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Im oberösterreichischen Kronstorf soll Googles österreichweit erstes Rechenzentrum entstehen. Eine Bürger:inneninitiative befürchtet verheerende Auswirkungen auf die Umwelt – und bezweifelt, dass die Region davon profitiert.
„Komm, wir gehen hier rauf, auf die Brücke, da kannst du’s besser sehen“, sagt Harald Müllner und quert mit zügigem Schritt und dicht gefolgt von seiner Mitstreiterin Christina Gruber die Straße. Auf der Brücke kann man tatsächlich besser sehen: eine Wüste, mit Baucontainern, Kränen und Baggern, mitten im oberösterreichischen Nirgendwo, zwischen B309 und der Gemeinde Kronstorf. Der US-Techkonzern Google errichtet hier auf 50 Hektar ein sogenanntes Hyperscale-Rechenzentrum – das erste in Österreich, eines der größten in Europa. Vergangene Woche reichte Google weitere Ausbaustufen zur Genehmigung ein – der Komplex soll eineinhalb mal größer werden als bisher vereinbart.
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Der oberösterreichischen Landesregierung kommt das nur allzu gelegen. ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer ließ zum Spatenstich im April extra einen „Googlhupf“ backen, er sprach vom einem „starken Signal für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Oberösterreich“ und versprach „Arbeitsplätze“ und „Wertschöpfung“ für die Region. Durch den Bau „wird Oberösterreich nicht nur als Wirtschaftsstandort weiter gestärkt, sondern als Lebensraum, in dem Innovation konkrete Chancen und Perspektiven eröffnet werden“, freute sich auch Markus Achleitner, ÖVP-Landesrat für Wirtschaft .
Harald Müllner und Christina Gruber haben keinen Kuchen mitgebracht. Unlängst haben sie die „Bürger:inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf“ mitgegründet. Sie bezweifeln, dass der Techriese ein Segen für die Region ist. Sie sorgen sich um die 70 Fußballfelder fruchtbares Ackerland, das verbaut wird, um die nahegelegene Enns, um das Grundwasser, um die Energieversorgung der Region.
Gefahr für Enns und Grundwasser
Die Nachfrage nach Googles digitalen und KI-Angeboten wächst seit Jahren rasant. Mit dem Bau eines weiteren Rechenzentrums soll der Bedarf für Googles Cloud-Dienste, für YouTube-Streaming und vor allem für die KI-Modelle des Konzerns gedeckt werden. Doch wer schnell mal ein Kuchenrezept googelt oder ein Katzenvideo schaut, mag vielleicht nicht daran denken, doch die Auswirkungen auf die Umwelt, auf Orte wie Kronstorf sind enorm. Die „Cloud“ klingt irgendwie wolkig, luftig, immateriell – ihr Fußabdruck ist es nicht.
Von der Brücke gehen Gruber und Müllner zurück zum Auto, sie biegen auf einen kleinen Feldweg ein und halten an der Enns. Um die Server des Rechenzentrums zu kühlen, sollen ihr laut Bescheid pro Sekunde bis zu 200 Liter Wasser, sogenanntes Uferfiltrat, entnommen werden. Berechnungen für die Region gehen bereits jetzt von sinkenden Grundwasserspiegeln aus. Rund 100 Liter pro Sekunde chemisch behandeltes Wasser soll anschließend in die Enns zurückfließen – mit einer Temperatur von bis zu 30 Grad Celsius. „Wir befinden uns hier in einer Fischzone“, kritisiert Gruber. „26 Grad ist das absolute Maximum für einen guten ökologischen Zustand“. Darüber bekommen die Fische zu wenig Sauerstoff und drohen zu ersticken. Anfang Juli, zum Zeitpunkt des Treffens mit der WZ, betrug die Temperatur der Enns bereits 21,0 Grad, drei Grad über dem langjährigen Durchschnitt.
Eigentlich schreibt das oberösterreichische Energieeffizienzgesetz für Rechenzentren vor, die Abwärme zur „Wärmerückgewinnung zu nutzen“. Die Abwärme eines Rechenzentrums – also die Wärme, die beim Kühlen der Server entsteht – lässt sich etwa in Fernwärmenetze einspeisen oder zum Heizen benachbarter Gebäude nutzen. Laut Google und dem Land Oberösterreich soll das auch in Kronstorf der Fall sein. Wie, ist fraglich. Obwohl Google das Grundstück bereits 2008 erworben hat, fehlt bis heute ein Anschluss ans überregionale Fernwärmenetz. Von Google heißt es auf WZ-Nachfrage, die Anlage in Kronstorf werde zukünftig eine Abwärmenutzung ermöglichen. Derzeit befinde man sich noch in Gesprächen. Erste Rohre seien bereits verlegt worden.
Ein Gerücht namens „Google“
Was die Aktivist:innen der Initiative umtreibt, ist die Intransparenz des Baus. Erste Gerüchte, Google wolle sich in ihrer Gemeinde ansiedeln, geisterten bereits in den 1990ern durch Kronstorf. 2008 war es dann so weit, der Techkonzern kaufte ein rund 70 Hektar großes Betriebsgebiet . Der damalige Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) sprach im Landtag von einer „Sensation“. Dann passierte zehn Jahre lang nichts.
2018 trat Google 20 Hektar ab, knapp die Hälfte davon kaufte die Drogeriehandelskette dm, die hier 2028 ein Verteilerzentrum in Betrieb nehmen will . Ohne viel Aufsehen begann Google vergangenen Sommer mit Vorarbeiten. Im April dieses Jahres erfolgte schließlich der offizielle Spatenstich. Mit Informationen gingen Gemeinde und Behörden bis heute nur sehr spärlich um, beklagen Gruber und Müllner. Gerüchte und Halbwahrheiten gebe es genug, konkrete Fakten fehlten. Eine Vorabinformation oder eine Informationsveranstaltung seitens der Gemeinde habe es keine gegeben. In Kronstorf geht das Gerücht um, man wolle sich so Ärger vom Hals schaffen.
Naturgemäß etwas anders sieht das der Kronstorfer Bürgermeister Christian Kolarik (ÖVP). „Die Information und Kommunikation des Projektwerbers, d. h. von Google, zu den unmittelbar beteiligten Anrainerinnen und Anrainern“ sei „in verschiedenen Formaten ausführlich erfolgt“, so Kolarik auf Nachfrage. Ein geplantes Informations- und Kommunikationszentrum, „das im Idealfall in einen Leerstand im Zentrum kommt“, sei nicht nur „eine zusätzliche Möglichkeit für lokale Wertschöpfung durch Reisegruppen, sondern auch die Möglichkeit sich zu informieren und auszutauschen“.
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Ideale Voraussetzungen
Mit seinen rund 3.500 Einwohner:innen mag das zwischen Enns und Steyr gelegene Kronstorf aus Sicht eines Techkonzerns wie Google nicht nach der offensichtlichsten Wahl für einem neuen Standort klingen. Rathaus, Kirche, Friseur, Tierarzt, Bibliothek und Raiffeisen-Filiale charakterisieren den von einer vielbefahrenen Straße durchzogenen Ortskern. Ans Silicon Valley erinnert hier wenig.
Dass sich Google für Kronstorf entschieden hat, hat einen anderen Grund. Am gegenüberliegenden Flussufer befindet sich das Umspannwerk Ernsthofen. Dort laufen gleich mehrere Hochspannungsleitungen aus dem In- und Ausland zusammen – ideale Voraussetzungen für eine Serverfarm dieser Größe. Einst transportierte hier die Rudolfsbahn Eisen und Stahl Richtung Steyr, künftig soll Kronstorf zu einem Knotenpunkt mehrerer Datenautobahnen werden. Der Strombedarf des Rechenzentrums könnte bei Vollauslastung laut Austrian Power Grid (APG) bis zu 3,5 Terawattstunden (TWh) betragen, mehr als alle oberösterreichischen Privathaushalte in einem Jahr konsumieren.
Mangelware „grüner“ Strom
Fraglich ist, woher dieser Strom kommen soll. Google will bis 2030 Netto-Null-Emissionen erreichen und betont auf Nachfrage, ihre Rechenzentren zählten zu den energieeffizientesten der Welt. Neben den Anrainer:innen konkurriert auch die Linzer voestalpine mit Google um grünen Strom. Ab kommendem Jahr will diese ihre Stahlproduktion dekarbonisieren. Doch die oberösterreichische Landesregierung bremst beim Ausbau der Windenergie, und der Strom aus Wasserkraftwerken wird zukünftig – als Folge der Klimakrise – wohl eher weniger als mehr.
Hier lohnt ein Blick auf die Semantik: Google behauptet, ihre Rechenzentren zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie ausgleichen zu wollen. Soll heißen: Auch wenn das Rechenzentrum in Kronstorf nicht vollständig mit grünem Strom betrieben werden kann, kann Google netto null Emissionen erreichen, indem sie anderswo Emissionen einsparen, etwa durch Investitionen in lokale erneuerbare Energieprojekte. Solche würden derzeit geprüft, erklärt Google auf Nachfrage.
Eine weitere Alternative wäre der Import von Atomstrom. Laut EU-Taxonomie gilt Energie aus Atomkraftwerken als „grün“. Landesrat Achleitner scheint davon nicht abgeneigt. In der Landtagssitzung vom 16. April erklärte er, „der Strom hat kein Mascherl. Er kommt aus der Steckdose und wenn der Wind und die Sonne nicht gehen, dann kann es sein, dass sogar Atomstrom dabei ist“.
Hallo Google!?
In Kronstorf geht die Sorge um, dass das größte Stück vom Googlhupf in die USA wandert, während die Anrainer:innen mit Kuchenbrösel abgespeist werden. „Gemeinsam fördern wir das Wirtschaftswachstum, unterstützen Innovation vor Ort und schaffen Karrieremöglichkeiten in der Umgebung all unserer Rechenzentrumsstandorte“, heißt es von Google. Doch in Kronstorf sollen durch den Bau lediglich zwischen 70 und 100 dauerhafte Arbeitsplätze entstehen. Die Profite, so befürchten Müllner und Gruber von der Bürger:inneninitiative, fließen in die USA ab, die Region hat davon wenig bis nichts. „In Kronstorf fragt man sich: Was bringt uns das?“, kritisiert Gruber. Meist heiße es nur „Willkommen Google! – aber zu wem sagt man hier eigentlich Hallo?“
Zu den Befürwortern des Baus zählt auch Bürgermeister Christian Kolarik. Er hebt die positiven Auswirkungen der Investitionen ins lokale Stromnetz hervor und betont, dass bereits während der Bauphase „eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Arbeitsplätzen“ entstehe. Der Bau mache sich bereits jetzt positiv in den Gemeindebilanzen bemerkbar – „es hilft in diesen nicht ganz einfachen arbeits-, wirtschafts-, und finanzpolitischen Zeiten, drüberzukommen“, so der Bürgermeister. Nur durch die Ankündigung des Baus sei eine „gute Dynamik“ entstanden, etwa durch eine Verbesserung der Nahversorgersituation. Steuerzuckerl erhalte der US-Konzern keine, versichert Kolarik. Google bezahle den üblichen Kommunalsteuersatz von drei Prozent.
Ist es das wert?
Ein Blick in andere Länder zeigt, der Bau eines Rechenzentrums hat für die Menschen vor Ort nicht nur positive Auswirkungen. Vergangenes Jahr verbrauchte Google weltweit gut 41 Milliarden Liter Wasser, etwa 274 Millionen Badewannen. 28 Prozent davon wurden in Regionen gewonnen, die von Wasserknappheit betroffen sind, mit teils verheerenden Auswirkungen für die lokale Bevölkerung. Anfang Juli warnte UN-Generalsekretär António Guterres vor den ökologischen Folgen des KI-Booms: „Rechenzentren verbrauchen bereits mehr Strom als die meisten Länder. Und allzu oft wird die Last auf die Gemeinden abgewälzt, in denen diese Infrastruktur gebaut wird – ohne dass ihnen die notwendigen Informationen zur Verfügung stehen oder sie davon ausreichend profitieren würden“. Weltweit regt sich immer mehr regionaler Widerstand gegen den Bau von Rechenzentren.
Vielleicht auch bald in Kronstorf? Gruber und Müllner wirken nicht, als wollten sie gleich Barrikaden errichten. Mit einer Engelsgeduld und in ruhigem Ton referieren sie die bekannten Fakten und die möglichen Auswirkungen des Baus. Sie sind nicht grundsätzlich gegen den Bau von KI-Infrastruktur, „wir sind keine Technikfeinde“, betont Müllner. Dass sie den Bau noch stoppen können, glauben die beiden kaum. Aber sie wollen Antworten: Was bedeutet der Bau für die Region, für die Enns, den Boden, die Energieversorgung? Allen voran wollen sie eine Antwort auf die Frage: Ist es das wert? Rechtfertigen 100 Arbeitsplätze derartige Eingriffe in die Natur? „Mit unserer Bürger:inneninitiative wollen wir klar zeigen, was es heißt, hier so ein großes Rechenzentrum zu bauen – für die Umwelt, für den Lebensraum“.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Christina Gruber und Harald Müllner von der „Bürger:inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf“
- Christian Kolarik, Bürgermeister Kronstorf
- Google Austria
Daten und Fakten
- Das Rechenzentrum in Kronstorf ist für Google das erste in Österreich, das elfte in Europa und das 32. weltweit.
- Nach Fertigstellung des Rechenzentrums sollen auf dem 50 Hektar großen Areal in Kronstorf zwischen 70 und 100 dauerhafte Arbeitsplätze entstehen.
- Weltweit existieren rund 1.000 sogenannte Hyperscaler, mehr als die Hälfte befindet sich im Eigentum von Google, Microsoft oder Amazon Web Services.
- Google verbrauchte vergangenes Jahr weltweit 41,14 Milliarden Liter Wasser – rund ein Drittel mehr als im Jahr davor.
- Netto-Null-Emissionen bedeutet nicht, dass ein Unternehmen kein CO₂ mehr ausstoßt, sondern dass Emissionen anderswo, beispielsweise durch Investitionen in Klimaschutzprojekte, ausgeglichen werden.
Quellen
- Datacentermap
- Datacenters.google
- Gutachten und Genehmigungen zum Bau
- Protokolle des oberösterreichischen Landtags
- AI Now Institute
Das Thema in der WZ
- Die zwiespältige Windkraft-Politik der FPÖ
- Was Google in Oberösterreich plant
- Wie böse ist Google wirklich?
- Kannst du ohne Google und Microsoft leben?
Das Thema in anderen Medien
- Profil.at: „Aufgeheizt und durstig: Erwärmt das Google-Rechenzentrum die Enns?“
- Profil.at: „Wie Rechenzentren unsere Stromversorgung ans Limit bringen“
- DATUM: „Land unter Strom“
- E-steyr.com: „Ressourcenkampf an der Enns: Was bedeutet Googles KI-Rechenzentrum für die Region?“
- Mosaik-online.at: „Luftschlösser und Rechenzentren – fehlender Widerstand gegen Big-Tech in Wien“
- Südwind Magazin: „Durstige Cloud“
- New York Times: “Local Opposition Is Slowing A.I. Data Centers. Wall Street Has Noticed.”
- APA-OTS: “Google errichtet Grundstein für Rechenzentrum in Kronstorf (OÖ)“
- Theguardian.com: „Google developers significantly misstate carbon emissions of proposed UK datacentres”
- DerStandard.at: “KI gegen Klimaschutz: Tech-Riesen legen ernüchternde Nachhaltigkeitsberichte vor“
- Algorithmwatch.org: „Infrastructure or Intrusion? Europe’s Conflicted Data Center Expansion“
- Ooe.orf.at: “Google-Rechenzentrum soll größer werden“
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