Zum Hauptinhalt springen

Killt TikTok gute Musik? Keine Sorge, Schatz!

3 Min
Als neuer Artist Social Media zu ignorieren, ist der direkte Weg in die Irrelevanz.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Künstler:innen wie Sandra Hesch wird gerne vorgeworfen, dass sie „nur für TikTok“ Musik machen. Erstens: Blödsinn. Zweitens: Warum muss das zwingend so schlimm sein?


„TikTok-Musik“: Diese Worte liest man immer mal wieder unter den Videos der österreichischen Künstlerin Sandra Hesch – und sie sind alles andere als lieb gemeint. „TikTok-Musik“, das ist seelenloser Algorithmus-Pop, der nur auf virale Momente aus ist, der die kurze Aufmerksamkeitsspanne bedient und Trend-Begriffe wie „Labubu“ oder „Hot for No Reason“ einbaut, um die Hörer:innen da abzuholen, wo sie sind. Auf TikTok eben, zwischen sieben Stunden Screentime, Brain Rot und KI-Früchten, die sich gegenseitig betrügen.

„Musikproduktion für einen Computer“

Viele Artists machen genau das: Sich an die Regeln von TikTok herantasten, um erfolgreich zu sein, denn wir alle kennen sie, die Geschichten von den Stars, die einmal so richtig viral gingen und nie mehr zurückblickten. Und ganz ehrlich: Was ist so verwerflich daran, sich im Netz eine Community aufbauen zu wollen? Ein Erfolgsrezept, so alt wie das Internet selbst. Und: Als neuer Artist Social Media zu ignorieren, ist doch auch der direkte Weg in die Irrelevanz. Noch ein zweites „Und“: Das hier soll keine Verteidigungsrede für TikTok per se sein, sondern für Künstler:innen, die die App nutzen, um ihre Musik an die Leute zu bringen.

Natürlich ist dabei – so wie immer im Leben – Fingerspitzengefühl gefragt: Virales Potenzial ja, aber auch künstlerische Faktoren sollten bei der Entstehung von Musik eine Rolle spielen, duh. Rapperin Doechii sagte in einem Interview dazu: „TikTok ist ein unglaubliches Tool. Ich möchte aber nicht, dass Hip-Hop oder Kunst sich in der Musikproduktion für einen Computer verlieren.“

Musik für Internet-Girls? Peinlich!

Große Stars wie Doja Cat oder Sombr haben mithilfe von TikTok Kultstatus erreicht, genauso wie Ski Aggu. Andere Artists wie Ritter Lean arbeiten noch daran. Ritter Lean singt von Labubus und Outfit-Checks, hüpft von einem viralen Trend zum nächsten. Im Podcast „$HZ wir müssen reden“ spricht er mit Internet-Personality @kimisinamood abwertend über Kollegin Sandra Hesch und stimmt zu, es sei „peinlich“, wenn Songs „nur für TikTok“ gemacht werden. Er muss es ja wissen. Das Gute daran: Sandra Hesch tat das, was man auf TikTok eben tut. Sie nutzte den Ausschnitt und machte damit ordentlich Klicks.

Bleiben wir noch bei Sandra Hesch. Was mir nämlich auch auffällt: Sie findet im medialen Pop-Diskurs wenig bis gar nicht statt, was bei über 200.000 monatlichen Spotify-Hörer:innen durchaus schade ist. Hot Take: Liegt es daran, dass sie ein Internet-Girl ist, das Musik für Internet-Girls macht?

Die TikTok-to-Charts-Pipeline

Dass sie gleichzeitig auch im echten Leben existiert und Live-Locations wie das Flex füllt, sollte dabei Beweis genug sein, dass sich die TikTok-Arbeit übersetzt. Dass das der Fall ist, zeigen auch internationale Zahlen: 2024 gingen ganze 84 Prozent der Songs, die es in die Billboard Global 200 Charts schafften, erstmal auf TikTok viral.

Auch in der regulären Daily-Rotation von Österreichs größtem Radiosender ist Sandra Hesch nicht zu finden, obwohl ihre Songs durchaus radiotauglich sind, zum Mitsingen einladen und weit weniger raffinierte österreichische Songs auf und ab gespielt werden. Was ich damit sagen will: Wenn sie auf dem herkömmlichen Wege nur wenig Support bekommen, sollte sich niemand darüber wundern, wenn Künstler:innen es anders versuchen.

Die freie Journalistin, Autorin und Popkultur-Expertin Verena Bogner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Ähnliche Inhalte