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Bagger, Dinos, Ponys: Worauf das Kinderhirn anspringt

6 Min
Bagger, Bagger, Bagger: Haben, halten, begreifen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Midjourney

Warum interessieren sich kleine Kinder für die Dinge, für die sie sich interessieren? Und wie teuflisch ist der Smartphone-Bildschirm? Die Entwicklungspsychologin Stefanie Höhl im Gespräch.


WZ | Konstanze Walther

Bei mir zuhause dreht sich gerade alles um Bagger und Traktoren. Von mir hat mein zweijähriger Sohn diese Veranlagung aber nicht. Wieso springen kleine Kinder auf bestimmte Sachen an und auf andere nicht? Wieso Bagger und nicht Dinos oder Ponys?

Stefanie Höhl

Schon bei kleinen Babys zeichnen sich unterschiedliche Interessen ab, das merkt man daran, wie lange sie etwas mit dem Blick fixieren. Später zeigen sie ihre Neugier damit, was sie mit den Händen greifen wollen, und was nicht. Da sind die Kinder höchst unterschiedlich. Wenn man auf sie individuell eingeht, hat das Vorteile: Denn Kinder lernen mehr und schneller über die Dinge, für die sie sich interessieren, etwa die Bezeichnung für die Objekte. Das ist bei Erwachsenen nicht anders. Aber warum sich ein Kind für Bagger interessiert und das andere nicht, kann man nicht erklären.

Kinder reagieren auf das Angebotene höchst unterschiedlich.
Stefanie Höhl
WZ | Konstanze Walther

In den Kinderbüchern wimmelt es von Baustellen-Fahrzeugen, Bauernhof-Tieren und Straßenszenen. Werden Kinder dadurch schon geprägt?

Stefanie Höhl

Kinder können sich natürlich nur für das interessieren, was man ihnen anbietet. Aber wir merken: Kinder reagieren auf das Angebotene höchst unterschiedlich. Und es ist schön, wenn die Eltern die Interessen zulassen und gezielt fördern. Wenn wir Kindern verbieten, sich mit etwas zu beschäftigen, dann führt dies – wie auch bei uns Erwachsenen – zu negativen Gefühlen. Kinder lernen am besten das, wofür sie sich interessieren. Das sind die Kindergarten-Kinder, die alle Dinosaurier-Arten, alle Automarken oder Pokémons aufzählen können. Da merkt man: Wenn Kinder sich mit etwas beschäftigen dürfen, das ihnen Spaß macht, können sie sich lexikalisches Wissen aneignen, worüber wir Erwachsenen nur staunen können.

WZ | Konstanze Walther

Weil die kindliche Festplatte noch so unbeschrieben ist, dass sich neu angeeignetes Wissen so schnell ausbreitet?

Stefanie Höhl

Ja, aber nicht nur. Es ist auch diese den Kindern innewohnende Motivation, sich mit einem Thema zu beschäftigen und Zeit, Energie und mentale Kapazität reinzustecken. Dann werden sie zu kleinen Experten. Diesen Luxus haben wir als erwachsene Person außerhalb des beruflichen Kontextes fast gar nicht mehr.

WZ | Konstanze Walther

Ich habe mir gedacht, dass, vielleicht weil Bagger und Traktoren so groß sind, sie von kleinen Kindern als besonders mächtig wahrgenommen werden.

Stefanie Höhl

Das kann beim einzelnen Kind zu einer Faszination beitragen. Aber ob das Objekt groß oder klein ist, ist nicht ausschlaggebend. Ein anderes Kind interessiert sich vielleicht für Insekten, weil die so bemerkenswerte Fühler und eigenartige Augen haben. Bei Erwachsenen können wir es auch nicht sagen, was uns fasziniert und was nicht.

WZ | Konstanze Walther

Eine Frage zu Geschlechterunterschieden – oder anders gefragt: Wie unumgänglich ist es, dass sich ein Mädchen von Rosa angezogen fühlt?

Stefanie Höhl

Bei den Interessen gehen wir nicht von angeborenen Geschlechtsunterschieden aus. Ganz früh in der Entwicklung gibt es keine Belege dafür, dass sich Mädchen mehr für Puppen interessieren und Jungs für Fahrzeuge. Das heißt, diese Unterschiede kommen stark über Sozialisationseffekte. Die sind schon im Kindergarten-Alter ganz stark. Es wird zu einem Identifikationspunkt: Mädchen mögen Rosa und Jungs eben nicht. Kurzum: Eine biologische Grundlage für Farb-Präferenzen gibt es nicht. Das wird kulturell vermittelt.

WZ | Konstanze Walther

Was sagen Sie Eltern, die zuerst einen Jungen und dann ein Mädchen bekommen haben, und die jetzt Autos und Bagger verschrotten müssen, weil das Mädchen eben nur Puppen und rosa T-Shirts haben will? Eltern, die schwören, dass sie ihre Kinder nicht unterschiedlich behandelt haben?

Stefanie Höhl

Dass Kinder innerhalb der gleichen Familie unterschiedliche Interessen entwickeln, ist – so oder so – überhaupt nicht unüblich, sogar bei Zwillingspaaren. Kinder tendieren dazu, sich abzugrenzen. Dann ist gerade das, was der große Bruder, die große Schwester mag, eben nicht interessant. Wir dürfen aber auch hier diese Sozialisationseffekte nicht unterschätzen. Die werden unbewusst von den Eltern vermittelt. Es ist ganz schwer, die Kinder von den kulturellen Erwartungen abzuschotten, die schon von klein auf an sie gestellt werden. Da gibt es eine ganz interessante Forschung zu dem Thema: mit Babys, denen man nicht ansieht, ob sie ein Bub oder ein Mädchen sind – und wie die Erwachsenen mit ihnen umgehen. Und zwar je nachdem, ob man ihnen gesagt hat, das Baby sei weiblich oder männlich. Die Babys werden unterschiedlich in den Arm genommen – die Mädchen sanfter –, und es wird unterschiedlich mit ihnen gespielt – mit den Buben rauer. Da braucht man sich nicht wundern, wenn die Kinder dann mit zwei oder drei Jahren unterschiedliche, aber sogenannte geschlechtstypische Interessen zeigen.

WZ | Konstanze Walther

Was machen Kinder außerhalb der westlichen Welt, die voller Puppen und Fahrzeuge ist?

Stefanie Höhl

Kinder spielen überall. Aber sie brauchen nicht das Kinderzimmer voller Spielzeug, sondern sie beschäftigen sich mit dem, was da ist. Töpfe, Werkzeuge, Stöcke, Steine. Wir haben in Europa eine sehr Artefakt-lastige Kultur. Wir haben sehr viele Gegenstände, die speziell für Kinder gemacht sind. Das ist nicht überall der Fall. Das brauchen die Kinder nicht unbedingt, Kindern wird auch nicht langweilig, wenn sie mit Steinen spielen. Hauptsache, sie können sich beschäftigen und entfalten.

Bildschirme sind nicht per se giftig.
Stefanie Höhl
WZ | Konstanze Walther

Wie teuflisch ist der Bildschirm?

Stefanie Höhl

Wir gehen davon aus, dass das aktive Spielen das Wichtigste ist. Man kann auch mit Bildschirm-Medien aktiv spielen. Es ist nicht so, dass die giftig sind. Wir wissen aus der Forschung, dass es für die Sprachentwicklung förderlich ist, wenn man sich mit dem Kind gemeinsam Bücher anschaut. Aber ob das ein Buch aus Papier ist oder ein digitales, das vielleicht noch mit Spezialeffekten auftrumpfen kann und Geräusche macht – das ist egal. Das hat auch letztens eine Metaanalyse ergeben: Hauptsache, es sind kindgerechte Materialien, dann hat digital auch positive Effekte. Ich muss das meinem Kind also nicht grundsätzlich verbieten. Ein Kind hat nur nichts davon, wenn es einfach nur passiv berieselt wird, mit Video schauen oder Fernsehen. Das ist zwar nicht per se schädlich, ist aber im Prinzip verschwendete Zeit, die das Kind besser nützen könnte.

WZ | Konstanze Walther

Also die Plastik-Artefakte, die leuchten, rumsen und brummen, sind nur für die Eltern nervig?

Stefanie Höhl

Ja. Wenn sie Kinder faszinieren und ihre Aufmerksamkeit haben, dann ist das keine schlechte Sache. Weil das wieder dazu beiträgt, dass Kinder sich damit beschäftigen und vielleicht etwas lernen.

WZ | Konstanze Walther

Wie sieht es mit der Videotelefonie aus? Whatsapp, Facetime, Zoom und so weiter, die gern verwendet werden, wenn die Großeltern woanders leben?

Stefanie Höhl

Studien haben gezeigt: Auch so kann eine positive Beziehung aufgebaut werden. Das Wichtige ist auch hier das Interagieren und nicht das passive Eintrichtern. Aber nicht alles ist harmlos. Wirklich warnen möchte ich vor dem Fernseher, der den ganzen Tag im Hintergrund rennt. Weil das die Kinder ablenkt, selbst, wenn sie das Programm nicht verstehen. Durch das Flimmern und die Bilder werden sie immer wieder aus ihrem eigenen Rhythmus und Lernen herausgerissen. Im Gegensatz dazu schadet eine halbe Stunde Facetime mit der Oma gar nicht.


Infos und Quellen

Genese

WZ-Redakteurin Konstanze Walther hatte ein totales Desinteresse an allem, was motorisiert ist. Inzwischen kennt sie dank ihres Sohnes die Fachbegriffe Planierraupe, Muldenkipper, Dumper und Radlader. Sie wollte wissen, wieso, und hat bei Stefanie Höhl, Leiterin des Instituts für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien, nachgefragt.

Gesprächspartnerin

Stefanie Höhl ist seit 2017 Universitätsprofessorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien.

Ein Bild Interviewpartnerin, der Entwicklungspsychologin Stefanie Höhl.
Stefanie Höhl findet Bildschirme nicht per se giftig.
© Stefanie Höhl

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