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KI – Neue Technik für eine alte Sehnsucht

4 Min
Ein Foto einer antiken Statue die eine KI anbetet.
Menschengleiche Intelligenz in maschinenform - eine Illusion bis heute.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Künstliche Intelligenz hat mal Konjunktur und mal nicht. Die realen Fortschritte der letzten 50 Jahre auf dem Gebiet sind allerdings viel kleiner, als man annehmen möchte.


ChatGPT, der Inbegriff angewandter Künstlicher Intelligenz, muss Vorläufer gehabt haben. Systeme, die als Grundstein für den heutigen Stand der Technik gelten können. So die Annahme. Aber wie haben diese Vorläufer ausgesehen und wann eigentlich schlug die Geburtsstunde der KI, wie wir sie heute kennen?

Christian Stadelmann ist Kurator am Technischen Museum in Wien. Er hat sich lang mit dieser Frage beschäftigt und eine Ausstellung dazu gestaltet. Und er wirft gängige Vorstellungen über den Haufen. ChatGPT „ist von dem, was wir unter Künstlicher Intelligenz verstehen, sehr weit entfernt“, sagt der Historiker. Er habe das System benutzt und stand vor dem Problem, „dass es nicht versteht, was ich will“. ChatGPT – ein Depp also? Mit einem Menschen hätte er sich leichter getan, so der Kurator. Im Endeffekt handle es sich um ein „eindimensionales System“, das mit menschlicher Intelligenz nicht viel zu tun habe.

Nachbildung von Fantasiewelten

Aber wann und wo schlug die Geburtsstunde jenes Phänomens, das wir heute als KI bezeichnen? Stadelmann verweist auf den antiken Bildhauer Pygmalion, der dem Mythos folgend eine Statue erschaffen hat, die schließlich mit Hilfe der Göttin Aphrodite lebendig wurde. „Was wir mit unserer Fantasie ergründen und schaffen, versuchen wir dann irgendwie nachzubilden“, sagt der Kurator. Das sei die uralte Sehnsucht des Menschen und diese Sehnsucht habe sich seit 2.000 Jahren nicht verändert.

Das, was sich ändert, ist die Technologie, die dem Menschen zur gegebenen Zeit zur Verfügung steht. So wurden im 18. Jahrhundert Automaten entwickelt, die bereits mit binären Systemen arbeiteten, mit Stiftwalzen und Zahnrädern. Es gab Musik- und Schreibautomaten in Menschenform. „Die haben ein Fundament dafür gelegt, dass man mit einem binären System − heute 0 und 1 − bestimmte Abläufe programmieren kann“, so Stadelmann. „Mit programmierten Abläufen sind wird schon nah bei den 1950er-Jahren, wo es wieder andere technische Möglichkeiten gab.“

Es waren auch die 50er-Jahre, als der Begriff „Artificial Intelligence“ zum ersten Mal in der Geschichte auftauchte. Konkret war das der Fall im Zug der Dartmouth Conference in den USA im Jahre 1956. Die Konferenz gilt demnach als die Geburtsstunde der KI, auch wenn bei dem Treffen auf wissenschaftlicher Ebene nicht viel weiterging, wie Stadelmann weiß.

Die weitere Entwicklung war geprägt von Phasen der Euphorie und des Stillstands. So habe es Jahre gegeben, „da hat man den Institutionen und den Medien einreden können, dass das interessant ist. Deswegen muss Geld investiert werden, muss darüber berichtet werden“, sagt der Kurator. „Dann sind die Erfolge ausgeblieben und so ist das Ganze wieder eingeschlafen.“ Hypes folgten auf Phasen des relativen Stillstands: Plötzlich gab es kein Geld mehr für KI und keine Presseberichte.

Auf jeden Hype folgte Ernüchterung

Ein Hype war das Jahr 1996, als es dem Schachcomputer Deep Blue gelang, den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow zu schlagen. „Da hat man gemeint: Jetzt ist die menschliche Intelligenz erobert. Und sehr schnell kam man dahinter, dass es nur eine Frage der Rechenleistung ist. Der Computer kann die Züge so schnell vorausberechnen, dass der Mensch nicht mehr mitkommt. Es hat aber nichts mit menschlicher Intelligenz zu tun“, weiß Stadelmann. Zuletzt habe es eine kleine Boomphase mit den selbstfahrenden Autos gegeben, aber auch hier musste man erkennen, dass sich das nicht so leicht realisieren lässt.

Und was ist mit ChatGPT? Ist das auch eine Eintagsfliege? Hier werde man ebenfalls draufkommen, dass das System nicht so intelligent ist wie angenommen, wagt der Historiker eine Prognose. Die Auswirkungen der KI, die vielen Menschen entweder den Angstschweiß auf die Stirn treiben oder für Euphorie sorgen, würden sich weit weniger dramatisch erweisen als gedacht.

Und wie sieht die fernere Zukunft aus? Stadelmann lacht. Er sammle Prognosen, die in der Vergangenheit gestellt wurden, und könne aus heutiger Sicht sagen: „Keine Einzige hat gehalten.“ Er zitiert zur Veranschaulichung eine Vorhersage aus dem Jahr 1994, wonach in 30 Jahren − also heute − EDV-Systeme an dem Punkt wären, wo sie die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns erreicht hätten. Das wäre der Punkt, wo sie in exponentiellem Wachstum die Gehirnleistung des Menschen übertreffen würden. Der Mensch wäre dann nur noch Randfigur, bestenfalls geduldet.

Eine Horrorvision. Das Gute daran: Eingetreten ist sie nicht.