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Jemen: Israel-Gegner gefährden Westen am Roten Meer

8 Min
Der Jemen ist seit Jahrzehnten Kriegsschauplatz.
© Fotocredit: AP / picturedesk.com

Der Nahost-Konflikt führt zu einer neuen Krise. Radikale Israel-Gegner im Jemen bedrohen die wichtige Handelsroute durch das Rote Meer. Der Westen antwortet militärisch. Die wichtigsten Fragen und Antworten.


Worin besteht der Konflikt im Jemen?

Tatsachen sind: Die Huthi greifen Ziele wie Ölförderanlagen und Flughäfen in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten an. Ihre Waffen dafür sind Raketen und Drohnen. Zusätzlich greifen sie Handelsschiffe im Roten Meer und im Golf von Aden an. So entführten sie am 19. November 2023 die „Galaxy Leader“. Laut einem Sprecher der Huthi werden israelische Schiffe und Schiffe mit Kurs auf Israel weiterhin angegriffen.

Gegner der Huthi ist eine von den USA angeführte Militärkoalition, der u.a. das Vereinigte Königreich, Bahrain, Kanada, Frankreich, Italien, die Niederlande, Norwegen, die Seychellen und Spanien angehören. Die Initiative trägt den Namen „Operation Prosperity Guardian" (Operation Sicherung des Wohlstands). Diese attackiert ihrerseits Stellungen der Huthi mit Bomben und Raketen. Nach unlängst erfolgten Attacken der Huthi auf Schiffe im Roten Meer, bombardierten die USA und Großbritannien mit Unterstützung von Australien, Bahrain, Kanada und den Niederlanden Huthi-Stellungen.

Das Ziel der Huthi ist, die Seefahrtswege im Roten Meer zu unterbrechen. Der Suezkanal verbindet das Mittelmeer mit dem Roten Meer, wodurch die Fahrt um das Kap der Guten Hoffnung vermieden werden kann. Rund zehn Prozent des Welthandels läuft über die Seefahrtsrouten im Roten Meer. Durch ihre Attacken können die Huthi dem Welthandel schwere Schläge zufügen.

Wer sind die Huthi?

Die Huthi stammen ursprünglich aus dem Nordwesten des Jemen aus der Gegend um Sadah. Ihre Bewegung geht von einem gewissen Hussein Badreddin al-Huthi aus, der 2004 gestorben ist. Die Huthi gehören im Gegensatz zu den meisten anderen Jemeniten zu einer schiitischen Untergruppe, den Zaiditen, was in dem tiefreligiösen Land eine große Bedeutung hat.

Die Huthi sind kriegerisch, antiisraelisch und antiamerikanisch. Heute kontrollieren sie geografisch gesehen die wichtigsten Teile des Jemen, nachdem sie 2014 vom Norden kommend in die Hauptstadt Sanaa einmarschiert waren. Die Huthi verfügen über rund 180.000 bis 200.000 bewaffnete Kämpfer.

Was sind die Ursachen des Konflikts?

Hintergrund der Huthi-Rebellion ist eine Gemengelage aus Religion, Wirtschaft und Machtpolitik. Die Huthi gewannen in den letzten Jahren im Jemen enorm an Einfluss, ihnen gelten Israel und die USA als Todfeinde. Prinzipiell war die Koexistenz von Sunniten und Schiiten im Jemen friedlich, bis um 2015 eine Radikalisierung einsetzte, wobei beide Seiten einander beschuldigen, dass sich ihre Exponenten mit den Terroristen der jeweils anderen Seite verbündet zu haben. So soll sich nach Angaben der Huthi der international anerkannte Präsident Mansour Hadi mit dem IS und der Al Kaida verbündet haben, während der frühere Präsident Ali Abdallah Saleh beschuldigt wurde, gemeinsame Sache mit den Huthis zu machen, um die Regierung Hadis auszuschalten.

Ein weiterer Nährstoff des Konflikts ist der Kurs des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh (2012 zurückgetreten, 2017 ermordet), dem eine ungleiche Ressourcenverteilung mit Auswirkungen bis in die Gegenwart vorgeworfen wird. Das trieb benachteiligte Bevölkerungsgruppen, auch dann, wenn sie keine Zaiditen waren, zu den Huthi. Bei der Neuordnung des Jemen in der Zeit nach den Wahlen des Jahres 1993, die einen Demokratisierungsprozess einzuleiten schienen, wurden allerdings die Huthi-Regionen vom Zugang zum Meer abgeschnitten. Das war der endgültige Auslöser für die Rebellion, die, in der Vorstellung der Huthi, mit der Machtübernahme über den gesamten Jemen enden soll.

Welche Rolle spielen der Iran und Saudi-Arabien?

Der schiitisch regierte Iran unterstützt die Huthi gegen die mehrheitlich sunnitische Regierung des Jemen. 65 Prozent der Bevölkerung des Jemen sind Sunniten. Der religiöse Konflikt ist allerdings nur ein Teil der iranischen Interessen. Ein anderer Teil ist die Positionierung der Huthis gegen Israel und die USA – beide Feindbilder des Iran.

Außerdem schwelt der Konflikt des schiitischen Iran mit dem mehrheitlich sunnitischen Saudi-Arabien durchaus nicht nur im Hintergrund. Dabei geht es um die Dominanz im Nahen Osten: Sowohl der Iran als auch Saudi-Arabien beanspruchen die Vormachtstellung. Saudi-Arabien und der Iran führen im Jemen einen Stellvertreterkrieg. Während der Iran zunehmend in Isolation gerät, genießt Saudi-Arabien, trotz einer problematischen Menschenrechtslage, zunehmend Sympathien im Westen, ist ein Verbündeter der USA und anerkennt den Staat Israel. 2015 griff Saudi-Arabien in den jemenitischen Bürgerkrieg mit einer Militärintervention ein, die das Ziel hatte, die Huthi-Rebellen zurückzudrängen.

Sind im Jemen Terrororganisationen aktiv?

Die Al Kaida, die für den Terroranschlag 9/11 in den USA verantwortlich war, hat eigene Ableger auf der Arabischen Halbinsel und ist im Jemen immer noch präsent. Die Organisation nutzt den Umstand, dass die politische Zentralmacht in dem von Kriegen und Bürgerkriegen geplagten Land notorisch schwach ist und konnte sich so im Osten des Jemen dauerhaft festsetzen. Die USA, die jetzt Angriffe auf die Huthi fliegen, haben die Al-Kaida in der Vergangenheit mit Drohnen bekämpft und bombardiert. Das Beispiel Al Kaida zeigt, dass der Jemen Zufluchtsort für Extremisten ist, die für die gesamte Welt gefährlich werden können. Auch der IS hat hier Stützpunkte.

Eine Karte des Huthi-Konfliktes in der Bab al-Mandab-Meerstraße.
© Illustration: WZ

Welche Auseinandersetzungen gab es im Jemen bisher?

Der Jemen wird seit vielen Jahrzehnten von verschiedenen, hochkomplexen Kriegen heimgesucht. Die ewigen Kriege haben dazu geführt, dass das Land komplett zerrüttet und eines der ärmsten der Welt ist, ein Großteil der Bevölkerung ist auf internationale Hilfe angewiesen. Im Zuge des Arabischen Frühlings, der 2011 die politischen Systeme der arabischen Welt von Tunesien ausgehend erschütterte, bekämpften einander im Jemen Regierungskräfte und verschiedene oppositionelle Gruppen. Davor hatte es einen blutigen Krieg zwischen dem Nordjemen und einer zwischen 1967 und 1990 unabhängigen kommunistischen Republik Südjemen gegeben, den der Norden gewann.

Damit ist die Geschichte der Kriege im Jemen keinesfalls zu Ende erzählt: In den 60er-Jahren hat es einen jahrelangen Bürgerkrieg zwischen Monarchisten und von Ägypten unterstützen Republikanern mit zahllosen Toten gegeben. Noch heute findet man im Jemen überall Denkmäler für gefallene ägyptische Soldaten.

Wie ist die politische Macht im Jemen verteilt?

Der (mittlerweile ermordete) frühere jemenitische Präsident Ali Abdulla Saleh hat gemeint, den Jemen zu regieren sei wie ein Tanz auf den Köpfen giftiger Schlangen. In der Tat waren verschiedene Stammesfürsten von jeher sehr einflussreich. Wer die zentrale Oberhoheit ausüben wollte, musste stets auf der Hut und zu weitreichenden Zugeständnissen bereit sein. Derzeit ist es so, dass die wichtigsten Städte des Landes im Westen unter Kontrolle der Huthi sind. Die saudisch unterstütze Regierung hat sich im Süden festsetzen können. Im Osten des wüstenreichen Landes haben Terroristen ihre Stützpunkte. Bedeutende lokale Kräfte mischen ebenfalls mit.

Welche Sprengkraft hat der derzeitige Konflikt für die Region?

Die geografische Lage des Jemen an der Enge der Einfahrt zum Roten Meer ist von größter strategischer Bedeutung. Von dieser Position aus lässt sich der gesamte Schiffsverkehr auf der kürzesten Route vom Indischen Ozean ins Mittelmeer kontrollieren. Die USA, Großbritannien und ihre westlichen Verbündeten können es unmöglich akzeptieren, dass der Iran über die Huthi als seine Marionetten den Seehandel beherrscht.

Das wiederum kann die Saat für einen größeren Konflikt sein. Im Moment beteuert die US-Regierung, keine bewaffnete Auseinandersetzung mit dem Iran anzustreben, doch der Jemenkonflikt könnte eine Lunte ans Pulverfass legen. Die Destabilisierung der Region um das Rote Meer hätte für den Welthandel, und somit auch für Europa, unmittelbare und fatale Auswirkungen.

Die Militärschläge gegen die Huthi-Rebellen wurden von der Türkei, dem Iran und Russland scharf verurteilt.


Infos und Quellen

Genese

Co-Autor Michael Schmölzer hat den Jemen vor einigen Jahren, als die Lage noch ruhiger war, intensiv bereist und die kulturellen Besonderheiten des Landes schätzen gelernt. Seitdem ist das Land im Süden der Arabischen Halbinsel von einer Abfolge von Schicksalsschlägen heimgesucht wurden. Zu Kriegen kamen Seuchen wie die Cholera, die Lage für Zivilisten ist verzweifelt. Beiden Autoren war es ein Anliegen, über den Tellerrand des derzeitigen Konflikts der Huthi mit den USA und Großbritannien zu blicken und Hintergründe zum Jemen zu liefern.

Daten und Fakten

  • Schiit:innen und Sunnit:innen bilden die beiden Hauptzweige des Islam. Schätzungen zufolge sind etwa 85 Prozent der Muslim:innen Sunnit:innen und ungefähr 15 Prozent Schiit:innen. Während die Grundlagen des Islam in beiden Richtungen weitestgehend identisch sind, entzündet sich ein Konflikt in der Frage der legitimen Nachfolge des Propheten Mohammed. Nach dessen Tod übernahmen Weggefährten des Propheten das Amt des Kalifen. Dagegen protestierten die Anhänger der Blutsverwandten des Propheten. Sie beharrten darauf, dass nur der nächste Verwandte Mohammeds Nachfolger sein dürfe. Das führte zur Spaltung. Die Sunniten glauben, dass der beste Muslim der Nachfolger Mohammeds sein solle, während die Schiiten überzeugt sind, dass nur Verwandte Mohammeds seine Nachfolge antreten dürfen.

  • Die Zaidit:innen sind ein Zweig der Schiit:innen. Sie verfügen über eine eigene Rechtsschule. Ihr Zentralgebiet ist seit dem 9. Jahrhundert der Jemen, der bis 1962 von zaiditischen Fürsten regiert wurde. Sie unterscheiden sich von den Schiiten insoferne, als sie die Blutlinie der Nachfolge Mohammeds noch enger begrenzen.

  • Ali Abdullah Salih (1942-2017) war ein jemenitischer Politiker. 1978 wurde er Präsident der Jemenitischen Arabischen Republik. 1990 gelang ihm die Vereinigung der Jemenitischen Republik mit der Demokratischen Volksrepublik Jemen (Südjemen). Daraufhin wurde er Präsident des vereinten Jemen. Nachdem er 2011 ein Gesetz durchbringen wollte, das die Regelung der Amtszeit eines Präsidenten aufhebt, kam es zu Unruhen. In deren Folge übergab Salih das Präsidentenamt im Jahr 2012 an seinen Stellvertreter Abed Rabbo Mansur Hadi. Nachdem es mit diesem zu Konflikten gekommen war, näherte sich Salih den Huthi-Rebellen an, nahm dann aber wieder Abstand von ihnen, was zu seiner Ermordung im Jahr 2017 geführt haben dürfte.

Quellen

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