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Kein Konzert, keine Kunst: Wie Kürzungen Kultur killen

3 Min
Die alle 14-Tage erscheinende Kultur-Kolumne der WZ.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Wer Kultur für Luxus hält, irrt. Sie macht Stadtviertel sicherer, schafft Freundeskreise und trainiert Streitkultur. Kürzt man hier Budget und Förderungen, verarmt der Alltag.


Stell dir vor, es gibt keinen Auftritt deiner Indie-Band im Club oder keine Lesungen mehr im Hinterzimmer deines Lieblingscafés. Keine Tanz-Performance in der alten Fabrikhalle. Keine Feuerwehrblasmusik beim Kirtag. Stattdessen kulturelles Schweigen im Stadtdschungel und Stille am Dorfplatz. Niemand greift auf Wien oder Salzburg oder die Berge oder den Neusiedler See als Kulisse für eine Serie oder einen Krimi zurück. Kannst du dir nicht vorstellen? Willst du dir auch gar nicht vorstellen? Kann ich verstehen.

Denn wenn all das nicht mehr stattfindet, werden deine Feierabende ärmer und einsamer. Die Kreativ- und Tech-Branche wird um viele Jobs ärmer. Wo Kulturorte schließen, kippt Nachtleben in Leerstand; das macht Viertel unsicherer und unattraktiver für junge Unternehmen – und für dich. Kultur ist außerdem günstige Prävention: Sie stiftet Freundeskreise, senkt Einsamkeit und Stress, fördert Gemeinschaftserlebnisse. Ohne öffentliche Bühnen werden heimische Stimmen leiser, Debatten verarmen. Kultur kostet, aber was bleibt ohne sie? Kultur muss uns etwas wert sein, muss dem Staat etwas wert sein, denn die Konsequenzen aus Kultur-Verarmung will niemand tragen.

Kultur darf nicht beschnitten werden

Österreich liebt große Worte: „Kulturland“, „Weltbühne“. Von der Blasmusik am Dorfplatz bis zur Wiener Staatsoper, vom Frequency-Festival bis zu den Salzburger Festspielen – es gibt kaum einen Winkel ohne Bühne. Zum Glück, denn kulturelle Vielfalt ist unser Erbe, etwas, das wir weitertragen müssen, um geistig nicht zu verarmen. Österreich bekennt sich zumindest mit Worten zum Erhalt und zur Weiterführung dieser Vielfalt, doch wenn es ans Eingemachte, sprich ans Geld, geht, wird es mitunter recht leise. Und wenn Förderungen ausbleiben, heißt es vor allem für freie Künstler:innen, Autor:innen und junge Bands: „priorisieren“, „schlanker werden“, „innovativ gegenfinanzieren“. Übersetzt: Macht’s gleich viel mit weniger Geld – und bitte, ohne zu nerven. 2025 muss die freie Szene auf zehn Millionen Euro aus dem Bundesbudget verzichten, so die IG Kultur, ein bundesweiter Dachverband und die Interessenvertretung von autonomen Kulturinitiativen.

Stabilität oben, aber Starre im System

Die großen Institutionen wie die Bundestheater (Staatsoper, Volksoper, Burgtheater, Akademietheater) und -museen (Natur- und Kunsthistorisches Museum) sind abgesichert; trotz Budgetkrise erhalten sie heuer sogar eine leichte Erhöhung in Form der Basisabgeltung. Mit ihren gesicherten Etats sind Aufführungen und Ausstellungen planbarer als das Leben vieler Kunstschaffender. Das kulturelle Ökosystem aus freien Bühnen, Off-Spaces, Proberäumen und kleinen Verlagen hat ein hohes Risiko und wenige Möglichkeiten, lebt von Förderungen, hantelt sich von Projekt zu Projekt. Etwas Neues zu wagen, bedeutet oft Selbstausbeutung, sowohl körperlich als auch finanziell.


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Doch Tradition darf Neues nicht verdrängen: Die freie Szene braucht Grundfinanzierung statt Projekt-Takt – mehrjährig, indexiert, mit Fair Pay und Vermittlung als Standard. Und damit die Gegenwart nicht vom Prospekt lebt, braucht es eine Tourismusdividende, die einen fixen Anteil der Wertschöpfung in lokale Kulturinfrastruktur zurückführt.

Worum es am Ende geht

Österreich hat alle Voraussetzungen, es besser zu machen: Tradition und Gegenwart, Weltformat und Alltagskunst, große Häuser und kleine, feine Wunderstätten. Entscheidend ist, ob wir Kultur weiterhin als Dekoration behandeln oder als das, was sie ist: ein öffentliches Gut. Wenn wir die Türen offenhalten – von der Staatsoper bis zur Bezirksbibliothek – gewinnt dein Alltag, gewinnt die Stadt, gewinnt das Land. Nur dann ist „Kulturland“ Gegenwart – und kein Slogan aus der Vergangenheit.


In „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.



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Infos und Quellen

Genese

Österreich nennt sich Kulturland. Gleichzeitig liest man: geschlossen wegen Budget. Kunst ist Menschenzeit – ein Quartett, eine Ausstellung, eine Probe lassen sich nicht automatisieren. WZ-Redakteurin Verena Franke schaut hin, wie Entscheidungen über Geld und Räume bestimmen, ob morgen noch neue Bands, Texte, Filme und Formate entstehen. Es geht nicht um Geschmack, sondern um kleine Schrauben, die der jungen Künstler:innen-Generation Chancen bietet.

Daten und Fakten

  • Das Agent-of-Change-Prinzip besagt: Wer für eine Veränderung verantwortlich ist (eine Person, ein Unternehmen), ist auch für die weiteren Auswirkungen dieser Veränderung verantwortlich. Es schützt bestehende Kulturorte vor Verdrängung, schafft Planungssicherheit und verteilt Kosten fair – dorthin, wo sie verursacht werden.

Ein Beispiel: Gibt es einen Club seit Jahren und neue Wohnungen werden daneben gebaut, muss der Bauträger für ausreichende Dämmung sorgen. Ist es hingegen ein Wohngebiet und ein neuer Club zieht ein, dann muss dieser selbst den Lärmschutz garantieren.

  • Für die Budget-Untergliederung UG 32 – Kunst & Kultur sind 2025 Auszahlungen von rund 671 Millionen Euro (2024: 668,8 Millionen, 2023: 620,2 Millionen Euro) veranschlagt. Das Plus entsteht u. a. durch höhere Basisabgeltungen für Bundesmuseen/ÖNB und die Bundestheater. Gleichzeitig sinken die Kunst- & Kulturförderungen (projektbezogen) 2025 und nochmals 2026 deutlich. Das heißt: Fixkosten großer Häuser werden stabilisiert, während die freie, kleinteilige Szene weniger Luft bekommt – mit Folgen für Nachwuchs und regionale Vielfalt.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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