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Kolumne: Wien muss Kopenhagen werden

5 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© WZ

Kilometerlange Fahrradautobahnen würden helfen, den aggressiven Streit zwischen Autofahrer:innen und Fahrradfahrer:innen beizulegen.


Radfahrer:innen gegen Autofahrer:innen in Wien ist manchmal, frei nach Qualtinger, wie Simmering gegen Kapfenberg: „Das nenn ich Brutalität.“ Ich fahre in Wien seit gut 30 Jahren Fahrrad und seit – Himmel, bin ich alt! – bald 20 Jahren Auto, seit der Pandemie besitze ich ein eigenes. Wobei, Korrektur: Innerhalb von Wien von A nach B nutze ich bis auf wenige Ausnahmen nur selten das Auto, das ist mehr für außerstädtische Fahrten da. In Wien haben wir nämlich wirklich genug Möglichkeiten, uns ohne Auto fortzubewegen. Im Sommer und seit Beginn der Pandemie ist das Fortbewegungsmittel meiner Wahl auch an kälteren Tagen das Fahrrad. Auf keine andere Art kommt man schneller und gesünder von A nach B, und das mit der Parkplatzsuche und den dazugehörigen Kosten erledigt sich auch.

In den letzten 30 Jahren hat sich in Wien enorm was verändert, ich bin immer wieder beeindruckt, wie gut man inzwischen auf Radwegen oder ruhigeren Nebenstraßen vorwärtskommt. Inzwischen verfügt Wien über mehr als 1.700 Kilometer Radwegenetz – wenn man erlaubtes Fahren gegen die Einbahn, Mehrzweckstreifen oder verkehrsberuhigte Bereiche mit einberechnet (laut Fahrradlobby Wien sind nur knapp zehn Prozent „Radwege“ per definitionem). In den späten 90ern, der Zeit, in der man mich ausschließlich am Rad vorfand, war das allerdings noch eklatant weniger.

Es wird eng auf den oft recht schmalen Fahrradstreifen.

Aber: Es ist auch die Zahl der Radfahrer:innen seither massiv gestiegen. Im Jahr 2022 wurden laut Mobilitätsagentur an 18 automatischen Zählstellen über elf Millionen Radfahrer:innen gezählt. Inzwischen verfügen laut VCÖ über 60 Prozent der Wiener Haushalte über ein funktionales Fahrrad (während es „nur“ 53 Prozent Haushalte mit Pkw gibt). Dazu kommen E-Scooter und dank der diversen Essenslieferdienste inzwischen diese als Fahrrad verkleideten Mini-E-Mopeds, die ebenfalls auf Radwegen fahren. Es wird also eng auf den oft recht schmalen Fahrradstreifen.

Ich versuche, als Radfahrerin so zu fahren, dass ich nicht zum schlechten Ruf der Radfahrer:innen beitrage, und als Autofahrerin große Rücksicht auf Radfahrer:innen zu nehmen (ja, das heißt halt beispielsweise wirklich eineinhalb Meter Abstand beim Überholen einhalten!). Aber: Viele verhalten sich da anders.

Bei Rot schnell noch drüberhuschen, mittig fahren, am Radweg Fußgänger:innen fast (oder ganz) niedermähen, rücksichtslos fahren – auch am Rad begegnen mir immer wieder Radfahrer:innen, bei denen ich diese Idee von wegen „Nummerntafel für Fahrräder“ plötzlich für nicht mehr ganz so absurd halte. Ich bin grundsätzlich solidarisch mit Radfahrer:innen, aber verstehe die Wut der Autofahrer:innen schon manchmal.

Es war schockierend, diese blinde Wut, die der Radfahrer mit Aggressivität kommentierte

Letztes Jahr habe ich mal mitten im noblen Hietzing bei der Beobachtung eines Streits zwischen einem Rad- und einem Autofahrer viele neue Worte gelernt, die nicht zwingend Schönbrunnerdeutsch waren. Der Autofahrer meinte, der Radfahrer hätte ihn an einer Kreuzung geschnitten und „irgendwann werd' ich einen von euch Pleampln niederfahren, weil schuld bin ich so oder so, egal ob absichtlich oder nicht, da kann ich auch gleich Gas geben“ war zu hören. Es war schockierend, diese blinde Wut, die der Radfahrer mit gleicher Aggressivität kommentierte, um dann unerlaubterweise gegen die Einbahn davonzupreschen. Von beiden Seiten nicht allzu leiwand.

Erst vor ein paar Tagen diskutierte ich mit einem ehemaligen Kollegen und passionierten Radfahrer über Radfahrende auf den Autospuren am Gürtel. Abgesehen davon, dass es dort, wo es Radwege gibt, ein Nutzungsgebot gibt, man also nicht den für Autos reservierten Straßenbereich befahren darf, halte ich Gürtelradfahrer:innen für verdammt lebensmüde. Ich meinte: “Oida, bei markiertem Radweg MUSS man den nutzen, und außerdem bringt man sich ja extrem in Gefahr als Radfahrer auf der drei- bis vierspurigen Straße.” Er meinte, ja, aber wenn’s schnell gehen muss, dann ist auch mal ein kurzes Stück Straße drin, er sei nicht dafür verantwortlich, es den Autofahrern recht zu machen, und er kann die Gefahr schon abschätzen (was ich persönlich bezweifle, als Radfahrer:in fehlt dir einfach der Schutzkäfig aus Blech um dich herum). Kurzfassung der Debatte: Es wurde ein Agree to disagree. Wir fanden keinen Weg, wollten aber auch nicht streiten. Genau solche Streits halte ich nämlich für absolut sinnlos – genauso wie diese teilweise extreme Aggression von Autofahrer:innen gegen Radfahrer:innen.

Vor einigen Jahren in Kopenhagen war ich schwer beeindruckt: Hat man dort eine zweispurige Einbahn, gehört eine Spur den Autos und eine exklusiv den Radfahrenden. Es erschien wie eine völlige Selbstverständlichkeit, dass die Menschen am Fahrrad das Verkehrsgeschehen dominieren und nicht die im Auto. Von dieser Verteilung öffentlichen Raumes kann man in Wien nur träumen.

Langfristig ist nämlich klar: Sowohl aufgrund der Klimakrise als auch wegen des bereits konkreten Mobilitätsmixes in der Bundeshauptstadt wird es einen weiteren Ausbau der Fahrradinfrastruktur brauchen. Wien muss Kopenhagen werden. Breitere Wege, mehr Platz, und ich träume von reinen Fahrradstraßen, die auf mehreren Kilometern Länge aus der Innenstadt in die Außenbezirke führen und auf der Autos gar nicht fahren dürfen. Wäre das nicht die Lösung? Die Goldschlagstraße ist momentan zum Beispiel so ein Mittelding: Bissl Räder, bissl Autos, Räder haben Vorrang, Autofahrer:innen ist das herzlich wurscht. Warum nicht ganz sperren für Autos? Ausweichmöglichkeiten gibt es genügend, zum Beispiel die parallel verlaufende Felberstraße.

All das heißt aber auch: Autofahrer:innen wird etwas weggenommen. Autos werden weniger Platz haben, langsamer fahren müssen, weniger Parkmöglichkeiten haben. Und ja, klar wird das weitere Aggressionen auf beiden Seiten auslösen – den Radfahrer:innen wird’s (verständlicherweise) zu langsam gehen, die Autofahrer:innen werden Raum hergeben müssen. Aber es wird nötig sein, um der steigenden Menge der Rad-und-ähnliches-Fahrer:innen Rechnung zu tragen.

Nur frag ich mich, ob das funktionieren wird, ohne dass mal wirklich ein Autofahrer Gas gibt, weil „eh wurscht, er ist sowieso schuld“. Die Szene hat sich wirklich in meinem Gedächtnis eingebrannt und macht mir Angst. Wie könnte man das in den Griff bekommen? Konstruktive Vorschläge willkommen, aber der Streitereien bin ich wirklich müde. Am Steuer UND am Lenkrad. Man könnt halt einfach beiderseitig Respekt zeigen. Wär gar nicht sooo schwer.


Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • In Wien haben inzwischen mehr Haushalte ein Fahrrad als ein Auto – in der Pandemie hat der Radverkehr nochmal stark zugenommen.

  • 2022 wurden elf Millionen Radfahrer:innen auf Wiens Straßen gezählt.

  • Das Radwegenetz, bestehend aus Radwegen, geteilten Geh- und Radwegen, Mehrzweck- und Fahrradstreifen, Fahrradstraßen, Radfahren gegen die Einbahn und weiteren Einrichtungen, zählt in Wien inzwischen 1.721 Kilometer.

  • Im Jahr 2023 gibt es eine weitere Offensive der Stadt Wien in Sachen Fahrradinfrastruktur, 20 Kilometer sollen dazukommen.

  • Der Anteil der Radfahrer:innen am Modal Split (also der Verteilung des Transportaufkommens und der Transportleistung auf die einzelnen Verkehrsträger) beträgt inzwischen neun Prozent.

Quellen

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