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KI macht Poesie und ich immer noch Buchhaltung

3 Min 01.07.2023
Ob Drehbuch, Gedicht oder neuer Sommer-Hit. Die KI kann alles.
© Identum/ Midjourney

Was wurde aus unserem Traum, komplizierte Aufgaben an Maschinen abzugeben, um mehr Zeit für die schönen Dinge zu haben?


Es gibt einen neuen Stern am Kunsthimmel. Ein Universalgenie, das nicht nur in diversen bildnerischen Stilrichtungen brilliert, auch Lyrik und Poesie beherrscht es. Im Gegenzug verlangt es nichts. Seine Kunst ist gratis.

Die Rede ist von Künstlicher Intelligenz (KI). Sie schreibt Drehbücher, erschafft Gemälde im Stil der großen Künstler:innen – oder produziert einen Song, in dem täuschend echt die Stimme des Rappers Drake zu hören ist.

Das ist beeindruckend. Und doch stellt sich die Frage: War das wirklich so geplant? Mit Chatbots wie ChatGPT und diversen Bildgeneratoren wie Dall-E 2 oder Midjourney übernimmt die KI ausgerechnet die kreativen Teile unseres Arbeitens. Dabei machen uns doch genau die Spaß. Warum schnappt sie uns die KI weg – und lässt und mit all dem Mühsal allein?

Die KI macht deinen Traumjob

18 Prozent der weltweiten Arbeitsplätze sind durch die KI gefährdet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Finanzdienstleistungsriesen Goldman Sachs. Dass es sich dabei zu großen Teilen um Jobs der Kreativbranche handelt, hat sich jedoch erst in den vergangenen Monaten gezeigt.

Während die sogenannte Kreativwirtschaft Kopf steht, ist es in anderen Branchen vergleichsweise still. Eine Entwicklung, mit der sich das Unternehmen OpenAI, Erschaffer und Urheber des Chatbots ChatGPT, sogar selbst überraschte. In Kooperation mit der University of Pennsylvania publizierte OpenAI 2023 eine Studie, die Berufsgruppen aufzählte, deren Dienstleistungen am ehesten von generativer KI übernommen werden könnten.

Demnach sollten in Bereichen wie Buchhaltung, Wirtschaftsprüfung und Finanzanalyse mindestens die Hälfte der Aufgaben an die Programme abgegeben werden können. Die Prognose dürfte sich nicht bewahrheiten.

Die KI macht Fehler

Warum das so ist, erklärt Stefan Woltan. „Die KI ist noch zu fehleranfällig. Gerade in der Buchhaltung, wo es um Genauigkeit geht, ist das ein Risiko, das bisher ungern eingegangen wird.“, sagt der Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz. Ein einziges Programm sei nicht auf alle Unternehmen übertragbar. Eine generative KI müsse lang getestet werden. Das kostet viel Geld. „Allein einem Chatbot Compliance-Regeln, also die unternehmensspezifischen Rechte und Regeln, beizubringen, dauert ewig“, sagt Woltran. Aus diesem Grund wird es noch einige Jahre dauern, bis solche Programme für die breite Masse erschwinglich sind.

„In Österreich, aber auch weltweit, findet KI bisher weniger Anwendung als manch einer glauben mag“, sagt Woltan. „Kommt sie in Verwendung, wird sie so branchenspezifisch eingesetzt, dass die Öffentlichkeit das seltener mitbekommt.“ Als Beispiel nennt er die ÖBB, die KI zur Optimierung ihrer Fahrpläne nützen.

Schock für Akademiker:innen

Den plötzlichen Aufschrei in der Gesellschaft begründet Woltran so: „Die Programme sind nun öffentlich zugänglich. Die meisten Menschen bekommen zum ersten Mal ein genaues Bild einer KI. Außerdem trifft es zum ersten Mal meinungsmächtige Menschen und Akademiker:innen. Dass potenziell auch ihre Berufe automatisiert werden, schockiert sie."

Wie tief der Schock sitzt, merkte man Anfang Mai, als Tausende von Drehbuchautor:innen in Hollywood streikten. Dazu aufgerufen hatte die Autorengewerkschaft Writers Guild of America (WGA). Sie forderte eine Einschränkung für KI-generierte Projekte, wie es zum Beispiel für Drehbücher bald der Fall sein könnte. Ganz so ernst sieht Woltran die Situation nicht. „ChatGPT kann zwar durchaus passable Texte generieren, in diese aber aktuelle Geschehnisse reflektiert einzuarbeiten, zeigt dem Chatbot seine Grenzen auf“, weiß der Wissenschafter.

Hat sich unser Traum, die lästigen Aufgaben an die künstliche Intelligenz abzugeben, um mehr Zeit zur Selbstverwirklichung zu haben, also erledigt? Es liegt an uns selbst, KI so einzusetzen, dass sie uns nutzt – und nicht ersetzt.


Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

Daten und Fakten

  • Chatbots sind Computerprogramme, die Unterhaltungen mit menschlichen Nutzer:innen simulieren. Diese können Fragen stellen, auf die das System in natürlicher Sprache antwortet.

Quellen

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