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Kongo als Abladeplatz für Afghan:innen

8 Min
Donald Trump will die afghanischen Ortskräfte, die seit fast fünf Jahren in Katar festsitzen, in die Demokratische Republik Kongo abschieben.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock, Getty Images

Donald Trump will evakuierte Afghan:innen in den Kongo umsiedeln. Ein weiterer Skandal, der wahrscheinlich nur einer von vielen Tiefpunkten sein wird.


    • Donald Trump plant, afghanische Ortskräfte aus dem Camp As-Sayliyah in Katar in die Demokratische Republik Kongo abzuschieben.
    • Der Kongo dient als “Abladeplatz” für Afghan:innen, obwohl das Land selbst von Instabilität und Vertreibungskrisen betroffen ist.
    • Menschenrechtsorganisationen und Teile der US-Opposition kritisieren die Pläne, doch die Zeit für die Betroffenen läuft ab.
    • Über 1.000 Afghan:innen sitzen seit August 2021 im Camp As-Sayliyah, Katar, fest.
    • Die Trump-Regierung plant, diese Afghan:innen 2026 in die DR Kongo abzuschieben.
    • In der DR Kongo sind laut UN über 8 Millionen Menschen auf der Flucht.
    • Das Camp in Doha soll demnächst geschlossen werden.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Es gibt Orte, die außerhalb der Zeit existieren. Camp As-Sayliyah in Katar ist so ein Ort. Ein Labyrinth aus klimatisierten Containern und staubigen Hangars, mitten in der Wüste, weit weg von den glitzernden Skylines der Hauptstadt Doha. Für mehr als 1.000 Afghan:innen ist dieses Camp seit August 2021 kein Transitort mehr, sondern so etwas wie ein Wartesaal der Hölle. Sie sind die „Übriggebliebenen“ der chaotischen Evakuierung aus Kabul. Es sind Menschen, die den USA glaubten, als von „Partnerschaft“ und „Sicherheit“ die Rede war. Doch im Jahr 2026 ist das Wort eines US-Präsidenten nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem ein Visumantrag gedruckt wird.

Die Nachricht, die in diesen Wochen durch die Gänge von As-Sayliyah hallt, klingt wie ein schlechter Scherz. Doch sie ist bittere, geopolitische Realität: Donald Trump will die afghanischen Ortskräfte, die seit fast fünf Jahren in Katar festsitzen, in die Demokratische Republik Kongo abschieben. Als die militant-islamistischen Taliban im August 2021 in Afghanistan die Macht übernahmen, waren diese Menschen gezwungen zu fliehen, weil viele von ihnen jahrelang mit den Streitkräften der NATO und dem US-Militär zusammenarbeiteten. Die damalige US-Regierung unter Joe Biden evakuierte sie und brachte sie, so hieß es zumindest damals, vorerst nach Katar, um von dort aus den Rest der Einreisebürokratie zu erledigen.

Doch daraus wurde bis heute nichts.

Was wie das Drehbuch eines absurden Polit-Thrillers wirkt, ist das Ergebnis eines zynischen Deals. Während die Trump-Administration im Inland mit Massendeportationen („Operation Parris“) und dem Entzug des Schutzstatus für Afghan:innen Ernst macht, wird im Ausland nach „Endlagern“ für jene gesucht, die man zwar aus Afghanistan evakuiert hat, aber nicht im Land haben will. Der Kongo, geplagt von Jahrzehnten des Krieges und einer massiven internen Vertreibungskrise, dient Washington nun als Abladeplatz für jene Afghan:innen, die das Pech hatten, den falschen Rettern zu vertrauen. Berichten zufolge handelt es sich um einen Großteil der Menschen in As-Saylilah um Familienmitglieder der einstigen afghanischen Verbündeten: Frauen und Kinder.

„Was sollen denn die Menschen im Kongo machen?“

Einer, der diesen Verrat am eigenen Leib spürt, obwohl er es bis nach Kanada geschafft hat, ist Sayed B. In Kabul war B. ein bekannter Journalist, der mit vielen internationalen Medien zusammenarbeitete. Er begleitete Kolleg:innen aus den USA oder Australien in gefährliche Kampfgebiete, interviewte Generäle und Politiker:innen und klärte die Welt über den Krieg in Afghanistan auf, während er sich vor allem bei den militant-islamistischen Taliban unbeliebt machte. Besonders schlimm: Ein großer Teil von B.'s Familie sitzt bis heute in jenen Containern in Katar setzt. Einst arbeiteten sie für jene Institutionen, die von den USA in Afghanistan aufgebaut wurden: Armee, Polizei und Geheimdienst.

Dann kam Donald Trump zum erste Mal an die Macht und wollte unbedingt den längsten Krieg der US-Geschichte beenden, indem er einen Deal mit den Taliban unterzeichnete. Auch das geschah ausgerechnet in Katar.

Heute steuert Sayed B. einen Mittelklassewagen durch die Straßen einer kanadischen Großstadt. Er ist, wie viele andere evakuierte Afghanen, Uber-Fahrer. Er, der einst für große Recherchen zuständig war und den journalistischen Nachwuchs in seiner Heimat inspirierte, sitzt nun vor dem Lenkrad, während sein Smartphone am Armaturenbrett die nächste Fahrt ankündigt. „In Afghanistan war ich eine Stimme für die Stimmlosen“, sagt er mit müde klingender Stimme. „Hier bin ich nur eine Nummer im System.”

B. ist von Depressionen geplagt, gezeichnet vom Trauma des Exils und der gefühlten Nutzlosigkeit, zu der er verdammt wurde.

„Trump ist unberechenbar und kümmert sich nicht um das Schicksal ehemaliger afghanischer Verbündeter“, sagt Sayed B. bitter. Er weiß, dass seine Verwandten im Kongo keine Zukunft hätten. „Was sollen denn die Menschen im Kongo machen? Dort ist die politische Lage extrem instabil. Und in Afghanistan herrschen die Taliban, die vielen von uns nicht verzeihen wollen”, fügt er hinzu.

Rassismus-Outsourcing

Der Deal mit dem Kongo ist kein Einzelfall. Er reiht sich ein in eine Serie von Abkommen, die Washington mit Staaten wie Ruanda, Uganda oder Ghana schließt. Kritiker:innen sehen es als Outsourcing-Variante des Rassismus. Man zahlt Millionen, damit andere Länder das „Problem“ übernehmen. Für die Trump-Administration ist das eine „positive Lösung“, wie es aus dem State Department heißt. Man sorge für die Sicherheit der Amerikaner:innen, während man die Afghan:innen an einen „sicheren Drittort“ bringe.

Doch wie sicher ist ein Land, in dem laut UN-Angaben mehr als acht Millionen Menschen auf der Flucht sind? Wie sicher ist ein Land für Afghane:innen, die weder die Sprache sprechen noch die kulturellen Codes verstehen und die dort ohne jegliches soziales Netz landen würden?

In As-Sayliyah herrscht seit Monaten Panik. Berichte über Suizidversuche häufen sich. Frauen erleiden Fehlgeburten aufgrund des extremen psychischen Stresses. Die Kinder, von denen viele im Camp geboren wurden oder dort aufwuchsen, kennen nichts als Stacheldraht und die ständige Angst vor der Deportation. Seit dem Ausbruch des Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran fliegen zudem regelmäßig Raketen über das Camp. Die Menschen dort sind buchstäblich zwischen allen Fronten gefangen.

Ein wenig Hoffnung gebe es trotzdem. „In den USA gibt es trotzdem zum Glück immer mehr Kritik an Trumps Plänen“, erklärt Sayed B. Menschenrechtsorganisationen, Veteranenverbände und Teile der demokratischen Opposition versuchen, die Abschiebungen juristisch zu stoppen. Doch die Zeit arbeitet gegen sie. Das Camp in Doha soll bald geschlossen werden.


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

Evakuierte Afghan:innen seit dem Taliban-Machtwechsel 2021:

  • Im August 2021 wurden im Rahmen des multinationalen Kabul-Luftbrücken-Einsatzes insgesamt über 122.000 Menschen ausgeflogen – darunter westliche Staatsbürger sowie afghanische Verbündete und Ortskräfte. Allein die USA evakuierten über 99.000 afghanische Staatsbürger sowie rund 5.500 US-Bürger. Insgesamt konnten etwa 125.000 Menschen mit internationalen Reisepässen durch die US-koordinierte Luftbrücke evakuiert werden. Deutschland flog im Rahmen seiner militärischen Evakuierungsmission über 5.300 Menschen aus; nach deren Ende konnten weitere hunderte Personen mit Unterstützung deutscher Behörden über den Luft- und Landweg ausreisen. Darüber hinaus richteten westliche Staaten längerfristige Aufnahmeprogramme ein: In Deutschland erhielten zwischen August 2021 und März 2025 insgesamt rund 24.777 Personen im Rahmen des Ortskräfteverfahrens eine Aufnahmezusage, von denen 20.806 eingereist sind; über die sogenannte Menschenrechtsliste kamen weitere 14.075 Personen nach Deutschland (Stand: März 2025). Insgesamt sind bis Anfang März 2025 rund 34.881 Ortskräfte und besonders schutzbedürftige Personen nach Deutschland eingereist – von insgesamt 42.857, denen eine Aufnahme zugesagt worden war, bevor die Programme im April 2025 eingestellt wurden. Neben den direkten Evakuierungen flohen seit 2021 laut UNHCR weitere 1,6 Millionen Afghanen in die Nachbarstaaten – rund eine Million in den Iran, 600.000 nach Pakistan.

Afghanen in Katar und anderen Drittstaaten:

  • Im Camp As-Sayliyah in Doha sitzen derzeit über 1.100 afghanische Evakuierte fest, ohne klare Perspektive auf Weitervermittlung oder rechtliche Sicherheit. Darunter befinden sich Angehörige des afghanischen Sondereinsatzkommandos, Familienangehörige von US-Militärangehörigen und rund 400 Kinder. Katar hat Washington inzwischen aufgefordert, den Status aller Lagerinsassen bis September 2026 zu klären, und verlangt, dass keine neuen Afghan:innen mehr ins Land geschickt werden. Die Trump-Administration diskutiert, diese Menschen in ein Drittland wie die Demokratische Republik Kongo umzusiedeln. Darüber hinaus stecken bei Antritt der Trump-Regierung Anfang 2025 rund 90.000 Afghanen in Drittstaaten fest, viele davon nach langem und strengem Vettingprozess bereits zugelassen, aber ohne Einreisemöglichkeit in die USA. Weitere Hunderte befinden sich in längerem Schwebezustand in Albanien, dem Kosovo und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Trumps Politik gegenüber afghanischen Evakuierten:

  • Am ersten Amtstag suspendierte Trump am 20. Januar 2025 per Exekutivorder das US Refugee Admissions Program (USRAP), womit alle Flüchtlingsaufnahmen eingefroren wurden. Kurz darauf wurde auch das Special Immigrant Visa-Programm (SIV) für afghanische Ortskräfte zunächst ausgesetzt, und Afghanistan wurde in den Einreisestopp aufgenommen. Nach einem Schusswaffenangriff eines afghanischen Staatsbürgers auf zwei Nationalgardisten nahe dem Weißen Haus im November 2025 verschärfte die Regierung weiter: Alle Einwanderungsanträge afghanischer Staatsangehöriger wurden komplett eingefroren. Das Department of Homeland Security entzog zudem fast 8.000 Afghanen den Temporary Protected Status (TPS), der ihnen bislang legalen Aufenthalt und Arbeitserlaubnis sicherte – sie sind nun von Abschiebung bedroht. Insgesamt waren nach August 2021 rund 180.000 Afghanen in die USA aufgenommen worden; für 2026 hat Trump das Flüchtlingskontingent auf 17.500 Personen festgelegt – ausschließlich für weiße Südafrikaner (Buren). Veteranen- und Hilfsorganisationen warnen, die USA schadeten damit massiv ihrer eigenen nationalen Sicherheit und ihrer Glaubwürdigkeit gegenüber künftigen Verbündeten.

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