Zum Hauptinhalt springen

Krieg in Nahost: Die wichtigsten Player

6 Min
Israels Armee will die Hamas ausschalten. Doch das Netzwerk der Interessen in Nahost geht weit darüber hinaus.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Israel gegen die Hamas – das ist nur die vorderste Front. Im Hintergrund mischen noch viele andere mit.


Mit Schrecken blickt die Welt derzeit nach Nahost, wo Israel nach einem beispiellosen Terrorangriff die radikalislamische Hamas ausschalten will. Im Gazastreifen, wo die Hamas regiert, befinden sich mehr als zwei Millionen Menschen, deren Situation seit Jahren katastrophal ist. Hunderttausende sind nun auf der Flucht vor den bevorstehenden Kampfhandlungen, wurden durch Luftangriffe obdachlos, suchten Zuflucht in Notzentren, sind ohne Strom-, Wasser- und Lebensmittelversorgung. Es ist dies ein trauriger Höhepunkt in einem Konflikt mit ungewissem Ausgang, der seit Jahrzehnten tobt und an dem zahlreiche regionale, aber auch globale Player beteiligt sind:

Israel – schwer verwundet und in der Zwickmühle

Israel befindet sich nach dem Überfall durch Hamas-Terroristen am 7. Oktober im absoluten Ausnahmezustand und ist schwer getroffen. Es sind bisher mehr als 1.300 Todesopfer zu beklagen. Ziel der nun dank einer Notstandsregierung mit der Opposition breiter aufgestellten politischen Führung Israels unter Premier Benjamin Netanjahu ist es, die Hamas komplett auszuschalten, um derartige Angriffe künftig zu verhindern. Doch ist die Militäraktion problematisch, weil im Gazastreifen mehr als zwei Millionen Zivilist:innen auf engstem Raum leben, die es nach humanitären Maßstäben zu schützen gilt. Dazu kommt, dass die Hamas israelische Geiseln genommen hat, die als Druckmittel benutzt werden.

Die Hamas – die Terroristen aus dem Gazastreifen

Weder Israel noch der Rest der Welt haben damit gerechnet, dass Hamas-Terroristen in großer Zahl nach Israel eindringen und dort ein derartiges Blutbad anrichten würden. Die radikale Palästinenserorganisation hat 2007 im Gazastreifen die Macht übernommen, danach wurde das Gebiet von Israel abgeriegelt. Israel ist der Todfeind. Mit dem Überfall vom 7. Oktober hat die Hamas die Verwundbarkeit des verhassten Nachbarn offengelegt. Die Organisation wird von der EU und den USA als terroristisch geführt, hat aber im Gazastreifen großen Rückhalt in der Bevölkerung, weil sie auch viele soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser und Schulen betreibt, die ihr auch als Verstecke dienen, von denen aus sie ihre Raketen auf Israel abfeuert. Die gemäßigtere Fatah, die im Westjordanland regiert und mit der Hamas im Streit liegt, gerät in der derzeit herrschenden, extrem aufgeladenen Situation politisch immer mehr ins Hintertreffen.

Eine Karte von Israel und den Palästinensergebieten.
© Illustration: WZ

Die USA – der vernünftige Freund

Die USA stehen an der Seite Israels. Doch es ist keine Freundschaft um jeden Preis. Als im Jom-Kippur-Krieg 1973 Israels Verteidigungsminister Moshe Dayan die nukleare Mobilmachung vorschlug, genügte die Erwartung einer ablehnenden Haltung Washingtons, damit Regierungschefin Golda Meir ihn zurückpfiff. Die USA spielen die Rolle eines Freundes, der zur Vernunft mahnt. Niemand in den USA denkt daran, Israel die Sicherheitsgarantien zu entziehen; das hat auch US-Außenminister Antony Blinken zuletzt bekräftigt. Der Einsatz von US-Bodentruppen kommt aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht in Frage. Und dass die auch innerisraelisch höchst umstrittene Justizreform beim US-Präsidenten Joe Biden nicht gut ankam, ist ein offenes Geheimnis.

Ägypten – der Nachbar befürchtet massive Probleme

Ägypten spielt momentan eine große Rolle, da es unmittelbar an den Gazastreifen grenzt. Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat bereits verlautbart, dass man keine palästinensischen Flüchtlinge aufnehmen wolle. Gleichzeitig ist Ägypten, das einen Friedensvertrag mit Israel hat, bereit, die bedrängten Palästinenser:innen mit Lebensmitteln und Medikamenten zu unterstützen.

Die UNO – die widerspenstige Bühne

Das Verhältnis zwischen den Vereinten Nationen und Israel ist sturmgeschwängert. Allein von 2006 bis 2023 verurteilte die UNO Israel 103 Mal wegen Menschenrechtsverletzungen, öfter als jeden anderen Staat. Syrien an zweiter Stelle bringt es gerade einmal auf 42 Verurteilungen. Der nunmehrige Angriff der Hamas auf Israel wurde von der UNO in einer Dringlichkeitssitzung am 9. Oktober zwar mehrheitlich verurteilt, nicht aber einstimmig. In Israel weiß man, dass die UNO mit ihrem Beschluss vom 29. November 1947 die Staatsgründung überhaupt erst ermöglichte. In jüngerer Zeit aber ortet Israel in der UNO eine wachsende arabische Dominanz, die Israel mit Hilfe Verbündeter immer wieder wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilen will, die nach innerisraelischer Überzeugung keinem einzigen anderen Staat in vergleichbarer Situation angelastet würden. Israels Distanz und Skepsis schwächen die Vermittlerrolle der UNO.

Yasser Arafat spricht vor der UN Versammlung.
11. November 2001: PLO-Präsident Jassir Arafat spricht als Vertreter der Palästinenser:innen vor der UNO-Vollversammlung in New York.
© TIMOTHY A. CLARY / AFP / picturedesk.com

Der Iran – der große Feind

Es mehren sich Vermutungen, dass der Iran hinter dem Angriff der Hamas auf Israel steckt – vielleicht war nur der genaue Zeitpunkt nicht ausgemacht. Unbestrittene Tatsache ist, dass der Iran die Hamas und die Hisbollah aufmunitioniert. Bis zur Revolution des Jahres 1979 war das Verhältnis zwischen Iran und Israel freundschaftlich, danach änderte sich das schlagartig. Der Iran erkennt Israel nicht mehr als Staat an, nennt seine Regierung ein „zionistisches Regime“ über „besetzte Gebiete“, das Land ein „Krebsgeschwür“ und den „kleinen Satan“ (im Gegensatz zum „großen Satan“ USA), der vernichtet werden müsse. Israel empfindet den Iran, nicht zuletzt aufgrund dessen militärischer Stärke, als große Bedrohung.

Die Hisbollah – immer auf der Lauer

Im Süden des Libanon, an der Grenze zu Israel, hat die radikal-islamische Hisbollah, die mit der Hamas verbündet ist, ihre Stellungen. Sie verfügt vor allem über ein großes Arsenal an Raketen, das jederzeit gegen Israel zum Einsatz kommen könnte. Damit wäre Israel in einen Mehrfrontenkrieg verwickelt. Erste „Warnschüsse“ hat die Hisbollah dieser Tage bereits abgegeben. Im Jahr 2006 lieferte sie sich einen einmonatigen Krieg mit Israel. Damals war Israel nicht in der Lage, die Terrororganisation zu besiegen. Im Süden Syriens operieren Verbände, die mit der Hisbollah eng verbunden sind.

Eine Karte von Israels Freunden und Feinden.
© Illustration: WZ

Die arabischen Länder – mögliche Vermittler?

Zuletzt kam es am Golf zu einer Annäherung mit Israel: Die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain haben – ebenso wie Marokko und der Sudan – das „Abraham-Abkommen“ mit Israel zur Normalisierung der Beziehungen geschlossen, mit Saudi-Arabien wird über ein solches verhandelt. Jordanien hat schon lange ein Friedensabkommen mit Israel. Katar gehört zwar zu den Unterstützern der Hamas, will aber in der brisanten Geiselfrage vermitteln. Ein Erfolg ist kurzfristig mehr als unwahrscheinlich.

Die Europäische Union – ein Mauerblümchen

In Brüssel versucht man seit Jahren, durch eine gemeinsame Außenpolitik international an Gewicht zuzulegen. Das ist nur sehr beschränkt gelungen, somit ist die Bedeutung der Europäischen Union in Nahost eher gering. Zuletzt hat sich die EU dazu durchgerungen, die Hilfszahlungen an die Palästinenser:innen nicht einzufrieren.

Russland – ein Möchtegern in der Region

Der Feind meines Feindes ist mein Freund: Russland stellt sich in Tradition der Sowjetunion eher auf die arabische Seite, weil die USA auf israelischer Seite stehen. Im Syrien-Krieg hat Russland eine große Rolle gespielt. Will Präsident Wladimir Putin als Vermittler auf die Weltbühne zurück? Viel fällt ihm vorerst nicht zur aktuellen Lage ein – und die Rolle eines Friedensengels für Nahost ist unglaubwürdig für den Angreifer der Ukraine.


Infos und Quellen

Genese

Seit einer Woche tobt der Krieg zwischen der Hamas und Israel. Die WZ-Redakteure Edwin Baumgartner und Michael Schmölzer wollten beleuchten, welche Parteien dabei sonst noch eine Rolle spielen. Denn im Nahen Osten geht es nicht nur um Interessen der Regionalmächte.

Quellen

Das Thema in anderen Medien