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Das Begräbnis von Ratko Mladić in Serbien wirft eine alte Gretchenfrage auf: Wie geht das Land mit den Verbrechen der 1990er-Jahre um?
Ratko Mladić war als bosnisch-serbischer Armeeführer für einige der schwersten Verbrechen des Bosnienkrieges verantwortlich. Trotzdem wird er von Teilen der serbischen Gesellschaft bis heute als Held verehrt – auch von jungen Menschen. Sein Begräbnis in Serbien wirft eine alte Gretchenfrage auf: Wie geht das Land mit den Verbrechen der 1990er-Jahre um? Ein Gespräch mit der serbischen Menschenrechtsaktivistin Sofija Todorović.
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Infos und Quellen
Gesprächspartnerin
Sofija Todorović ist die Direktorin der Youth Initiative for Human Rights in Serbien. Die Menschenrechtsaktivistin beschäftigt sich vor allem mit Vergangenheitsarbeit und Konflikttransformation. Wegen ihrer Arbeit gerät sie durch Einschüchterungsversuche, Drohungen und Angriffe regierungsnaher Medien zunehmend unter Druck.
Daten und Fakten
- Ratko Mladić wurde vor dem Kriegstribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag (Niederlande) im Jahr 2017 wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und anderer Kriegsverbrechen zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Das Urteil wurde 2021 noch einmal bestätigt. Als Oberbefehlshaber der Armee der bosnischen Serben ist er vor allem für Kriegsverbrechen während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 verantwortlich. Ende August ist er mit 84 Jahren in der UN-Hafteinheit in Den Haag gestorben und wurde am 7. September in Belgrad mit staatlichen und militärischen Ehren beerdigt.
- In Serbien und der Republika Srpska in Bosnien-Herzegowina werden Mladić und andere Kriegsverbrecher in Teilen immer noch als Helden gefeiert. In nationalistischen Narrativen gelten Mladić und andere verurteilte Offiziere als Verteidiger des serbischen Volkes und der Republika Srpska. Diese Erzählung wird von Teilen der Politik, Medien und Kultur bis heute verbreitet. Fakten, die in jahrzehntelangen Prozessen am internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) aufgearbeitet wurden, werden dabei geleugnet oder relativiert. Die EU-Kommission hat in mehreren Aussagen darauf hingewiesen, dass die Verherrlichung und Leugnung von Kriegsverbrechen „den grundlegendsten europäischen Werten widersprechen“.
- In zahlreichen Städten gibt es Wandgemälde, die Mladić ehren. Während einer SNS-Veranstaltung in der west-serbischen Stadt Užiće kam es am 29. August zu einem gewaltsamen Konflikt zwischen Bürger:innen und Ordnern der Regierungspartei, die T-Shirts mit dem Gesicht von Ratko Mladić trugen. Während der schon fast zwei Jahre anhaltenden Proteste in Serbien kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und Unterstützer:innen der Regierung.
- Der Bosnienkrieg dauerte von 1992 bis 1995 und war der tödlichste Krieg während des Zerfalls Jugoslawiens in den 1990er Jahren. Im März 1992 erklärte Bosnien-Herzegowina die Unabhängigkeit Jugoslawiens, kurz darauf folgte ein Angriff der bosnisch-serbischen Armee mit Unterstützung der jugoslawischen Volksarmee aus Belgrad. Später kämpfte auch der „kroatische Verteidigungsrat” mit Unterstützung aus Kroatien. Das Ziel war, ein Großkroatien und Großserbien zu schaffen. Der Krieg wurde Ende 1995 durch das Dayton-Friedensabkommen beendet.
- Nebojša Pavković war General der jugoslawischen Armee und wurde wegen Verbrechen an Kosovo-Albaner:innen zu 22 Jahren Haft verurteilt; 2025 wurde er in Belgrad mit höchsten militärischen Ehren beigesetzt.
- Veselin Šljivančanin, ehemaliger Offizier der Jugoslawischen Volksarmee, wurde wegen Beihilfe zur Folter von Gefangenen im Kroatienkrieg zu zehn Jahren Haft verurteilt und trat später bei Veranstaltungen der regierenden SNS auf.
- Vladimir Lazarević, ebenfalls General im Kosovo-Krieg, wurde wegen Beihilfe zu Deportationen und Zwangsumsiedlungen zu 14 Jahren Haft verurteilt; nach seiner Freilassung hielt er unter anderem einen Vortrag an der Militärakademie in Belgrad.
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