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Junge Wissenschaftler:innen in der Joblotterie

7 Min
An Österreichs Unis gibt es zu wenige Karrieremöglichkeiten.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Tausende junge Akademiker:innen kämpfen in Österreich um wenige befristete Uni-Stellen. Während die Hochschulen international um Talente werben, verschärft der Sparzwang hierzulande die prekäre Lage von Nachwuchsforscher:innen noch weiter.


    • Befristete Verträge und fehlende Karriereperspektiven erschweren jungen Forschenden die Lebensplanung und führen oft zum Ausstieg.
    • Sparzwänge und gekürzte Budgets bedrohen weitere Stellen, besonders für Nachwuchswissenschaftler:innen.
    • 3.500 Bewerbungen auf 40 Doktorand:innenstellen an der Uni Wien
    • 80 % der wissenschaftlichen Uni-Mitarbeiter:innen haben befristete Verträge
    • Hochschulbudget 2028–2030: 15,5 statt geforderter 18 Milliarden Euro stehen im Raum
    • Kettenverträge an Hochschulen maximal 8 Jahre erlaubt
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Es ist noch nicht ganz so wie Lotto spielen, aber weit weg davon sind wir auch nicht mehr. Kürzlich bewarben sich an der Universität Wien 3.500 junge Akademiker:innen für gerade einmal 40 Doktorand:innenstellen. Somit gab es pro Job mehr als 87 Personen, die ihn haben wollten. Wollen Forschende angesichts dieser prekären Umstände weiterhin den Weg in der Wissenschaft gehen, müssen sie eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen.

Was wie ein Exkurs in den Bereich Wahrscheinlichkeitsrechnung aussieht, ist ein massives Problem für junge ambitionierte Forscher:innen – und für unsere Republik. Denn ein innovativer Forschungsstandort, wie Österreich einer sein will, muss seinen Wissenschaftler:innen nicht nur eine gute Ausbildung, sondern auch stabile Karrieremöglichkeiten bieten. Und eine Forschungskarriere, die in weiterer Folge wichtige Innovationen, Hightech-Unternehmen und Arbeitsplätze hervorbringen soll, beginnt meist mit einer Anstellung an einer Universität. Ob Nobelpreisträger Anton Zeilinger, der die Quantenphysik mit seinen Experimenten zum Beamen revolutioniert hat, KI-Forscher Peter Steinberger, der als Ein-Mann-Show einen KI-Agenten gebaut hat und jetzt bei OpenAI Karriere macht, oder die Entdeckerin der Gen-Schere Emmanuelle Charpentier – sie alle begannen ihre Forschungskarriere an öffentlichen Hochschulen in Österreich.

In der oben erwähnten Ausschreibung hatte die Uni Wien junge Menschen gesucht, die in den Fachgebieten Social Sciences, Humanities und Cultural Studies ein Doktorat machen wollten. Geboten wurden auf drei Jahre befristete 30-Stunden-Anstellungen. Christina Fritz aus Graz hält eine Absage in Händen. Für die junge Philosophin, die ein Doktorat an der Uni Graz begonnen hat, aber eine fixe akademische Stelle sucht, sind solche Schreiben, wie sie zur WZ sagt, „nichts Neues. Es gibt nur wenige akademische Stellen und man muss es ununterbrochen versuchen. Wir jungen Akademikerinnen sind eigentlich ständig im Bewerbungsmodus“.

Von einem Kettenvertrag zum nächsten

In Zeiten knapper werdender Budgets klaffen Angebot und Nachfrage immer weiter auseinander, was eher das ist kein Ansporn für junge Talente ist, in diesem Land an wichtigen neuen Erkenntnissen und Innovationen zu arbeiten.

Neben einem hohen Erwartungsdruck erschweren prekäre, befristete Beschäftigungsverhältnisse und fehlende langfristige Karriereperspektiven die Lebensplanung junger Forscher:innen. Acht von zehn wissenschaftliche Uni-Mitarbeiter:innen seien in befristeten Verträgen tätig, beziffert die Interessenvertretung „Initiative Unterbau“ die Lage. Professuren sind selten, sogenannte Laufbahnstellen mit vorgezeichnetem Karriereweg und befristeter Anstellung ebenso.

Anders als im allgemeinen Arbeitsrecht sind Kettenverträge an Österreichs Hochschulen erlaubt. Die maximale Höchstdauer dieser aneinandergereihten befristeten Dienstverhältnisse beträgt acht Jahre. Danach dürfen betroffene Forscher:innen nur noch unbefristete Verträge annehmen. „Da nur wenige Laubahnstellen mit Aufstiegsperspektiven bis zur Professur ausgeschrieben werden, ist es sehr schwierig, eine fixe Anstellung zu bekommen“, weiß Christina Fritz: „Das heißt, dass viele die Uni nach den acht Jahren verlassen müssen.“ Was als Schutznorm für junge Wissenschaftler:innen gemeint war, wird so zum Boomerang, der vielfach den endgültigen Drop-out aus der Wunschlaufbahn erzwingt. Zugleich stehen die Unis unter dem Druck, auch für internationale Talente attraktiv zu sein.

„Die Hochschulen sind auf internationale Sichtbarkeit angewiesen. Wir sind ein Wohlfahrtsstaat mit gut ausgebauten Sozialleistungen und das ist vortrefflich, aber es kostet. Daher müssen wir uns darum bemühen, dass kluge Köpfe aus der ganzen Welt bei uns arbeiten wollen, damit wir uns unser System mit Hilfe neuer Innovationen leisten können“, hob Theresia Vogel, stellvertretende Vorsitzende des Rats für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT), kürzlich bei der Präsentation des „Forschungs-, Technologie und Innovationsmonitor 2026“ hervor.

„Es braucht vielfältigere Karrierepfade in der Forschung“

Da die besten Köpfe nur dann nach Österreich kommen, wenn sie hier eine berufliche Zukunft sehen, wollte die Uni Wien mit ihrer Ausschreibung Doktorand:innen auch aus anderen Ländern ansprechen. „Wir wollten wissen, wie sichtbar wir im geistes- und kulturwissenschaftlichen Bereich, in dem wir in Uni-Rankings laufend punkten, sind, und ob wir internationaler werden können, indem wir breit ausschreiben. Wir wollten aktiv auf internationale Forschende zugehen und sie auswählen können, anstatt zu warten, bis jemand zu uns kommt“, erklärt Manuela Baccarini, Vizerektorin für Forschung und Internationales an der Universität Wien, im Gespräch mit der WZ: „Das hat sehr gut funktioniert. Wenn Einzelstellen für jedes Fach ausgeschrieben werden, ist die Resonanz viel kleiner.“

Fest steht: An den 22 öffentlichen Hochschulen in Österreich gibt es mehr Anwärter.innen als Stellen und die Positionen sind dementsprechend begehrt. „Nicht jeder hat die Sicherheit, eine Stelle im akademischen Bereich zu bekommen, die sich mit ihrem Wohnort deckt“, sagt Baccarini. Der FORWIT sieht das ähnlich, weist aber zugleich darauf hin, dass das System der akademischen Karrierewege in Österreich „nach wie vor einseitig auf das Zielbild der Professur ausgerichtet ist“, wie das Gremium in seiner Analyse des Hochschulsystems betont, in der es auch neue Möglichkeiten für Forscher:innen anregt.

„Wir brauchen vielfältigere Karrierepfade – etwa Lecturer, Research Scientist oder Lab Manager – mit eigenen Entwicklungsmöglichkeiten“, meinte FORWIT-Präsident Thomas Henzinger kürzlich bei der Präsentation der Hochschul-Analyse im Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen. Vorgeschlagen wird unter anderem ein für alle Hochschulen einheitlicher Kollektivvertrag, der zwischen befristeten Ausbildungsstellen (vornehmlich an Universitäten) und unbefristeten Karrierestellen mit klar definierten Funktionsprofilen unterscheidet. Karrierestellen sollten Entwicklungsschritte ermöglichen und unbefristet vergeben werden – Sicherheit statt Lotterie ist die Devise.

Sparzwang an den Hochschulen

Dafür benötigen die Unis das nötige Geld. Aktuell ist das für die Hochschulfinanzierung zuständige Wissenschaftsministerium aber mit Sparzwängen konfrontiert, wobei vonseiten des Ministeriums zunächst von minus 190 Millionen Euro die Rede war und die Universitätenkonferenz (uniko) sogar minus eine Milliarde Euro befürchtete.

Entschieden wird dies allerdings erst im Herbst. Die Unis bekommen immer Budgets für drei Jahre und die kommende Periode 2028–2030 muss bis 31. Oktober beschlossen sein. Die Unis hatten für dieses Doppelbudget insgesamt 18 Milliarden Euro gefordert, bekommen sollen sie aber trotz Inflation nur 15,5 Milliarden, also um eine Milliarde weniger als in der aktuellen Periode. Die Ministerin hofft nun auf eine nominale Erhöhung, wenngleich ein voller Inflationsausgleich wohl nicht zur Debatte steht.

Somit stehen die Zeichen am Stellenmarkt für universitäre Laufbahnen nicht auf Verbesserung, sondern auf Personalabbau. „Wir müssten bei Einsparungen sofort Personal-Maßnahmen setzen“, warnte Brigitte Hütter, Vorsitzende der Universitätenkonferenz, dazu in der ZiB2 vor Massenkündigungen. Ansonsten sei am Ende des Jahres die finanzielle Decke zu kurz. Betroffen wären wohl in erste Linie junge Forschende, wie etwa Doktoratsstudierende mit befristeten Dienstverhältnissen, da sie leichter abbaubar sind. Das würde bedeuten, dass eine Generation von jungen Wissenschaftler:innen nicht in Lehre und Forschung einsteigen.

„Das zahlt die Miete nicht“

All dies erhöht die Attraktivität der heimischen Hochschulen nicht. Gegen die geplanten Einsparungen gehen derzeit Rektorate und Senate ebenso wie Arbeitnehmer- und Studierendenvertretungen der Hochschulen in ganz Österreich auf die Straße. Darunter ist auch Christina Fritz. „Wer superbrav sein Studium macht, kann dabei zwar wahnsinnig viel akademisch und persönlich lernen. Doch das zahlt die Miete nicht. Wir brauchen bessere Perspektiven“, sagt sie.

Und diese Perspektiven muss Österreich sich etwas kosten lassen. Denn der Forschungsstandort ist, wenn man so will, kein wendiges Schnellboot, sondern ein Supertanker mit einem weiten Wendekreis. Umso wichtiger ist es, heute die richtigen Entscheidungen zu treffen, um den Forschungstanker Österreich so auf Kurs zu bringen, dass auch morgen noch Menschen mit guten Ideen hier arbeiten wollen – ohne Teil einer Lotterie werden zu müssen.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Manuela Baccarini ist Vizerektorin für Forschung und Internationales an der Universität Wien und Professorin für Zelluläre Signalübertragung an den Max Perutz Labs der Uni Wien und der Medizinischen Universität Wien.
  • Christina Fritz ist gelernte Krankenschwester und studierte im zweiten Bildungsweg das Fach Philosophie mit Abschluss Master an der Universität Graz, wo sie nun ihr Doktorat in Philosophie macht. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie aus einem Selbsterhalter:innenstipendium, einem Lehrauftrag zum Thema Sprache und Handlung an ihrer Alma mater und Teilzeit-Jobs.
  • Thomas Henzinger ist Informatiker und Vorsitzender des Rats für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT). Er war bis Ende 2022 erster Präsident des Institute of Science and Technology Austria (ISTA) in Klosterneuburg.
  • Theresia Vogel ist stellvertretende Vorsitzende des Rats für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT). Sie leitete von 2010 bis 2022 den Klima- und Energiefonds. Ihre Schwerpunkte sind die innovationsgetriebene klimaverträgliche Transformation der Industrie und Klimawandelanpassung urbaner Räume.

Daten und Fakten

  • Laut den an den Universitäten kursierenden Zahlen soll es im nächsten Dreijahresbudget für die 22 öffentlichen Unis – inklusive Arztgehältern an Unikliniken – insgesamt 15,5 Milliarden Euro geben, in der aktuellen Leistungsvereinbarungsperiode sind es 16,5 Milliarden Euro. Die Universitätenkonferenz (uniko) geht für die Jahre 2028 bis 2030 eigentlich von einem Finanzierungsbedarf von 18 Mrd. Euro aus, was einem Plus von 3 Prozent pro Jahr gegenüber dem laufenden Dreijahresbudget (2025-2027) entspricht, und damit einer konservativ geschätzten Abgeltung einer Inflation von 2,9 Prozent. Im Monat April lag die Inflation in Österreich bei 3,3 Prozent.
  • Die geharnischten Diskussionen um eine etwaige Budgetkürzung an den Universitäten im Rahmen der Doppelbudgeterstellung sind für den Forschungsrat ein Anzeichen dafür, dass ein „Weiter wie bisher“ in dem Bereich keine Option ist. Gerade angesichts knapperer Mittel müsse man analysieren, welche Hochschulen es eigentlich brauche. Schon in den vergangenen Jahren hatte das Beratungsgremium der Bundesregierung etwa mehrfach dazu geraten, in der Forschungsfinanzierung mehr Gelder im Wettbewerb zu vergeben. Das aktuelle Hochschulsystem mit seinen im Vergleich zur Größe des Landes sehr vielen – nämlich 23 öffentlichen – Hochschulen habe diverse Schwachstellen. So zum Beispiel etwa, dass man mit Steuergeld relativ viele internationale Studierende ausbilde, die dann nicht am heimischen Arbeitsmarkt Fuß fassen.

Quellen

  • FORWIT: FTI-Monitor 2026
  • FORWIT: Analyse des Hochschulsystems
  • OZG: „Die Universität heute will einen nicht binden, die will, dass man geht!“
  • BMFWF: Die Studierenden-Sozialerhebung 2025
  • Arbeiten und Studium: Wie geht es dem wissenschaftlichen Nachwuchs in Österreich?

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