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Der Fall Fernandes, ein Femizid in Innsbruck, eine Gewaltattacke in Wien. Immer neue Schlagzeilen, alte Wahrheiten: Gewalt gegen Frauen hat System. Ein Kommentar zu den letzten Tagen.
Dieser Artikel behandelt Gewalt gegen Frauen. Der Inhalt kann belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte lies nur weiter, wenn du dich emotional sicher fühlst. Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.
Auf meinem Schreibtisch liegt der aktuelle Spiegel. Collien Fernandes schaut mir vom Cover entgegen. Grüner Hintergrund, schwarzer Eyeliner, ernster Blick. Im Zuge einer ausführlichen Spiegel-Recherche hat sie dem deutschen Magazin erzählt, wie jahrelang gefälschte pornografische Inhalte von ihr über Fake-Profile verbreitet wurden. Immer wieder wollte sie herausfinden, wer dahintersteckt, suchte via Dokumentationen nach dem Täter, wurde zum Gesicht für den Kampf gegen virtuelle sexualisierte Gewalt. Nun hat sie ihren Ex-Mann Christian Ulmen angezeigt.
- Kennst du schon?: Keine Schläge – keine Gewalt?
Am 19. März geht die digitale Version des Artikels online. Die Debatte ist groß. Zwei Tage später schlägt ein Mann in einem Café in der Wiener Brigittenau mit einem Baseballschläger auf seine Verlobte ein. Erst ein paar Tage zuvor hat ein Mann in Innsbruck seine Ehefrau mit einem Küchenmesser erstochen und sich anschließend selbst getötet. Österreich diskutiert zu diesem Zeitpunkt gerade über Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den Ex-ORF-Generalsekretär Roland Weißmann und über die Anzeige einer Frau wegen Körperverletzung gegen den Musiker Christopher Seiler vom Duo Seiler und Speer.
Mein Computer bimmelt. Seit Tagen erreichen mich Nachrichten von Menschen, vorrangig Frauen, die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt haben. Unangemessene Kommentare, sexistische Witze, Übergriffe, Drohungen. „Mein Vorgesetzter macht seine Bereitschaft, mir zu helfen, davon abhängig, ob ich brav auf seine Flirts einsteige und fasst mir bei einer Feier ungeniert an den Hintern“, lese ich.
Ich öffne den Standard und überfliege ein Update zum Österreichischen Tischtennisverband, ein Trainer soll sich dort anzüglich gegenüber Mädchen und jungen Frauen verhalten haben. Ich öffne die neue Dokumentation der Redaktion andererseits und höre von Frauen mit Behinderungen, die gegen ihren Willen sterilisiert wurden. Ich öffne die deutsche Zeit und erfahre, dass Ende März ein Urteil gegen jenen Mann erwartet wird, der seine Freundin über Jahre betäubt und vergewaltigt haben soll. „Das erinnert an den Fall der Französin Gisèle Pelicot“, steht da.
Mein Computer bimmelt erneut.
In einem Interview aus dem Jahr 1997 sagt die Schriftstellerin Elfriede Jelinek: „Eine Frau ist kein Einzelschicksal wie ein Mann. Eine Frau hat kein Ich. Eine Frau steht für alle Frauen.“
In den letzten Tagen habe ich viel gefühlt. Frust, Wut, Trauer, Müdigkeit.
An dieses Zitat denke ich momentan oft. Wir saugen das Patriarchat mit der ersten Babyflasche in uns auf, von klein auf fressen sich gesellschaftliche Rollenbilder in jede Falte unseres Gehirns. Die Philosophin Simone de Beauvoir fasst es folgendermaßen zusammen: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Oder die Philosophin Judith Butler: „Eine Frau sein heißt, eine Frau geworden sein, heißt den Körper zu zwingen, sich einer historischen Idee von Frau anzupassen, heißt den Körper zu einem kulturellen Zeichen machen.“ Was bedeutet das für mich?
Mein Computer bimmelt.
Ich recherchiere schon lange zu Gewalt gegen Frauen, bin in Gerichtsverhandlungen gesessen, habe Strafakten gelesen, mit Betroffenen gesprochen, Gewaltschutzexpertinnen interviewt. In den Faktensammlungen am Ende meiner Artikel wiederholen sich die immergleichen Sätze: „Gewalt gegen Frauen umfasst körperliche, psychische, wirtschaftliche und sexualisierte Gewalt. Sie betrifft Frauen in allen Alters- und Bildungsschichten. In Österreich ist jede dritte Frau von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Erhebungen zeigen, dass sexualisierte Gewalt in den meisten Fällen nicht von unbekannten Tätern ausgeht. Die Dunkelziffer ist hoch, nur wenige der Betroffene erstatten tatsächlich Anzeige.“
In den letzten Tagen habe ich viel gefühlt. Frust, Wut, Trauer, Angst, Resignation, Müdigkeit. Allen Frauen, mit denen ich spreche, geht es ähnlich. Als würde uns ein kollektiver Schmerz miteinander verbinden, als hätten wir eine gemeinsame klaffende Wunde.
Und trotzdem, dieser Schmerz ist ungleich verteilt. Frauen, die mehrfach marginalisiert sind, durch Armut, Rassismus, Ableismus, Trans- oder Queerfeindlichkeit, erleben ihn um ein Vielfaches. Wir wissen, dass bestimmte Frauengruppen überproportional häufig von sexualisierter und häuslicher Gewalt betroffen sind. Und wir wissen, dass sie geringere Chancen haben, Schutz, Gehör und Gerechtigkeit zu erfahren.
Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.Simone de Beauvoir
Mein Computer bimmelt. „Ein Manager hat mich gefragt, ob ich weiß, dass ich die Sorte Mädchen bin, für die ältere Männer ins Gefängnis gehen würden. Ich war knapp 18 Jahre alt“, lese ich.
Wie soll ich also weitermachen? Wie sollen wir alle weitermachen? Mir fällt ein Zitat der Frauenrechtlerin Clara Zetkin ein: „Lassen wir uns nicht schrecken durch die Ungunst äußerer Umstände, haben wir für alle Schwierigkeiten nur eine Antwort: ‚Erst recht!‘“
Mein Computer bimmelt. Ich denke mir: Erst recht!
Hilfe und Beratungsstellen
Wenn du selbst von Gewalt betroffen bist oder jemanden unterstützen möchtest, findest du hier Hilfe:
- Autonome Österreichische Frauenhäuser: online hier
- Der Helpchat, Online-Beratungsstelle für Frauen und Mädchen: online hier
- Frauenhelpline gegen Gewalt: Tel.: 0800 222 555, online hier
- Gewaltschutzzentren Österreichs: Tel.: 0800 700 217, online hier
- Männerberatung: Tel.: 0800 400 777, online hier
- StoP, Stadtteile ohne Partnergewalt: online hier
- Rat auf Draht: Tel.: 147, online hier
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Zum Fall Ulmen: Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen langjährige sexualisierte Gewalt vor. Er soll unter anderem Fake-Profile in ihrem Namen erstellt und mit ihnen gefälschte Pornografie verbreitet haben. Der Spiegel veröffentlichte dazu eine ausführliche Recherche. Auf einen Fragenkatalog des Magazins antwortete Ulmen nicht. Nach der Veröffentlichung engagierte er Medienanwalt Christian Schertz, um seine presserechtlichen Interessen zu vertreten und rechtliche Schritte gegen den Spiegel einzuleiten. Es gilt die Unschuldsvermutung.
- Zum Fall Weißmann: Vor rund zwei Wochen ist Roland Weißmann mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als ORF-Generaldirektor zurückgetreten. Eine Mitarbeiterin hat sich mit dem Vorwurf der sexuellen Belästigung an das Aufsichtsorgan des österreichischen Rundfunks, den Stiftungsrat, gewandt. Der Ex-ORF-Chef soll sie zu mehr als einer freundschaftlichen Beziehung gedrängt haben. Weißmann bestreitet ein Fehlverhalten. Nach Angaben seines Anwalts hat Weißmann gegen mehrere Personen Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Wien erstattet, um „die gesamten Vorgänge, die zu seinem Rücktritt“ geführt haben, rechtlich zu prüfen. Es gilt die Unschuldsvermutung.
- Zum Fall Seiler: Gegen den Musiker Christopher Seiler wird nach der Anzeige einer Frau wegen Körperverletzung ermittelt. In einem Statement auf Instagram gibt er an, der Frau Kokain auf die Lippen geschmiert zu haben. Er betont, dass er die Konsequenzen tragen werde, bestreitet allerdings einen sexuellen Übergriff oder körperliche Gewalt. Es gilt die Unschuldsvermutung.
- Gewalt gegen Frauen umfasst körperliche, psychische, wirtschaftliche, virtuelle und sexualisierte Gewalt. Sie betrifft Frauen in jedem Lebensbereich und in allen Alters- und Bildungsschichten.
- Jede vierte Frau in Österreich (zwischen 18 und 74 Jahren), die erwerbstätig ist oder es zuvor schon einmal war, hat sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt. (siehe Statistik Austria)
- In Österreich ist jede dritte Frau (ab dem Alter von 15 Jahren) von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. 282.480 Frauen (8,7 Prozent) wurden bereits Opfer einer Vergewaltigung. (siehe Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen in Österreich, Prävalenzstudie beauftragt durch Eurostat und das Bundeskanzleramt, 2022)
- Der Begriff Femizid bezeichnet die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Der Begriff wurde in den 1970er-Jahren von der feministischen Soziologin Diana E. H. Russell geprägt. Sie machte darauf aufmerksam, dass Gewalt gegen Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung und im Rechtssystem häufig verharmlost oder aus ihrem politischen Kontext gelöst wird.
- Im Jahr 2025 zählten die Autonomen Frauenhäuser 15 Femizide. Sieben der Opfer waren über 65 Jahre alt. (siehe Autonome Frauenhäuser Österreichs: Mutmaßliche Femizide, 2025)
- Im Jahr 2024 wurden laut der Todesursachenstatistik 50 aufgrund von Mord/tätlichem Angriff Verstorbene dokumentiert (28 Frauen, 22 Männer). 43 Prozent der weiblichen Verstorbenen waren über 65 Jahre alt, bei männlichen Verstorbenen nur 14 Prozent. (siehe Statistik Austria: Gestorbene 2024 nach Todesursachen, Alter und Geschlecht)
- Schon seit vielen Jahren zeigen Studien, dass die Dunkelziffer bei sexualisierter Gewalt sehr hoch ist. Nur wenige der Betroffenen, die etwa eine Vergewaltigung oder andere Formen sexualisierter Gewalt erlebt haben, erstatten tatsächlich Anzeige.
- Aus vielen Erhebungen geht hervor, dass sexualisierte Gewalt in den meisten Fällen nicht von unbekannten Tätern ausgeht. Zum Großteil kennen die Betroffenen die Täter wenigstens flüchtig.
- Viele Daten zu sexualisierter Gewalt werden nur in binären Geschlechterkategorien erhoben. Eine europäische Umfrage zu queerfeindlichen Hassverbrechen zeigt jedoch, dass 29 Prozent der Transfrauen, 23 Prozent der Transmänner und 34 Prozent der intersexuellen Befragten in den letzten fünf Jahren physischer oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. (siehe Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, 2024)
Das Thema in der WZ
- „Der Täter wurde geschützt, nicht ich“
- „Wenn ich einen guten Arsch sehe, muss ich draufhauen“
- Der weibliche Körper ist ein Schlachtfeld
- Die gläserne Klippe
Das Thema in anderen Medien
- Der Falter: Er ist ihr Chef. Er will sie haben. Und lässt nicht davon ab.
- Der Spiegel: „Du hast mich virtuell vergewaltigt“
- Der Spiegel: Avignon: Der Prozess Pelicot
- Die Presse: Fürchte deinen Nächsten: Christian Ulmen ist kein Einzelfall
- Moment Magazin: Liebe in Zeiten des Patriarchats
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