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Zwischen Entpolitisierung und Body Shaming: zur Debatte um Ariana Grande.
Am 31. Juli 2026 erschien Ariana Grandes neues Album. Zeitgleich befand sich der Weltstar auf Arenatour. Aber anstatt über ihre künstlerische Arbeit zu sprechen, derer es offensichtlich ausreichend gibt, wird hauptsächlich über eine Sache diskutiert: über ihren (sehr dünnen) Körper.
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Zudem wird auch noch darüber diskutiert, ob überhaupt diskutiert werden darf. Die Body-Positivity-Fraktion steht mit ihren etwas in die Jahre gekommenen „Man-darf-andere-Körper-nicht-kommentieren“-Stehsätzen der „Sie-ist-ein-schlechtes-Vorbild-für-ihr-großteils-weibliches-Publikum“-Fraktion gegenüber. Dazwischen gibt es kaum Raum für eine nuancierte Diskussion, die ohne gegenseitige „Essstörungen-werden-verharmlost!“- und „Body-Shaming!“-Vorwürfe auskommt. Das ist schade, denn beide Fraktionen haben ein bisschen Recht und ein bisschen viel Unrecht.
Frauen bei der Arbeit
Zum einen stellt sich die übergeordnete Frage, warum Frauen in der Öffentlichkeit überhaupt die Bürde aufgezwungen wird, „gute Vorbilder“ sein zu müssen, und ob sich in diesem Anspruch nicht bereits inhärent Misogynie verbirgt. Keine Frau schließlich, die auf Bühnen Lieder singt, in Filmen schauspielt, im Fernsehen Sendungen moderiert oder Bücher schreibt, hat sich darum beworben, ein leuchtendes Beispiel moralischer Überlegenheit, äußerlicher Makellosigkeit, konsequenter Klugheit in der Lebensführung und vor allem vollkommener Gesundheit für kommende Generationen an Mädchen zu sein.
Vielleicht wollen diese Frauen auch einfach nur: Lieder singen, schauspielern, moderieren, schreiben, und das genauso wie Männer, ohne dem ständigen Anspruch unterworfen zu sein, dabei auch noch anderen Standards zu entsprechen, die mit dieser ihrer Arbeit nichts zu tun haben. Arbeit, die ein Publikum voraussetzt, um erfolgreich gemacht werden zu können, setzt notgedrungen voraus, dass diese Arbeit in der Öffentlichkeit stattfinden muss. Ariana Grande stellt sich also nicht auf Bühnen, um ein gutes oder ein schlechtes oder ein wie auch immer geartetes Beispiel zu sein. Nüchtern betrachtet stellt sich Ariana Grande, wie jede andere Musikerin auch, auf Bühnen, weil es ihr Job ist, sich auf Bühnen zu stellen. Ariana Grande1, die tatsächlich selbst darum gebeten hat, ihren Körper nicht zu kommentieren, macht also ganz einfach ihre Arbeit, eine Arbeit, die nun mal Publikum und damit Öffentlichkeit voraussetzt.
Auch nüchtern betrachtet werden Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, ihre Arbeit nicht immer in vollständiger Gesundheit machen oder machen können. Manche von ihnen haben körperliche Erkrankungen, auch chronischer Natur. Andere sind psychisch krank, haben Depressionen, Ängste, Suchtprobleme oder Essstörungen. Nichts davon disqualifiziert Menschen inhärent und automatisch davon, ihre Arbeit in der Öffentlichkeit machen zu dürfen.
Frauen in der Öffentlichkeit
In anderen Worten: Auch eine sichtbar kranke Frau darf auf Bühnen stehen. Auch vor einem Millionenpublikum. Und sie soll es dürfen, ohne dabei ständig mit dem Anspruch konfrontiert zu sein, anderen ein gutes Vorbild sein zu müssen, oder mit der Frage, welchen Schönheitsstandards ihr gesunder oder kranker Körper entspricht oder nicht entspricht.
Indes wird Frauen in der Öffentlichkeit stets ein pädagogischer Auftrag aufgezwungen – auch gegen ihren Willen. Auch in der Öffentlichkeit müssen Frauen eine fürsorgende Rolle einnehmen, insofern als sie stets erzieherisch tätig sein müssen, als würde sich aus ihrer Sichtbarkeit eine mütterliche moralische Verantwortung für die ganze Welt ergeben. Sie müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Sie dürfen keine schlechten oder fragwürdigen Entscheidungen treffen, sie dürfen nicht scheitern, nicht psychisch instabil, ungesund oder sichtbar krank sein.
Sichtbar krank
Ob Ariana Grande unter einer psychischen Erkrankung wie einer Essstörung oder einer physischen Erkrankung leidet, lässt sich selbstverständlich nicht von außen feststellen. Was sich aber eindeutig erkennen lässt, ist, dass Ariana Grande hochgradig abgemagert ist. Die britische Schauspielerin Jameela Jamil, die selbst in der Vergangenheit an Essstörungen litt, kommentierte Grandes Musikvideo zur Single „Petal“ auf Instagram folgendermaßen: „Diese arme Frau stirbt möglicherweise vor unseren Augen.“ Und: wenn Grande an Anorexie leidet, stimmt das womöglich auch.
Anorexie nämlich, ist die tödlichste psychische Erkrankung und eine, deren Gefährlichkeit oftmals unterschätzt wird. Jede zehnte Betroffene stirbt an der Krankheit – entweder weil sie regelrecht verhungert oder weil sie an den Folgekomplikationen rapiden Gewichtsverlustes oder chronischer Unterernährung stirbt. Auch wenn die Krankheit nicht zum Tod führt, hat sie oftmals physische und bleibende Schäden zur Folge. Es ist also durchaus angebracht, alarmiert zu sein, wenn eine Frau vor unseren Augen immer dünner wird und Anzeigen starker Mangelernährung aufweist. Mit einem pauschalen „Man kommentiert Körper anderer nicht“ ist also auch niemandem geholfen. Denn auch wenn Ariana Grande als Einzelperson nicht die Verantwortung trägt, mit ihrem Körper ein Exempel an Gesundheit zu statuieren, ist es gleichzeitig die Verantwortung der Öffentlichkeit, der voranschreitenden Normalisierung krankhaft abgemagerter Körper entgegenzuwirken. Das beinhaltet allerdings auch, genau das erkennen und benennen zu können: dass extreme Dünnheit und Abmagerung gefährlich sein kann und lebensbedrohlich werden kann.
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Es ist weiterhin falsch, Frauen auf ihre Körper zu reduzieren. Gleichzeitig ist es falsch, so zu tun, als wären Essstörungen oder lebensgefährliche Abmagerung einfach eine weitere individuelle ästhetische Variante in der bunten Vielfalt an Körperformen. Ästhetische Körpernormen und Schönheitsideale sind nämlich eine andere Kategorie als „potentiell lebensbedrohlich krank“.
Hier tut sich also eine nicht auflösbare Ambivalenz auf: Ariana Grande hat, wie jede andere Frau auch, ein Recht darauf, in der Öffentlichkeit zu stehen, ohne dieser Öffentlichkeit darüber Rechenschaft ablegen zu müssen, wie ihr Körper dabei aussieht oder wie gesund oder krank er ist. Frauen müssen nicht gesund sein, um sichtbar sein zu dürfen. Sie müssen nicht gesund sein, um ihre Arbeit machen zu dürfen, auch dann nicht, wenn diese Arbeit in der Öffentlichkeit stattfindet. Gleichzeitig darf die Angst vor Body Shaming nicht dazu führen, dass Körperideale entpolitisiert werden, dass das Sprechen über tödliche Erkrankungen wie Anorexie tabuisiert wird oder dass – als Folge dieser Entpolitisierung – Anorexie als selbstbestimmte ästhetische Entscheidung missverstanden wird.
In der Zwischenzeit hat Ariana Grande angekündigt, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Ihre Tour ist beendet, weitere Konzerte und Pressetermine wurden gecancelt. Ebenso sagte sie ihre Teilnahme am Bühnenmusical „Sunday in the Park with George“ ab. Gegenüber dem Magazin People begründete ihr Management den Schritt mit „endless, ongoing public scrutiny“ – also endlose, anhaltende öffentliche Kritik. Man kann ihr nur alles Gute und gute Genesung wünschen.
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Quellen
- YouTube: Ariana Grande & Cynthia Erivo Open Up ft. Sally (Oui Oui Baguette ep. 6)
- People: Ariana Grande Is ,Taking a Step Back from Visibility’ After Tour as Public Scrutiny Intensifies: Rep (Exclusive)
Das Thema in anderen Medien
- Der Standard: Warum wir trotzdem wieder über Ariana Grandes Körper reden
- Frankfurter Allgemeine: „Die Körper der Prominenten schrumpfen vor unseren Augen“
- Die Zeit: Arianas Auszeit: Darf man die Körper von Stars kommentieren?
- anabelle: Dürfen wir über Ariana Grandes Körper sprechen?
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