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Krieg killt das Klima

4 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Collage: WZ

Wären alle Militärs der Welt ein Land, hätten sie den viertgrößten Fußabdruck der Welt.


Geht es euch gut? Ich mein, so richtig gut? Mir nicht. Ich habe Welt. Oder besser gesagt Weltschmerz. Der Krieg in der Ukraine, der kein Ende findet, der Herbst mit seinen kühleren Temperaturen, der bis vor kurzem keinen Anfang fand, der Anschlag der Terrororganisation Hamas auf israelische Bürger:innen und all die weltweiten fürchterlichen Entwicklungen, die daraus folgten: die abgerissenen Flaggen überall, die Demonstrationen, bei denen Pro-Hamas-Sprüche skandiert wurden, die Anschläge auf Synagogen. Und vor allem: noch ein Krieg. Wir haben ja grad so wenige davon.

In der Ukraine. In Israel und dem Gazastreifen. In Syrien. Die Türkei bombardiert ebenfalls Nordsyrien. Zusätzlich gibt es immer wieder kriegerische Handlungen in afrikanischen und südamerikanischen Staaten. Abgesehen von sinnlosem Sterben und himmelschreiender Brutalität: Was bedeutet Krieg eigentlich fürs Klima?

Kurzer Themenwechsel: Vergangene Woche versuchte ich, den CO2-Abdruck für Upcycling-Produkte im Vergleich zu konventioneller Neuproduktion zu errechnen, Daumen mal Pi halt. Ich hatte die Produktionszahlen einer recht kleinen Produktionsstätte in Österreich und versuchte, je nach Material und Menge die eingesparten CO2-Emissionen herauszufinden. Ich kam auf ca. 22 CO2-Tonnen pro Jahr. Fand ich ganz schön ordentlich für so eine kleine Näherei. Das ist so viel, wie zwei in Westeuropa lebende Menschen in einem Jahr durchschnittlich verbrauchen. Hört sich nach viel an, oder?

Keine CO2-Ziele

Es ist aber auch so viel, wie ein einziger Eurofighter in zwei Stunden Flug rausbläst, in diesen zwei Stunden verbraucht er übrigens rund 10.000 Liter Kerosin. 185 Flugkilometer in einem F35-Kampfjet emittieren so viel wie durchschnittlich ein Jahr Autofahren. Und das ist erst der Anfang, wie ich nach einem Abend vor dem Laptop und viel Bauchweh feststellte: Wären alle Militärs der Welt ein Land, hätten sie den viertgrößten Fußabdruck der Welt. Es wird geschätzt, dass Militäraktivitäten 5,5 Prozent der globalen CO2-Emissionen ausmachen.

Das wichtigste Wort im letzten Satz ist „geschätzt“: Regierungen sind bisher nicht verpflichtet, die Emissionen ihrer Streitkräfte zu erheben bzw. offenzulegen. Und anstatt, dass das passiert, lobbyieren beispielsweise die USA sogar, dass das Militär von den CO2-Zielen ausgenommen wird. Wenig überraschend angesichts der Aufrüstung, die in den USA, in China, aber auch bei der NATO gerade vonstatten geht. Bei der NATO wurden verbindliche Klimaziele zwar schon mal diskutiert, aber auf echte Einsparungen konnte man sich bisher nicht einigen.

Die Zahlen sind also geschätzt – und in meiner persönlichen Erfahrung schätzen Klimaforscher gern eher konservativ. Kann also locker auch mehr sein.

Brennende Öl-Depots

Was in Kriegssituationen noch dazukommt (und im Ukraine-Krieg in den vergangenen Monaten auch dazugekommen ist): Öl-Depots werden gern mal angezündet, um dem Gegner im wahrsten Sinn des Wortes den Saft für Panzer und Co zu rauben – die daraus resultierende Luftverschmutzung ist enorm. Zusätzlich sorgt auslaufendes Öl für die Verseuchung von Flüssen. Dann gibt es noch die vielen Panzer, Sprengsätze und Munition, die durch Schwermetalle ebenfalls Böden verseuchen. Aber das Schlimmste in einem laufenden Krieg sind so gut wie immer die Wald- und Flächenbrände. Schätzungen zufolge sind derzeit allein in der Ukraine 20 Prozent der dortigen Schutzgebiete, 600 Tierarten und 750 Pflanzen- und Pilzarten betroffen.

1,5-Grad-Ziel nicht erreichbar

Das 1,5-Grad-Ziel können wir uns in Europa spätestens seit Beginn des Ukraine-Kriegs einmargarieren. Und weil das noch nicht genug ist, findet im Nahen Osten jetzt ebenfalls ein blutiger Krieg statt. Zwei Gedanken zu diesem Krieg-Klima-Dilemma:

  1. Es nervt unsagbar, dass uns einzelnen Personen von so vielen Seiten eingeredet wird, dass alles gut wird, wenn wir nur „richtig“ und nachhaltig konsumieren, während ein so immens großer Emissions-Faktor nicht einmal gesetzlich erhoben werden muss. Krieg steht über Klima. Ein Wahnsinn auf so vielen Ebenen.

  1. Selbst wenn wir es schaffen sollten, durch radikale Maßnahmen den Klimawandel wirklich spürbar einzudämmen – solange wir uns als Menschen gegenseitig die Schädel wegballern, weil unsere Länder sich nicht mögen, wird das weiterhin Auswirkungen aufs Klima haben. Und diese Auswirkungen müssen endlich gemessen und in Reduktionsziele einbezogen werden. Ich meine, wie absurd wäre das: Man stelle sich vor, wir schaffen es, den Klimawandel wirklich aufzuhalten – wir bauen nur noch mit nachwachsenden Materialien, wir heizen nur noch mit Erneuerbaren, wir bewegen uns nur noch ohne fossile Energie fort, wir drosseln weltweit die Fleischproduktion um 80 Prozent, aber uns gegenseitig die Birne wegblasen dürften wir weiterhin?

Mein Appell an Regierungen lautet: Die Militärs müssen in den nationalen CO2-Fußabdruck einberechnet und ihre Emissionsziele streng gestaltet werden. Und ach ja: Waffenstillstand. Dringend. Jeder Krieg ist sinnlos, jedes Opfer ist eines zu viel, das Blutvergießen muss enden. Krieg kann niemals die Lösung sein.

Mein Mitgefühl geht an all die unschuldigen zivilen Opfer in der Ukraine, in Israel und Gaza und in all den anderen kriegsführenden Ländern. Es ist herzzerreißend.


Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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