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„Junge Serb:innen wissen oft nicht, was Mladić getan hat“

6 Min
Ratko Mladić war wegen Völkermordes und anderer Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Das Begräbnis von Ratko Mladić in Serbien wirft eine alte Gretchenfrage auf: Wie geht das Land mit den Verbrechen der 1990er-Jahre um?


    • Ratko Mladić wird in Serbien trotz seiner Verurteilung weiterhin von Teilen der Gesellschaft, auch von jungen Menschen, als Held verehrt.
    • Junge Menschen in Serbien haben oft wenig Wissen über die Kriegsverbrechen der 1990er-Jahre und übernehmen nationale Narrative.
    • Die politische Verherrlichung von Kriegsverbrechern ist Teil der offiziellen Politik und beeinflusst das gesellschaftliche Geschichtsbild.
    • Ratko Mladić wurde wegen Völkermordes zu lebenslanger Haft verurteilt.
    • Sein Begräbnis in Serbien erfolgte mit militärischen und staatlichen Ehren.
    • Etwa ein Drittel der jungen Serb:innen hat keine klare Haltung zu Mladić.
    • Ab 2015 wurden verurteilte Kriegsverbrecher öffentlich geehrt und eingeladen.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Ratko Mladić war als bosnisch-serbischer Armeeführer für einige der schwersten Verbrechen des Bosnienkrieges verantwortlich. Trotzdem wird er von Teilen der serbischen Gesellschaft bis heute als Held verehrt – auch von jungen Menschen. Sein Begräbnis in Serbien wirft eine alte Gretchenfrage auf: Wie geht das Land mit den Verbrechen der 1990er-Jahre um? Ein Gespräch mit der serbischen Menschenrechtsaktivistin Sofija Todorović.

WZ | Dennis Miskić
Ratko Mladić wurde wegen Völkermordes und anderer Kriegsverbrechen zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Vergangene Woche wurde sein in die serbische Nationalflagge gehüllter Sarg nach Belgrad überführt. Er wurde mit militärischen und staatlichen Ehren beerdigt. Was sagt das über Serbiens Verhältnis zur eigenen Vergangenheit aus?
Sofija Todorović
Die Leugnung und Verherrlichung von Kriegsverbrechen ist inzwischen ein fester Bestandteil der Außen- und Innenpolitik Serbiens. Und das halte ich für grundlegend falsch. Wir hatten eine ähnliche Situation schon bei Nebojša Pavković. Der ehemalige serbische General wurde wegen Kriegsverbrechen im Kosovo-Krieg (1998 bis 1999) verurteilt und vergangenes Jahr trotzdem mit höchsten militärischen Ehren beerdigt. Für mich ist Mladić also nur eine Fortsetzung dieser Praxis. In seinem Fall wirkt es vielleicht dramatischer. Aber wenn wir über Prinzipien sprechen, gibt es für mich zwischen Mladić und Pavković keinen grundlegenden Unterschied. Das sollte jedenfalls nicht die Haltung eines Landes sein, das Mitglied der Europäischen Union werden möchte.
WZ | Dennis Miskić
Wie blicken junge Menschen in Serbien auf die Kriege der 1990er-Jahre? Sie machen ja Umfragen dazu.
Sofija Todorović
Ein großer Teil der jungen Menschen hat die nationalistische Vorstellung übernommen, dass die Gerichtsverfahren dazu dienten, Serbien die Schuld für die Verbrechen während der Jugoslawienkriege zuzuschieben. Junge Menschen haben zu diesen Fragen oft ziemlich klare Meinungen. Das Wissen ist über die Vergangenheit aber nur sehr gering oder praktisch gar nicht vorhanden. Bei Mladić ist das Bild allerdings weniger eindeutig, als es oft dargestellt wird. Etwa ein Drittel hat weder eine positive noch eine negative Haltung zu ihm. Die Mehrheit weiß nicht einmal genau, wofür er vor dem Kriegstribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag in den Niederlanden verurteilt worden ist. Das wirft natürlich die Frage auf, worauf eine positive Haltung zu ihm überhaupt basiert. Diese Einstellungen sind das Ergebnis der Informationen, die jungen Menschen über Bildung, Medien, Kultur und Politik vermittelt werden. Diese Kampagne rund um Mladić hat deshalb auch die Absicht, ihn nachträglich als eine Art Helden zu etablieren. Unter jungen Menschen besteht jedenfalls kein eindeutiger Konsens darüber, dass er ein Held sei.
WZ | Dennis Miskić
Während der Prozesse in Den Haag wurde von Mladić und anderen Kriegsverbrechern immer wieder betont, dass sie alles „im Namen des serbischen Volkes“ getan hätten. Wie wird das heute wahrgenommen?
Sofija Todorović
Junge Menschen wollen die Vergangenheit aus mehr als nur einer Perspektive betrachten, nicht immer nur: „Ich bin jung und Serbe oder Serbin, also hassen mich alle.“ Dieses Bild entspricht nicht der Realität. Man kann ihnen aber schwer vorwerfen, dass sie solche Vorstellungen übernehmen, wenn Politik, Medien, Kultur, Filme und Schulbücher dieses Geschichtsbild prägen. Wenn sie in einem Land aufgewachsen sind, in dem praktisch jeder Bereich des gesellschaftlichen Lebens diese dominanten Vorstellungen über die Vergangenheit unterstützt. Das ist politische Manipulation.
Viele Familien tragen bis heute ihre eigenen traumatischen Erfahrungen mit sich.
Sofija Todorović
WZ | Dennis Miskić
Und wie sieht das in den Familien aus?
Sofija Todorović
Während und kurz nach den Kriegen sind Hunderttausende serbische Flüchtlinge nach Serbien gekommen. Viele Familien tragen deswegen bis heute ihre eigenen traumatischen Erfahrungen mit sich, und diese Geschichten spielen auch eine große Rolle. Das kann den Umgang mit Fakten erschweren, besonders, wenn diese als Angriff auf die eigene Geschichte empfunden werden. Für mich ist wichtig: Unterschiedliche persönliche Wahrheiten und Erfahrungen können nebeneinander bestehen. Das Problem ist, dass Politik und dominante Narrative sie oft gegeneinander stellen, als müsse die eine Geschichte die andere widerlegen.
WZ | Dennis Miskić
Kaum ein Kriegsverbrecher ist auch außerhalb der Region so bekannt wie Mladić. In Serbien und der Republika Srpska [mehrheitlich serbische Entität in Bosnien-Herzegowina, Anm.] tauchen auch immer wieder Graffitis mit seinem Gesicht auf. Wann hat diese Verherrlichung so zugenommen?
Sofija Todorović
Ab etwa 2015 wurde diese Entwicklung immer stärker und teilweise zur offiziellen Politik. Die regierende Serbische Fortschrittspartei (SNS) von Präsident Aleksandar Vučić lud etwa den wegen Kriegsverbrechen in Kroatien verurteilten Offizier Veselin Šljivančanin zu einer Parteiveranstaltung ein. Verurteilte Kriegsverbrecher werden also zu Parteiveranstaltungen und Kundgebungen eingeladen, ihre Bücher beworben und teils öffentlich finanziert. Vladimir Lazarević, der wegen Verbrechen im Kosovo verurteilt wurde, hält Vorträge an der Militärakademie, andere treten regelmäßig im Fernsehen auf. Selbst während der aktuellen Debatte über Ratko Mladić veranstaltete die SNS erneut ein Treffen mit Šljivančanin in ihren Parteiräumen.
WZ | Dennis Miskić
Für den 25. Oktober werden vorgezogene Parlamentswahlen in Serbien erwartet. Wird so etwas dann im Wahlkampf noch häufiger vorkommen?
Sofija Todorović
Die Reaktionen der Europäischen Kommission waren jedenfalls sehr deutlich. Mit den Protesten, die in Serbien jetzt schon seit fast zwei Jahren stattfinden, glaube ich nicht, dass es für irgendeine Regierungspartei besonders günstig wäre, die Beziehungen zur Europäischen Union jetzt noch zusätzlich zu belasten. Insofern gibt es hier sicherlich auch politische Kalkulation. Gleichzeitig sehen wir bei Veranstaltungen der SNS von Präsident Vučić sehr deutliche Bilder: Viele Menschen tragen T-Shirts mit Fotos von Ratko Mladić und halten Plakate mit seinem Namen hoch.
WZ | Dennis Miskić
Trotz allem: Gibt es für Sie Gründe, mit Blick auf die jüngere Generation hoffnungsvoll zu sein?
Sofija Todorović
Junge Menschen wissen oft wenig über die Vergangenheit, sind aber bereit, mehr darüber zu lernen. Das bietet viel Raum, ihnen andere Perspektiven und Fakten zu vermitteln. Hoffnung macht mir auch, dass der Zusammenhang zwischen der Verherrlichung von Kriegsverbrechern und der Gewalt auf den Straßen immer sichtbarer wird – nicht zuletzt durch das Verhalten von Politiker:innen und ihren Unterstützer:innen. Dadurch erkennen mehr Menschen, warum die politische Verherrlichung verurteilter Kriegsverbrecher auch heute noch schädlich ist. Sie dient weder Recht noch Gerechtigkeit, unabhängig davon, ob das Gegenüber Serbe, Albaner oder Bosniake ist.

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Infos und Quellen

Gesprächspartnerin

Sofija Todorović ist die Direktorin der Youth Initiative for Human Rights in Serbien. Die Menschenrechtsaktivistin beschäftigt sich vor allem mit Vergangenheitsarbeit und Konflikttransformation. Wegen ihrer Arbeit gerät sie durch Einschüchterungsversuche, Drohungen und Angriffe regierungsnaher Medien zunehmend unter Druck.

Daten und Fakten

  • Ratko Mladić wurde vor dem Kriegstribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag (Niederlande) im Jahr 2017 wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und anderer Kriegsverbrechen zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Das Urteil wurde 2021 noch einmal bestätigt. Als Oberbefehlshaber der Armee der bosnischen Serben ist er vor allem für Kriegsverbrechen während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 verantwortlich. Ende August ist er mit 84 Jahren in der UN-Hafteinheit in Den Haag gestorben und wurde am 7. September in Belgrad mit staatlichen und militärischen Ehren beerdigt.
  • In Serbien und der Republika Srpska in Bosnien-Herzegowina werden Mladić und andere Kriegsverbrecher in Teilen immer noch als Helden gefeiert. In nationalistischen Narrativen gelten Mladić und andere verurteilte Offiziere als Verteidiger des serbischen Volkes und der Republika Srpska. Diese Erzählung wird von Teilen der Politik, Medien und Kultur bis heute verbreitet. Fakten, die in jahrzehntelangen Prozessen am internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) aufgearbeitet wurden, werden dabei geleugnet oder relativiert. Die EU-Kommission hat in mehreren Aussagen darauf hingewiesen, dass die Verherrlichung und Leugnung von Kriegsverbrechen „den grundlegendsten europäischen Werten widersprechen“.
  • In zahlreichen Städten gibt es Wandgemälde, die Mladić ehren. Während einer SNS-Veranstaltung in der west-serbischen Stadt Užiće kam es am 29. August zu einem gewaltsamen Konflikt zwischen Bürger:innen und Ordnern der Regierungspartei, die T-Shirts mit dem Gesicht von Ratko Mladić trugen. Während der schon fast zwei Jahre anhaltenden Proteste in Serbien kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und Unterstützer:innen der Regierung.
  • Der Bosnienkrieg dauerte von 1992 bis 1995 und war der tödlichste Krieg während des Zerfalls Jugoslawiens in den 1990er Jahren. Im März 1992 erklärte Bosnien-Herzegowina die Unabhängigkeit Jugoslawiens, kurz darauf folgte ein Angriff der bosnisch-serbischen Armee mit Unterstützung der jugoslawischen Volksarmee aus Belgrad. Später kämpfte auch der „kroatische Verteidigungsrat” mit Unterstützung aus Kroatien. Das Ziel war, ein Großkroatien und Großserbien zu schaffen. Der Krieg wurde Ende 1995 durch das Dayton-Friedensabkommen beendet.
  • Nebojša Pavković war General der jugoslawischen Armee und wurde wegen Verbrechen an Kosovo-Albaner:innen zu 22 Jahren Haft verurteilt; 2025 wurde er in Belgrad mit höchsten militärischen Ehren beigesetzt.
  • Veselin Šljivančanin, ehemaliger Offizier der Jugoslawischen Volksarmee, wurde wegen Beihilfe zur Folter von Gefangenen im Kroatienkrieg zu zehn Jahren Haft verurteilt und trat später bei Veranstaltungen der regierenden SNS auf.
  • Vladimir Lazarević, ebenfalls General im Kosovo-Krieg, wurde wegen Beihilfe zu Deportationen und Zwangsumsiedlungen zu 14 Jahren Haft verurteilt; nach seiner Freilassung hielt er unter anderem einen Vortrag an der Militärakademie in Belgrad.

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