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Maßnahmen gegen den Klimawandel sind günstiger als keine

4 Min
Ein Bild eines Sonnenaufgangs über London an einem nebligen Tag.
Die Kosten des Klimawandels werden die Kosten seiner Eindämmung auf 1,5 oder maximal zwei Grad übersteigen.
© iStock via Getty Images Plus

Warum Einigungen bei Klimakonferenzen schwierig sind und wie wir den Klimawandel eindämmen können, erklärt die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter. 


WZ | Eva Stanzl

Warum ist ein entschlossenes Vorgehen zur Begrenzung des Klimawandels so schwer zu erreichen?

Verena Winiwarter

Die Kosten des Klimawandels werden die Kosten seiner Eindämmung auf 1,5 oder maximal zwei Grad übersteigen. Auf Dauer ist es viel günstiger, Maßnahmen zu setzen, als keine zu setzen. Das Problem liegt an der Kurzfristigkeit der Politik. Politiker:innen sind die gewählten Repräsentant:innen der jetzigen Personen und müssen diese bedienen – und das ist auch legitim. Eine Gesellschaft, deren Tun auf fossilen Energieträgern basiert, hat allerdings die Klimakrise erzeugt, die langfristig gelöst werden muss. Und wenn Staaten, die praktisch nur auf fossiler Energie aufgebaut sind, eine Klimakonferenz ausrichten, wird auf Nebenschauplätzen gearbeitet und der Ausstieg aus Fossilen kleingeredet.

WZ | Eva Stanzl

Zugleich wird die Klimakrise negiert: Öl ins Feuer einer üblen Lage?

Verena Winiwarter

Das Problem ist dringend, es geht um viel, die wissenschaftliche Datenlage ist gut, aber politisch wird dies alles geleugnet. Damit kommt man einer Lösung keinen Schritt näher.

WZ | Eva Stanzl

Müssen Wissenschaftler:innen gleichzeitig Aktivist:innen werden, weil sie sonst nicht gehört werden?

Verena Winiwarter

Das ist sicherlich eine mögliche Konsequenz. Für die Bevölkerung scheint es in Zeiten hoher Unsicherheit immer die risikoloseste Variante zu sein, bei dem zu bleiben, was man hat. Revolution ist nicht der dominante Modus von gesellschaftlicher Entwicklung. Der dominante Modus ist das Weiterwursteln.

WZ | Eva Stanzl

Und das geht beim Klimawandel nicht?

Verena Winiwarter

Das vergleichsweise Einfache am Problem des Ozonlochs war, dass es ein Loch war und damit ein begrenzbares, letztendlich gut wahrnehmbares Thema, für das es eine technische Lösung gab, etwa durch Austausch einzelner Substanzen in Haarsprays und Kühlschränken. Das heißt, man musste an der fossilenergetischen Konsumgesellschaft nichts ändern, sondern konnte andere Treibmittel erfinden. Die gesellschaftlichen Infrastrukturen konnten bleiben.

WZ | Eva Stanzl

Und jetzt müssen wir unsere „fossilenergetische Konsumgesellschaft“ umkrempeln. Was müssen wir dazu tun, wenn nicht jeder plötzlich in einer Gartenhütte bei Holzfeuer und Kerzenlicht sitzen will?

Verena Winiwarter

Die großen Verursacher von Treibhausgasen liegen im Transport. Auch in der Landwirtschaft - mit der weltbesten Lobby überhaupt - ließe sich viel tun, und das würde auch noch Kosten sparen. Wenn wir beispielsweise nur so viel Düngemittel ausbringen, wie der Boden benötigt, und dafür sorgen würden, dass die Gülle auf kluge Weise verwendet wird, würden wir die Lebensqualität sogar verbessern. Wenn wir unsere Ernährung nur ein bisschen ändern würden, wäre sehr viel gewonnen für Klima und Biodiversität. Es ist derzeit gerade noch ein gutes Leben für alle möglich in den Grenzen des Planeten.

WZ | Eva Stanzl

Wie gut kann die EU mit ihren nur 450 Millionen Einwohner:innen die nötigen Veränderungen steuern?

Verena Winiwarter

Veränderungen lassen sich sehr wohl steuern, wenn die EU nicht jede Umweltregelung bis zur Zahnlosigkeit umreformiert. Denn es gibt zahlreiche Unternehmen, die sagen: Wir gewinnen durch grüne Innovation und daher machen wir sie. Aber die umfragewerteorientierte-wählerstimmenmaximierende Politik bleibt weit hinter den Erwartungen der Industrie, die ja bei entsprechenden Rahmenbedingungen umrüstet, wenn sie das Klimaziel nicht konsequent weiterverfolgt.

WZ | Eva Stanzl

Was müssen wir noch tun, um unsere Klimaziele zu erreichen?

Verena Winiwarter

Wir dürfen in Europa unter gar keinen Umständen den Green Deal aushöhlen, sondern sollten ihn schärfen. Wir müssen alle Ausstiege weiter betreiben. Die Atomenergie, die hohe Folgekosten für wenig Energiegewinn hat, sollten wir lassen. Sämtliche Investitionsmittel sollten wir in den Ausbau der erneuerbaren Energieträger stecken, das ist der Weg.

WZ | Eva Stanzl

Und was noch?

Verena Winiwarter

Sauberere Luft, leisere, kühlere Städte, weniger Zivilisationskrankheiten durch gesunde Ernährung und mehr Bewegung. Es gibt jede Menge „green jobs“, das ist keine Steinzeit, sondern eine solartechnische Zukunft. Vor allem aber: Klimaschutz- statt Militärausgaben, das heißt Leben statt Tod, das heißt weniger Angst, Flucht, Vertreibung. Wenn das so kommuniziert würde, fänden sich politische Mehrheiten.