffälliger: Während nur 3,4 Prozent aller Bulgarinnen sich als Betroffene deklarierten, taten das 41 Prozent der befragten Schwedinnen.

Laut den Autorinnen der Studie ist das nicht darauf zurückzuführen, dass in Bulgarien Frauen tatsächlich seltener von Gewalt betroffen sind, sondern darauf, dass die Sensibilisierung dafür, was Gewalt überhaupt ist, wesentlich weniger ausgeprägt ist, und darauf, dass ein Sprechen über diese Gewalt auf viel umfassendere Weise tabuisiert ist.

Es ist also davon auszugehen, dass Frauen viel mehr Gewalt ausgesetzt sind, als sie in einer wissenschaftlichen Studie angeben. Das Ergebnis, dass jede Dritte in der EU von Gewalt betroffen ist, bezieht diesen Faktor nicht mit ein. Das bedeutet: Realistisch dürfte es mehr als jede dritte Frau betreffen.

Armut, Gewalt und Gewaltprävention

Wenn also jede dritte Frau in Österreich finanziell von ihrem männlichen Partner abhängig ist, bedeutet das auch, dass sich jede dritte Frau in Österreich nicht trennen kann, zumindest nicht, ohne zu riskieren, fortan in Armut zu leben. Wenn jede dritte Frau in Österreich finanziell von ihrem männlichen Partner abhängig ist, bedeutet das, dass sich jede dritte Frau auch dann nicht aus einer Beziehung befreien kann, wenn ihr Partner gewalttätig ist.

Ökonomische Diskriminierung von Frauen steht in direktem Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen. Die Armut, in der Frauen sich in Österreich befinden, steht in direkten Zusammenhang mit den horrenden Zahlen zu häuslicher Gewalt. Und sie steht in direktem Zusammenhang mit der hohen Zahl an Femiziden in diesem Land.

Wenn Feministinnen fordern, dass Frauen für die gleiche Arbeit auch den gleichen Lohn erhalten, wenn sie fordern, dass Männer ihren Anteil an unbezahlter Arbeit erledigen, weil nur das ihnen ermöglichen würde, gleichberechtigt einer Erwerbsarbeit nachzugehen, geht es nicht isoliert um die finanzielle Situation von Frauen – auch wenn diese hochrelevant ist. Es geht auch darum, dass die finanzielle Situation von Frauen die Basis dafür bildet, wie vulnerabel und ausgeliefert sie sind, wenn es um männliche Gewalt in Familien und Intimbeziehungen geht. Finanzielle Unabhängigkeit ist für Frauen nicht weniger als (über-)lebensnotwendig.

Maßnahmen, die die ökonomische Diskriminierung von Frauen beenden oder verringern, auf die politische Top-Prioritätenliste zu setzen, könnte also gerade im „Land der Femizide“ nicht dringender sein.

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

Zur Autorin

Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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