)
Mein erstes journalistisches Vorbild war kein westlicher Autor, sondern mein afghanischer Großvater, den viel mehr Menschen kennen sollten.
Schon im Kindesalter hörte ich viele Geschichten über Journalismus und Medien. Dies hatte nicht nur mit unserem politisierten Haushalt zu tun, sondern in erster Linie mit meinem Großvater, Mohammad Mohsen Feroz. Mein Vater nannte ihn meist einfach nur „Großbaba“, wenn er von ihm erzählte. Großbaba war im alten Kabul – jenem, das vor der Zeit der Kriege in Afghanistan existierte – kein Niemand. Er war Journalist, Publizist, Dolmetscher und im diplomatischen Dienst tätig – eine ziemlich lange Liste an Berufsbezeichnungen, der vor allem seine Söhne stets nacheiferten.
- Kennst du schon?: Childless Cat Ladies und AWFULS
Keine eindimensionale Sicht
Im Salon meines Großvaters fanden stets politische Diskussionen statt, an denen Vertreter der verschiedenen politischen Klassen des Landes teilnahmen: Monarchisten, Republikaner, Demokraten, Liberale, Traditionalisten, Islamisten, Linke, Marxisten und Stalinisten. Muslime, Sikhs, Hindus und Juden. Ja, das war ein ziemlich bunter Haufen, doch genau das machte Afghanistan, und derartige Diskussionen und Debatten waren möglich. Den viele der Männer, die die damalige Politik Afghanistans dominierten, waren sich in einem einig: Das Land müsse endlich in der Moderne ankommen und sich den politischen Gegebenheiten seiner Zeit anpassen.
Viele der Umbrüche in der Region waren geprägt von Nationalismus, Kolonialismus und Imperialismus. Afghanistan befand sich in der Zwickmühle zwischen dem Westen und der Sowjetunion. Mein Großvater erlebte die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und natürlich auch die Folgen des Zweiten Weltkrieges, als die Naziideologie auch Afghanistan erreichte. Vor seinen Augen entstanden nach dem Fall des britischen Empire neue Staaten wie Pakistan, Indien oder Bangladesch. Als jemand, der die Auswirkungen des Kolonialismus auch in seiner Heimat erlebte, waren Großbabas Texte imperialismuskritisch. Seine Sicht war allerdings nicht eindimensional. Als Bedrohung nahm er auch den sowjetischen Machtanspruch auf die Region wahr.
Zum Höhepunkt seiner Karriere war mein Großvater Chefredakteur der „Anees“, einem wöchentlichen Nachrichtenblatt, das 1911 von Mahmoud Tarzi, dem „Vater des afghanischen Journalismus“, gegründet wurde. Das Blatt stand der Regierung nahe, doch es förderte wie viele andere Medien auch den neu entstandenen Pluralismus im Land. Dieser Diskurs wurde vor allem vom letzten afghanischen König, Mohammad Zahir Schah, massiv gefördert. In einem seiner Stücke, die bis heute noch auffindbar sind, schrieb mein Großvater allerdings auch kritisch über die eigene Regierung und warnte vor autoritären Zügen.
Leseempfehlungen aus der Redaktion
)
WZ Weekly
Einblicke in die WZ-Redaktion. Ohne Blabla.
Letzte Jahre unter Hausarrest
Die meisten seiner anderen Werke gingen verloren, denn in den darauffolgenden Jahren erlebte Afghanistan mehrere politische Umbrüche, die das Land ins Chaos stürzten: 1973 putschte der Cousin des Königs, immerhin ohne Blutvergießen, und rief erstmals die afghanische Republik aus. 1978 rissen die afghanischen Kommunisten der „Demokratischen Volkspartei Afghanistans“, deren ideologische Führer einst im Wohnzimmer meines Großvaters saßen, mit Gewalt die Macht an sich. Sie mordeten, folterten und machten Hundertausende zu Geflüchteten. Die letzten Jahre seines Lebens musste mein Großvater unter Hausarrest verbringen. Meine Familie verbrannte aus Angst vor den Schergen des Regimes viele seiner Werke. Bis heute frage ich mich, was Großbaba wohl denken würde, wenn er heute meine Texte lesen würde.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Genese
Mohammad Mohsen Feroz war ein afghanischer Intellektueller und Großvater unseres Autors, Emran Feroz. Er stammte aus Kabul und war Teil der bürgerlichen Elite. Feroz legte unter anderem ein Fernstudium an einer amerikanischen Universität ab. Aufgrund seiner hervorragenden Englischkenntnisse war er lange an der US-Botschaft in Kabul als Dolmetscher tätig. Feroz schickte mehrere seiner Söhne, darunter auch den Vater unseres Autors, zum Studium ins westliche Ausland. In den letzten Jahren seines Lebens erlebte er mehrere Putsche sowie den sowjetischen Angriff auf Afghanistan, der zu Weihnachten 1979 begann. Emran Feroz hat seinen Großvater nie kennengelernt. Er verstarb bereits vor seiner Geburt.
Daten und Fakten
Anees ist eine der ältesten und einflussreichsten Zeitungen Afghanistans. Sie wurde 1911 in Kabul von Mahmud Tarzi, dem Vordenker der afghanischen Reform- und Modernisierungsbewegung, gegründet und gilt als Grundpfeiler des modernen afghanischen Journalismus. Die Zeitung erschien überwiegend auf Dari (zeitweise auch Paschtu) und war über Jahrzehnte hinweg ein staatlich getragenes, aber intellektuell relevantes Medium. Besonders in den 1950er- bis frühen 1970er-Jahren bot Anees Raum für politische Kommentare, gesellschaftliche Debatten und reformorientierte Stimmen innerhalb eines begrenzten, jedoch realen redaktionellen Spielraums. Historisch spielte Anees eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von Bildung, politischem Bewusstsein und nationaler Selbstverständigung. Mit den politischen Umbrüchen nach 1978 verlor die Zeitung ihren journalistischen Charakter und wurde zunehmend zu einem staatlich kontrollierten Organ. Bis heute steht Anees symbolisch für eine Epoche, in der es in Afghanistan eine lebendige, argumentierende Presseöffentlichkeit gab.
)
)
)