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Klimakonferenz: Warum wir die Krot fressen müssen

5 Min
Ein Foto der Autorin Nunu Kaller.
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Klar kann man viel an der Klimakonferenz kritisieren. Noch dazu in Dubai. Noch dazu mit einem Ölkonzern-Chef als Leiter. Aber unsere Aufgabe ist eine andere.


Klimakonferenz also. Klar, muss in die Kolumne, noch aktueller geht ja kaum. Doch erstmal muss ich den Wissensstand rund um die Klimakonferenzen auffrischen; ich muss zugeben, ich bin keine ständig aufmerksame Beobachterin der Klimakonferenzen. Zu groß war in den letzten Jahren die Enttäuschung.

Es fing vor über zehn Jahren an: Als die Kyoto-Ziele verkündet wurden, dachten viele in Österreich, puh, das wird eng. Damals war Nikolaus Berlakovich Umweltminister und ich Pressesprecherin bei GLOBAL 2000. Immer wieder meinten wir, wir würden gern, aber wir KÖNNEN ihn nicht in jeder Presseaussendung zum Rücktritt auffordern. Das muss dosiert werden, sonst nutzt es sich ab. Und dann kam 2012 die Meldung: Österreich schafft die Kyoto-Ziele, weil am Weltmarkt die Emissionszertifikate grad schön günstig sind. Solche Zertifikate können übrigens oft Grundlage für ordentliches Greenwashing sein: Viel wichtiger ist die effektive Reduktion von Emissionen, nicht die Ablasszahlung dafür. Das war dann der Tag, an dem ich endlich in einer meiner Presseaussendungen für die Umweltorganisation Berlakovich zum Rücktritt auffordern durfte.

Das ist natürlich nur eine kleine Anekdote nebenbei, aber für mich war sie sehr prägend. Bei mir blieb hängen: Da werden mühsam Ziele ausverhandelt, die dann erst recht entweder nicht eingehalten werden oder einfach nur den Markt für Zertifikate antreiben. Manchmal kommt es zu guten Verhandlungsergebnissen, manchmal sind sogar die enttäuschend.

Im letzten Jahr gab’s zum ersten Mal Aufschreie, dass auf der Klimakonferenz Öl- und Gasdeals geschlossen werden.Nunu Kaller

Die Pariser Ziele, wir alle haben davon schon gehört. Das Ziel, die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen, wurde auf der Pariser Klimakonferenz 2015 beschlossen – und war seither Grundlage für sehr viele Beobachter:innen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, pessimistisch zu sein. Nur noch wenige glauben daran, dass sich das noch ausgeht. Das, was hängen bleibt, ist: Was auf den Klimakonferenzen beschlossen wird, wird eh nicht umgesetzt. Sehr frustrierend und ein Beitrag zu der um sich greifenden Mutlosigkeit und Politikverdrossenheit.

Im letzten Jahr gab’s dann zum ersten Mal Aufschreie, dass auf der Klimakonferenz Öl- und Gasdeals geschlossen werden. Im ägyptischen Sharm-el-Sheikh trafen sich nicht nur die Delegierten der Länder, sondern auch sehr viele Vertreter:innen von Umweltschutzorganisationen … und ein großer, großer Haufen Lobbyisten, darunter auch solche der Öl- und Gasindustrie. Und die sorgten dafür, dass auf der Klimakonferenz selbst Gas- und Öl-Deals geschlossen wurden! Absurd! Und anscheinend planen sie das auch dieses Jahr wieder – hoffentlich wird dem Einhalt geboten.

Nun findet also die COP28 statt. Noch dazu in Dubai, Teil der Vereinigen Arabischen Emirate, deren Reichtum auf ihren hohen Ölvorkommen basiert. Noch dazu geleitet von einem Chef eines Ölkonzerns. Auf den ersten Blick macht auch das nicht rasend optimistisch.

Aber.

Es braucht die Klimakonferenzen. Es braucht diese Plattform, bei der alle an einem Tisch sitzen, bei der jede Position gehört wird, bei der gemeinsam an Zielen gefeilt wird. Klar kann man sich drüber aufregen, dass zehntausende Menschen jetzt an einen Ort fliegen und dabei gewaltig CO2 rausblasen, um sich drüber zu unterhalten, wie man die CO2-Emissionen reduzieren kann. Noch dazu nach Dubai, das, charmant ausgedrückt, jetzt nicht wirklich ein Zentrum der Nachhaltigkeit ist. Aber ganz ehrlich: Es ist wichtig, dass Menschen an einem Tisch sitzen. Wir haben das doch alle irgendwann in den letzten Jahren mitbekommen, wie anders Meetings laufen, wenn sie online stattfinden. Es ist wichtig, dass man sich sieht. Und WO man sich trifft, ist dann auch schon wieder egal, ob Paris, Ägypten oder Dubai. Nadja Hahn von Ö1 drückte es in einem Podcast so nett aus: „Die Krot muss man fressen.“

Es braucht diese Plattform, bei der alle an einem Tisch sitzen.Nunu Kaller

Wir haben global wirklich sehr drängende Probleme. Ich weiß, viele wollen und können es nicht mehr hören und lesen, aber: Die Klimakatastrophe ist nicht nur ein drohendes Etwas am Horizont, sie ist da. Und sie wird noch viel schlimmer werden, wenn wir nichts tun. Was wir tun sollten, hat Greenpeace sehr gut zusammengefasst: Wir brauchen dringend einen globalen Ausstieg aus fossilen Energien, eine globale Bestandsaufnahme der Klimaschutzmaßnahmen sowie eine verpflichtende Einführung des „Verschmutzerprinzips“, wonach jene, die die Klimakrise massiv befeuern (Energiekonzerne z. B.), für die Auswirkungen und Schäden zur Kasse gebeten werden sollen.

Und all diese Punkte kann man nur auf einer solchen Klimakonferenz ausverhandeln. Daher: Sparen wir uns die Kritik am Ort, an einzelnen Menschen, an der fehlenden Umsetzung, und fordern wir stattdessen vom ersten Tag nach der Klimakonferenz laut ein, dass die beschlossenen Ziele auch wirklich umgesetzt werden.

P.S.: Übrigens: Auch beim Ölkonzern-Chef bin ich nicht so pessimistisch, nachdem ich erfahren habe, dass er sich scheinbar bereits seit langem in vielen Vorgesprächen mit Stakeholdern akribisch auf die COP vorbereitet und für selbige einen sehr fortschrittlichen Plan entworfen hat. Mal schauen, ob den Worten auch Taten folgen, aber seine Worte waren anscheinend schon mal zumindest nicht komplett daneben. Und vor allem: Die Emirate sind so bemüht um ein gutes Image, ich glaube, das wird von „anderer“ Seite gut ausgenutzt werden. Jeder Öl-Deal auf der Klimakonferenz kostet die wahrscheinlich mehr als sie wollen.


Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.