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Jetzt streitet auch Stetten über ein Rechenzentrum

8 Min
Wird Stetten der nächste Standort für ein KI-Rechenzentrum? Nur, wenn alle davon profitieren, wird betont.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Mathias Ziegler

Nach Kronstorf, Nickelsdorf und Leopoldsdorf brodelt es auch in Stetten. Die kleine Gemeinde im Weinviertel will vom KI-Boom profitieren. Doch die Bevölkerung stört die Art und Weise, wie das Projekt angegangen wird.


    • In Stetten gibt es Streit um ein geplantes KI-Rechenzentrum auf einer bisher landwirtschaftlich genutzten Fläche, viele Bürger fühlen sich schlecht informiert.
    • Kritisiert werden fehlende Umweltverträglichkeitsprüfung, hoher Energie- und Wasserbedarf sowie mögliche negative Auswirkungen auf Umwelt und Anrainer:innen.
    • Die Entscheidung über das Projekt ist noch offen, die Gemeinde betont, dass noch kein Beschluss gefasst wurde und viele Details ungeklärt sind.
    • Geplantes KI-Rechenzentrum in Stetten: Möglicherweise 25 Meter hoch, 4,3 Hektar Fläche
    • Online-Petition gegen das Projekt: über 2.000 Unterschriften; Stetten hat 1.400 Einwohner
    • Strombedarf von Rechenzentren: mehrere Prozent des österreichischen Strombedarfs
    • Entwurf zur Umwidmung des Feldes im Jänner 2026 erstellt, Befristung auf 7 Jahre - aber noch nichts beschlossen
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Sie wollen uns einen 25 Meter hohen Klotz von KI-Rechenzentrum mitten auf der grünen Wiese vor die Nase stellen – ohne uns darüber zu informieren, welche Folgen das für die Umgebung hat und was das für die Umwelt bedeutet.“ So oder ähnlich äußern sich mehrere Anrainer:innen und Einwohner:innen im beschaulichen Weinort Stetten bei Korneuburg im Weinviertel, 20 Kilometer nördlich von Wien.

„Niemand wird übergangen! Wir schauen jetzt einmal, ob hier überhaupt ein Data Center möglich wäre. Wenn das der Fall ist, gehen wir mit konkreten Ideen an die Öffentlichkeit. Nur wenn es eine Win-Win-Win-Situation für alle – die Gemeinde, die Region, Niederösterreich – ist, wird das Projekt tatsächlich umgesetzt“, ist aus dem Kreis jener zu hören, die schon seit einiger Zeit die Idee verfolgen, in Stetten ein Rechenzentrum anzusiedeln. Die NÖN haben als erstes Medium darüber berichtet und recherchieren nun gemeinsam mit der WZ und dem Kurier weiter dazu.

Stetten ist nur einer von vielen möglichen Standorten. Denn auch an Österreich geht der KI-Boom nicht spurlos vorüber, und im ganzen Land tauchen immer mehr Pläne für Rechenzentren auf, die dafür benötigt werden. Zuletzt hat ein Google-Projekt in Kronstorf für Aufregung gesorgt; in Leopoldsdorf südlich von Wien sollen sogar zwei entstehen; auch Nickelsdorf (Burgenland) ist im Gespräch. Und all diese Projekte sind durchaus umstritten.

„Grünland-Freifläche“ soll zu „Bauland Sondergebiet – Datacenter“ werden

Warum, das erklärt BOKU-Professor Gernot Stöglehner im Gespräch mit der WZ: „Wir sprechen von riesigen Bauten, in der Regel mit fünf Etagen, von denen jede fünf Meter hoch ist, und mehreren Dutzend Hektar Flächenbedarf. Bei Kronstorf wissen wir, dass es 50 Hektar sind.“ Das entspricht etwa 70 Fußballfeldern. Im Vergleich dazu ist die „grüne Wiese“ in Stetten, auf der noch vor einem Monat Getreide geerntet wurde, mit 4,3 Hektar recht klein – wenn nicht noch angrenzende Grundstücke hinzukommen. Das Getreidefeld direkt neben einem Gewerbegebiet soll nun von einer „Grünland-Freifläche“ zu einem „Bauland-Sondergebiet – Datacenter“ mit entsprechender Bebauungshöhe umgewidmet werden. Außerdem sollen Erschließungsstraßen verbreitert werden. Das Ganze mit einer Befristung auf sieben Jahre – sprich: Sollte sich in diesem Zeitraum nichts Konkretes tun, würde das Feld wieder zur „Grünland-Freifläche“.

Das Maisfeld in Stetten, auf dem künftig ein Rechenzentrum stehen könnte
Wo bisher Getreide angebaut wird (hier Mais im Vorjahr), könnte künftig ein großes Rechenzentrum stehen.
© Stöckl

Der entsprechende Entwurf wurde im Jänner 2026 erstellt – wenige Monate, bevor das Land Niederösterreich im Juni eine Strategie samt (unverbindlichem) Leitfaden für die Errichtung von Rechenzentren herausgegeben hat, in dem unter anderem festgehalten wurde: „Grundsätzlich hat die Nutzung bestehender Strukturen Vorrang vor dem Bau von Rechenzentren auf der ‚grünen Wiese‘. Zu den bestehenden Strukturen zählen neben Brachflächen v. a. bestehende Reserven im Bauland.“ Die Änderung von Bau- und Raumordnung wurde im Gemeinderat noch nicht beschlossen und müsste auch noch vom Land Niederösterreich genehmigt werden. Eine Ablehnung wäre aber eher nicht zu erwarten, weil eben der Leitfaden zum Startzeitpunkt noch nicht veröffentlicht war und damit keinen Einfluss auf die Entscheidung hätte.

Es hat bislang keinerlei transparente Kommunikation gegeben.
Unternehmer Markus Weigl Mitte August – eine Woche nach dem Start seiner Petition hat nun die Gemeinde Stetten die erste öffentliche Information an alle Haushalte verschickt

Was viele in Stetten ärgert: Die Pläne, die in Bezug auf etwaige künftige Gebäude schon sehr detailliert wirken, wurden zwar gesetzeskonform ab Ende Februar sechs Wochen lang im Gemeindeamt aufgelegt, öffentlich bekanntgegeben wurde das damals aber offenbar nicht. „Sonst berichtet die Gemeinde selbst über Kleinigkeiten ausführlich, aber in Bezug auf dieses Megaprojekt hat es bislang keinerlei transparente Kommunikation gegeben“, kritisiert der Stettener Unternehmer Markus Weigl beim Lokalaugenschein der WZ Mitte August. Dabei werde das bereits seit zwei Jahren im Ort diskutiert, ist im Gasthaus am Hauptplatz zu hören. Weigl, der selbst erst vor drei Wochen auf die konkreten Pläne mit dem umzuwidmenden Feld aufmerksam gemacht wurde, ist mit seinem Unmut nicht allein. Eine von ihm gestartete Online-Petition, die von der lokalen Politik Aufklärung fordert, hat binnen einer Woche mehr als 2.000 Unterschriften bekommen – dabei hat Stetten nur knapp 1.400 Einwohner:innen.

Erst jetzt kommuniziert die Gemeinde

Stettens Bürgermeister Thomas Windsor-Seifert (SPÖ) war für die WZ zwar bisher nicht erreichbar, auf Nachfrage der NÖN versprach er aber vorige Woche die erste offizielle Information an die Bürger:innenzum Thema Rechenzentrum, die dann vergangenen Montag tatsächlich in Stetten verteilt wurde. Darin erklärten die im Gemeinderat vertretenen Parteien SPÖ, ÖVP und FPÖ (Grüne gibt es keine im Gemeinderat) gemeinsam, dass „in den vergangenen Tagen (…) zahlreiche Gerüchte (…) verbreitet“ worden seien – in Stetten wird nämlich gemunkelt, dass bereits entsprechende Strom- und Datenleitungen in Vorbereitung seien. Zudem kursiert online bereits ein Rendering, von dem es jedoch heißt, es handle sich bloß um eine symbolhafte Visualisierung.

Luftbild einer städtischen und landwirtschaftlichen Umgebung mit einem blau hervorgehobenen Bereich in der Mitte der Aufnahme.
Das Feld, auf dem das Rechenzentrum gebaut werden könnte, grenzt direkt an ein Gewerbegebiet und ist mehrere hundert Meter vom nächsten Wohngebiet entfernt..
© Illustration: WZ. Bildquelle: (2026) Google Maps.

Außerdem, so die Politiker in dem zweiseitigen Schreiben, gebe es „weder einen Gemeinderatsbeschluss zur Errichtung eines Datencenters noch einen abschließenden Beschluss über eine dafür erforderliche Umwidmung von Grundstücken oder Flächen im Gemeindegebiet“. Und mehrere Details seien noch nicht abschließend geklärt.

Lärm und Abwärme

Da sind zum Beispiel die Emissionen durch die notwendigen Notstrom-Aggregate für eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, die Lärm und Abwärme verursachen dürften. Zum anderen muss eine so riesige Serverfarm entsprechend gekühlt werden. „Derzeit geht es in Richtung Wasserkühlung“, erläutert dazu BOKU-Professor Stöglehner im Gespräch mit der WZ, „weil die leistungsfähigsten Rechner damit am besten funktionieren. Dafür braucht man einen großen Fluss oder Grundwasser. Wir sprechen dabei vom Wasserbedarf einer größeren Stadt.“ In Südamerika gebe es bereits Konflikte ums Wasser zwischen Rechenzentren und Landwirt:innen. In Kronstorf, wo Google das erwärmte Kühlwasser in die Enns ableiten will, macht man sich indessen Sorgen um die Flusstemperatur: Wird der Fluss zu warm, kann dies dem empfindlichen Ökosystem im Wasser schaden und im schlimmsten Fall zu einem Fischsterben führen.

In Stetten ist die Rede von einem „geschlossenen Kühlsystem“ ohne externen Wasserverbrauch. Wie genau dieses aussehen soll, ist noch nicht bekannt. Für Stöglehner bedeutet dies „vermutlich eine Klimaanlage, die heiße Luft rausbläst“. Die Universität Cambridge hat in einer Studie errechnet, dass bestehende Rechenzentren ihre Umgebung im Durchschnitt um 2 Grad Celsius und im Extremfall um 9 Grad erwärmen. Während genau das den Anrainer:innen Sorgen macht, denken die Befürworter:innen schon darüber nach, wie diese Abwärme sinnvoll in der Umgebung genutzt werden könnte (Stichwort: Fernwärme). Noch ist das allerdings alles Zukunftsmusik. Und wer weiß, wie sich die Kühltechnologie in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird?

Keine Umweltverträglichkeitsprüfung

Die Korneuburger Bezirksgrünen, die sich inzwischen ebenfalls zu Wort gemeldet haben, kritisieren unter anderem das Fehlen einer verpflichtenden Umweltprüfung: „Für Windparks gibt es eine Umweltverträglichkeitsprüfung, für Rechenzentren nicht einmal einen Tatbestand im UVP-Gesetz“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. „Das gehört dringend repariert.“

Wir sprechen hier von mehreren Prozent des österreichischen Strombedarfs.
BOKU-Professor Gernot Stöglehner über den Stromverbrauch großer KI-Rechezentren

Ein nicht unwichtiges Thema ist auch der Energieverbrauch solcher Rechenzentren. „Wir sprechen hier von Größenordnungen von mehreren Prozent des österreichischen Strombedarfs“, betont Stöglehner. Das entspreche mehreren Wasserkraftwerken, dutzenden Windrädern oder mehreren hundert Hektar Photovoltaik. Das Google-Gebäude in Kronstorf könnte im Endausbau sogar ein Drittel des oberösterreichischen Strombedarfs benötigen. Zudem habe es in den USA massive Steigerungen bei den Strompreisen rund um Rechenzentren gegeben.

380kV-Stromleitung ist schon da

Angesichts der geringeren Fläche dürfte der Strombedarf in Stetten geringer sein. Und zumindest die notwendige Infrastruktur dafür ist hier schon vorhanden, denn gleich in der Nähe ist ein Umspannwerk, das sogar eine 380kV-Schaltanlage beinhaltet. Und direkt über das Feld, das als Standort für das Rechenzentrum im Gespräch ist, führt eine 380kV-Stromleitung mit 58 Meter hohen Masten, die das Areal wegen der damit einhergehenden Auflagen für viele andere Betriebe unattraktiv machen dürfte. Für Energieversorger wiederum kann ein Rechenzentrum eine Entlastung sein: Dann nämlich, wenn in der Umgebung viel Ökostrom produziert und lokal abgenommen wird und nicht abgeleitet werden muss.

Österreichischer Investor, klimaneutrale Gemeinde

Bleibt die Frage: Wer soll das KI-Rechenzentrum – wenn es denn in Stetten errichtet werden sollte – betreiben? Die Grünen weisen darauf hin, dass rund 70 Prozent des europäischen Cloudmarkts derzeit bei drei US-Konzernen konzentriert sind. Rechenzentren in Niederösterreich dürften nicht „die Abhängigkeit von Big-Tech-Konzernen weiter zementieren“. Sie halten ebenso wie Weigl und seine Stettener Mitstreiter:innen fest, dass sie nicht grundsätzlich gegen das Projekt sind, sondern dass sie die Art und Weise stört, wie es in Stetten aufgezogen wird: „Wir werden Rechenzentren brauchen. Die Frage ist, wer sie baut und wie.“

Dass es in Stetten keinen „Ausverkauf“ und kein „Verramschen“ von Baugrund und kritischer Infrastruktur (zu der KI-Rechenzentren gehören) geben soll, betonen auch jene, die diese Idee aufgebracht haben (und sich nun – vermutlich angesichts der aufgeheizten Stimmung im Ort – lieber nicht öffentlich äußern wollen). Man möchte auf jeden Fall, dass ein:e heimische:r Investor:in den privaten Grundstückseigentümer:innen ihre Ackerflächen abkauft, ist von einem der Ideengeber für das Projekt zu hören. Nachsatz: Einmieten könne sich dann aber auch ein ausländischer Konzern, solange das Eigentum österreichisch bleibe. Und am liebsten möchte man das Projekt auch gleich dazu nutzen, Stetten zur vollkommen klimaneutralen Gemeinde zu machen.

Wir werden Rechenzentren brauchen. Die Frage ist, wer sie baut und wie.
Stellungnahme der Grünen im Bezirk Korneuburg

Damit die Rechnung aufgeht, müsste zunächst einmal eine genauso große Fläche wieder an die Natur zurückgegeben werden, meint BOKU-Professor Stöglehner mit Blick auf Österreichs Ziel, den Bodenverbrauch bis 2030 auf 2,5 Hektar pro Tag zu reduzieren. Nicht nur aus seiner Sicht wäre es sinnvoller, eine Industriebrache als Standort zu suchen, statt ein Feld zu versiegeln. Er nennt als Beispiel eine aufgelassene Papierfabrik in Finnland, die erfolgreich adaptiert wurde.

Braucht man in zehn Jahren noch Rechenzentren?

Und er wirft noch eine andere Frage auf: „Was passiert, wenn sich die Technologie weiterentwickelt und man vielleicht in zehn Jahren gar keine riesigen Rechenzentren mehr braucht, weil sich das, was sie leisten, dann vielleicht auf den Endgeräten abspielt?“ So sprunghaft und radikal, wie sich die KI-Branche entwickelt, würde ihn das nicht wundern.

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Infos und Quellen

Gesprächspartner

  • Gernot Stöglehner forscht an der BOKU Wien unter anderem zu KI-Rechenzentren.
  • Markus Weigl ist Unternehmer in Stetten und hat auf mein.aufstehn.at eine Petition gestartet.
  • Mehrere involvierte Personen und Anrainer:innen wollten nicht namentlich genannt werden.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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