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Die bemannte Mondmission Artemis 2 wird erneut verschoben. Dabei hat die Menschheit Erfahrung mit Mondflügen. Was ist dieses Mal so schwer?
Auf geht’s zum Mond – mit Hindernissen. Mit der Artemis-2-Mission der US-Weltraumbehörde NASA sollen vier Astronaut:innen den Erdtrabanten umrunden. Der Start war für Jänner geplant, musste jedoch heuer bereits zwei Mal verschoben werden. Nun soll die neue Rakete Space Launch System (SLS) ihren Platz an der Startplattform verlassen und für Reparaturen zurück in den Hangar gerollt werden.
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Zum letzten Mal betragen Menschen Jahr 1972 den Mond. Erste Pläne, dorthin zurückzukehren, stellte Präsident George W. Bush 2004 mit dem Constellation-Programm in Aussicht, das bemannte Mondlandungen spätestens ab 2020 vorsah. Auch Präsident Barack Obama griff die Idee auf. Und nun will Donald Trump am liebsten vor China, das eine ähnliche Mission verfolgt, den Mond erreichen. Doch es gibt technische Probleme, sowohl mit der Rakete SLS als auch mit der Raumkapsel Orion.
Dabei hat die Menschheit Erfahrung mit Mondflügen. Immerhin gelang der Auftakt im Wettlauf um den Erdbegleiter der Sowjetunion bereits vor 60 Jahren: Am 3. Februar 1966 landete die Sonde Luna 9 als erstes vom Menschen gebautes Objekt auf dem Erdbegleiter. Es folgte die amerikanische Apollo-Mission, mit der den USA im Jahr 1969 die erste Mondlandung gelang. Insgesamt sechs bemannte Missionen führte die Weltraumbehörde NASA bis 1972 durch. Heute aber scheint es uns schwer zu fallen, uns dem gleichen Himmelskörper noch einmal bemannt zu nähern. Was ist dieses Mal so schwierig? Könnten wir nicht auf die Schatzkiste bewährter Technologien setzen?
Eine Frage der Ideologie und des Geldes
Die Antwort ist: nein. Frühere Technologien passen nicht mehr ins Gesamtsystem und wir verfolgen heute andere Ziele mit anderen Budgets.
„Das Space Race in den 1950er-Jahren wurde auf Biegen und Brechen durchgezogen“, erklärt Günter Karl vom Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Graz: „Vor dem Hintergrund des ideologischen Wettstreits zwischen Westen und Osten wollte jede Seite um alles in der Welt das Rennen gewinnen. Die Devise war: Wir müssen zum Mond, koste es, was es wolle.“
Damals flossen rund 5 Prozent des US-Jahresbudgets in die NASA. Nach heutigen Maßstäben wären das 290 Milliarden US-Dollar oder 244 Milliarden Euro. Die Hälfte davon wurde jedes Jahr für das Apollo-Projekt aufgewendet, an dem fast 500.000 Menschen beschäftigt waren. Heute hat die NASA weniger als 0,5 Prozent des US-Bundesbudgets zur Verfügung und hat bisher insgesamt 90 Milliarden US-Dollar in Artemis investiert.
Auch die Technik hat sich massiv verändert
Wer weniger Geld hat, braucht mehr Zeit. Hinzu kommen völlig neue technologische Standards. Jedes Mobiltelefon und jede Smartwatch hat mehr Rechenleistung als ein Apollo-Raumschiff, die hauptsächlich von der NASA-Bodenstation in Houston gesteuert wurden. Heute übernehmen weltraumtaugliche Bordcomputer im Cockpit einen weitaus größeren Teil der Arbeit.
Mit einem Apollo-Raumschiff käme man auch aus anderen Gründen heute nicht mehr zum Mond. „Die dafür nötigen Saturn-Raketen sind nicht mehr baubar. Angefangen von den Materialein über die Werkstoffe bis hin zu deren Bearbeitung wurde die Fertigung von damals durch modernere, billigere Prozesse abgelöst“, sagt Kargl: „Es ist, wie wenn man einen Ford Modell T mit einem modernen Elektrofahrzeug vergleicht. Außer, dass beide vier Räder haben und Autos sind, haben sie wenig miteinander zu tun.“
Nur selten erfährt man, wie viele Jahre Vorbereitung nötig sind, bis eine Weltraummission auf der Startrampe steht. Die SLS wurde ausschließlich dafür gebaut, Astronauten zum Mond zu bringen. Bis sie zuverlässig funktioniert, heißt es testen, testen, testen und noch einmal testen. Ohne größtmögliche Sicherheitsgarantien geht heute nichts ins All.
Technische Sicherheit statt Ruhm und Risiko
„Die Apollo-Missionen waren im Endeffekt Selbstmordkommandos und die Astronauten durchwegs erfahrene Kampf- oder Testpiloten“, berichtet Kargl: „Neil Armstrong sagte einmal, dass ihm klar war, dass er nur eine fünfzigprozentige Chance hatte, vom Mond wieder zurückzukommen.“
Armstrong war es dann auch, der das Scheitern von Apollo 11 verhinderte, indem er in die Bordteuerung eingriff, da der automatische Landeanflug das Raumschiff direkt auf einen Felsbrocken zugeführt hätte. Apollo 11 war die fünfte bemannte Raumfahrtmission und die erste der bisher sechs bemannten Mondlandungen. Selbst heute noch sind automatische robotische Landesysteme nicht hundertprozentig zuverlässig. Immer noch gehen sie an die Grenzen der Technik, wie eine Reihe von gescheiterten Raumsondenlandungen zeigt.
Heute kann niemand mehr davon ausgehen, dass Astronaut:innen sich freiwillig einem Himmelfahrtskommando unterziehen. Zwar sind Missionen ins All stets riskante Manöver. Dennoch gilt es, das Risiko so klein wie möglich zu halten, damit die Mannschaft unbeschadet zurückkommt. Und während früher Ausgaben für das Space Race kaum hinterfragt wurden, gibt es heute andere Prioritäten. Nicht nur TikTok-Kanäle schreiben angesichts maroder Gesundheits- und Sozialsysteme dagegen an. „Wenn es zu Fehlschlägen aus Unachtsamkeit kommt, ist mit großer Ablehnung zu rechnen“, hebt Kargl hervor.
Wettrennen zwischen USA, China und Russland
Der Physiker und Ingenieur, der Weltraummissionen mitplant und im Labor die Bedingungen für für physikalische Prozesse im All testet, spricht auch von neuen Kernzielen für die bemannte Raumfahrt. Artemis soll beginnen, eine längerfristige Präsenz von Menschen auf dem Himmelskörper vorzubereiten. „Das sind andere Grundprämissen, und das macht die Mission um vieles komplexer“, sagt er.
Anders als bei Apollo will man mit Artemis erste Schritte setzen, um eine bewohnbare Mondbasis zu errichten, die wiederum als Ausgangspunkt für ein weiteres Vordringen zum Mars und weiter in die Tiefen des Alls dienen soll. „Es geht daher nicht mehr nur um Landesysteme, sondern um Präzisionslandesysteme“, sagt er. Wer eine Mondbasis bauen will, benötigt Raketen, die höchstens ein paar hundert Meter von der Baustelle entfernt sicher landen können. „Man will nicht nur am Boden ankommen, sondern zum Südpol und dort zum Aitken-Krater.“
Wissenschaft ist mehr als 300 Kilo Geröll
Für den Bau und Betrieb einer Mondstation gelten nur wenige Standorte als geeignet. Während auf dem Trabanten fast überall auf 15 Tage Sonnenlicht 15 Tagen Dunkelheit folgen, gibt es am Südpol Kraterränder mit ständigem Sonnenschein und vermutlich Wassereis in den Kratertiefen. Das wissen auch China und Russland, die ebenfalls Mondstationen vorhaben. Und so droht ein Wettlauf um die besten Plätze auf dem Erdbegleiter.
Neben einem neuen, wenn auch weniger forsch ausgetragenen ideologischen Rennen steht die Weltraumforschung an sich im Rampenlicht. Anders als Apollo ist Artemis wissenschaftlich fokussiert.
Nicht zuletzt wegen Apollo wissen wir heute relativ viel über den Mond. Während ein unbemannter Rover ein paar Gramm Bodenproben zu Erde holen kann, haben die Astronautenteams der 1960er und -70er mehr als 300 Kilo Mondgestein zurückgebracht – allerdings nur von ausgewählten Stellen und nur von der Oberfläche. Was fehlt, ist der Blick in die Tiefen des Himmelskörpers.
Geologisches Archiv der Erde
Die Entstehung des Mondes hängt stark mit der Entstehung der Erde zusammen. „Der Mond ist unser geologisches Archiv der letzten 4,5 Milliarden Jahre, weil die Mondoberfläche sich sehr viel langsamer verändert als unsere“, sagt Günther Kargl. Er ist umhüllt von Vakuum, da er keine Atmosphäre besitzt, in der Wetter entsteht. Stürme und Niederschläge können ihm somit nichts anhaben, weil es keine wetterbedingte Erosion gibt. Auch gibt es keine Kontinentalbewegungen, keine Vulkane, keine Plattenverschiebungen und keine sonstige Aktivität im Mondinneren. Vom Mond können wir viel über unsere eigene Vergangenheit lernen. Bohrkerne, die länger als ein Meter sind, wären wissenschaftlich interessant, können von Robotern jedoch nicht gemacht werden.
Die Mission wird sich auf jeden Fall lohnen. Und es wird sich lohnen, zu warten, selbst wenn es erst Jahre später als geplant so weit ist. Denn „wir wissen ja gar nicht, was wir nicht wissen“, sagt Kargl.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner
Günter Kargl ist Physiker und Ingenieur am Institut für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Graz. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Untersuchung planetarer Oberflächen und der Lebensbedingungen anderer Himmelskörper im Labor. Er hat außerdem bei der Planung und Durchführung der Kometenmission Rosetta mitgewirkt, bei der erstmals eine Sonde zu einem Kometen flog, ihn umrundete und dort landete.
Diese Kolumne Wissen wissen erstmals am 20. Februar 2026 unter dem Titel "Kleines Space Race zum Mond" publiziert und aktualisiert, nachdem die NASA zwei Tage drauf bekannt gegeben hatte, die Rakete SLS weg von der Startrampe zurück in den Hangar zu bringen.
Daten und Fakten
- Mit der Artemis-2-Mission sollen noch in diesem Jahr erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert wieder Menschen in die Nähe des Mondes fliegen. Die US-Astronauten Christina Koch, Victor Glover und Reid Wiseman sowie der Kanadier Jeremy Hansen sollen den Mond bei der etwa zehntägigen Mission umrunden. Zuletzt waren im Jahr 1972 US-Astronauten auf dem Mond.
- Anders als zu Apollo-Zeiten wollen die USA diesmal eng mit Partnerländern zusammenarbeiten. Europa hat Service-Module geliefert. Bei späteren Mondflügen sollen europäische Astronaut:innen mitfliegen.
Quellen
- Austria in Space: Weltraummissionen & Science Fiction
- ÖAW: Wie plant man eine Weltraummission?
Das Thema in anderen Medien
- ARD-Tagesschau: Alexander Gerst zu "Artemis"-Mission - "Grundstein für künftige Mondbasis"
- profil: Was uns der Mond über die Erde verrät
- Deutschlandfunk Kultur: 45 Jahre nach Apollo 17 - Was fasziniert uns so am Mond?
- Der Standard: Was man zum Start der ersten astronautischen Mondmission seit 50 Jahren wissen muss
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