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Junge Menschen in Nord- und Südkorea: Kein Interesse an Freundschaft

7 Min
Viele junge Menschen in Südkorea sehen den Norden zusehends als Feind, der jeden Moment gefährlich werden kann.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Stable Diffusion

Auf der koreanischen Halbinsel ist die Lage so angespannt wie seit Jahrzehnten nicht.


„Die Gefahr ist sehr real“, sagt Han Hyomin, wenn sie an Nordkorea denkt. Die 33-jährige Kulturmanagerin aus Seoul hat Angst, dass bald ein Krieg ausbrechen könnte. „Nicht wirklich“, relativiert die Südkoreanerin schnell. „Aber das Risiko ist eben immer da.“ Und dann müsste sie schauen, wie sie sich im Ernstfall für ihr Land nützlich machen könnte. Ihre männlichen Freunde und ihr Ehemann, die alle den verpflichtenden Militärdienst durchlaufen haben, müssten an die Waffe. „Als Frau würde ich irgendwie unterstützen."

Auf Ebene der Politik muss man leider sagen, dass Nordkorea unser Feind ist.
Han Hyomin, Kulturmanagerin aus Seoul

Es sind Überlegungen, mit denen man sich in Südkorea dieser Tage arrangieren muss. Erst Ende April gab es wieder eine Eilmeldung auf den Smartphones der Menschen: „Nordkorea feuert nicht spezifizierte ballistische Rakete in Richtung Ostmeer.“ Lange Zeit hat man solche Notizen schulterzuckend hingenommen. Aber zuletzt wirke das Ganze alarmierender. So glaubt Han Hyomin zwar weiterhin, dass alle Menschen in Korea eigentlich zusammengehören. „Aber auf Ebene der Politik muss man leider sagen, dass Nordkorea unser Feind ist.“ Die Sorgen von Han Hyomin sind typisch. Lang war die Lage auf der koreanischen Halbinsel nicht so angespannt wie jetzt. Die Regierungschefs von Nord- und Südkorea drohen sich mal direkt, mal indirekt mit Krieg: Kim Jong-un, Vorsitzender der diktatorisch organisierten Kommunistischen Partei in Nordkorea, erklärte kürzlich in einer Rede: „Wir wollen keinen Krieg. Aber wir haben auch keine Absicht, ihn zu vermeiden.“ Im Kriegsfall müssten Nordkoreaner bereit sein, den Süden zu unterwerfen.

Aus Südkorea, wo seit Mai 2022 der Rechtspopulist Yoon Suk-yeol regiert, kommen Provokationen zurück: Im Wahlkampf hatte der heute 63-Jährige angekündigt, er würde dem mehr als zwei Jahrzehnte jüngeren Kim Jong-un „Manieren beibringen“. Seither hat Südkorea die Zahl seiner Militärmanöver mit den USA und auch Japan erhöht. Und Yoon kündigte zuletzt noch an, auf jede Provokation aus dem Norden würde der Süden mit „mehrfach stärkeren“ Strafen reagieren. Deeskalation klingt anders.

Junge Menschen wollen keine Wiedervereinigung

Geteilt ist die koreanische Halbinsel seit Ende des Zweiten Weltkriegs, als die einstige Kolonialmacht Japan das Land verlassen hat und Korea in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden unterteilt wurde. 1950 griff der Norden den Süden an, es folgte der dreijährige Koreakrieg, der erste Stellvertreterkonflikt im Kalten Krieg, der Millionen Todesopfer kostete. Der 1953 vereinbarte Waffenstillstandsvertrag gilt bis heute. Offiziell wollen Süden und Norden sogar eine Wiedervereinigung.

Nur wie? Das fragt man sich schon lang, und immer mehr Menschen fehlt die Fantasie, sich das vorzustellen. Nach Jahrzehnten der Militärdiktatur ist Südkorea seit den 1980ern eine Demokratie und um ein Vielfaches wohlhabender als Nordkorea. „Vor allem jüngere Menschen, die Korea nur als geteiltes Land kennen, interessieren sich kaum noch für eine Wiedervereinigung“, sagt etwa Park Sang-in, Wirtschaftsprofessor an der Seoul National University. „Viele fragen: Wer soll das bezahlen?“

2022 ergab eine Befragung der südkoreanischen Bevölkerung, ob sich Nord und Süd wieder vereinigen sollten, dass nur 46 Prozent fanden, dies sei „sehr“ oder „einigermaßen“ notwendig. Es war der zweitniedrigste Wert seit 2007, als die Umfrage erstmals durchgeführt wurde. Yoon Mee-hyang, parteiunabhängige Parlamentsabgeordnete in Südkorea, sagt dazu: „Die derzeit niedrigen Werte ergeben sich auch aus den Provokationen der Regierungen.“ Viele Expert:innen stimmen dem zu.

Nordkorea zählt zu den Gewinnern des Ukraine-Kriegs

Eine andere Umfrage des US-amerikanischen Gallup Institute zeigte 2022, dass knapp 80 Prozent aller Menschen in Südkorea nicht daran glauben, dass Nordkorea noch auf sein Programm atomarer Aufrüstung verzichten werde. Passend dazu ergab eine Umfrage des Chey Institut für Höhere Studien 2023, dass drei Viertel der Menschen in Südkorea nun dafür sind, dass der Süden eigene Atomwaffen entwickle.

Die Führung im Norden stellt unterdessen klar, sich für eine Annäherung mit dem Süden nicht mehr zu interessieren: Anfang des Jahres leitete Kim Jong-un eine Änderung der Verfassung ein, die den Süden nun als „Feind“ bezeichnet. Ein tiefer Einschnitt. Im Zug der Olympische Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang war eine gesamtkoreanische Eishockeymannschaft an den Start gegangen, Regierungsvertreter:innen reichten einander die Hände. Bilder, die heute undenkbar erscheinen.

Der Wendepunkt zum Negativen kam 2019, als ein Gipfel zwischen Nordkoreas Kim Jong-un und dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump scheiterte: Trump hatte ein Treffen mit Kim vorgeschlagen, auf dem Tisch war ein Ende der harten UN-Sanktionen gegen Pjöngjang, die Nordkorea nach wiederholten Raketentests vom Welthandel abschotten. Als Bedingung hierfür beharrten die USA aber darauf, dass Nordkorea zuerst sein Atomwaffenprogramm beende. Dazu war Nordkorea – zumal die Atommacht USA auf südkoreanischem Boden mehrere Militärbasen unterhalten – nicht bereit.

Als kurz danach die Pandemie begann, schottete sich Nordkorea zuerst durch strenge Grenzschließungen auch noch von seinen zwei wohlgesonnenen Nachbarn Russland und China ab, was den noch verbliebenen Handel erlahmen ließ, die Ernährungssituation erschwerte. Dann aber überfiel Russland die Ukraine – was für Nordkorea de facto ein Glücksfall war. Denn als der Westen auch Russland mit harten Sanktionen belegte, nahm der Austausch zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und Kim Jong-un zu.

Mittlerweile lässt sich sagen: Nordkorea zählt zu den Gewinnern des Ukraine-Kriegs. Im Herbst reiste Kim nach Ostrussland, wo er Putin traf, um mit ihm „alle“ Themen zu besprechen, wie es gegenüber Pressevertreter:innen hieß. Es ging offenbar um Kooperationen in Sachen Militär, Wirtschaft und Technologie. Nordkorea gilt als Lieferant von Waffenteilen für Russlands Krieg. Und die internationale Vernetzung des einst so isolierten Staates nimmt seither in hohem Tempo zu. Das Kriegsrisiko könnte so auch in Korea zunehmen.

Der Norden als Feind

Mitte April vereinbarten Vertreter Pjöngjangs eine intensivere Kooperation mit Belarus. Ende April berichteten nordkoreanische Staatsmedien, eine Wirtschaftsdelegation des Landes sei auf dem Weg in den Iran. In Südkorea wird spekuliert, dass nun auch mit dem Iran die militärische Kooperation eine neue Stufe erreicht, etwa bei einer Überschallrakete. Mitte des Monats schickte zudem China eine hochrangige Delegation nach Nordkorea, angeführt von Zhao Leji, dem offiziell dritthöchsten Mann im chinesischen Staat. Zum 75. Jubiläum diplomatischer Beziehungen wolle man ein „Jahr der Freundschaft“ prägen.

Im Norden wünschen sich die Menschen, dass Korea wieder eins wird.
Kang Ji-hyun, Unternehmerin aus Nordkorea

Wie die Menschen in Nordkorea diese Entwicklungen beurteilen, ist nicht bekannt – im Ein-Parteien-Staat gibt es keine unabhängigen Befragungen. Allerdings ergab eine Umfrage unter aus dem Norden nach Süden geflüchteten Personen 2018, dass mehr als 90 Prozent vor ihrer Flucht für eine Wiedervereinigung waren. „Im Norden wünschen sich die Menschen, dass Korea wieder eins wird“, sagt auch Kang Ji-hyun. Die 33-Jährige kommt aus Nordkorea, floh vor 13 Jahren über China und Südostasien nach Südkorea.

Heute ist sie Unternehmerin in Seoul, hat in der Pandemie das Startup „IStory“ gegründet, das T-Shirts anbietet, die mit Zeichnungen und QR-Codes bedruckt sind und die Fluchtgeschichten von Menschen aus Nordkorea erzählen. „Die Bestellungen laufen jetzt an, vor allem in den USA besteht Interesse“, sagt Kang Ji-hyun und wirkt froh darüber. In Südkorea aber ist das Interesse bisher eher verhalten, sagt sie.

Viele junge Menschen in Südkorea, an die sich die T-Shirts eigentlich vor allem richten, sähen den Norden schließlich immer weniger als Geschwister, mit dem man sich zerstritten hat und um das man sich sorgen muss. Sondern zusehends als Feind, der jeden Moment gefährlich werden kann.


Infos und Quellen

Genese

Felix Lill berichtet seit über zehn Jahren zu diversen Themen um Ost- und Südostasien. Auch zum Konflikt zwischen den Koreas und den Folgen des Ukraine-Kriegs hat er schon mehrere Artikel geschrieben.

Gesprächspartner:innen

  • Han Hyomin

  • Kang Jihun

  • Park sang-in

  • Mehrere Hintergrundgespräche

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien