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Keine Schläge – keine Gewalt?

11 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

Das Entschuldigungsvideo von Christopher Seiler offenbart ein weitverbreitetes Problem: Gewalt wird oft nicht als Gewalt verstanden. Insbesondere von denen, die sie verüben.


    • Christopher Seiler bestreitet körperliche Gewalt, obwohl das Verabreichen von Drogen gegen den Willen bereits Gewalt darstellt.
    • Viele Männer erkennen eigene Gewalt nicht an und rechtfertigen oder verharmlosen ihr Verhalten mit Mythen und Ausreden.
    • Sexuelle und häusliche Gewalt werden oft nicht als solche erkannt, besonders wenn sie nicht dem Klischeebild entsprechen.
    • Jede dritte Frau in der EU erlebt Gewalt durch Männer.
    • 2021 gaben 30 % der US-Studenten an, mindestens einmal eine Vergewaltigung begangen zu haben, wenn das Wort nicht verwendet wurde.
    • In einer britischen Studie entsprach nur 0,25 % der Vergewaltigungen dem Klischeebild.
    • 1991 wurde Vergewaltigung in der Ehe in Österreich strafbar.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Vor einigen Tagen wurde öffentlich, dass gegen den Austropop-Star Christopher Seiler von Seiler und Speer wegen Körperverletzung ermittelt wird, nachdem ihn eine Frau angezeigt hat. Die Staatsanwaltschaft hat verlautbart, dass keine Details zu den Vorwürfen oder zur Ermittlung veröffentlicht wurden. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Da ist niemand geschlagen worden

Christopher Seiler selbst meldete sich auf Instagram zu Wort und beschrieb den Vorfall, indem er mit einer Handbewegung vorzeigte, er habe die betroffene Frau gepackt (seine Wortwahl: „nimmt sie so“) und ihr Kokain auf ihre Lippen geschmiert. Er entschuldigte sich dafür und betonte: „Es gab keinen sexuellen Übergriff. Es gab keine körperliche Gewalt. Da ist niemand geschlagen worden.“

Seiler beschreibt also Gewalt und sagt ein paar Sätze später, es hätte keine körperliche Gewalt gegeben. Aber: Selbstverständlich bedeutet die Abwesenheit von Schlägen nicht die Abwesenheit von körperlicher Gewalt – das von Seiler beschriebene Verabreichen von Drogen gegen den Willen der Person, der die Drogen verabreicht werden, ist bereits inhärent körperliche Gewalt. Und an genau der Stelle offenbart Seilers Entschuldigungsvideo ein weitverbreitetes Problem, eines, das weit über diesen konkreten Fall hinausgeht: Gewalt wird oft nicht als Gewalt verstanden. Das gilt besonders für jene, die sie ausüben.

Jede dritte Frau aber keine Männer

Sehr viele Männer sind davon überzeugt, keine Gewalttäter zu sein, oder gar niemals welche werden zu können, während sie längst welche sind. Während nämlich jede dritte Frau in der EU Gewalt durch Männer ausgesetzt ist (und das ist nur das Hellfeld), sind erstaunlich viele Männer davon überzeugt, keine Gewalt auszuüben, ereifern sich darin, sich von den anderen, den bösen, den gewalttätigen Männern abzugrenzen und tröten im Brustton der Unschuldsüberzeugung „not all men“ in die Kommentarspalten.

Dass all die Männer, die das tun, allerdings „keine von denen“ sind, die Frauen Gewalt antun, ist leider rein statistisch unmöglich. Es ist mittlerweile zu einem feministischen Gemeinplatz geworden, aber es kann nicht sein, dass jede Frau, die wir kennen, Erfahrungen mit männlicher Gewalt gemacht hat, aber kein Mann, den wir kennen, diese Gewalt ausübt.

Die Gewalttäter sind die anderen Männer

Die Männer, die wir kennen, halten sich lieber an folgende Unwahrheit: Die Gewalttäter sind immer die anderen Männer. Wenn es um sie selbst geht, kontextualisieren sie ihre eigenen Taten und finden Gründe und Rechtfertigungen: im Verhalten anderer, in Kindheitstraumata, in schwierigen Umständen, psychischen Problemen oder im Konsum von Alkohol oder anderen Drogen (wenn Männer sie konsumieren, entschuldigt das, was sie Frauen antun; wenn Frauen sie konsumieren, entschuldigt es, was Männer ihnen antun).

Wenn es um sie selbst geht, wird bagatellisiert, neutralisiert, trivialisiert, relativiert, wegerklärt. Oder: Man inszeniert sich als Held der eigenen Geschichte, der tapfer gegen irgendwelche inneren Dämonen kämpft, und macht sich so metaphorisch auch zum Opfer der eigenen Gewalt, die nicht nur über das Opfer, sondern zuerst über einen selbst, als unschuldig Leider-Auch-Beteiligter, hereingebrochen ist. Täter ist man nie. Verantwortung hat man nie. Es passieren nur Dinge mit einem. Und dann eben auch mit anderen.

Oder: Man ist halt irgendwie noch nicht ganz erwachsen und ein Bad Boy (boys will be boys), der mal eben Lausbubendinge tut, und hat deshalb keine Verantwortung. Täter ist man nie.


Mann ist nicht Schuld und hat nie Verantwortung für das eigene Handeln und muss deshalb auch nie Konsequenzen befürchten. Weil sie hat eben zu viel genervt, da ist es schon verständlich, wenn man mal rotsieht. Oder man war halt eben eifersüchtig aus lauter Leidenschaft und Liebe, da ist halt die Hand ausgerutscht, das kann dem besten Mann passieren. Überhaupt sprechen Täter gerne von Dingen, die passieren und sehr ungern darüber, was sie tun. Wenn sie mich nicht so angeschrien hätte, wäre das nicht passiert. Sie weiß genau, welche Knöpfe sie drückt.

Oder: Ich habe sie doch nur geschubst, nicht geschlagen. Oder: Sie übertreibt, sie hat ja nicht mal blaue Flecken. Oder: Ich habe sehr viel Stress in der Arbeit, und dann komme ich heim, und sie nörgelt, da sind die Sicherungen durchgebrannt. Oder: Sie hat mich die ganze Zeit provoziert, sie wusste genau, was passiert. Oder: Ich habe getrunken und der Alkohol macht immer einen ganz anderen Menschen aus mir. Oder: Das waren die Drogen, das war nicht ich. Oder: Ich hab‘ sie doch nur angeschrien, das war keine Gewalt. Oder: Sie hat nicht aktiv nein gesagt, also ist Sex ok. Oder: Sie hat vorgestern ja gesagt. Oder: Es ist die eigene Ehefrau, da muss man nicht fragen. Oder: Sie ist schließlich mitgegangen oder hat anfangs mitgemacht. Oder: Ich habe sie nicht festgehalten, sie hätte ja gehen können. Oder: Ich habe sie doch nur zum Sex überredet, nicht vergewaltigt. Oder: Ich bin halt ein Mann und habe Triebe, ich kann nicht anders. Oder: Es waren keine Waffen im Spiel, also ist es keine sexuelle Gewalt. Oder: Ich habe sie nicht geschlagen, also ist es keine Gewalt. Oder: Sie hat mich angeturnt und wollte dann plötzlich aufhören, das kann man von keinem Mann verlangen. Oder: Sie hat zwar ‚Nein‘ gesagt, aber dann hat sie es doch genossen. Oder: Es war keine richtige Vergewaltigung, wir kennen uns schließlich schon lange. Oder: Sie hat nicht mal geschrien oder sich gewehrt, also war es wohl okay für sie. Oder: Sie hatte einen kurzen Rock an und hat Alkohol getrunken, was dachte sie, dass passiert?

Oder, oder, oder.

Gewalt wird als notwendig, als provoziert, als unbedeutend oder als „eigentlich keine Gewalt“ umgedeutet. Und so können alle Männer sich ständig selbst versichern, dass sie nicht „einer dieser Männer“ sind, die Frauen Gewalt antun, weil sie ihre Gewalt nicht als Gewalt begreifen und schon gar nicht als Gewalt benennen – entweder tatsächlich nicht oder strategisch nicht, um sich von Täterschaft zu distanzieren und ihre kognitive Dissonanz abzuwehren. Gewalttäter sind immer die anderen. Während sie selbst Gewalttäter sind.

Zum Sex zwingen“ und Vergewaltigung

Das zeigt sich vor allem dann, wenn es um sexuelle und sexualisierte Gewalt geht.

Eine Studie aus dem Jahr 2021 unter Collegestudenten in den USA hatte zum Ergebnis, dass etwa ein Prozent der Männer angab, eine Vergewaltigung verübt zu haben. Wenn das Wort „Vergewaltigung“ von den Forscher:innen nicht verwendet wurde und stattdessen die Verhaltensweisen, die eine Vergewaltigung ausmachen, beschrieben wurden, gaben ungefähr 30 Prozent der Männer an, mindestens einmal eine solche Tat begangen zu haben. 80 Prozent aller Vergewaltiger waren also überzeugt davon, noch nie jemanden vergewaltigt zu haben.

In einer Studie aus dem Jahr 2014 gaben 31,7 Prozent aller untersuchten männlichen Probanden an, eine Frau zum Sex zwingen zu wollen, wenn sie dafür keine Konsequenzen zu befürchten haben. Wenn die Männer konkret danach gefragt wurden, ob sie eine Frau vergewaltigen würden (was per definitionem dasselbe ist wie „zum Sex zwingen“) gaben nur 13,6 Prozent an, dass sie das tun würden. Viele Männer ordnen also die Anwendung von Zwang nicht als Gewalt oder Vergewaltigung ein, obwohl sie nicht nur die ethische, sondern auch die rechtliche Definition davon erfüllen würden.

Die Forscher:innen kamen zum ernüchternden Schluss, dass diese Männer also das soziale Etikett des „Vergewaltigers“ ablehnen (man gehört schließlich immer zu den not-all-men), aber durchaus bereit sind, die tatsächlichen Handlungen, die den Tatbestand einer Vergewaltigung erfüllen, auszuführen.

Mythen vs. Realität

Es gibt eine Klischeevorstellung davon, wie eine Vergewaltigung abläuft, und sie sieht ungefähr so aus: Ein Mann springt mitten in der Nacht aus einem Busch und vergewaltigt eine ihm fremde Frau, die gerade zufällig vorbeigeht und die sich massiv mit Händen, Füßen, Tritten und Bissen lautstark gegen den Übergriff wehrt.

Je weiter ein sexueller Übergriff von diesem Klischee entfernt ist, desto unwahrscheinlicher wird er als sexueller Übergriff verstanden – nicht von einer Öffentlichkeit, die von ihm erfährt, nicht von den Tätern und oft auch nicht von den Opfern selbst (die danach oft Jahre bis Jahrzehnte brauchen, um einordnen zu können, was ihnen angetan wurde). Das Problem hierbei: Die Klischeeidee eines sexuellen Übergriffes ist die absolute Ausnahme. In aller Regel sehen sexuelle und sexualisierte Übergriffe ganz anders aus. Eine britische Studie hatte zum Beispiel zum Ergebnis, dass nur 0,25 Prozent der Vergewaltigungen – in der Studie war es ein Fall von 400 – diesem Klischeebild entspricht.

Der Großteil an sexueller und sexualisierter Gewalt wird durch Täter verübt, die den Opfern nahestehen, sehr oft in bereits bestehenden Intimbeziehungen, aber auch innerhalb familiärer Beziehungen oder Freundschaften. Eine weitere Wahrheit ist: Viele Opfer wehren sich nicht körperlich, sondern versteinern. „Freeze“ (einfrieren) und „Fawn“ (der Versuch, Gefahr zu bewältigen, indem man freundlich ist und beschwichtigt) sind ganz typische – und automatische – Reaktionen auf traumatische Ereignisse, vor allem wenn sie, wie sexuelle Gewalt in der Regel, im persönlichen Nahbereich in persönlichen Beziehungen passiert. Die wenigsten Menschen, denen Gewalt angetan wird, reagieren mit Gegenwehr.

In einer Studie aus dem Jahr 2017, die Frauen in einer Stockholmer Klinik für Vergewaltigungsopfer untersuchte, berichteten 70 Prozent der Probandinnen von einer unwillkürlichen und ausgeprägten Lähmung, die durch intensive Angst während der Tat ausgelöst wurde. Diese Lähmung ist nicht „passive Zustimmung“, sondern automatisches Totstellen – eine völlig normale biologische Reaktion unseres Körpers auf Gefahr.

Häusliche Gewalt

Mythen gibt es auch in Bezug auf häusliche Gewalt und Gewalt in Intimbeziehungen. Dazu gehört beispielsweise die Vorstellung, dass es nur dann Gewalt ist, wenn „jemand geschlagen“ wird. Oder dass es nur Gewalt ist, wenn jemand wiederholt geschlagen wird. Oder dass es nur dann wirklich „gilt“, wenn körperliche Verletzungen sichtbar sind. Oftmals wird so psychische oder ökonomische Gewalt verkannt.

Ähnliches gilt – siehe oben – in Bezug auf sexuelle Gewalt in Intimbeziehungen. Hier herrscht oft die Annahme vor, Sex gehöre zu einer Beziehung eben dazu, deshalb könne es in ihrem Rahmen keine Vergewaltigung geben. Tatsächlich ist Vergewaltigung in der Ehe in Österreich erst seit 1991 ein Straftatbestand – davor gab es die sogenannten „ehelichen Pflichten“, die allerdings in zahlreichen Köpfen nach wie vor fortwirken. Eine weitere – sehr falsche und sehr folgenschwere – Fehlannahme ist, dass Opfer sofort gehen würden, wenn es wirklich so schlimm wäre. Das ignoriert und verkennt Faktoren wie Angst, ökonomische und psychische Abhängigkeit, gemeinsame Kinder, soziale Isolation oder die Gefahr, dass Gewalt beim Verlassen eskaliert (was sie oft tut – schließlich ist statistisch der gefährlichste Moment in aller Regel jener der Trennung).

Und dann sind unter den falschen Annahmen noch so Unsinnigkeiten wie „es gehören zwei dazu“. Oder „zu mir war der immer nett.“

Ein Ende der Mythen

All diesen Mythen, die dafür sorgen, dass Opfern Schuld oder Mitverantwortung zugeschoben wird, und dafür, Täter aus der Verantwortung zu nehmen, muss mit entschlossenem Widerspruch begegnet werden. Denn je weiter verbreitet sie sind, desto leichter machen wir es jenen, die Gewalt ausüben, ihre Taten zu relativieren. Wir alle sind in der Verantwortung, Gewalt als Gewalt zu benennen. Denn aktuell können Männer behaupten, sie seien keine Vergewaltiger, sie würden nur Frauen „zum Sex zwingen“. Sie können behaupten, sie hätten keine Gewalt ihrer Partnerin gegenüber verübt, es sei ihnen nur die Hand ausgerutscht. Und wieder andere können behaupten, es sei keine Gewalt passiert, man hätte nur einer Frau gegen ihren Willen Drogen verabreicht.

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

Zur Autorin

Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

Quellen

Studien:

Das Thema in anderen Medien

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