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Kesha: Die Stehauffrau des Pop

4 Min
Die US-amerikanische Popsängerin Kesha veröffentlicht mit „Period“ ihr erstes Album unter eigenem Label.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Ein jahrelanger Rechtsstreit, Knebelverträge, eine fremdbestimmte Karriere: Sängerin Kesha hat sich zehn Jahre lang zurück in die Freiheit gekämpft – und zeigt mit ihrer Story, was Resilienz bedeutet.


„Viele denken, die beste Rache wären Erfolg, Geld oder eine heiße Person zu daten. Es ist nichts davon. Es ist Happiness“: Das sagt Kesha in einem Interview über ihr neues Album „.“ (aka „Period“) – und sie weiß, wovon sie spricht. Denn für besagte Happiness musste sie jahrelang kämpfen: Nachdem sie in den 2010er-Jahren dank Songs wie „Tik Tok“ oder „Timber“ zu den größten Popstars jener Zeit zählte, bekam ihre Karriere einen Knick. Nicht, weil sie nicht weiterhin tanzbare Musik gemacht hätte, sondern wegen eines Rechtsstreits mit ihrem damaligen Produzenten Dr. Luke.

Sie verklagte Lukasz Gottwald, wie Dr. Luke mit bürgerlichem Namen heißt, unter anderem wegen sexueller Belästigung, Nötigung, Vergewaltigung und emotionalen Missbrauchs, woraufhin Gottwald die Vorwürfe abstritt und sie wegen Rufschädigung zurückklagte. Das Ganze begann 2014 – und ging bis 2023. So lange dauerte es, bis Kesha und Gottwald sich nach langem Hin und Her einigten. Erst im Jahr darauf konnte Kesha ihre Musik bei einem anderen als Dr. Lukes Label veröffentlichen.

Keshas Traumata definieren nicht länger, wer sie ist


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Am 4. Juli 2024 veröffentlichte Kesha schließlich die Single „Joyride“. Nicht umsonst wählte sie dafür den Independence Day – immerhin erschien der Song unter ihrem neu gegründeten, eigenen Label „Kesha Records“. Auf den Tag genau ein Jahr später folgte nun „Period“, das bisher vielleicht spaßigste Pop-Album des Jahres. Denn während Kesha auf den Songs ihre Traumata thematisieren hätte können (was absolut nachvollziehbar gewesen wäre!), entschied sie sich für besagte Happiness. Sie entschied sich, ihre Kunst nicht länger von traumatischen Erfahrungen definieren zu lassen, Dr. Luke und seinem Label keinen Raum mehr in ihrem Leben zu geben. Denn ganz ehrlich, jene hatten ohnehin schon viel zu lange über Keshas Output bestimmt.

Ihr neues Album ist genau das, wofür Fans Kesha schon früher gefeiert haben: frech, ein Mittelfinger an alle Spießer:innen, ein Statement der Selbstermächtigung. Ein trotziges „Du kannst mir gar nichts mehr vorschreiben“, ein Befreiungsschlag von all den toxischen Männern und all jenen, die finden, ein vermeintliches Opfer habe sich demütig und kleinlaut zu verhalten.

Knallharte Verträge ohne Rücksicht auf Künstler:innen

Keshas Geschichte ist auch eine über bizarre Verträge im Musikbusiness, die Künstler:innen jahrelang binden – ohne Möglichkeit, selbst bei krassen Umständen irgendwie aus diesen Deals zu entkommen. „Die einzige Art, wie ich aus dem Deal kommen konnte, war, wenn ich Musik lieferte, und das war weird. (...) Es war ein Headfuck. Es verblüfft mich immer noch, weil es keinen Sinn macht, dass unser Rechtssystem dabei zusieht und sagt: ‚Das ist in Ordnung‘“, sagt Kesha. Über solche Deals wird in den letzten Jahren immer öfter gesprochen, nicht zuletzt wegen Kesha – und auch wegen Taylor Swift.

Swift kämpfte dafür, die Master-Aufnahmen ihrer Alben zu besitzen, nahm deshalb die berühmten Re-Recordings („Taylor’s Version“) auf und kaufte schließlich vor Kurzem die restlichen Masters. Mit 15 unterschrieb Swift ihren ersten Plattenvertrag bei Big Machine, wobei damals üblich war, dass die Rechte für die Master-Aufnahmen somit beim Label lagen – und nicht bei den Künstler:innen. Label-Chef Scott Borchetta verkaufte die Aufnahmen 2019 an Musikmanager Scooter Braun, der Swifts Aufnahmen lukrativ weiterverkaufte, während Swift selbst angibt, keine Möglichkeit gehabt zu haben, die Masters zu erwerben. Ganz normal im Musik-Business.

Frei, happy und immer noch da

Kesha ist jetzt frei. Und happy. Und hat gezeigt, dass man Umstände nicht akzeptieren muss, nur weil viele sie als normal betrachten. Lange habe sie sich gefühlt, als wäre es allen egal gewesen, dass ihre Stimme nicht ihr gehörte, dass sie „Tik Tok“ performen und dabei lachen musste, während sie sich vom Business betrogen und ausgenutzt fühlte, sagt sie heute. Jetzt weiß sie, dass das nicht wahr ist. „Früher sagte man mir, dass sich mit 38 niemand mehr um mich scheren würde. Man sagte mir, dass sich niemand mehr für mich interessieren würde, wenn ich frei bin. Jetzt zu sehen, dass meine Fans immer noch mit meiner Musik connecten (...), ist einfach nur heilsam für meine fucking Seele.“ Period.

Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.


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